ReVision. Fotografie im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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Ort
Hamburg
Veranstalter
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Datum
21.12.2016 - 17.04.2017
Publikation
Schulze, Sabine; Ruelfs, Esther (Hrsg.): ReVision. Fotografie im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Göttingen : Steidl Verlag 2016 ISBN 978-3-95829-283-3, 392 S., 210 SW- und Farbabb. € 48,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Wrocklage, Hamburg

Seit 2013 gibt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) in der Ausstellungsreihe „Die Sammlung Fotografie im Kontext“ Einblick in seine Bestände. Präsentiert werden Fotografien zu ausgewählten Themen, beispielsweise „Ägypten erobern“ (2013), „Neue Frauen“ (2014), „Herbarium. Wilhelm Weimar“ (2015), „Japanische Tagträume“ (2016) – um nur einige zu nennen. Die Ausstellung „ReVision“ zeigt jetzt gut 200 Arbeiten aus der fotografischen Sammlung des Hauses, die mit inzwischen rund 75.000 Werken zu den ältesten derartigen Sammlungen in Deutschland gehört.

Als einer der ersten begann Wilhelm Weimar, Reproduktionszeichner und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum, um 1900 Daguerreotypien zu sammeln (Fotos auf dünnen versilberten Kupferplatten), die heute mit ca. 750 Objekten einen zentralen Teil des einzigartigen Bestands an frühen Fotografien darstellen. Einen weiteren großen Kernbestand erwarb das MKG 1916 nach dem Tod des Privatsammlers, Jurors, Ausstellungsorganisators, Redakteurs und Autors Ernst Juhl. Er war ein wichtiger Wegbereiter der Kunstfotografie – nicht nur in Hamburg, sondern europaweit. Zwischen 1893 und 1911 trug er über 800 Werke zusammen, von denen ein Teil in Hamburg, ein anderer in Berlin aufbewahrt wird. Die Hamburger Sammlung an Kunstfotografie umfasst inzwischen rund 600 Originalabzüge und 1.500 Heliogravüren (Vorläufer des Tiefdrucks).

1952 übergab das Museum seine fotografische Sammlung an die Staatliche Landesbildstelle Hamburg unter der Leitung von Fritz Kempe. Gemeinsam wurden regelmäßig Ausstellungen veranstaltet. 24 Jahre blieben die Fotografien in der Obhut der Landesbildstelle, bis sie 1976 wieder in das Museum eingegliedert wurden. Kempe hatte im Laufe der Jahre eine eigenständige Sammlung zur Geschichte der Fotografie zusammengetragen und sie grundlegend um Werke von (zumeist deutschen) Vertretern der Moderne erweitert. So gelangten in das MKG neben künstlerischen Arbeiten auch zeitgenössische Reportage- und Werbefotografien, wissenschaftliche Fotos und etliche Nachlässe, zum Beispiel von Madame d’Ora (1881–1963), dem Atelier J.[ohann] Hamann (1859–1935) oder Hilde Brinckmann-Schröder (1891–1974).

Durch die Gründung des „Vereins der Freunde der Fotografie beim Museum für Kunst und Gewerbe“ 1980 erweiterte sich die Sammlung durch Schenkungen und Ankäufe stetig. Für die Ausstellung „Hundert Jahre japanische Fotografie“ erwarb der Verein um die 800 Aufnahmen zeitgenössischer japanischer Fotografen, die heute einen weiteren Kernbestand bilden. Mit der Schenkung „Stiftung Mode-Welten“ von F.C. Gundlach (geb. 1926), Modefotograf und Sammler, konnte 1991 der Schwerpunkt Mode-Fotografie im Museum ausgebaut werden. Eine „Timeline“ zu Beginn der Ausstellung führt den Besucher übersichtlich und überblickshaft in die Geschichte und Entwicklung der Fotosammlung bis heute ein, beginnend mit den Anfängen zur Gründung des Museums im Jahre 1866.


Abb. 1: Die „Timeline“ zur „Sammlung Fotografie und neue Medien“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
(Foto: Ute Wrocklage)

Die Ausstellung konzentriert sich auf einzelne Anwendungsbereiche der Fotografie: identitätsstiftende Porträts, vermeintlich objektive Reproduktionen, engagierte Bildreportagen für Printmedien, der mit der Malerei wetteifernde Piktorialismus, abstrakte, experimentelle Arbeiten als autonome Kunstform und die verführende Werbung. Jeder Themenbereich umfasst nicht nur vielfältiges Material, sondern präsentiert auch die Entwicklung der fotografischen Techniken in ihrer vollen Breite – von den Anfängen der Daguerreotypie ab 1839 über Kalotypien (ein frühes Negativ-Verfahren), Albuminabzüge, Gummi-, Öl- und Pigmentdrucke, Heliogravüren, Glasnegative oder Silbergelatineabzüge bis zu C-Prints. Man findet bekannte Bilder wieder, entdeckt aber auch Neues, Unbekanntes und Erstaunliches in der Ausstellung. Es gibt Einzelbilder, Serien und stellenweise komplette Konvolute. In das Thema eines jeden Raumes führt ein kurzer, gut lesbarer Text ein, der das zeitliche und inhaltliche Spektrum markiert sowie die auf den ersten Blick sperrigen Exponate zusammenführt.

Den Auftakt der Ausstellung bildet die wohl wichtigste fotografische Gattung, das Porträt. Der Mensch als Abbild oder inszeniertes Individuum, als Familienmitglied oder Vertreter einer sozialen Schicht findet sich schon in der frühen Fotografie, der Daguerreotypie angelegt. In einem abgetrennten schwarzen Kabinett werden einige Stücke aus der Sammlung präsentiert.


Abb. 2: Porträt-Daguerreotypien, wirkungsvoll inszeniert in einem separaten Raum
(Foto: Ute Wrocklage)

Darüber hinaus werden unterschiedliche Porträt-Konzepte gezeigt: Einer Serie mit dem Schauspieler Friedrich Haase (1825–1911), der sich in unterschiedlichen Rollen und veränderten Charakteren inszenierte, stehen die Bildnisse Hugo Erfurths (1874–1948), August Sanders (1876–1964) und Helmar Lerskis (1871–1956) gegenüber. Die Annahme, dass das Abbild eines Menschen auch seine Persönlichkeit offenbare, wird durch die Konfrontation unterschiedlicher Darstellungsweisen hinterfragt. Sanders „Bauern und Bäuerinnen“, der „Stürmer oder Revolutionär“ aus seinem Mappenwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ zeigen Individuen in ihrem alltäglichen Umfeld oder im Atelier, die der Fotograf als typische Repräsentanten einer sozialen Ordnung herauszustellen versuchte. Anders Erfurth, der die klassische Form des frontalen Brustbildes wählte und den Betrachter in direkten Blickkontakt mit dem jeweiligen Protagonisten stellt, wie beispielsweise Ludwig Mies van der Rohe. Eine extreme Nahsicht auf die Gesichter der Porträtierten bietet Lerski in der Serie „Köpfe des Alltags“ (1928–1930), aus der vier Fotos zu sehen sind. Seine Bildtitel charakterisieren die jeweilige Person als Mitglied eines Berufstandes: eine „Stenotypistin“, einen „Arbeiter aus Bayern“, einen „Maler“ oder eine „junge Obsthändlerin“. Manche Fotografen porträtieren Individuen in einer Gruppe, in der Familie oder als gesellschaftliche Außenseiter; andere binden ein weiteres persönliches Kennzeichen des Porträtierten ein, die Handschrift – so Jim Goldberg in seiner Serie „Rich and Poor“ (1977–1985).


Abb. 3: Bilder aus Jim Goldbergs in San Francisco entstandener Serie „Rich and Poor“ (Silbergelatineabzüge)
(Foto: Ute Wrocklage)

Zum Kernbestand des MKG gehören die im Raum „Piktorialismus. Fotografie als Kunstwollen“ gezeigten Arbeiten aus der Sammlung Ernst Juhl, in der nicht nur Bilder der Zeit um 1900 zu finden sind, sondern auch frühe Fotografien auf Salzpapier aus den 1840er-Jahren von David Octavius Hill und Robert Adamson oder Pigmentdrucke von James Craig Annan, die 1890 von den Negativen Hills und Adamsons hergestellt wurden. Die Piktorialisten wollten mit ihren Techniken die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel etablieren. Die Hamburger Schule um die Gebrüder Hofmeister war zur Jahrhundertwende eines der Zentren im Bereich der anfangs als Hobby betriebenen, bald aber durchaus semiprofessionellen Kunstfotografie.

Die Hängung der Exponate wirft grundsätzliche Fragen auf: Ist es die Unschärfe in den Fotos, wie schon in den frühen Salzpapierabzügen, die den Kunstwert ausmacht? Oder ist es der Tonwert, wie in einem Tableau mit vier Gummidrucken in rotorange, blau, schwarz oder rot der Gebrüder Hofmeister? Oder soll es die Größe sein? An einer Wand sind die Werke nach Größe gehängt, teilweise in ihren originalen Rahmen. Der Bogen zur Gegenwart wird mit einem 122 x 152 cm großen C-Print aus dem Jahr 2002 gespannt, „The Young Lady“ von Tina Barney, aus der Serie „The Europeans“ (ganz links im unteren Bild). Mit Bezug zum Piktorialismus schreiben die Kuratoren in einer Presseinformation: „Auch die Größe einer Aufnahme ist Ausdruck des Kunstwollens: Je größer das Format einer Fotografie, desto ähnlicher erscheint die Fotografie der Malerei und desto eher ist dem Objekt Kunststatus zuzusprechen. Originale Rahmungen betonen diesen Effekt und weisen die Werke als dekorative Kunst aus. […] Size does matter!


Abb. 4: Hängung nach Größe sortiert – im Raum zum Piktorialismus
(Foto: Ute Wrocklage)

In einem weiteren Raum ist die Frage leitend, ob die Reproduktionsfotografie nur ein Hilfsmittel war und ist. Einzelne Fotografien aus Mappenwerken von Adolphe Braun, Franz Seraph Hanfstaengl und anderen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten Kunstwissenschaftlern und Forschern kunsthandwerkliche Objekte, Skulpturen und Gemälde als reproduziertes Studien- und Anschauungsmaterial verfügbar. Von diesen dokumentarisch angelegten Reproduktionen geht bis heute eine gewisse Faszination aus. Die Stillleben und Pflanzendetails beispielsweise von Constant Alexandre Famin (1827–1888) lieferten Künstlern und Kunsthandwerkern Vorlagen für ihre Arbeit. Die Arbeiten des Bamberger Reiters und des Naumburger Doms von Walter Hege (1893–1955) zeigen, dass er sich durch Perspektivenwechsel und unterschiedliche Ausleuchtungen an die Objekte herantastete. Die Ästhetik der Darstellungen konnte gerade im Deutungshorizont der NS-Zeit auch politische Implikationen gewinnen – über die bloße Reproduktion des Vorgefundenen hinaus.

Wilhelm Weimar, der als Reproduktionszeichner 1883 im MKG begann, lernte selbst zu fotografieren und inventarisierte zwischen 1897 und 1915 die Museumssammlung auf Glasnegativen. In der Gegenüberstellung der Reproduktion und der originalen Vase in zwei Vitrinen des Raumes wird deutlich: Ohne schriftliche Informationen über Größe, Farbigkeit und Materialität der Artefakte bleiben die zugehörigen Fotos unbestimmt.


Abb. 5: Ein unmittelbarer Vergleich zwischen der Reproduktion auf Glasnegativen und den originalen Objekten aus der Sammlung des MKG
(Foto: Ute Wrocklage)

Ausgewählte Reportagefotografien von Arnold Genthe (1869–1942) bis Robert Lebeck (1929–2014) sind nicht als Kunstobjekte, passpartiert und gerahmt, zu sehen; die originalen Abzüge liegen vielmehr unter Glas auf einer langen Tischvitrine. An den Wänden sind die Fotos in ihrem publizierten Kontext der Bildreportagen angebracht, die Seiten aus den Illustrierten ungekürzt und unbeschnitten, also mit Bildlegenden, begleitenden Texten und Anzeigen. Dies regt zu Überlegungen und Vergleichen an, wie stark der jeweilige Kontext die Wahrnehmung eines Bildes beeinflussen kann.


Abb. 6: Der Raum zur Reportagefotografie – an den Wänden befinden sich die publizierten Reportagen, unter Glas auf der Tischvitrine die originalen Abzüge.
(Foto: Ute Wrocklage)

Die Ausstellung ist ansonsten eher nüchtern und reduziert gestaltet: Einführungstexte, Exponate, Bildunterschriften auf weißen Wänden. Die Räume rechts und links vom zentralen Raum durchziehen lange Tische, auf denen unter Glas passpartierte Bilder und Abzüge präsentiert sind. Gelegentlich stören die Reflexionen der Beleuchtung und Spiegelungen im Glas das Betrachten der Exponate. Die deutschen und englischen Bildbeschriftungen enthalten außer Angaben zum Material des Bildträgers, zum Beispiel Albuminabzug oder C-Print, auch Daten zur Erwerbung, d.h. wie, wann und von wem das Foto in die Sammlung kam. Erläuterungen zu den heute überwiegend nicht mehr bekannten Techniken gibt es für den Besucher in der Ausstellung leider nicht, auch nicht im Katalog.


Abb. 7: (Unerwünschte) Spiegelungen: Einführungstext und Exponate an der Wand und auf der Tischvitrine
(Foto: Ute Wrocklage)

Der umfangreiche Katalog geht weit über die sechs präsentierten Anwendungsgebiete der Fotografie hinaus. In elf Kapitel ist der Sammlungsbestand des MKG gegliedert: Reise, Wissenschaft, Architektur, Reproduktion, Piktorialismus, Porträt, Abstraktion und Experiment, Werbung, Reportage, Japanische Fotografie und Rahmung. Den Bildteilen sind Beiträge von Fotografiehistorikern und Kulturwissenschaftlern vorangestellt, die – wie auch in der Ausstellung zu sehen – einen neuen Blick auf das jeweilige Anwendungsgebiet werfen. Ein alphabetischer Index zu den Bildautoren enthält Kurzbiografien, ihre abgebildeten Werke mit Angaben zur Größe des Blattes und zur Technik sowie die Erwerbungsdaten und weiterführende Literaturangaben.

Der Einblick in den vielseitigen Sammlungsbestand, verbunden mit einem Gang durch die gut 175-jährige Fotografiegeschichte, ist im Museum für Kunst und Gewerbe noch bis zum 17. April 2017 möglich. Etwas länger (bis zum 2. Juli) ist in der Reihe „Die Sammlung Fotografie im Kontext“ derzeit die Ausstellung „Auf der Autobahn in die moderne Welt“ zu sehen, die den Raum „Abstraktion und Experiment“ der größeren Ausstellung „ReVision“ erweitert.

Zitation
Ute Wrocklage: Rezension zu: ReVision. Fotografie im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 21.12.2016 – 17.04.2017 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 18.03.2017, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-258>.