1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang

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Ort
Berlin
Veranstalter
Deutsches Historisches Museum
Datum
24.04.2015 - 10.01.2016
Publikation
Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): 1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang. Zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Darmstadt : Theiss Verlag 2015 ISBN 978-3-8062-3061-1, 248 S., ca. 150 Farb- und SW-Abb. € 24,95 (Buchhandelsausg.), € 19,95 (Museumsausg.).
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Peters, Institut für Zeitgeschichte München - Berlin, Abteilung Berlin

„Niederlage. Befreiung. Neuanfang.“: Mit dem (modisch interpunktierten) Titel seiner Sonderausstellung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes greift das Deutsche Historische Museum geradezu kanonische Begriffe der deutschen Debatten um die Interpretation des 8. Mai 1945 auf. Nationale Nabelschau aber ist die Sache dieser Ausstellung nicht. Hatte das Haus mit seiner Schau zum letzten einschlägigen Jahrestag 2005 noch einen weiten Bogen vom 30. Januar 1933 bis zu den Diskussionen um die deutsche Beteiligung am Kosovokrieg geschlagen[1], so unternehmen die Kuratorinnen Maja Peers und Babette Quinkert nun einen Versuch, den Modus der nationalen Selbstbefragung hinter sich zu lassen. Neben deutschen Perspektiven auf das Kriegsende wollen sie auch den Erfahrungen elf anderer europäischer Nationen angemessenen Raum geben. Dieser Blick über den nationalen Tellerrand ist zweifelsohne überfällig, und das sichtbare Bemühen um Multiperspektivität und Vielschichtigkeit ist der Ausstellung hoch anzurechnen. Leider führt sie jedoch auch vor Augen, dass es weitaus leichter ist, europäische oder transnationale Zugänge zur Geschichte zu postulieren, als diese überzeugend umzusetzen.

Statt auf langen Linien liegt das Augenmerk der aktuellen Ausstellung auf dem Jahr 1945 und der unmittelbaren Nachkriegszeit bis etwa 1950. Der Krieg selbst rückt damit unweigerlich in den Hintergrund – seine Präsenz beschränkt sich im Wesentlichen auf mahnende Ziffern, die an den Wänden des hell erleuchteten zentralen Saals im Kellergeschoss des Pei-Baus die nach Millionen zählenden Opfer des Zweiten Weltkriegs in Erinnerung rufen: Kriegstote, Heimatlose, Halb- und Vollwaisen, NS-Opfer, befreite KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter. Wie grundverschieden die Realität des Zweiten Weltkrieges die Erfahrungen der Menschen in den Ländern West- und Osteuropas prägte, lässt sich allenfalls aus (meist gut am Rande der einzelnen Sektionen versteckten) Bildschirmen mit kommentierten historischen Film- und Fotoaufnahmen erschließen.

Komplementär zu den anonymen Opferzahlen werden den Besucherinnen und Besuchern auf Holzstelen in der Mitte des zentralen Raumes Porträtfotos von 36 Männern und Frauen präsentiert, die der Vielfalt von individuellen Erfahrungen des Kriegsendes ihr Gesicht verleihen sollen. Jeweils drei von ihnen repräsentieren eines der zwölf in der Ausstellung berücksichtigten europäischen Länder. Der norwegische NS-Kollaborateur Vidkun Quisling, die französische Kommunistin und Résistance-Aktivistin Marie-Claude Vaillant-Coutourier oder auch die Leningrader Schülerin Larisa Popovičenko stehen hier zunächst beziehungslos nebeneinander – erst in den zwölf fein säuberlich nach Nationen getrennten Ausstellungssegmenten, die sich von dem zentralen Saal aus öffnen, werden ihre Biographien kurz vorgestellt. Ihre individuellen Lebenswege und Schicksale sollen als Einstieg für die nationalen Sektionen fungieren und zugleich zu einem der jeweils drei thematisierten Problemfelder hinführen. Welche Teile der Ausstellung er in welcher Reihenfolge anschauen mag, bleibt dabei vollständig dem Besucher überlassen.

Die strenge Geometrie dieser Ausstellungskonzeption, die sich auch in der strahlenförmigen Anordnung der einzelnen Sektionen widerspiegelt, wirft Fragen auf. Sie verzichtet auf jegliche Gewichtung und räumt etwa Luxemburg ebenso viel Raum ein wie der Sowjetunion. Sie unterscheidet nicht zwischen vormals besetzten Ländern wie Polen oder den Niederlanden und dem unbesetzt gebliebenen Großbritannien, und sie reiht den einstigen Aggressor Deutschland (ebenso wie Österreich) gleichberechtigt in den Reigen seiner Opfer ein. Vor allem aber konstruiert sie eine scheinbar „europäische“ Perspektive, repräsentiert durch die 36 in der Mitte versammelten Individuen, nur um diese sodann wieder in zwölf beinahe unverbunden nebeneinander stehende Nationalgeschichten aufzugliedern. Sie erzeugt somit allenfalls die Illusion eines europäischen oder gar transnationalen Zugangs, während sie de facto nur eine Addition von nationalgeschichtlichen Momentaufnahmen bietet.

Dass die Kriterien für die Auswahl der nationalen Fallbeispiele nebulös bleiben und offenbar überwiegend pragmatischen Überlegungen geschuldet sind, wurde im durchweg kritischen Presseecho bereits vielfach angemerkt.[2] Zwar betonen die Ausstellungsmacher, sich auf die unmittelbaren Anrainer Deutschlands konzentriert zu haben – dann müsste aber anstelle Norwegens und Großbritanniens die Schweiz berücksichtigt sein (und genau genommen auch Litauen). So bleibt der fatale Eindruck eines vermeintlich „europäischen“ Blicks, der vor allem nach Nord- und Westeuropa gerichtet ist und den Süden des Kontinents gänzlich außer Betracht lässt. Dass die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen der Völker der Sowjetunion im Deutschen Historischen Museum durch die Biographien dreier ethnischer Russen repräsentiert werden, von denen zwei aufs Engste mit dem stalinistischen Regierungs- und Propagandaapparat verbunden waren (Andrei Ždanov, Konstantin Simonov), mag man angesichts der gegenwärtigen Debatten um das historische Erbe des „Großen Vaterländischen Krieges“ ebenfalls für unausgewogen halten.

Die Achillesferse der Ausstellung liegt jedoch nicht in dieser oder jener Länderauswahl, sondern im Fehlen einer konsequent transnationalen Perspektive. Die einzelnen nationalgeschichtlichen Sektionen setzen kaum eigene Schwerpunkte, sondern scheinen jeweils eine überraschend konventionelle Gesamtdarstellung auf engstem Raum anzustreben. Ein Drittel des ohnehin schon knapp bemessenen Raumes pro Land ist der politischen Geschichte gewidmet, die immer wieder durch Wahlplakate und sogar Parteiprogramme visualisiert wird. Dagegen fehlt der Platz für die Vertiefung interessanter Einzelaspekte wie etwa der komplexen Verstrickung in die Besatzungsherrschaft jenseits von Kollaboration und Widerstand, wie sie am Beispiel des belgischen Karikaturisten Hergé und seiner „Tim und Struppi“- bzw. „Tintin“-Comics angedeutet wird, oder auch der beginnenden Dekolonisierungskonflikte, auf die das französische Rekrutierungsplakat „Hier Strasbourg – demain Saïgon“ verweist. Der repetitive, rasch ermüdend wirkende Aufbau der Präsentation spiegelt sich in aussagearmen Kapitelüberschriften wie „Euphorie und Ernüchterung“, „Streitfragen und Allianzen“ oder gar „Brüche und Kontinuitäten“ wieder. Auf diese Weise entsteht weder ein pointiertes Bild der Nachkriegssituation in Belgien und den Niederlanden (aus diesen Sektionen stammen die zitierten Überschriften) noch ein Bewusstsein für übergreifende Problemlagen.

Dabei böten sich unter den über 500, teils durchaus eindrucksvollen Exponaten von über 150 Leihgebern aus 14 Ländern mehr als genug Anknüpfungspunkte, über nationalgeschichtliche Kontexte hinaus zu denken. So trifft man in fünf verschiedenen Ländersegmenten auf Fotos öffentlich bloßgestellter Frauen, denen sexuelle Beziehungen zu deutschen Besatzern zum Vorwurf gemacht wurden. Mit dem Dänen Hellmut Toftdahl, der 1942 als Sohn eines deutschen Soldaten geboren wurde, ist dieses Thema auch auf der personalisierten Einführungsebene der Ausstellung präsent – alle weiteren Informationen dazu muss sich die Besucherin jedoch mühevoll selbst zusammensuchen. Auch andere transnationale Gemeinsamkeiten und Vergleichsebenen drängen sich geradezu auf, etwa der für die mittel- und osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften so zentrale Themenkomplex der Zwangsmigrationen, der nationalgeschichtlich kaum sinnvoll zu erzählen ist, aber auch die in Ost- wie Westeuropa überaus virulenten Debatten um die wirtschaftspolitische Richtungsentscheidung zwischen Plan- und Marktwirtschaft. Hier hätte sich die große Chance geboten, neue Perspektiven jenseits ausgetretener Pfade zu entwickeln und die Fokussierung auf die unmittelbare Nachkriegszeit zur produktiven Befragung historischer Metanarrative über den Ost-West-Konflikt zu nutzen.

Anstatt solche problemorientierten Brücken zwischen den nationalgeschichtlichen Ausstellungsteilen zu schlagen, setzen die Kuratorinnen allein auf das modische Instrument der Individualisierung als verbindendes Gestaltungselement. Damit überfordern sie dieses jedoch, zumal zwischen den als Aufhänger für die Sektionen figurierenden Biographien und den im Anschluss präsentierten Exponaten meist ein eher loser Zusammenhang besteht. Angesichts der knappen biographischen Texte, die oft nur durch ein dürres Personaldokument als individuelles Exponat ergänzt werden, bleibt der Ausstellungsbesucher ratlos zurück, was etwa anhand des tschechoslowakischen Leichtathleten Emil Zátopek oder der späteren LDPD-Politikerin Wilhelmine Schirmer-Pröscher über das Ende des Zweiten Weltkrieges zu lernen wäre. Auch aus dem begleitenden Katalog ist dazu nicht mehr zu erfahren: Hier werden die Biographien der 36 ausgewählten Individuen weder vertieft noch überhaupt aufgegriffen, sondern treten vollständig hinter zwölf nationalgeschichtlichen Essays zurück. Die gewählte Individualisierungsstrategie bleibt somit ein letztlich halbherziger Versuch, nationalgeschichtliche Konventionen zu überwinden.

70 Jahre nach 1945 ist die Erinnerung an diesen Krieg endgültig zur Sache der Nachgeborenen geworden. Selbst herausragende Exponate wie die Tintenfässchen aus der Schule des im Juni 1944 von der Waffen-SS zerstörten Dorfes Oradour-sur-Glane, die nach Kriegsende zur österreichischen Nationalflagge umgearbeitete Hakenkreuzfahne oder der Metallwagen, mit dem die neue D-Mark in der Trizone verteilt wurde, sprechen nicht mehr von allein. Umso bedeutsamer ist es für eine Ausstellung wie diejenige des Deutschen Historischen Museums, überzeugend zu begründen, warum sich eine geschichtsinteressierte Öffentlichkeit im Jahr 2015 mit dem Kriegsende und der Nachkriegszeit auseinandersetzen sollte. Dies gilt noch verstärkt, weil die politische Brisanz der Erinnerung mit dem wachsenden zeitlichen Abstand zu den Ereignissen durchaus nicht abnimmt, wie bei den diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten am 8. und 9. Mai zu beobachten war. Zumindest in der östlichen Hälfte Europas waren diese angesichts des schwelenden Krieges in der Ostukraine so stark politisch aufgeladen wie seit Jahren nicht mehr: Westliche Regierungschefs blieben der pompösen Militärparade in Moskau fern, und selbst eine geplante Gedenktour russischer Motorradrocker nach Berlin sorgte wochenlang für Aufregung in den Medien. Auch die jüngst wieder vernehmbar formulierten griechischen Reparationsforderungen an Deutschland belegen: Auf europäischer Ebene sind die Schatten des Krieges noch lange nicht Vergangenheit.

Dass von dieser aktuellen Brisanz ihres Gegenstandes in der Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums nichts zu spüren ist, wäre nicht per se problematisch. Schwerer wiegt, dass es der Schau ebensowenig gelingt, ihren Anspruch einer europäischen Perspektive auf das Kriegsende überzeugend einzulösen und damit der nationalen geschichtspolitischen Inanspruchnahme der Kriegserinnerung eine klare Alternative entgegenzusetzen. Mit der Erweiterung des Blickfeldes über die längst geschlagenen deutschen Schlachten um „Niederlage“ und „Befreiung“ hinaus geht die Ausstellung zwar einen wichtigen Schritt. Leider bleibt sie aber auf halbem Wege stehen. Es steht zu hoffen, dass das Deutsche Historische Museum den nächsten einschlägigen Jahrestag zum Anlass nimmt, um einen wirklich europäischen, transnationalen Blick auf das Ende des Zweiten Weltkrieges zu wagen. Die Chance dafür bietet sich immerhin schon 2020, wenn der 75. Jahrestag vor der Tür steht.

Anmerkungen:
[1] „1945 – Der Krieg und seine Folgen. Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland“; vgl. die Rezension von Peter Hurrelbrink, in: H-Soz-Kult, 01.09.2005, <http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-30> (23.05.2015).
[2] Vgl. u.a. Gregor Dotzauer, Und die Zeugen bleiben stumm, in: Tagesspiegel, 25.04.2015, S. 25, <http://www.tagesspiegel.de/kultur/70-jahre-kriegsende-und-die-zeugen-bleiben-stumm/11686608.html> (23.05.2015); Andreas Kilb, Damals kam das Geld noch im Leiterwagen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2015, S. 11, <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/1945-niederlage-befreiung-neuanfang-im-dhm-13555403.html> (23.05.2015).

Zitation
Florian Peters: Rezension zu: 1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang, 24.04.2015 – 10.01.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.06.2015, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-223>.