Fabergé – Geschenke der Zarenfamilie

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Ort
Eichenzell bei Fulda
Veranstalter
Museum Schloss Fasanerie
Datum
25.06.2016 - 06.11.2016
Publikation
Kulturstiftung des Hauses Hessen; Museum Schloss Fasanerie (Hrsg.): Fabergé. Geschenke der Zarenfamilie. Petersberg : Michael Imhof Verlag 2016 ISBN 978-3-7319-0406-9, 160 S., 253 Farb­- und 5 SW-Abb. € 22,80.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Grom, Bamberg

Wer heute seine gesellschaftliche Attraktivität heben will, kann beispielweise ein den Mitteln des Portemonnaies entsprechendes ‚Statement Piece‘ bei einem Juwelier erstehen. Zu einem Schmuckkauf könnte es auch kommen, wenn man etwas Denkwürdiges erlebt hat und diesen Moment in materialisierter Form der Beständigkeit – oder auch: der Ewigkeit – zuführen will. Was etwa damit enden könnte, dass dem ‚Bettelarmband‘, einem Armband für das Einhaken kleiner Anhänger, ein weiteres Kettenglied, neudeutsch ‚Charm‘ oder ‚Bead‘, hinzugefügt wird. Oder aber man sucht den Juwelier auf, wenn der Geburtstag der Mutter oder eines guten Freundes bevorsteht. Zwar kennt jeder den Spruch: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“. Dass hinter all diesen Bedürfnissen, Schmuck zu erwerben, grundlegende soziale und anthropologische Muster stehen, machen wir uns im Alltag aber sicher kaum bewusst. Wir tun es meist erst dann, wenn wir mit Kauf- und Schenkritualen anderer gesellschaftlicher Schichten oder Zeiten konfrontiert sind.

Eine Möglichkeit zu einer solchen Auseinandersetzung bietet die Sonderausstellung „Fabergé – Geschenke der Zarenfamilie“ auf Schloss Fasanerie in Eichenzell. Das als Sommerresidenz der Fürstbischöfe von Fulda erbaute Barockschloss befindet sich heute im Besitz der Kulturstiftung des Hauses Hessen und präsentiert sich als musealer Ort, der das kulturelle Erbe des hessischen Fürstenhauses in einer Weise vermittelt, dass dessen zutiefst europäische, transnationale Prägung nachvollziehbar wird. Den vielfältigen familiären Verflechtungen der Linie Hessen-Darmstadt einmal auf Grundlage des Leitobjektes ‚Schmuck‘ nachzuspüren, ist eine durchaus reizvolle Idee, die im Badehaus des Schlosses entfaltet wird.

Dem Team um Museumsleiter Markus Miller gelingt es dabei, die Scheinwerfer der musealen Inszenierung so einzustellen, dass einerseits das Networking eines prominenten Teils des europäischen Hochadels in den Fokus rückt, andererseits eine wesentliche Grundlage dieser Vernetzung durch einen Blick auf die fast schicksalhafte Bezogenheit eines Schmuckherstellers auf seine Auftraggeber freigelegt wird. Die Protagonisten sind: Die fünf (überlebenden) Kinder von Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein (1837–1892) und seiner Gattin Alice von Großbritannien und Irland (1843–1878), einer Tochter von Queen Victoria; sowie der in St. Petersburg ansässige Kunsthandwerker Peter Carl Fabergé (1846–1920), der ab 1885 den Titel eines kaiserlichen Hofgoldschmieds führte. Erzählte Zeit der Ausstellung: die 33 Jahre vor dem Ende des Ersten Weltkrieges.

Streng chronologisch werden diese Geschichten des Schenkens und Beschenkenlassens indes nicht entwickelt. Vielmehr stellen sich die Protagonisten in den einzelnen Zimmern persönlich vor, und zwar in Form der von ihnen verschenkten oder empfangenen Kleinodien. Allen voran die beiden Töchter von Ludwig und Alice, die – gegen den Widerstand ihrer Großmutter Victoria von England, die als gewiefte Heiratspolitikerin Fäden quer über Europa spann – eheliche Verbindungen nach Russland eingingen und die letzten Dekaden des Hauses Romanov mitprägten: Elisabeth (1864–1918) wurde 1884 als Elisaveta Fëdorovna Gattin des Großfürsten Sergej Aleksandrovič, eines Bruders von Kaiser Aleksandr III., während Alix (1872–1918) an der Seite von Nikolaj II. von Russland zur letzten Zarin Aleksandra Fëdorovna avancierte. Sie, die in den ersten Jahren in der Fremde von Heimweh geplagten Prinzessinnen, sind die großen Schenkerinnen: Sie beauftragten bei Fabergé Schmuckstücke und kleine Kunstobjekte, die sie an ihre Geschwister in Deutschland und England sandten, um die Bande aus der Ferne zu steuern und dauerhaft zu stabilisieren. Zwar ist diese Art des Gebens eine vitale Form der Beziehungsgestaltung. Allerdings hatten solche Schenkrituale unter Mitgliedern von Herrscherhäusern neben der emotionalen Rückversicherung auch den Effekt, durch äußere Zeichen Vernetzungen innerhalb des Hochadels zu kreieren und durch Statussymbole Identität zu schaffen – unter diesem Gesichtspunkt erhält auch das künstlerische Schaffen Fabergés eine quasi politische Konnotation.

Die beiden Etagen des Badehauses sind den Empfängern der russischen Preziosen, also den drei Geschwistern von Alix und Elisabeth, in einer Zweiteilung zugeeignet: Das Erdgeschoss widmet sich Victoria (1863–1950), deren Ehemann Prinz Ludwig von Battenberg eine glänzende Karriere in der britischen Marine absolvierte, sowie Irène (1866–1953), die durch die Eheschließung mit Prinz Heinrich von Preußen die Schwägerin Kaiser Wilhelms II. wurde. Der erste Stock hingegen spürt dem Bruder Großherzog Ernst Ludwig (1868–1937) und seinen Ehefrauen Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha sowie Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich nach. Die gegenseitigen Besuche und der intensive Austausch der Geschwister sind durch zahlreiche Objekte dokumentiert, die im Falle des am Darmstädter Hof verankerten Ernst Ludwig fast ausnahmslos aus dem Bestand der Hessischen Hausstiftung stammen. Das Besondere: Werke von Fabergé, noch dazu in solcher Zahl wie hier, sind in deutschen Museen rar. So manches Stück wird nun sogar erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Durch die Zueignungen der Zimmer sind individuelle Erinnerungsräume entstanden, angereichert durch eine Auswahl an Briefen, Fotos und Postkarten. Die Intimität dieser Räume aber erwächst erst durch die eng auf die Persönlichkeit der Beschenkten abgestimmten Gaben, besonders durch den direkt auf dem Körper getragenen Schmuck. Denn die bombastischen imperialen Fabergé-Eier, wie sie etwa 2003/04 bei der Blockbuster-Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München präsentiert wurden[1], sind hier nicht zu sehen. Es sind eher private und zugleich prachtvolle Kleinigkeiten à la mode, allen voran die farbenfrohen, verspielten Miniatur-Ostereier, die man als Anhänger trug. Da drängt sich trotz unterschiedlicher Qualität der Vergleich mit den ‚Beads‘ und ‚Charms‘ der heutigen Schmuckhersteller auf – auch angesichts eines fünfteiligen Stellschirms, an dem 40 Mini-Eier wie Bonbons eingehängt sind. Interessant wäre hier eine Einbettung dieser Eier-Manie in den Horizont des traditionellen russischen Osterbrauchtums gewesen.

Daneben gibt es exquisite, oft mit edlen Steinen besetzte Broschen, Bilderrahmen, Stockgriffe, Schalen und Zigarettenetuis, die durch ihr originelles Design bestechen – etwa ein zartes, goldenes Jugendstil-Etui, das den ephemeren Charakter von Libellen durch Einlagen aus blauem Plique-à-jour-Email meisterhaft einfängt. Einen weiteren Höhepunkt bilden die Hartsteinobjekte: kleine, oft kuriose Tiere, die von japanischen Netsuke-Figuren inspiriert sind. Neben Pavianen, Mäusen oder Kaninchen findet sich sogar ein Flugsaurier in der Menagerie. Dabei ist es vorteilhaft, dass die Anordnung in den Vitrinen die Allansichtigkeit der Objekte würdigt. Zuweilen sind für diese Gaben handschriftliche Widmungen erhalten, auch Hinweise auf die Anlässe der Schenkungen, von eher intimen bis hin zur 300-Jahr-Feier der Romanov-Dynastie 1913.

Nicht immer jedoch lassen sich Schenkende und Empfänger zweifelsfrei identifizieren – trotz der Anhaltspunkte, die etwa das von Prinzessin Irène geführte Schmuckbuch, die eingeritzten Objektnummern oder die Buchhaltungsvermerke durch die Firma Fabergé bieten. Manchmal ist sogar die Zuordnung eines Stückes zum Hersteller heikel, zumal Fabergé auch Konkurrenten um die Gunst des Zarenhofes hatte, etwa in Gestalt des Hoflieferanten und Steinschnitt-Experten Avenir Ivanovič Sumin. Übrigens ist auch er, neben anderen Rivalen Fabergés, in der Schau vertreten.

Einblicke in Arbeitsweise und technisches Know-How von Fabergé liefern den notwendigen Kontext. Allerdings wäre hier ein Abweichen von den auf Bannern aufgebrachten Erläuterungstexten erfreulich gewesen: Es ist für den Laien recht mühsam, reine Beschreibungen der diffizilen Verfahren des Emaillierens und Guillochierens zu durchdringen. So hätte man sich technische Skizzen gewünscht, besser aber einen kurzen Film über diese Fertigungsmodi – zumal deren bravouröse Beherrschung ja den Ruhm Fabergés mitbegründete. Der installierte Bildschirm zeigt indes eine Bilderfolge von Detailansichten verschiedener Objekte. Im Katalog fehlen Erläuterungen zur Herstellung sogar ganz.

Die Ausstellung integriert einen wichtigen Bruch: den Ersten Weltkrieg. Nicht nur, dass Kontakte zwischen Geschwistern aussetzten – es taten sich tiefe Risse im europäischen Dynastiengeflecht auf, weil man durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Staaten nun auf gegenüberliegenden Seiten des kriegerischen Lagers stand. In der Ausstellung manifestiert sich dies durch das Verebben von Geschenken aus Russland, Symbole internationaler Verbundenheit. Im Revolutionsjahr 1918, das die Ermordung der Schwestern Elisabeth und Alix sowie die Eliminierung der gesamten Zarenfamilie mit sich brachte, erlosch auch das epochenprägende Unternehmen Fabergé. Wer sich für die Schnittstelle zwischen luxuriösem Kunsthandwerk, der Kontaktpflege und Heiratspolitik europäischer Herrscherhäuser sowie der Anthropologie des Schenkens interessiert, dem sei diese Ausstellung wärmstens empfohlen.

Anmerkung:
[1] Siehe Géza von Habsburg-Lothringen (Hrsg.), Fabergé – Cartier. Rivalen am Zarenhof, München 2003.

Zitation
Nicole Grom: Rezension zu: Fabergé – Geschenke der Zarenfamilie, 25.06.2016 – 06.11.2016 Eichenzell bei Fulda, in: H-Soz-Kult, 06.08.2016, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-246>.
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06.08.2016
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