Ort
Berlin
Veranstalter
DDR-Museum Berlin Karl-Liebknecht-Str. 1 <http://www.ddr-museum.de>
Publikation
Rückel, Robert (Hrsg.): DDR-Museum. Führer durch die Dauerausstellung "Alltag eines vergangenen Staates zum Anfassen". Berlin : DDR Museum Verlag 2006 ISBN 978-3-939801-00-9, 74 S. € 5,50.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Moller, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Im Sommer 2006 hat am Berliner Spreeufer – gegenüber dem Berliner Dom, in Sichtweite des schwindenden Palasts der Republik gelegen – eine ständige Ausstellung zum Alltagsleben in der DDR ihre Pforten geöffnet. Auf seiner relativ bescheidenen Ausstellungsfläche von 400 qm will das „DDR-Museum“ die Geschichte des untergegangenen deutschen Teilstaates in mehrfacher Hinsicht anders präsentieren als bestehende Einrichtungen. „Alltag im Sozialismus – sehen, fühlen und erleben“, ist das Motto, das diesen Anspruch komprimiert zum Ausdruck bringt.[1] Vor dem Hintergrund öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten zu Herrschaft und „Alltag“ in der DDR lohnt es sich, das geschichtspolitisch wie geschichtsdidaktisch gleichermaßen ambitionierte und heikle Unterfangen eines DDR-Alltagsmuseums in Berlins Mitte genauer anzusehen.

Das DDR-Museum besteht aus einem einzigen Ausstellungsraum und ist als eine Art begehbare Puppenstube eingerichtet, d.h. die Ausstellungsmöbel (Raumteiler und Vitrinenschränke) sind einer Plattenbausiedlung im Kleinen nachempfunden. Der Maßstab dieser Plattenbauten soll irritieren und gleichzeitig „einen authentischen Eindruck von der grauen Welt ihrer Vorbilder“ vermitteln (Katalog, S. 9). Dass die DDR aber nicht nur grau war, nicht nur aus Ideologie und Planerfüllung bestand, wird über das vermittelt, was die Ausstellungsmöbel beherbergen: Zeugnisse einer lebendigen Alltagskultur.


Abb. 1: Fenster zur Konsumwelt (Foto: Sabine Moller)


Abb. 2: Glückwünsche zum Frauentag (Foto: Sabine Moller)


Abb. 3: Küchenschränke (Foto: Sabine Moller)

Die Ausstellung konzentriert sich auf die 1970er- und 1980er-Jahre der DDR. Sie ist in 17 Themen gegliedert, die die Bereiche des Lebens in der DDR auffächern sollen: unter anderem „Grenze“, „Jugend“, „Staatssicherheit“, „Wohnen“, „Kultur“ und „Urlaub“. Den Anspruch, Geschichte „hautnah erlebbar“ zu machen, versuchen die Ausstellungsmacher auf verschiedenen Ebenen und anhand verschiedenster Medien einzulösen. Auf dem Weg in die Ausstellung passiert man zunächst ein Modell der Grenze (ein Diorama mit Wachtürmen, Sperranlagen und Mauer), bevor man im Bereich „Verkehr“ auf das „unangefochtene Symbol des DDR-Alltags“ stößt – den Trabant. In diesen kann man einsteigen, um (via Bildschirm) eine virtuelle Rundreise durch eine DDR-Plattenbausiedlung anzutreten. Die Ausstellung setzt sich in diesem Stil fort: In jedem der 17 Themenbereiche gibt es Dinge, die man anfassen und ausprobieren kann. Im Bereich „Staatssicherheit“ kann man an einem Büroschreibtisch mit technischem Gerät Platz nehmen und Kopfhörer aufsetzen, um die Besucher abzuhören, die sich ein paar Ausstellungsstationen weiter im Bereich „Wohnen“ in einer „Vollkomfort“-Wohnung der 1970er-Jahre vor dem laufenden Fernseher („Der schwarze Kanal“) niedergelassen haben. In einer Küche (Bereich „Familie“) kann man die Schränke öffnen, Putzmittel und Hausgeräte herausnehmen oder Glückwunschkarten zum Frauentag lesen. (Dass die Besucher viele Objekte – auch Fotos – selbst anfassen können, ist aus konservatorischer Sicht allerdings nur so lange unbedenklich, wie es genügend Ersatz gibt.)


Abb. 4: Rundreise im Trabi (Foto: Sabine Moller)


Abb. 5: Fernsehen im „Vollkomfort“-Wohnzimmer (Foto: Sabine Moller)


Abb. 6: Abhörstation der „Stasi“ (Foto: Sabine Moller)

Zweifellos ist das DDR-Museum sehr ansprechend gestaltet. Es wirkt modern und besucherfreundlich, und trotz der Vielfalt der Alltagszeugnisse bleibt es aufgrund der spärlichen Textelemente und seiner beschränkten Ausstellungsfläche letztlich überschaubar. Es verwundert nicht, dass das Museum gut angenommen wird und seit Eröffnung mehr als 125.000 Besucher zählen konnte.[2] Thematisch will das privat initiierte und finanzierte DDR-Museum eine Lücke schließen: Das Alltagsleben in der DDR sei bisher in vielen musealen Darstellungen einfach ausgespart worden, was einer Dämonisierung der DDR Vorschub geleistet habe, schreibt der Museumsdirektor Robert Rückel in der Einleitung zum Ausstellungskatalog (S. 4). Eine Ausstellung, die sich auf den Alltag konzentriere, verharmlose daher nicht, sondern vervollständige vielmehr ein bis dato unvollständiges Geschichtsbild.

Die Eröffnung des DDR-Museums fiel in eine geschichtspolitisch turbulente Zeit. Kurz nach der Veröffentlichung des Gutachtens zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Mai 2006 glitten fast alle Äußerungen zur DDR ins Bekenntnishafte ab.[3] Der allererste Eintrag im Besucherbuch des DDR-Musuems bei der Eröffnung am 15. Juli lautete denn auch: „Ein äußerst wichtiges Museum, denn die DDR war nicht nur ‚SED-Diktatur’ und ‚Stasi’.“ Das DDR-Museum füllt nach Ansicht nicht weniger Besucher eine Lücke und löst damit den selbst gesetzten Anspruch ein. Und auch das Expertengutachten zur Aufarbeitung des SED-Staates, das die Forderung erhebt, den Alltag in der durchherrschten Gesellschaft vor allem bei der Musealisierung der DDR-Geschichte stärker zu berücksichtigen, ließe sich als Bestätigung des im DDR-Museum umgesetzten Ausstellungskonzeptes ins Feld führen.

Allerdings, und hier muss die Kritik am DDR-Museum ansetzen, fußt die Präsentation auf einem nicht hinreichend ausgearbeiteten Konzept von Alltag.[4] Die Behauptung vom „bunten Leben im grauen Plattenbau“ impliziert ein Gesellschaftsleben jenseits staatlicher und parteiherrschaftlicher Institutionen. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Behandlung des Themas „Jugend“, das im Katalog mit dem Motto „Fröhlich sein und singen“ überschrieben ist. „Jung sein in der DDR“ wird hier dargestellt als Zustand zwischen „wild campen“ und „Pioniernachmittagen“, „Radio DT 64 mitschneiden“ und „FDJ-Ernteeinsätzen“. Der Abschnitt mündet in den Sätzen (S. 25): „Jugend in der DDR ist auch nicht ohne die Jagd auf Jeans, Turnschuhe und Platten aus dem Westen zu denken, nicht ohne Beat-Bewegung, ohne Puhdys und Karat. Echte Rebellion, wie die der Umweltbibliothek, blieb allerdings die Ausnahme, und bei nicht Wenigen tat die sozialistische Erziehung ihre Wirkung.“

Angesichts dieses nicht ganz falschen, aber doch recht groben Blicks auf die Jugendkulturen in der DDR kann man dem Film „Sonnenallee“, der heute als Sinnbild einer humorvoll-ostalgischen Annäherung an die DDR-Vergangenheit gilt, mehr kritisches Potential attestieren.[5] Zwar bringen die Ausstellungstexte in der Regel eine kritisch-ironische Distanz zum Staatssozialismus zum Ausdruck; eindeutig ostalgische Anklänge versuchen sie zu umschiffen. Das vielschichtige Spektrum, das Themen wie Jugendkulturen oder Rockmusik in der DDR innewohnt, wird allerdings komplett verschenkt, weil die meisten Ausstellungsgegenstände nur kurz erwähnt und nicht weiter eingeordnet werden.[6] Die Vermittlung von Inhalten und den Intentionen unterschiedlicher Akteure gerät gegenüber dem (vermeintlichen) Nachvollzug vergangener Alltagsaktivitäten komplett ins Hintertreffen. Zudem wird nicht zwischen verschiedenen Phasen der DDR-Geschichte differenziert.

Jana Hensel hat in ihrem Buch „Zonenkinder“ ihre Kindheit als ein „Museum“ beschrieben, in dem nicht viel Licht brennt.[7] Sie selbst musste für ihr Buch die Namen der DDR-Produkte, die aus den Warenregalen verschwunden waren, als sie 13 Jahre alt war, erst mühsam recherchieren. Im DDR-Museum an der Spreepromenade wird die Alltags- und Konsumwelt in einer ästhetisch ansprechenden Atmosphäre grell ausgeleuchtet. Das Konzept dieser Alltagsausstellung geht allerdings kaum über bestehende, in der Regel privat initiierte Ausstellungen hinaus. Insbesondere fällt es hinter die Ausstellung und Sammlung des „Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR“ in Eisenhüttenstadt zurück.[8]

Der Erfolg von Hensels Buch ebenso wie derjenige von Filmen wie „Sonnenallee“ und „Good Bye Lenin!“ zeigt, dass alltagsweltliche Zugänge zum Leben in der DDR auf große Resonanz stoßen. Diese Perspektive ist nicht nur für diejenigen besonders interessant, die die DDR selbst erlebt haben, sondern wird insbesondere auch von Schülern favorisiert – und hier vor allem von jenen, bei denen das Thema DDR zur Familiengeschichte gehört.[9] Dieses Interesse zu banalisieren und ihm allein ein Konzept der Abschreckung entgegenzuhalten, würde zu kurz greifen. Das Gutachten der Expertenkommission zur Aufarbeitung der SED-Diktatur weist hier in die richtige Richtung. Gerade mit Blick auf die nachwachsenden Generationen gilt es zu verhindern, dass sich der deutsche Vergangenheitsdiskurs (ein weiteres Mal) in ein öffentliches Diktaturgedächtnis und ein privates Lebensgedächtnis aufspaltet.[10] Dazu sind handlungsorientierte Ausstellungen sicher hilfreich. Im Gegensatz zum DDR-Museum sollten sich diese aber intensiver, reflektierter und vielleicht nur exemplarisch einzelnen Bereichen der Alltagswelt zuwenden: Zu wünschen wäre ein Museum, in dem viel Licht brennt, das aber auch etwas aussagt über die Dinge, die in ihm zu sehen sind.

Anmerkungen:
[1] So das Faltblatt des DDR-Museums. Gegenwärtig bieten sich auch interessante Vergleichsperspektiven mit der Ausstellung „Parteidiktatur und Alltag in der DDR“, die das Deutsche Historische Museum bis zum 29. Juli 2007 zeigt (<http://www.dhm.de/ausstellungen/ddr/index.html>).
[2] Pressemitteilung des DDR-Museums vom 4.4.2007.
[3] Vgl. die Dokumentation bei Zeitgeschichte-online: <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=Votum-Expertenkommission>, sowie Sabrow, Martin u.a. (Hrsg.), Wohin
treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007.
[4] Vgl. hierzu den Beitrag im Kontext der Debatte um das Expertengutachten von Lüdtke, Alf, Alltag: Der blinde Fleck?, in: Deutschland Archiv 39 (2006), S. 894-901.
[5] Siehe dazu etwa Lindenberger, Thomas, Sonnenallee. Ein Farbfilm über die Diktatur der Grenze(n), in: WerkstattGeschichte 26 (2000), S. 87-95.
[6] Spannend und aufschlussreich ist in dieser Hinsicht hingegen: Rauhut, Michael, Rock in der DDR. 1964–1989, Bonn 2002.
[7] Hensel, Jana, Zonenkinder, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 20f..
[8] Ein Vergleich von DDR-Museum und Dokumentationszentrum findet sich bei: Köstering, Susanne, DDR-Alltagsgeschichte im Museum, in: Deutschland Archiv 40 (2007), S. 306-312.
[9] So sind 67,7 Prozent der Schüler aus den neuen und 58,8 Prozent der Schüler aus den alten Bundesländern der Meinung, dass die Alltags- und Sozialgeschichte der interessanteste Bereich der DDR-Geschichte sei. Die Daten hat Ulrich Arnswald im Rahmen einer 2005 durchgeführten repräsentativen Schulbefragung zur DDR-Geschichte erhoben. Vgl. Arnswald, Ulrich; Bongertmann, Ulrich; Mählert, Ulrich (Hrsg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse – Schülerbefragung – Modellcurriculum, Berlin 2006, S. 161.
[10] Zu den Folgen dieses Paralleldiskurses im Geschichtsbewusstsein der Enkelgeneration der NS-Zeitzeugen vgl. Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002.

Zitation
Sabine Moller: Rezension zu: DDR-Museum Berlin, Berlin, in: H-Soz-Kult, 10.05.2007, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-43>.