Fluchtpunkt Friedland. Über das Grenzdurchgangslager, 1945 – heute

Ort
Friedland
Veranstalter
Museum Friedland
Datum
18.03.2016
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Yvonne Kalinna, Institut für Geschichte, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Die neue Dauerausstellung „Fluchtpunkt Friedland. Über das Grenzdurchgangslager, 1945 – heute“ stellt den ersten Teilbereich des Museums Friedland dar, der in den kommenden Jahren durch ein Besucher-, Medien- und Dokumentationszentrum sowie das Forschungszentrum „Akademie Friedland“ ergänzt werden wird.[1] Das Ziel der im März 2016 eröffneten Ausstellung ist es vorerst, über die Geschichte des Durchgangslagers Friedland zu informieren.[2] Der Blick auf die Historie dieses Lagers dominiert also das Narrativ der Ausstellung. Darüber hinaus integrieren die Gestalter/innen jedoch auch Aspekte internationaler Migrationsphänomene in die Schau, die thematisch über die Vergangenheit des Ereignisortes Friedland hinausgehen und zeitlich bis in die Gegenwart reichen. Aufgrund dieser bemerkenswerten Aktualität – die nicht zuletzt auch durch die aktuelle Flüchtlingssituation bedingt ist – verknüpfen sich die Inhalte zu einer Atmosphäre auffallender Dringlichkeit, die dem Medium Ausstellung nicht per se inhärent ist. Die aktuelle Relevanz ist gerade in Friedland offenkundig, weil dort bis heute ein Erstaufnahmelager für Spätaussiedler/innen, Flüchtlinge und Asylsuchende besteht.[3]

Verfügte das Grenzdurchgangslager Friedland (knapp 20 Kilometer südlich von Göttingen) bis vor Kurzem nur über eine kleine Geschichtsausstellung, die zwischen den noch genutzten Unterkünften in einer der erhaltenen „Nissenhütten“ verborgen war, so findet man sie nun im ehemaligen Bahnhofsgebäude außerhalb der heutigen Aufnahmeeinrichtung wieder. Die klassisch entlang des Ereignisverlaufes strukturierte Ausstellung erstreckt sich über zwei Etagen[4]: Während sich die Präsentation im Erdgeschoss zunächst intensiv der Entstehung und Etablierung des Friedländer Grenzdurchgangslagers bis in die 1950er-Jahre hinein widmet, thematisiert die Sammlung in der oberen Etage die mit dem Kalten Krieg einsetzende und bis in die Gegenwart andauernde Weiterentwicklung der Einrichtung. Neben der örtlichen Ereignisgeschichte sind in die Ausstellung thematische Abschnitte integriert, mit denen Ursachen für Fluchtbewegungen ebenso betrachtet werden wie sozio-politische Lösungsversuche. Um diese oftmals sperrigen beziehungsweise bürokratischen Abläufe angemessen veranschaulichen zu können, nutzen die Ausstellungsgestalter/innen Videoinstallationen. Diese zum Teil auf die Ausstellungsoberflächen projizierten sowie als skizzenhafte Grafiken gestalteten Animationssequenzen lockern die überwiegend aus faksimilierten Dokumenten und Fotografien bestehende Darstellung auf. Die zahlreichen Tondokumente, die über einen Audioguide abgerufen werden können, erzeugen die nötige Empathie, wenn Einzelschicksale in den Fokus treten.

Das Museum Friedland präsentiert gleich zu Beginn des Rundgangs ein zentrales Ausstellungsstück: die in einer schmalen Glasvitrine ausgelegte zweibändige „Friedland-Chronik“. Seit den 1950er-Jahren von Mitarbeiter/innen des Lagers geführt, verweisen die handgefertigten Bücher als markantes Exponat hier bereits gelungen sowohl auf die ereignisreiche Vergangenheit des Ortes als auch auf den thematischen Zuschnitt der zu erwartenden Ausstellung. Als Quelle taucht das Objekt zwei weitere Male auf und gibt dann als interaktive Digitalversion mit weiteren Features Auskunft über seinen facettenreichen Inhalt.


Abb. 1: Glasvitrine mit zweibändiger Chronik „Lager Friedland“ im Themenraum „Fluchtpunkt Friedland“
(Foto: Yvonne Kalinna)


Abb. 2: Digitale Variante der Chronik mit interaktiven Elementen im Themenraum „1945–1952: Drehschreibe Friedland“
(Foto: Yvonne Kalinna)

Der thematischen Einordnung folgt im anschließenden Raum eine historiografische Standortbestimmung. Über eine Multivideoinstallation werden in kurzen Animationsfilmen der Verlauf und die Folgen des Zweiten Weltkrieges umrissen, um schließlich zum Themenkomplex Flucht und Vertreibung hinzuführen. Der hier zum Einsatz kommende Stil, eine Kombination aus zeitgenössischen Dokumenten sowie skizzenhaften Grafiken, ist sehr aktuell und schafft gleichzeitig Distanz zu den häufig übervorsichtigen Inszenierungen dieses Themas, die gerade aus zeitgeschichtlichen Ausstellungen bekannt sind. Obschon die ästhetische Gestaltung der auf fünf Flächen projizierten Videoinstallation durchaus ansprechend ist, verlangt sie dem Besucher bereits zu Beginn hohe Konzentration ab. Die an der gegenüberliegenden Wand lehnende, nüchtern gestaltete Texttafel, die ebenfalls in den zeitlichen Kontext einführt, gerät so womöglich etwas aus dem Blickfeld.

Leicht zu übersehen ist eine Collage, zusammengesetzt aus Karten, Lageplänen sowie kurzen Textteilen, die im Durchgang zum großen Ausstellungsraum zu finden ist und eine der profansten, aber wichtigsten Fragen aufgreift: Was war das 1945 in der Britischen Besatzungszone eingerichtete „Lager Friedland“ ursprünglich? Dass es sich hier nicht etwa um ein nachgenutztes KZ-Außenlager handelte – die sich aus zeithistorischem Kontext, Begrifflichkeiten sowie audiovisuellem Material ergebende Gemengelage mag dies einem Laien durchaus suggerieren –, sondern um das zur Aufnahme deutscher Flüchtlinge neustrukturierte Areal der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Universität Göttingen, wird hier allzu kurz und pragmatisch abgehandelt.

Der Hauptraum widmet sich nun ausgiebig der Einrichtung und Konsolidierung des für wenige tausend Flüchtlinge ausgelegten Durchgangslagers. Die aus Fotografien und Tagebuchauszügen, Versorgungsberichten und Zeitungsausschnitten sowie Regularien und faksimilierten Dokumenten zusammengesetzte Inszenierung präsentiert sich beim Betreten des Raumes zunächst als eine unüberblickbare Informationsflut, die im übertragenen Sinne gerade dem zu Beginn des Lagerbetriebs herrschenden Menschen- und Organisationsgewirr nahekommt. Beim näheren Hinsehen wird jedoch erkennbar, dass die in der Raummitte positionierten Stationen sich der Bürokratie im Lageralltag widmen, während die Collagen und Objekte entlang der Wände überwiegend biografische Erzählungen zeigen.


Abb. 3: Fotocollage „Flucht und Vertreibung“ im Themenraum „1945–1952: Drehschreibe Friedland“
(Foto: Yvonne Kalinna)


Abb. 4: „Papiere, bitte!“ Erläuterung der Vorgänge zur Personenregistrierung im Themenraum „1945–1952: Drehschreibe Friedland“
(Foto: Yvonne Kalinna)

Mit den beiden verbleibenden Räumen der unteren Etage ändert sich der Fokus des Ausstellungsnarrativs: Stand bisher das Leben im Lager im Zentrum, so widmen sich die Inszenierungen nun zunächst der Arbeit des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes sowie anschließend den bundespolitischen Bemühungen zum Kriegsgefangenenaustausch, insbesondere der „Heimkehr der Zehntausend“ von 1955, die das Durchgangslager Friedland mit den Geschehnissen der „Außenwelt“ verknüpft. Auch hier setzt sich der Mix aus collagenhafter Präsentation, die durch vereinzelte Videoprojektionen ergänzt wird, fort.


Abb. 5: Multivideoprojektion zur „Kriegsgefangenenfrage“ im Themenraum „1953–1956: Bühne Friedland“ im Erdgeschoss
(Foto: Yvonne Kalinna)

Mit dem Übergang in die obere Ausstellungsetage verlässt die Besucherin oder der Besucher die frühe Nachkriegszeit ebenso wie die Konsolidierungsphase des Friedländer Lagers. Von nun an befasst sich die Ausstellung mit Migrationsbewegungen, die zeitgeschichtlich in die Phase des Kalten Krieges einzuordnen sind. So greifen die folgenden Abschnitte neben Fluchtgeschichten ehemaliger DDR-Bürger die Erlebnisse der in den 1950er-Jahren nach Friedland kommenden osteuropäischen Flüchtlinge (zum Beispiel im Herbst 1956 aus Ungarn) ebenso auf wie die spätere Hilfe für Asylsuchende ganz unterschiedlicher Weltregionen (in den 1970er- und 1980er-Jahren etwa Flüchtlinge aus Chile, „Boat People“ aus Vietnam und Tamilen aus Sri Lanka). Auch völlig neue Themen gehen an dieser Stelle in die Ausstellung ein: der landespolitische Umgang mit Ausländern in Niedersachsen, die Integration des Lagers in das regionale Gefüge des „Zonenrandgebiets“ bis 1989/90 sowie die aktuelle Funktion als Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende.

Mit diesen neuen Perspektiven wird die Ausstellung thematisch kleinteiliger. Da in der Inszenierung die üppige Materialschau jedoch beibehalten wird, erscheinen die Räumlichkeiten des Obergeschosses deutlich beengter. Denn auch hier bilden vor allem Montagen aus Fotografien und Schriftstücken den Grundstock der Ausstellung, der durch kurze Animationsclips sowie Audiodokumente aufgelockert wird. Die dreidimensionalen Objekte geraten leider etwas in den Hintergrund.

Herausragend ist jedoch die in einem kleinen Nebenraum gestaltete Inszenierung „Sieben Sachen“. In dieser gänzlich aus dem chronologischen Rundgang sowie der sonstigen Gestaltung herausgelösten Präsentation stehen Alltagsgegenstände im Mittelpunkt, die aus den 70 Jahren Durchgangslager Friedland stammen. Wortwörtlich „zum Sprechen“ bringen die Ausstellungsgestalter/innen die Objekte, wenn sie etwa von den Biografien der einstigen Besitzer oder vom Weg des jeweiligen Gegenstands in die Ausstellung berichten.


Abb. 6: Ausstellungsstück „Unterhose von Obada Jalbout“ im Themenraum „Sieben Sachen“ im Obergeschoss der Ausstellung. Der syrische Flüchtling kam 2014 über Ägypten, Libyen und Italien nach Deutschland. In die Boxershorts hatte der damals 28-Jährige seine wenigen Wertsachen eingenäht, um sie vor den Schleppern zu schützen.
(Foto: Yvonne Kalinna)

Diese Art des Umgangs mit den Dingen und deren ebenso schlichte wie eindrückliche Inszenierung ist die überzeugendste Präsentation der gesamten Ausstellung. Denn es gelingt den Museumsmitarbeiter/innen hierbei, die historiografische Kontextualisierung auf das nötige Mindestmaß zu reduzieren, während der individuelle Bezug – die Flucht eines einzelnen Menschen – maximal hervorgehoben wird. Dies ist ein mutiger Umgang mit Objekten, der gerade in einer historischen Ausstellung zum Wagnis werden kann, der in Friedland jedoch überzeugt, weil die zeitgeschichtliche Grundinformation in anderen Teilen der Ausstellung geboten wird.

Insgesamt ist die neue Dauerausstellung inhaltlich vielseitig und gestalterisch ansprechend. Dafür sorgt nicht zuletzt das stimmige Verhältnis zwischen ereignisgeschichtlichen Darstellungen über die verschiedenen Phasen des Grenzdurchgangslagers Friedland und Thematisierungen globaler Migrationsphänomene in der Gegenwart.

Anmerkungen:
[1] Das Museum Friedland ist noch nicht fertig…, <http://www.museum-friedland.de/museum/#p91> (29.10.2016). Impressionen der Ausstellungseröffnung finden sich unter <https://www.youtube.com/watch?v=ERTjjNHVQOE> (29.10.2016).
[2] Siehe auch die Dissertation von Sascha Schießl, „Das Tor zur Freiheit“. Kriegsfolgen, Erinnerungspolitik und humanitärer Anspruch im Lager Friedland (1945–1970), Göttingen 2016; rezensiert von Henrik Bispinck, in: H-Soz-Kult, 12.11.2016, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25371> (12.11.2016). Eine vergleichbare Arbeit über die späteren Jahrzehnte liegt bislang nicht vor.
[3] Siehe etwa die Reportage von Ina Weisse, Das Dorf der Obhut, in: Tagesspiegel, 29.11.2015, S. 8. Das Museum versucht die heutigen Flüchtlingsgruppen mit Workshops etc. auch unmittelbar in seine Arbeit einzubeziehen – so fordert die Situation des Ortes die Institution Museum auf besondere Weise heraus.
[4] Die im Folgenden genannten Raumbezeichnungen gehen auf das zur Ausstellung gehörende Infoheft zurück: Museum Friedland (Hrsg.), Fluchtpunkt Friedland. Über das Grenzdurchgangslager, 1945 – heute. Das Heft zur Ausstellung, Berlin 2016.

Zitation
Yvonne Kalinna: Rezension zu: Fluchtpunkt Friedland. Über das Grenzdurchgangslager, 1945 – heute, 18.03.2016 Friedland, in: H-Soz-Kult, 12.11.2016, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-240>.