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Ort
Bonn
Veranstalter
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH (Bundeskunsthalle)
Datum
09.09.2016 - 22.01.2017
Publikation
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland; von Plessen, Marie-Louise (Hrsg.): Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie. München : Prestel Verlag 2016 ISBN 978-3-7913-8308-8, 333 S., zahlr. Abb. € 39,95.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Bernhardt, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner

In der Bundeskunsthalle, Teil der noblen Bonner „Museumsmeile“ an einer Ausfallstraße der ehemaligen Bundeshauptstadt, ist noch bis zum 22. Januar 2017 eine Ausstellung zur Geschichte des Rheins zu besichtigen, die zwei prägende Einflüsse erkennen lässt: Zum einen schlägt sie, passend zum Standort, einen Bogen vorrangig zur Geschichte von (Hoch-)Kultur und (großer) Politik am Rhein und darüber hinaus. Zum anderen setzt sie – der Untertitel „Eine europäische Flussbiografie“ deutet es an – die großen, ebenfalls durch Marie-Louise von Plessen konzipierten Ausstellungen zur Geschichte von Flüssen fort (etwa der Elbe[1]) sowie zum deutsch-französischen Verhältnis im 19. Jahrhundert[2]; eine kuratorische Handschrift, die an verschiedenen Stellen deutlich und auch im Einführungsbeitrag zum Katalog akzentuiert wird (von Plessen, S. 20-33).


Abb. 1: Rhein-Ansichten im Kontrast – links Andreas Gurskys Foto „Der Rhein I“ (1996), rechts Moritz von Schwinds Gemälde „Vater Rhein“ (1848); aus dem Raum „Ouvertüre“.
(Foto: Simon Vogel, 2016; © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Im Kern geht es der Ausstellung um die Bedeutung des Rheins als „Richtachse“ von mehr als 2000 Jahren Kulturtransfer (S. 28) und damit um andere Themen und Blicke als der jüngeren, ebenfalls mit dem Konzept der Flussbiografien („river biographies“) operierenden Forschung umweltgeschichtlicher Provenienz.[3] Im Ergebnis ist eine Ausstellung zu besichtigen, die – um die Hauptthese dieser Rezension vorwegzunehmen – einzelne innovative Akzente setzt, im Übrigen ältere Konzepte fortschreibt und insgesamt eine glänzende, aber eher konventionell erzählte Kulturgeschichte dieses europäischen Laborraums präsentiert.

Von den zwölf chronologisch-thematisch konzipierten Kapiteln der Ausstellung bilden das erste Kapitel zur Geschichte der Schifffahrt und des Flussbaus sowie das Schlusskapitel über „Europa am Rhein“ die Klammer. Fossile Abdrücke deuten die Naturgeschichte des Flusses an, Karten die Begradigung im 19. Jahrhundert. Die Revidierte Rheinschifffahrtsakte von 1868 (auch als „Mannheimer Akte“ bekannt) markiert die Bedeutung als internationale Wasserstraße. Eine Reihe gut ausgewählter Dokumente, Plakate und Fotos belegt ausgangs die Etappen der europäischen Vision vom Hambacher Fest bis zum Europaparlament.


Abb. 2: Teilansicht des Raums „Strom der Römer“
(Foto: Simon Vogel, 2016; © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Die auf die Eingangssequenz folgenden Räume zum „Strom der Römer“ und dem „Strom der Kirche“ zeigen die beiden großen Stärken der Präsentation. Sie liegen in einer überaus eingängigen Ausstellungsarchitektur und in der Auswahl wertvoller Exponate, die zu den Inkunabeln der europäischen Kulturgeschichte zählen. Zahlreiche Originale wie die Porträt-Darstellung des „zweihörnigen Rheins“ („Rhenus bicornis“) auf einem römischen Grabmal des 2. Jahrhunderts n. Chr., eine der ältesten vollständigen Handschriften des Nibelungenliedes oder der Stab des Wormser Bischofs Johannes von Dalberg aus der Zeit um 1490 waren in dieser Qualität und Breite bisher wohl kaum jemals unter einer verbindenden Leitperspektive versammelt. Die Exponate werden in einer halboffenen Raumstruktur, die geschwungene, in Blau gehaltene Wände übersichtlich gliedern, effektvoll inszeniert und mit einer klaren Besucherführung präsentiert.


Abb. 3: Teilansicht des Raums „Strom der Kaiser“
(Foto: Simon Vogel, 2016; © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Das Kapitel „Strom der Kaiser“ ruft den Rhein als Kerngebiet der großen europäischen Politik in Mittelalter und Früher Neuzeit auf, wie sie sich im Speyerer Dom mit seinen Kaisergräbern, den Erzbistümern Mainz und Köln sowie den rheinischen Kurfürstentümern manifestierte. Mit großartigen Exponaten – Panoramen, Porträts, Karten, Modellen von Burgen – zeigt das Kapitel „Festungen und Residenzen“ die Prachtentfaltung, aber auch das landschaftsverwüstende „Kriegs-Theatrum“ insbesondere des 16. und 17. Jahrhunderts, dem Heinz Duchhardt einen luziden Katalogbeitrag widmet. Das Kapitel „Strom der Händler“ verbindet ähnlich wie schon Lucien Febvre in seinem legendären „Rhein“-Buch von 1935[4] die Funktion des Flusses für den Handel mit seiner Bedeutung für die Wissenszirkulation, verknüpft also Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte.


Abb. 4: Teilansicht des Raums „Strom der Händler“
(Foto: Simon Vogel, 2016; © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Mit dem Kapitel „Marianne und Germania“ über die Sattelzeit zwischen der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongress zitiert die Kuratorin bis in die Überschrift hinein die ebenfalls von ihr entwickelte gleichnamige Ausstellung von 1996.[5] Dass und wie die Napoleonischen Besetzungen sowohl bi-kulturelle Traditionen begründeten – insbesondere links des Rheins – als auch den jungen deutschen Nationalismus befeuerten, wird sinnfällig aufgezeigt. Jakob Vogels Katalogbeitrag „Natürliche oder nationale Grenze?“ bezieht in diese Kulturgeschichte des Politischen, die die Ausstellung für die Periode zwischen der Französischen Revolution und dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorrangig im Blick hat, auch ganz praktische Fragen des Flussumbaus im 19. Jahrhundert ein. Das Kapitel „Vater Rhein“ verschränkt ebenfalls die kulturellen Aneignungen durch Maler, Schriftsteller und Touristen sowie die von ihnen hervorgebrachten Bilder mit der Erschließung des Flusses für Dampfschiffe, die die damalige Kunstproduktion wesentlich beförderte bzw. erst ermöglichte.

Gegenüber diesen gut gesetzten, kräftigen Akzenten fällt das Kapitel über die „Industrie“ – man muss es leider sagen – geradezu kläglich schmal aus: ein knappes Dutzend überwiegend kleiner Exponate, keine vier Seiten Katalogtext für über 200 Jahre Industriegeschichte. Die gut 100 Jahre Hochindustrialisierung verschwinden in einer Lücke, die auf der Zeitleiste zwischen der Gründung der späteren Bayer AG 1863 und dem „Internationalen Rhein-Tribunal“ nach der Sandoz-Katastrophe 1986 klafft. Dies ist auch mit der in solchen Präsentationen notorischen „Qual der Wahl zur Reduktion der Ausstellungsstücke“, die die Kuratorin zu Recht beklagt (Katalog, S. 24), nicht überzeugend zu begründen. Inhaltlich wird die Industriegeschichte stark auf die Frühindustrialisierung einerseits und die chemische Industrie andererseits konzentriert, wodurch die Bedeutung von Papier- oder Kalifabriken, Maschinenbauanstalten und weiteren Industriezweigen der Hochindustrialisierung am bzw. für den Rhein unterbelichtet bleibt. Hingegen realisiert die Einbettung von Joseph Beuysʼ Kunstwerk „Rhein Water Polluted“ von 1981 (in etikettierte Flaschen abgefülltes gelblich-bräunliches Wasser) hier auf gelungene Weise das Konzept der Ausstellung, ein kulturgeschichtliches Grundnarrativ mit der Präsentation neuerer Kunstwerke zu verbinden. Andere, für sich genommen ebenfalls thematisch einschlägige zeitgenössische Kunstwerke etwa von Anselm Kiefer (Gemälde „Vater, Heiliger Geist und Sohn“, 1982–2013) oder von Michael Lio (Foto „Rheinfall mit Kanzel und Springer“, 2005) werden hingegen weniger überzeugend in den konzeptionellen Rahmen integriert oder in produktive Reibung mit ihm gebracht.


Abb. 5: Teilansicht des Raums „Wacht am Rhein“. Durch den prunkvollen Rahmen besonders hervorgehoben ist Lorenz Clasens Gemälde „Germania als Wacht am Rhein“ von 1880.
(Foto: Simon Vogel, 2016; © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Obwohl der Zwang zur Beschränkung das Kapitel „Wacht am Rhein“ zu der Periode der extremen Nationalisierung zwischen 1871 bis 1945 kaum weniger einengt, ist das Dilemma hier doch sehr viel besser gelöst. Die zentralen Ereignisse und Wendepunkte im politischen Ringen und in den (Propaganda-)Kriegen werden gut strukturiert dargestellt und mit sprechenden Exponaten – darunter vielen Plakaten – bildmächtig inszeniert. Dies gilt überwiegend auch für das Schlusskapitel zur Gründung der Bundesrepublik und zur europäischen Integration nach 1945, das sich allerdings stark auf die zentralen Institutionen der Bundesrepublik und der Europäischen Union konzentriert.

Zusammengenommen zeigt die Ausstellung, im Kontrast zu ihrem Untertitel und der „transnationalen“ Vorgeschichte als ursprünglich für Paris geplante Exposition (vgl. Katalog, S. 24)[6], doch eine gewisse uni- bzw. bilaterale räumlich-thematische Fokussierung auf Deutschland, Frankreich sowie im engeren Sinne auf das Rheinland. Städte wie Mainz und Köln erhalten gebührend Aufmerksamkeit; dagegen verblassen Strasbourg, Basel oder Rotterdam, ebenso der Schweizer und der holländische Rhein. Zudem entbehrt die Ausstellung weitgehend einer sozial- und alltagsgeschichtlichen Dimension. Im Kapitel „Strom der Händler“ wären neben den Lebenswelten der reichen Kaufleute auch diejenigen der Kleinhändler, Hafenarbeiter, einfachen Schiffer und Bauern von Interesse gewesen; das abschließende Kapitel zur europäischen Integration hätte neben der Ehrenformation zum Begräbnis des ehemaligen Bundeskanzlers Adenauer (1967) auch grenzüberschreitende Pendler, Freizeit und Sport im Grenzraum oder Proteste regionaler Umweltgruppen gegen Atomkraftwerke im Sinne eines „Europa von unten“ thematisieren können. Schließlich bleibt, wie oben angesprochen, die jüngere Wirtschafts- und Industriegeschichte arg unterbelichtet; so sucht man die Namen großer rheinischer Unternehmer(familien) wie Hansemann oder Bassermann selbst im Personenregister des Katalogs vergeblich.

Solche Beobachtungen führen, weiter gedacht, zurück auf die Frage, ob dem der Ausstellung zugrundeliegenden Konzept der „Flussbiografie“ (oder handelt es sich eher um eine Metapher?) eine explizite theoretisch-methodische Reflexion gut getan hätte, wie sie in der allgemeinen Biografieforschung gängig ist, der kultur- und umwelthistorischen Forschung zu „Flussbiografien“ aber weitgehend fehlt. Mein anderer, konkreterer Kritikpunkt ist, dass Ausstellung und Katalog trotz der intensiven Thematisierung und wunderbar sinnlichen Präsentation von Mythen zu diesem bilderüberfrachteten Fluss letztlich nur in vergleichsweise geringem Maße eine kritisch-distanzierte Haltung zur historischen De- und Umkodierung solcher Mythen einnehmen. Eine solche Reflexion inspiriert etwa die Arbeiten Gertrude Cepl-Kaufmanns und Antje Johannings[7] oder Thomas Etzemüllers[8] und überhaupt die neuere Rheinforschung schon seit einiger Zeit nachhaltig.

Der Katalog bietet zu einem günstigen Preis vorzügliche Reproduktionen wichtiger Exponate und eine sorgfältige Dokumentation der Ausstellungsinhalte. Die in leserfreundlicher Schriftgröße gehaltenen Überblicksbeiträge präsentieren sehr knapp den gesicherten politik- und kulturgeschichtlichen Kenntnisstand. Wissenschaftliche bzw. künstlerische Akzente setzen der Aufsatz von Nicolas Beaupré, der die gerade zum Rhein überbordende Bild- und Mythenproduktion historisiert und mit aktuellen Bezügen erdet, der Beitrag von Andreas Beyer zu den Kunstmessen am Rhein sowie die lakonisch-seriellen Aufnahmen des Fotokünstlers Stephan Kaluza von Uferabschnitten.

Ungeachtet der hier formulierten Kritikpunkte sei die Ausstellung nachdrücklich zum Besuch empfohlen. Das Begleitprogramm mit Filmen, Führungen für verschiedene Zielgruppen und einer Begleitausstellung in der Bundeskunsthalle mit Künstlerbüchern zum Rhein ist vorbildlich. Mit einem Kombi-Ticket können Interessierte, die noch mehr Bilder vom Rhein sehen möchten, zusätzlich die parallel veranstaltete Ausstellung „Bilderstrom – Der Rhein und die Fotografie 2016–1853“ im LVR-LandesMuseum Bonn besuchen (ebenfalls bis zum 22. Januar 2017).[9]

Anmerkungen:
[1] Die Elbe – ein Lebenslauf. Život Řeky Labe, Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin 1992. Die Ausstellung wurde 1992/93 in Berlin, Dresden, Hamburg und Prag gezeigt.
[2] Marie-Louise von Plessen (Hrsg.), Marianne und Germania 1789–1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten – eine Revue, Katalog zur Ausstellung der Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau, Berlin 1996.
[3] Vgl. Marc Cioc, The Rine. An Eco-Biography 1815–2000, Seattle 2002. Der Autor der vorliegenden Rezension hat unter dem Titel: Im Spiegel des Wassers. Eine transnationale Umweltgeschichte des Oberrheins (1800–2000), Köln 2016, ebenfalls eine umwelthistorische Untersuchung zum Rhein publiziert (die sich allerdings nicht des „Biografie“-Begriffs bedient).
[4] Lucien Febvre, Der Rhein und seine Geschichte. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Peter Schöttler, Frankfurt am Main 1994, 3., durchges. Aufl. 2006 (zuerst Paris 1935).
[5] Siehe Anm. 2.
[6] Bereits 2012/13 beauftragte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy die Kuratorin mit der Konzipierung einer Schau „Vater Rhein“ für das geplante, aber später nicht realisierte Musée de lʼHistoire de France.
[7] Gertrude Cepl-Kaufmann / Antje Johanning, Mythos Rhein. Kulturgeschichte eines Stromes, Darmstadt 2003.
[8] Thomas Etzemüller, Romantischer Rhein – Eiserner Rhein. Ein Fluss als imaginary landscape der Moderne, in: Historische Zeitschrift 295 (2012), S. 390-424.
[9] <http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de/de/ausstellungen/bilderstrom/bilderstrom_1.html> (03.01.2017).

Zitation
Christoph Bernhardt: Rezension zu: Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie, 09.09.2016 – 22.01.2017 Bonn, in: H-Soz-Kult, 07.01.2017, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-249>.