NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen

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Ort
Schleiden
Veranstalter
Vogelsang IP gemeinnützige GmbH
Datum
10.09.2016
Publikation
Ring, Klaus; Wunsch, Stefan; Vogelsang IP gGmbH (Hrsg.): Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen. Dresden : Sandstein Verlag 2016 ISBN 978-3-95498-220-2, 384 S., 397 teils farbige Abb. € 38,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hagen Stöckmann, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Der Umgang mit den baulichen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus stellt Kuratorinnen und Kuratoren ebenso wie Ausstellungsmacherinnen und -macher vielerorts vor ähnliche Herausforderungen. Zu diesen gehört es, einen angemessenen Umgang mit jener Faszination zu finden, welche die teils gigantomanen Bauwerke auf Besucherinnen und Besucher auch in der Gegenwart noch auszuüben vermögen. Insbesondere sogenannte „Täterorte“ wie der Obersalzberg, das Haus der Wannsee-Konferenz oder die Wewelsburg haben aufgrund ihrer scheinbar auratischen Aufladung Eingang in Debatten unter dem Begriff „dark tourism“ gefunden. Dies ist auch ein Ausgangspunkt für die nach etwa zehnjähriger Planungs- und Vorbereitungszeit eröffnete Dauerausstellung in den Räumen der ehemaligen NS-„Ordensburg“ in Vogelsang bei Schleiden (Eifel). Kuratiert wurde die Ausstellung von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der gemeinnützigen Vogelsang IP GmbH (Klaus Ring, Julia Schaadt, Stefan Wunsch) unter wissenschaftlicher Beratung der „Heidelberg Public History“ um die Historiker Cord Arendes und Edgar Wolfrum sowie unter Begleitung eines wissenschaftlichen Projektbeirates um den Vorsitzenden Hans-Ulrich Thamer.

Die Initiative zur Planung der „Ordensburgen“ stammte aus dem Umfeld des Reichsorganisationsleiters Robert Ley, der damit den Traum einer Art höherer politischer Führeranwärterausbildung unter Regie der Deutschen Arbeitsfront (DAF) verband. In Form eines mehrjährigen Curriculums sollten ausgewählte Parteimitglieder an den Einrichtungen in Vogelsang in der Eifel, Sonthofen im Allgäu und Krössinsee im damaligen Pommern eine strenge Ausbildung durchlaufen, die zwar formal zu keinerlei beruflicher Anstellung berechtigte, den Absolventen – die sich zur Zeit der Schulung meist im dritten Lebensjahrzehnt befanden – aber die Perspektive auf eine Partei- und Amtswalterkarriere eröffnen sollte. Aufgrund des Kriegsbeginns konnte keiner der seit 1936 begonnenen Lehrgänge formal abgeschlossen werden. Erfolg und Misserfolg der Schulungsbemühungen lassen sich also nicht – allein – anhand der Karrieren der Absolventen klären, die zunächst ohnehin überwiegend in die Wehrmacht eingezogen wurden. Diesem analytischen Problem begegnet die Ausstellung ebenso wie der Katalog, indem beide einerseits die Ausbildung und die ideologische Inszenierung der Ausbildungsinstitutionen als „attraktives Angebot“ (Gudrun Brockhaus) an die Männer und deren Familien deuten. Andererseits wird das Handeln der Absolventen als Mitglieder der Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten, in die viele von ihnen nach 1941 eintraten und an deren verbrecherischer Herrschaftspraxis sich nicht wenige beteiligten, vor dem Hintergrund der Ordensburg-Ausbildung interpretiert.

Damit wird zum einen eine sozialisatorische These formuliert, wie sie sich etwa auch in der älteren historischen Bildungsforschung zu NS-Schulungsstätten findet. Zum anderen folgen die Ausstellungsmacher mit dieser Lesart der „NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“, so der Untertitel der Ausstellung, einem sozialpsychologischen Pfad, den zum Beispiel auch die Ausstellung zur Wewelsburg zuvor beschritten hat[1], sowie nicht zuletzt einer Deutung des Nationalsozialismus zwischen „Verführung und Gewalt“, wie sie der Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer bereits mit seiner umfangreichen Monographie von 1986 vorgelegt hat.

Die Ausstellung ebenso wie der Katalog gliedert sich in elf thematisch geordnete Kapitel, welche sich den zentralen mit den NS-Ordensburgen verbundenen Problemkomplexen widmen – etwa dem Doppelcharakter der Bauten als „Schulungsort und Bühne“ für die Partei gleichermaßen, relativ einschlägigen Phänomenen zu „Körperkult und Männlichkeit“, die an diesen wie auch an anderen Orten betrieben wurden, oder auch dem konfliktreichen Verhältnis zwischen „Faszination und Routine“, das sich zwischen den sporadischen Massenveranstaltungen auf dem Gelände der Burgen und der öden Monotonie des Schulungsbetriebs aufspannte.

Dieser analytische Zugang, zumeist über Gegensatzpaare arbeitend, erweist sich auch für die gestalterische Konzeption der Ausstellung als grundlegend, um eine angemessene Distanz zur Überwältigungsarchitektur der Pseudoburgen herzustellen. Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass man keine Rekonstruktion der Räumlichkeiten angestrebt hat, sondern durch Verschalungen der Originalarchitektur eine künstliche Ausstellungsumgebung geschaffen hat, die diese Distanz schon rein materiell unterstreicht und es den Besucherinnen und Besuchern ermöglicht, sich auf die gezeigten Inhalte zu konzentrieren. Unterstützt wird dieser Effekt durch Mauerdurchbrüche und in die Originalfassade eingesetzte Fenster, die aus der Ausstellung heraus den Blick auf das umliegende architektonische Ensemble erlauben und dieses gewissermaßen selbst zum Exponat machen.


Abb. 1: Die Ausstellung „Bestimmung Herrenmensch. Die NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“ schafft Verbindungen von Innen und Außen.
(Foto: Hagen Stöckmann)

Die 800 Quadratmeter umfassende Ausstellungsfläche verteilt sich auf zwei Ebenen im Westflügel der ehemaligen „Burg“, die ab 1934 nach Entwürfen des Architekten Clemens Klotz errichtet wurde. Die obere Etage umfasst die Kapitel 1-7, in denen Geschichte und Funktion der Bauten mit deutlichem Schwerpunkt auf dem historischen Ort Vogelsang erläutert werden. Die untere Etage widmet sich in den Kapiteln 8-11 dem Werdegang der Ordensburg-Absolventen vor allem während des Krieges (und zu einem geringeren Maße auch danach). Die teils schwierige Quellenlage – propagandistisches Material aus NS-Veröffentlichungen findet sich in Hülle und Fülle, während vor allem Selbstzeugnisse der Ordensburg-Männer in sehr viel geringerer Anzahl vorliegen – erhöht noch einmal die Bedeutung, die Artefakten und historischen Objekten im Rahmen der Ausstellung zukommt. Durch die Sammlungstätigkeit rund eines Jahrzehnts und breite Ankäufe aus Privatbesitz kann die Ausstellung mit einer beeindruckenden Fülle alltäglicher Gebrauchsgegenstände des früheren Burglebens aufwarten. Dass es den Ausstellungsmachern und dem wissenschaftlichen Team gelungen ist, Teile der ehemaligen Bibliothek der Ordensburg ausfindig zu machen und in die Ausstellung zu integrieren, ist ein Glücksfall und ermöglicht zumindest in Ansätzen eine Vorstellung von jenen Lerninhalten, welche die „Ordensjunker“ – so der stehende Begriff für die Lehrgangsteilnehmer – zu einer Parteikarriere befähigen sollten.


Abb. 2: Auswahl von Lehr- und Lesebüchern aus der ehemaligen Bibliothek der NS-Ordensburg Vogelsang. Es finden sich Titel wie „Der Deutsche Ritterorden“, „Deutschland und Frankreich. Eine wertende Rückschau“ oder auch „Volkskunst in den Niederlanden“.
(Foto: Hagen Stöckmann)

Eine kluge Idee ist es auch, die teils verschwenderische Ausstattung der Burgen als symbolisches Versprechen eines sozialen Aufstiegs der Absolventen lesbar zu machen. Durch historische Alltagsgegenstände wie Tafelsilber aus dem Hause WMF oder relativ aufwendiges Porzellangeschirr erhalten die Besucherinnen und Besucher einen Eindruck von der für damalige Verhältnisse bisweilen protzigen Ausstattung der Gemeinschafts- und Wirtschaftsräume. Dass es sich dabei um einen Versuch handelte, bürgerliche und militärische Lebensformen als eine Form neuer Leitkultur zu amalgamieren, wird leider nicht explizit angesprochen.


Abb. 3: Tafelsilber und Porzellangeschirr aus den Beständen der NS-Ordensburg Vogelsang
(Foto: Hagen Stöckmann)

Die Ausstellung präsentiert ihre Inhalte auf mehreren Vertiefungsebenen: Neben den Kapitelüberschriften in deutscher, englischer, französischer und niederländischer Sprache informieren knappe deutsche Zusammenfassungen über den Inhalt des jeweiligen Abschnitts. Besucherinnen und Besucher haben dazu die Möglichkeit, sich längeren Texten zu widmen, können einzelne Originaldokumente als Faksimiles konsultieren oder erhalten über das umfangreiche Bilderangebot, das die Flachwaren ergänzt, Einblicke in die frühere Nutzung und Funktion des Areals. Medienstationen mit Interview- und Filmausschnitten erleichtern dabei das Verstehen ebenso wie ein Audioguide-System. Der Herausforderung, die langen, schlauchartigen Räume zu ordnen, begegnen die Ausstellungsmacher mit einer Installation aus wegweisenden senkrechten Stangen, die den Raum öffnen oder verengen und mitunter absichtsvoll den klaustrophobischen Raumeindruck unterstreichen. Die Stangen dienen gleichzeitig zur Hängung und erlauben es, manche Inhalte in gedrängter Form zu präsentieren. So haben sich die Kuratoren entschieden, einzelne Absolventenbiographien sowie einen statistischen Überblick zum Stammpersonal in Form einer die Besucher umgebenden Rotunde anzuordnen. Das Motiv von In- und Exklusion, das für diesen Ort bestimmend war, wird damit auch raumbildnerisch unterstrichen.


Abb. 4: Hohe, vertikale Stangen ordnen den Ausstellungsbereich. Im Hintergrund rechts sind zudem ein Spind und Uniformen aus dem Fundus der NS-Ordensburg zu erkennen. Die Stangen verdecken die historischen Objekte bewusst und brechen so deren auratischen Charakter.
(Foto: Hagen Stöckmann)

Der Katalog folgt in weiten Teilen dem Aufbau der Ausstellung. Auch in der Gestaltung mit faksimilierten Originaldokumenten und großformatigen Fotos teilt er die Anmutung der Ausstellung. Darüber hinaus versammelt der Katalog 18 Aufsätze teils namhafter Historikerinnen und Historiker. Dabei haben sich die Autorinnen und Autoren in sehr unterschiedlichem Maße auf die Herausforderungen des Gegenstands und des Materials eingelassen. Während etwa die Texte zur Führer-Erwartung und „Elitebildung“ (im Katalog im Übrigen ohne Anführungszeichen), zum Zweiten Weltkrieg als Vernichtungskrieg oder zur Generationsdynamik in weiten Teilen Bekanntes und andernorts Publiziertes referieren – einem Ausstellungskatalog durchaus angemessen –, bietet Kiran Klaus Patels Aufsatz sehr erhellende Lesarten des Burgalltags an. Ebenso gewinnbringend gestaltet sich die Lektüre eines Beitrags des 2015 verstorbenen Journalisten Dieter Bartetzko zur Architekturgeschichte der NS-Ordensburgen.

Je intensiver sich die Autoren mit dem Quellenmaterial auseinandergesetzt haben, desto größer ist der Erkenntnisgewinn, den die Aufsätze bieten. Dies gilt etwa für Klaus Rings Text über Robert Ley als umtriebigen Organisator der Burgen oder auch für Stefan Wunschs Arbeit über die Adolf-Hitler-Schulen. Diese hatten zwar institutionell erst einmal nichts mit den Lehrgängen der Ordensjunker zu tun, sondern waren vage als Vorschulen für die Ordensburgen gedacht. Einige der Schulen waren auch auf dem Gelände der Burgen – insbesondere Sonthofen – untergebracht. Dadurch kamen die Adolf-Hitler-Schüler vermutlich sporadisch in Kontakt mit den Junkern, nahmen zumindest jedoch Teile der Feierlichkeiten in den Burgen wahr. Wunsch kann auf Interviews mit über 50 ehemaligen Adolf-Hitler-Schülern und dementsprechend viele überlassene Quellen aus deren Privatarchiven zurückgreifen; darauf aufbauend zeichnet er die „gebrochenen Lebenswege“, wie er es nennt, dieser Kohorte nach. Interessanterweise bestätigt sich hier der spätestens seit Theo Sommers Erzählungen immer wieder vorgebrachte Befund, „man habe doch auch etwas für’s Leben gelernt“, nicht so eindeutig. Zwar waren die Absolventen, die zu drei Vierteln in der Bundesrepublik ein Studium absolvierten, überdurchschnittlich oft akademisiert, aber sie blicken in weiten Teilen eben auch kritisch auf die Zeit an den Schulen und begreifen diese in der Rückschau nicht selten als Hindernis für ihre spätere Entwicklung.

Schon die frühen, oft regionalgeschichtlichen Arbeiten zu den NS-Ordensburgen hat auch die Frage beschäftigt, welchen Anteil die Ordensjunker am Vernichtungskrieg in den besetzten Gebieten Osteuropas hatten. Wie bereits erwähnt, trat eine signifikante Zahl dieser Männer vor allem in die Zivilverwaltungen der Reichskommissariate ein. Die Ausstellung widmet dem Thema einen eigenen Raum und bietet hier auch einen kartographischen Überblick zu den Einsatzorten. Sie kontextualisiert das Handeln der Ordensjunker also in jenem Raum, der zeitgenössisch und auch heute noch oft schlicht mit „im Osten“ umrissen wird. Während Thamers Einleitung im Katalog die Eigenart Vogelsangs als Täterort anspricht und vor allem zum Verstehen der ideologischen Indoktrination der Junker als Weltanschauungstäter aufruft, gestaltet sich der Ausstellungsraum differenzierter. Indem beispielsweise auch Zeugenberichte aus der Zivilbevölkerung und von Opfern in den besetzten Gebieten vorgelegt werden, überwindet die Ausstellung jene Begrenzung der Perspektive auf Täter einerseits und Opfer andererseits, die für Gedenkstätten an den Orten ehemaliger Konzentrationslager ohnehin längst überholt ist.


Abb. 5: Blick in den Raum zum zehnten Kapitel unter der Überschrift „Entgrenzung und Gewalt“, der sich mit den Verbrechen ehemaliger Ordensburg-Angehöriger im Generalgouvernement, dem Reichskommissariat Ukraine und dem Reichskommissariat Ostland beschäftigt. Medienstationen erleichtern hier die Rezeption und lassen auch die Stimmen von Überlebenden aus der Zivilbevölkerung zu Wort kommen.
(Foto: Hagen Stöckmann)

Der Katalogaufsatz von Daniel Schmidt zu „Angehörigen der Ordensburgen im Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg“ erreicht nicht diesen Differenzierungsgrad. Unbenommen ist, dass die ehemaligen Ordensjunker als Angehörige der Zivilverwaltungen maßgeblich am Vernichtungskrieg des Deutschen Reiches gegen die Bevölkerung der besetzten Nationen beteiligt waren, doch ist es höchst zweifelhaft, ob dies seinen Grund (allein oder vorrangig) im ideologischen Fanatismus der Männer hatte – denn ebenso wie Nichtangehörige der Ordensburgen waren sie in die administrativen Strukturen vor Ort eingebunden. Eine Behandlung des Wechselspiels zwischen Wehrmacht, Zivilverwaltungen und Gendarmerien bzw. Polizeieinheiten, dessen immense Bedeutung für die kumulative Radikalisierung zwischen Zentrum und Peripherie die historische Forschung inzwischen herausgearbeitet hat, hätte sich hier angeboten. Weitere Forschungen werden an diesem Punkt anzusetzen haben, um das Verhältnis zwischen ideologischer Schulung, militärischer Verwendung und späterer Tatbeteiligung noch genauer zu bestimmen.

Die Ausstellung auf dem Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang präsentiert eine ausgesprochen gelungene Konzeption, deren Umsetzung nicht minder positiv zu bewerten ist. Der Ursprung des Ortes als avisierte Kaderschmiede zukünftiger Parteiführer erlaubt eine ungeheuer interessante Perspektive auf das Entstehen und die Beeinflussung politischer wie ideologischer Bewusstseins- und Willensbildung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Dynamiken, wie sie mit modernen Industriegesellschaften verbunden sind. Nicht zuletzt versteht sich Vogelsang heute auch als Ort des demokratischen Lernens und dürfte gerade in dieser Hinsicht wohl noch wichtiger werden, als es den Ausstellungsmacherinnen und -machern zu Beginn der Arbeit bewusst gewesen sein mag. Dass die Ausstellung und auch die bei ihrer Vorbereitung in den letzten Jahren gesammelte Quellenfülle künftige Forschungen zu dem Thema ungemein bereichern werden, liegt ebenso auf der Hand.

Anmerkung:
[1] Zur dortigen Dauerausstellung siehe die Rezension von Karsten Wilke, in: H-Soz-Kult, 04.09.2010, <http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-138> (08.01.2017).

Zitation
Hagen Stöckmann: Rezension zu: NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen, 10.09.2016 Schleiden, in: H-Soz-Kult, 21.01.2017, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-248>.