Ostmitteleuropa im Kalten Krieg 1945-1989

Ort
Warschau
Datum
16.10.2008 - 18.10.2008
Veranstalter
Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften Warschau; Der Kalte Krieg: Internationales Geschichtsprojekt des Woodrow Wilson International Center for Scholars Washington; Institut des Nationalen Gedenkens, Warschau
Von
Roman Smolorz, Osteuropa-Institut Regensburg (OEI) / Stadtarchiv Regensburg

Von 16. bis 18. Oktober 2008 fand im Warschauer Kulturpalais eine internationale Konferenz zum Thema „Ostmitteleuropa im Kalten Krieg 1945-1989“ statt. Janusz Kurtyka, Präses des polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens eröffnete die Konferenz mit der Anmerkung, sie habe einen Arbeitscharakter. Es folgten Grußworte von Ryszard Żelichowski vom Institut der Politischen Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften und von Mircea Munteanu vom Internationalen Geschichtsprojekt „Der Kalte Krieg“ des Woodrow Wilson International Center for Scholars Washington. Wie die Fülle der Themen und der Zahl der Referenten zeigt, ist diese Konferenz nicht nur aus organisatorischer Sicht hervorragen gelungen.

Den Gastvortrag hielt SILVIO PONS (Rom) zum Thema „Der Kalte Krieg als ein europäischer Konflikt“. Er sprach von einer gemeinsamen Kriegserfahrung in Europa 1945, eine These, die allerdings als unrichtig auf Kritik stieß. Des Weiteren erörterte er die so genannten Bürgerkriege nach 1945 in Ostmitteleuropa als den Übergang vom Zweiten in den Kalten Krieg und unterstrich ferner die Divergenz, Freiheit wahrzunehmen, zu verstehen und zu erleben im Westen wie im Osten. Denn als Westeuropa in den 1960er-Jahren Diskussionen und Kämpfe über eine fortgeschrittene Freiheit führte, ging es im Osten nach wie vor und „lediglich“ um eine Grundfreiheit. In der Diskussion dieses Vortrages wurde dazu aufgefordert, komparative Studien mit Quellen und wissenschaftlicher Ost-West-Vernetzung zu fordern und zu fördern.

Das erste Panel „Aktionen europäischer Staaten des Ostblocks gegen den Westen während des Kalten Krieges“ führte János Tischler (Ungarn) und kommentierte Łukasz Kamiński (Polen). Verdeutlicht wurde anhand bulgarischer Spionagebeispiele einerseits, wie bedeutend die Gebiete des geteilten Deutschlands und später der beiden deutschen Staaten sowie Westberlins in der „kalten Auseinandersetzung“ waren, und andererseits verwies man auf den Dilettantismus kommunistischer Sicherheitsdienste, dies mit Hilfe von Archivgut aus den USA. Aufschlussreich war, dass diese Dienste nicht als politische Subjekte in der Volksrepublik Bulgarien festgestellt wurden, sondern als ein Instrument des Politbüros.
Am Beispiel Ungarns wurde der Kalte Krieg schon in den 1950er-Jahren als ein Erpressungskampf gegen den Westen enthüllt, als Methode um Geld, Güter oder Technologien für Menschenrechte und die Einhaltung diplomatischer Regeln zu extorquieren. Am Fall Edgar Sanders[1] konnte eine relative Unabhängigkeit der Satelliten der UdSSR gegenüber Westeuropa bewiesen werden. Hier zeigte sich überdies, dass Prozesse gegen westliche Spionage nicht nur als ein Gegengewicht zur antikommunistischen Innenpolitik der USA verstanden wurden, sondern ebenfalls in der ungarischen inneren politischen Auseinandersetzung missbraucht wurden. Die bewusste Zuweisung des Feind-Klischees, osteuropäische Bürger im Westen seien alle Spione, bleibt nicht ohne Konsequenz bis heute.
Der Sechs-Tage-Krieg und das Verhältnis zu Israel hingegen entfalteten sich im Ostblock zu einer relativ offenen Diskussion darüber, inwieweit die Satelliten samt der UdSSR die sogenannte Dritte Welt zu unterstützen hatten: Ägypten wurde in diesem Zusammenhang zum einen vorgeworfen, sich vor dem Krieg gegen Israel mit der UdSSR nicht konsultiert zu haben, zum anderen warfen zahlreiche Ostblockstaaten Moskau vor, unfähige Regierungen auf Kosten der Gemeinschaft zu unterstützen. Die sowjetischen militärischen Abwehrsysteme versagten in diesem Krieg und Rumänien schlug – gleichwohl aus mehreren Gründen – den eigenen Weg im Verhältnis zu Israel ein. Allgemein erkannten insbesondere die polnische und die ungarische Führung eine wachsende Kluft zwischen der öffentlichen Meinung im eigenen Land und dem von der politischen Führung propagierten Standpunkt.
Die offizielle jugoslawische Satire-Zeitschrift „Jež“ liefert den Beweis, wie geschriebene Propaganda, zum Beispiel in der Zeitung „Borba“, auch visuell darzubieten war, zumal man die Bevölkerung aufgrund der Allgemeinbildung nur auf diesem Weg zu beeinflussen wusste. Die gleichen Formen der Karikaturen dienten in Jugoslawien dazu, vor 1948 den Imperialismus der USA, nach 1948 den der Sowjetunion zu brandmarken. Im gesamten Ostblock war allerdings das Feind-Paradigma in der Karikatur sehr konstant, es wurde lediglich um Israel in den 1960er-Jahren erweitert.
Zuletzt wurde Propaganda im Bildungsbereich und deren langjährige – über 1989 wirkenden – Überbleibsel in den Gesellschaften in Ostmitteleuropa erörtert. Es ging insbesondere um die Meinungsbeeinflussung in der Geschichtsbildung, deren Höhepunkt zwischen 1947 und 1985 empirisch festgestellt worden war. Das Ergebnis dieser Zeit war, dass die Wissenschaft selbst zur Propaganda und die Lehre zur Indoktrination destruiert wurden.
Insgesamt wurden weit aufgefasste Propaganda und geheime Aktionen der kommunistischen Staatssicherheitsdienste – unter Leitung der einschlägigen sowjetischen Aufsicht – zum eigentlichen Thema des gesamten Panels und als Ergebnis konstatierte man unter anderem eine Verklärung der westlichen Demokratie und der Marktwirtschaft im Sinne einer genau entgegengesetzten Idealisierung in den Gesellschaften Ostmitteleuropas.

Das zweite Panel „Westliche europäische Staaten vis-á-vis Ostmitteleuropa während des Kalten Krieges“ führte Wojciech Roszkowski[2] (Polen) und kommentierte Yale Richmond (USA). Die ersten Vorträge gingen auf den Brüsseler Vertrag sowie die Bemühungen der USA und Westeuropas ein, das Jugoslawien Titos aus der eigenen Perspektive und aus der Sicht der UdSSR einzustufen und es entsprechend in die eigenen strategischen Pläne einzubetten. Die weiteren Themen betrafen die Informations- und Bildungspolitik des Westens gegenüber dem Ostblock, die auf Kosten des Geheimdienstes der USA umgesetzt worden waren. Ferner ging es um exemplarisch gewählte Bestrebungen Polens und Belgiens in der Entspannungspolitik sowie um Wahrnehmung und Einschätzung des polnischen Sommers 1981 in Politik und in Gesellschaft Frankreichs und Westdeutschlands, komparativ und hauptsächlich im Spiegel der Presse dargestellt.
Im Vordergrund stand also zunächst die Bilateralisierung der Weltpolitik, insbesondere nach dem – aus der Westperspektive – Verlust der Tschechoslowakei und der inspirierten „Erweiterung“ des Vertrags von Dünkirchen um die Beneluxstaaten, eine Bedingung, dass die USA bereit gewesen seien, sich für die Geschicke europäischer Politik ab 1948 tiefgreifend zu engagieren.
Jugoslawien war bis 1948 zunächst eine Domäne der britischen Außenpolitik, die jedoch enttäuscht wurde, da Titos Regierung nicht, wie erhofft, gleich selbständig, sondern durchaus Moskau-treu agierte. Das Foreign Office in London vertrat hierbei ganz andere Ansichten zu Jugoslawien als das Foreign Office in Kairo, so dass schließlich die Zeit 1945-1948 als eine verfehlte Politik in London angesehen wurde. Nach 1948 spielte Jugoslawien seine Außenpolitik opportun aus, der Westen allerdings dahingehend, das Land als ein „trojanisches Pferd“ gegen Moskau einzusetzen.
Die Sonderrolle des fremdsprachigen Senders BBC nach 1945 als einer in der Zeit des Zweiten Weltkriegs anerkannten Autorität unabhängiger Informationsmedien resultierte daraus, dass man sich in London der Regierungspolitik nicht in den Dienst stellte und darauf beharrte, die eigene Sicht der Weltpolitik zu präsentieren. Wie die anderen Sender, die auf Ostmitteleuropa einwirkten, beispielsweise das Radio Free Europe und Voice of America, waren alle auf Emigranten eingewiesen, die als Informationsquelle stets hervorgehoben wurden. Parallel zu diesen Radio-Initiativen finanzierte die CIA mittelbar ein Büchersendeprogramm, mit dem die zivilgesellschaftlichen Kräfte hinter dem Eisernen Vorhang gestärkt wurden. Die Rolle der so genannten KNIGANOŠI, also derjenigen Personen, die Bücher in die UdSSR über die Satellitenstaaten schmuggelten, wurde ebenfalls herausgestellt, die Erweiterung dieses Büchersendeprogramms um einen Musiktransfer hinter die Ost-West-Grenze diskutiert, und auch die Rolle der polnischen Soziologie beim Aufbau der sowjetischen, ein Prozess, der sich ebenfalls mittels eines West-Ost-Transfers über die Satellitenstaaten in der UdSSR vollzog.
Ferner behandelte man Belgiens „Ostpolitik“ insbesondere um Pierre Harmel[3]; schon die Fixierung auf den deutschsprachigen Begriff löste Kontroversen aus. Vielmehr diskutierte man jedoch die Person Adam Rapackis[4], wobei die Fragen einer selbständigen Außenpolitik kleinerer Staaten im Kalten Krieg im Vordergrund standen; dies im Zusammenhang mit der OSZE[5].
Zuletzt ging es einerseits um den – anhand der Presseberichte konstatierten – spontanen Enthusiasmus der französischen Gesellschaft für die Solidarność und die Zurückhaltung der Regierung, die von der Koalition mit den Kommunisten abhing. Andererseits wurde der gemäßigte Beifall deutscher Regierungskreise und auch der Gesellschaft für die Solidarność konstatiert, zugleich eine unvergleichbar große materielle Unterstützung für die polnische Gewerkschaftsbewegung und die polnische Gesellschaft allgemein, auch wenn insbesondere im Zuge funktionierender Netzwerke der Vertriebenen.
Abschließend ging man noch auf die selbständige Politik Jugoslawiens beim griechischen Bürgerkrieg ein. Man bemängelte, dass keine neuere Biographie Rapackis vorläge, wie dies im Fall Paul-Henri Spaaks oder Pierre Harmels vorliegt. Und es wurde festgestellt, dass Entspannungspolitik im Westen stets positiv, im Ostblock pejorativ als Schwäche aufgefasst wurde. Man verwies auf die Instrumentalisierung der polnischen Solidarność in Frankreich und in Westdeutschland entsprechend innenpolitischer Eigeninteressen.

Das dritte Panel „Beziehungsbrüche unter den Ostblockstaaten und deren Instrumentalisierung durch den Westen“, führte Ross Johnson (USA) und kommentierte Mark Kramer (USA). Es ging zum wiederholten Mal um die Frage, wie selbständig die Satelliten der UdSSR waren. In der Auseinandersetzung mit Titos Jugoslawien erlebte Ungarn einen regelrechten „Kriegszustand“ an eigener südlicher Grenze. Es war zwar ein geheimer Krieg, keineswegs aber ein „kalter“. Man unterstrich die öffentliche Wahrnehmung Jugoslawiens als Opfer der imperialen Politik beider Großmächte. In den Archivalien erscheint gleichwohl Jugoslawien als ein aggressiver Akteur, jedenfalls in den 1950er-Jahren existierten in Belgrad auch Kriegspläne gegen die Ostblockstaaten. George F. Kennan[6] spielte in der US-Politik gegenüber Jugoslawien die wichtigste Rolle, so dass Jugoslawien tatsächlich einmal, jedoch kurz, 1952, bereit war, der NATO beizutreten.
Rumänien eignet sich ebenfalls eine Sonderrolle im Ostblock ab 1964 an, was sich an der Zusammenarbeit der Securitate und der ostdeutschen Stasi gut darstellen lässt. Die Securitate unterschied zunehmend nicht zwischen der Spionage von Westen und von Osten, ihre Offiziere wurden im Gegenzug auch von der Stasi observiert, freilich auf Befehl Moskaus. Die Versuche von rumänischer Seite, bilaterale Zusammenarbeit im Bereich der Geheimdienste ab 1970 im Osten zu erneuern, scheiterten, zumal wegen der rumänischen Unberechenbarkeit wie im Jahr 1982 bei dem Manöver des Warschauer Paktes in Bulgarien, als man polnischen Einheiten den Flug über Rumänien ermöglichte, der Roten Armee jedoch dieses Recht verweigerte.
Albanien zielte tatsächlich, insbesondere ab 1956, auf eine Umorientierung der eigenen Bündnispolitik und liebäugelte mit Schweden und den Niederlanden. Doch Albanien war ein Problem, das insbesondere der Balkanpakt ab 1954 instrumentalisierte. Denn es ging um den Einfluss auf dem Balkan, eine „kleine“ Auseinandersetzung zwischen Jugoslawien, Griechenland und Italien im Rahmen des Kalten Krieges. Die USA wünschten jedoch vor allem ein unabhängiges Albanien auf dem Balkan, sogar – später – um den Preis einer Allianz mit dem kommunistischen China.
Eindeutig war nach den Referaten und dem darauf folgenden Meinungsaustausch die Botschaft an die zukünftige Forschung, zu untersuchen, inwieweit die USA und der übrige Westen und inwiefern die abtrünnigen Ostblockstatten lediglich den Kalten Krieg in der eigenen Innenpolitik instrumentalisierten.

Im vierten Panel, „Militäraspekte des Kalten Krieges – die Bedeutung der Staaten Ostmitteleuropas im Warschauer Pakt und deren Platz in den Kriegsplänen des Westens und des Ostens“, geführt von Andrzej Paczkowski (Polen) und kommentiert von Malcolm Muir (USA) wurden die abstrakten Militärpläne, insbesondere des Warschauer Paktes diskutiert. Es zeigte sich die Ungleichheit in der Darstellung, die sich durch die Öffnung der osteuropäischen Archive und Teile der Militärakten des Warschauer Paktes herauskristallisierte.
Insbesondere konstatierte man den aggressiven Charakter des Warschauer Bündnisses, der erst 1982 erste Verteidigungspläne entwickelt hatte, denn bis dahin kannte die UdSSR seit Tuchačevski[7] nur Angriffe. Ob dieser Krieg nicht nur ein imaginärer gewesen sei, wurde verneint, da eine ernste Gefahr eines atomaren Konflikts feststellbar ist. Dies jedoch steht nicht im Konflikt dazu, dass der Kalte Krieg in der Tatsache zunächst ein diplomatischer war, so JOHN HORNE (Irland).
Die Entstehung des Balkanpaktes wurde aus militärischer Perspektive als Grund für politische Entscheidung gedeutet, warum die UdSSR nach 1956 eine gemäßigte, gleichwohl eine eindeutige Annäherung an Jugoslawien anstrebte, um es in der neuen Konstellation nicht in die Hände der Gegenseite weiter zu drängen. Überhaupt behauptete man auf dem Podium der Konferenz, dass politische Entscheidungen im gesamten Ostblock gerade im Rahmen des Warschauer Paktes gefällt worden seien, wo auch die Rolle Moskaus eindeutig erschien; da aber im Politischen Beratenden Ausschuss des Warschauer Paktes einstimmig und nicht mehrheitlich entschieden werden musste, bot sich dieses Gremium an, zumindest einen Meinungsaustausch einzuleiten. Zum zweiten Mal fiel der Name Rapackis, und die polnische Politik gegenüber dem Warschauer Pakt bezüglich Westdeutschland in der zweiten Hälfte 1960er-Jahren und in den 1970er-Jahren ließ sich hier gut einbringen, ebenfalls die Motivationen und Ursachen für die OSZE aus dem Blickwinkel des Ostblocks.
Lediglich Rumänien frustrierte sowohl den Westen als auch den Osten in militärischer Hinsicht und die Rolle seiner Streitkräfte auch im Warschauer Pakt muss erst erforscht werden.
Sehr interessant wurde die militärische Unterstützung der DDR in der „Dritten Welt“ dargestellt: Im Westen hatte man sogar von Honeckers Truppen in Afrika als einem neuen Afrika-Korps gesprochen. In Wirklichkeit jedoch spielte sich diese Unterstützung, erst 1967 eingeleitet, auf ostdeutschem Boden ab. Man transferierte Geräte und Wissen, ohne jedoch die nationalen Unterschiede der Empfänger in der Mentalität, der Bildung, der Geographie etc. zu berücksichtigen, so dass man aus der heutigen Sicht diese Hilfen einer Analyse unterstellen muss, um treffende Aussagen zu machen: Solche Ergebnisse werden demnächst tatsächlich veröffentlicht. Übrigens jeder Ostblockstaat unterstütze ein Land der so genannten Dritten Welt nach Verteilungsschemata Moskaus.
Die Türkei gehörte der Nato an und nicht gerade dem Warschauer Pakt, dennoch wurde sie in diesem Panel behandelt, da Parallelen vermutet wurden: Es handelte sich um einen Staat mit großen Ambitionen, welche die NATO eingrenzen wollte. Bis 1960 wurde die türkische Armee mit Hilfe von Wissen und Material aus den USA aufgerüstet. Doch ab 1960 kam Kritik der türkischen Militärs auf, man sei lediglich eine kleine US-Armee, fähig zwar im globalen Konflikt einzusetzen, jedoch nicht um die eigenen Grenzen zu schützen. Der Fehler wurde darin gesehen, dass die Türkei in der Verteidigung die US-Doktrin kritiklos, ohne ein politisches Konzept übernommen habe. Daher resultierte unter anderem die Gefahr eines Konflikts mit Syrien 1957, aber auch militärische Pläne in einem vermeintlichen Atomkrieg erwiesen sich und erweisen sich heute noch als völlig verfehlt.
Man diskutierte im Anschluss an alle Referate zwar die militärischen Belange, vermissen konnte man den – immerhin deutlich angesprochenen – Kontext militärischer Bedeutung in der Politik der UdSSR und deren Satelliten.

Das fünfte Panel „Länder Ostmitteleuropas im sowjetisch-chinesischen Konflikt“, führte Mircea Munteanu (USA) und kommentierte Lorenz Lüthi (USA). Der Konflikt der UdSSR mit China akzentuierte sich deutlich in der Beziehung zu Rumänien. Nicht nur, dass Rumänien als erstes Land die Volksrepublik China international anerkannte, vielmehr nahm es nicht am propagandistischen Krieg der Sowjetunion gegen China teil. Diese Auseinandersetzung war sowohl ideologisch als auch realpolitisch bedingt; insbesondere hinsichtlich des Personenkults. Rumänien bemühte sich in den späten 1960er-Jahren um Kontakte zwischen der US-Diplomatie und China. Man stellte jedoch keine tatsächliche Annäherung zwischen China und Rumänien fest, sondern viel mehr eine beidseitige Instrumentalisierung einer propagierten Zusammenarbeit.
Da 1955 auch Jugoslawien mit China diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte, wuchs in Moskau – angesichts der Unruhen in Polen und Ungarn 1956 – die Angst vor dem jugoslawischen Sozialismusmodel. Doch es gibt Belege, dass auf dem Höhepunkt des sowjetisch-chinesischen Konflikts 1962 Tito in dieser Auseinandersetzung eindeutig eine prosowjetische Stellung einnahm.
1960 entschloss sich Albanien, dem sowjetischen Kurs zu entsagen und schlug einen chinesischen Weg zum Kommunismus ein, nicht ohne aktive Bemühungen der Chinesen selbst. Auf diese Weise gelang es der VRCh, aus der ideologischen Isolation innerhalb des gesamten kommunistischen Blocks zu kommen. Die Annäherung Jugoslawiens an die UdSSR wurde hingegen als Grund gewertet, warum Albanien den Wechsel zu China vollzog, und die USA sahen dieser Entwicklung nicht abgeneigt entgegen.
Der Konflikt wurde ebenfalls in Asien bemerkt. Vietnam jedoch kooperierte mit der DDR davon unbeeindruckt. Überhaupt zeigt sich am Beispiel dieses Bündnisses, wie kleinste sozialistische Staaten einen gemeinsamen Nenner suchten und fanden. Der Krieg Vietnams mit China rief lediglich zusätzliche Hilfe hervor. Vorweggenommen wurden in diesem Beitrag die Überbleibsel des Kalten Krieges. Immerhin ist Vietnam heute der zweitgrößte Exporteur von Kaffee, ein Industriezweig, der mithilfe der DDR aufgebaut worden ist. Auf dem Weg zahlte Vietnam ab 1980 die Kosten der Auslandshilfe in materieller Form an die DDR zurück. Auch das Innenministerium Vietnams konnte nur mit Hilfe der Stasi der DDR aufgebaut werden. Und was noch die VRCh anbelangt: Vietnam entschied sich angesichts des anrückenden Ende des Kalten Krieges nicht für den sowjetischen Reformkurs der perestrojka, sondern für den chinesischen Erneuerungsweg.
Das Verhältnis der VRCh zu den Satelliten der UdSSR war durch Missachtung geprägt, weil Mao Zedong meinte, man greife im Schachspiel nicht einen Läufer an, wenn der König zu treffen sei, um meinte damit, die UdSSR sei der einzige Partner der Chinesen. Moskau wiederum rief nie offiziell dazu auf, China zu verurteilen, war gleichwohl bedacht, eine militärische und partei-ideologische Zusammenarbeit der Satelliten in Ostmitteleuropa mit China zu verhindern.

Das letzte, das sechste Panel, „Politische und kulturelle Demobilisation in Europa nach dem Kalten Krieg“, führte Paweł Machcewicz (Polen) und kommentierte Dariusz Stola (Polen). An deren Organisation wirkte übrigens institutionell das Projekt „EurohistXX“ <http://www.eurhistxx.de/> mit. Zunächst wurde gefragt, welche Epoche denn 1989 zu Ende ging. Man konstatiert das Ende der staatlich verordneten Geschichtsschreibung nicht nur im Osten, sondern und vor allem auch im Westen. Am Beispiel der Rezeption des Holocaust, dessen Ursachen und der Schuldfrage sieht man, dass 1989 ebenfalls im Westen eine Zäsur feststellbar ist, zumal in Frankreich und in Großbritannien. In der Öffentlichkeit nimmt man es beispielsweise dadurch wahr, weil nicht mehr dem Anfang des Schumann-Plans, als viel mehr dem Befreiungstag von Auschwitz im Gesamteuropa gedacht wird. Doch es kam auch die Frage auf, ob sich Europa nur über die Paradigmen der Sklaverei, des Kolonialismus und des Holocaust erkennen darf und muss, ob doch nicht Positives wichtiger wäre, auch etwas aus den Zeiten des Kalten Krieges.
Am Beispiel Rumäniens wurde exemplarisch gezeigt, wie sich das historische Bewusstsein eines Landes nach 1989 veränderte. Rumänien habe heute offiziell zwei nationale Geschichten, die so genannte alte und diejenige, die mit dem Holocaust in Verbindung gebracht wird. Es ist sicherlich ein Fortschritt, doch belegt schon die Fixierung auf die neu entdeckte Totalitarismustheorie, dass man sich lieber als Opfer eines oder mehrere Systeme versteht als sich kritisch mit den historischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.
Am Beispiel des Samisdat wurden zivilgesellschaftliche Komponenten hinter dem Eisernen Vorhang in Erinnerung gerufen und gezeigt, dass die Kräfte, welche hinter der Bewegung standen – ging es doch nicht nur um Publikationen von nicht konformen Texten, sondern allgemein um ein nicht konformes Denken –, nach 1989 tatsächlich zur intellektuellen Erneuerung der Gesellschaften in Ostmitteleuropa erfolgreich beitragen konnten. Es wurde schließlich konstatiert, der homo soveticus habe nie existiert, sondern nur ein Bestreben, einen solchen Menschen zu erschaffen. Infolge dessen gab es eine irreführende Wahrnehmung im so genannten Westen, als gäbe es im östlichen Europa nur solche Individuen, eine Propaganda, die bis heute hineinwirkt.
Die Konferenz schloss ein Vortrag ab, der den Kalten Krieg in einem Zusammenhang mit den zwei weiteren Weltkriegen des 20. Jahrhunderts brachte. Termini wie Kriegskultur und politische sowie kulturelle Demobilisation wurden dahingehend erörtert, dass es Unterschiede von 1989 im Vergleich zu 1918 und 1945 gab. Wichtig erschien die Rolle des Pazifismus, der nicht wie früher, nach dem Ende des jeweiligen Konfliktes aufgekommen war, sondern mitten im Kalten Krieg zu einer gesellschaftlich-politischen Bewegung wurde. Zuletzt ging es in Form polemischer Fragen an die Postulate für die Geschichtswissenschaft: als kulturelle Demobilisation könnte man wohl auch Lenins Staatstreich im Bezug auf den Ersten Weltkrieg auffassen, genauso die Rolle der deutschen Konservativen vor 1933: sie hätten zum Krieg mobilisiert, und die Ära Jelzin wurde mit der Weimarer Zeit als Nachkriegszeit verglichen.
Man verwies zuletzt darauf, dass die europäische Gemeinschaft, gesehen eben nicht im institutionellen Kontext, sondern im übertragenen Sinn, eine Erfahrungsgemeinschaft sei, eine post-war-society, und gemeint war hier der Kalte Krieg.

Auf der Konferenz wurde gezeigt, dass hinter dem Eisernen Vorhang keineswegs ein ideologisch und politisch starrer und monolithischer Staatenblock bestand. Weitere Forschungen sind vorprogrammiert, da die bis 1989 nicht zugänglichen Archivalien in Ostmitteleuropa die Sicht noch um viele neue Erkenntnisse erweitern werden.
Ein zweiter Gewinn der Konferenz ist die konstatierte Erkenntnis, wie wenig komparative Forschung zum Kalten Krieg in Ost und West bisher erfolgte, zumal auch im Westen zahlreiche Quellen aus den Innen- und Außenministerien sowie den Staatssicherheitsbehörden noch nicht ausgewertet sind.

Konferenzübersicht:

Session I: Activities of European Soviet Bloc countries towards the West during the Cold War
Chair – János Tischler (Hungary)
Discussant – Łukasz Kamiński (Poland)

Alexenia Dimitrova (Bulgaria) – How the Bulgarian Secret Services planted “defectors” in West

Attila Szorenyi (Hungary) – British-Hungarian Diplomatic Relations and the Sanders Case, 1949–1953

Guy Laron (Israel) – The Soviet Satellites and the Six-Day War, 1966–1967

Ivana Dobrivojevic (Serbia) – Cartoon as a powerful propaganda tool. Images of East and West in Yugoslav satirical press 1948–1952

Zbigniew Osiński (Poland) – Anti-Western propaganda as an element of political-ideological indoctrination in Polish education in 1944–1989

Session II: Western European countries towards East-Central Europe during the Cold War
Chair – Prof. Wojciech Roszkowski (Poland)
Discussant – Yale Richmond (USA)

Peter Švík (Slovakia) – The Impact of the Prague Coup on the Creation of the Brussels Pact

Jerca Vodusek-Staric (Slovenia) – Diplomatic and Intelligence activities between the West and Yugoslavia 1945–1955

Gordon Johnston (United Kingdom) – Listening to the Voices: The BBC’s Central-European Service in the Early Years of the Cold War

Alfred A. Reisch (Hungary) – The West´s Secret Book Distribution Program During the Cold War

Idesbald Goddeeris (Belgium) – The Belgian “Ostpolitik”. ą re-assessment from the East

Karolina Pietras (Poland) – France and Germany’s position during the end phase of the Cold War: the Polish crisis of the of 1980/1981

Lecture: Prof. Silvio Pons (Italy) – Cold War as a European Conflict

Session III: Rifts between the European countries of the Communist Bloc and their exploitation by the West
Chair – A. Ross Johnson (USA)
Discussant – Prof. Mark Kramer (USA)

László Ritter (Hungary) – The Secret War between the Soviet bloc and Tito’s Yugoslavia, 1948–1954

Ivan Laković (Montenegro) – The Consequence of Rift. Western Military Aid to Yugoslavia 1951–1958

Georg Herbstritt (Germany) – Refused Cooperation: The Relation Stasi-Securitate

Hamit Kaba (Albania) – The Albanian – Soviet Conflict and its Exploitation by the West

Session IV: Military aspects of the Cold War – the role of East-Central European countries in the Warsaw Pact and their place in the military plans of the East and West
Chair – Andrzej Paczkowski (Poland)
Discussant – Malcolm Muir (USA)

Miklós Horváth (Hungary) – War Plans of the Warsaw Treaty on South-West Theatre of Military Operation – “Self-defence” from Hungarian-Austrian Border to Trapani on Sicily

Dmitar Tasic (Serbia) – War planes of Balkan Treaty countries against Soviet Union and its satellites 1953–1955

Władysław Bułhak (Poland) – The Polish Army in the Warsaw Pact

Wanda Jarząbek (Poland) – Poland in the Military Structures of the Warsaw Pact

Petre Opris (Romania) – The Soviet-Romanian Military Relations in the Late 1970s and Early 1980s

Klaus Storkmann (Germany) – “Anti-imperialist solidarity?“ Military assistance of the GDR to liberation movements and armed forces in the Third World

Fatih Tokatli (Turkey) – “The Warrior that Survived the Cold”. Transformation of Turkish Military in the Cold War

Session V: Countries of East-Central Europe towards the Sino-Soviet conflict
Chair – Mircea Munteanu (USA)
Discussant – Lorenz Lűthi (Canada)

Qiang Zhai (USA) – China and Romania: In the Shadow of the Sino-Soviet Relations

Alexandr Stykalin (Russia) – The Sino-Soviet Conflict and the Soviet-Yugoslav Relations

Péter Vámos (Hungary) – East-Central Europe and the process of Sino-Soviet normalization in the 1980s.

Ana Lalaj (Albania) – The break with the Soviets and the last ally of the Communist Albania

Bernd Schaefer (USA) – “Invincible Vietnam”. East German Support for Socialist Vietnam, 1965–1989

Session VI: Demobilization in Europe after the Cold War – political and cultural (session co-organised by EurhistXX – the European Network for Contemporary History
Chair – Prof. Paweł Machcewicz (Poland)
Discussant – Prof. Dariusz Stola (Poland)

Pieter Lagrou (Belgium) – Demobilizing Europe, 1989–2009

Henry Rousso (France) – The Holocaust Remembrance, a post Cold War issue? The struggle of the Klarsfelds

Cristina Petrescu (Romania) – Rethinking national identity after national-communism? The case of Romania

Patryk Wasiak (Poland) – Demobilization of the Samizdat Culture after 1989

John Horne (Ireland) – 1989–2008. A post-war period in perspective

Anmerkungen:
[1] Zu Edgar Sanders siehe Bernd-Rainer Barth / Werner Schweizer u.a. (Hrsg.), Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa, Berlin 2007, S. 11, Anm. 47.
[2] Wojciech Roszkowski ist älteren Lesern unter dem Pseudonym Andrzej Albert bekannt.
[3] Vgl. Vincent Dujardin, Pierre Harmel biographie, Bruxelles 2005.
[4] Zu Rapacki siehe Ryszard Liczmański, Adam Rapacki zarys biograficzny, Warszawa 1989.
[5] Vgl. Kurt P. Tudyka, Die OSZE besorgt um Europas Sicherheit. Kooperation statt Konfrontation, Hamburg 2007.
[6] Zu Kennan siehe Bernd Stöver, Der Kalte Krieg 1947-1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters, Bonn 2007. S. 16, 31, 49, 62, 68, 71, 79, 81, 86, 98, 123.
[7] Es wird verwiesen auf das Buch von Bogdan Musial, Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Ostmitteleuropa im Kalten Krieg 1945-1989, 16.10.2008 – 18.10.2008 Warschau, in: H-Soz-Kult, 17.11.2008, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2342>.