11. Tagung des Arbeitskreises „Religion und Aufklärung“ zum Thema „Aufklärung macht Schule“

Ort
Wittenberg
Datum
02.12.2011 - 04.12.2011
Veranstalter
Arbeitskreis "Religion und Aufklärung"
Von
Christian Elmo Wolff, Evangelisch-Theologische Fakultät, DFG-Spalding-Projekt, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Wirkung der theologischen Aufklärung auf die Bildungslandschaft stand im Mittelpunkt der elften Tagung des Arbeitskreises „Religion und Aufklärung“.[1] Durch die Präsentation ihrer neuesten Forschungsergebnisse erschlossen die annähernd 30 teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das diesjährige Thema „Aufklärung macht Schule“ multiperspektivisch und interdisziplinär. Fachkundig führten die Veranstalter Albrecht Beutel (Münster) und Markus Wriedt (Frankfurt am Main/Milwaukee) durch das abwechslungsreiche und vielschichtige, aus fünf Themenblöcken (Bildung, Universität, Schule, Religionspädagogik, Rezeption) bestehende Programm.

THOMAS K. KUHN (Greifswald) analysierte im Eröffnungsvortrag die (religions-)pädagogischen Diskurse in den ersten 20 Jahrgängen des seit 1770 erscheinenden und vornehmlich für Landpfarrer konzipierten „Journals für Prediger“. Er zeigte auf, dass die auf die Reform pastoraler Praxis zielenden und häufig Exempel erzählenden Beiträge keinen theoretisch-abstrakten, sondern einen vielschichtigen „narrativen Diskurs“ formten und wesentlich im Kontext der breiten volksaufklärerischen Diskussionen um Funktion und Nutzen des Pfarramtes zu verstehen sind.

MARKUS WRIEDT (Frankfurt am Main/Milwaukee) schilderte die Transformation des Bildungsbegriffs im 18. Jahrhundert, in deren Folge er weiter säkularisiert, das heißt intensivierten, freilich nicht erst unter den Bedingungen des 18. Jahrhunderts beginnenden Prozessen der Pluriformisierung, Desakralisierung und Entkirchlichung zahlreicher Dimensionen sozialen, kulturellen, politischen und auch wirtschaftlichen Lebens unterworfen wird. Der Beitrag zeichnete die Entwicklungen als durchaus konsequente Fortentwicklung ursächlich reformatorischer Initiativen nach und sieht den nächsten gravierenden Einschnitt der Begriffsentwicklung mit dem Entwurf Friedrich Schleiermachers gegeben.

Die Gründungskonzeption der Universität Göttingen untersuchte CHRISTOPH T. BECKMANN (Münster) in seinem Beitrag. Sie war – orientiert an den Bedürfnissen des Staates – an einer effizienten Lehre und Forschung orientiert (Bibliothek, enzyklopädische Einleitungsvorlesungen etc.). Besonderes Gewicht legten die Gründerväter auf die Vermeidung von Lehrstreitigkeiten: Neben einer Lösung der Zensur vor allem durch die Abschaffung der Aufsichtsfunktion der Theologie.

REINHARDT WÜRKERTs (Greifswald) Vortrag über das Greifswalder Landschullehrerseminar stellte den spannenden Schlusspunkt des ersten Tages dar. Dieses wurde 1791 gegründet, um die Bildungszustände in den ländlichen Regionen Schwedisch-Pommerns zu verbessern. Insbesondere der aufgeklärte Greifswalder Theologieprofessor und Generalsuperintendent Gottlieb Schlegel hatte mit seinem Schrifttum und praktischen Einsatz die äußere und innere Ausgestaltung des Seminars beeinflusst.

Der Themenblock „Schule“ wurde am Vormittag des nächsten Tages durch vier versierte Vorträge beleuchtet. DIRK FLEISCHER (Reeken) zeigte, dass in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ein fundamentaler Dissens über die Zukunft des Schulwesens und die pädagogische Ausrichtung der institutionalisierten Erziehung zwischen den Vertretern der Aufklärung und ihren konservativen Gegnern bestand: Die aufgeklärten Pädagogen forderten eine eigenständige Ausbildung für Lehrer und die Abschaffung bzw. Einschränkung der geistlichen Schulaufsicht.

MALTE VAN SPANKEREN (Münster) analysierte die doppelte Krise der Franckeschen Stiftungen. Zwischen 1770 und 1800 waren diese in wirtschaftlicher Hinsicht in eine bedrohliche Schieflage geraten und mussten sich überdies zunehmend mit Vorwürfen bezüglich einer pädagogischen Rückständigkeit auseinandersetzen. Insbesondere durch das Engagement August Hermann Niemeyers sollten die Stiftungen schließlich pädagogisch modernisiert und wirtschaftlich erstarkt aus dieser Krise hervorgehen.

ANDRES STRAßBERGER (Großbothen/Leipzig) referierte über Christian Gotthilf Salzmanns „Gottesverehrungen“ im Philanthropin zu Dessau und in der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal. Er analysierte deren liturgische Konzeption vor dem Hintergrund jener geistigen Strömung, die literaturgeschichtlich als „Empfindsamkeit“ klassifiziert wird. In dieser Perspektive erscheinen Salzmanns Gottesverehrungen als die Idealgestalt eines „empfindsamen“ Gottesdienstes, in dem alle relevanten Teile unter „empfindsamen“ Gesichtspunkten aufeinander abgestimmt werden.

Die gängige Zuordnung des Religionspädagogen Salzmanns zur Neologie wurde anschließend von ALBRECHT BEUTEL (Münster) überprüft. Anhand des Alterswerks „Unterricht in der christlichen Religion“ (1808) zeigte sich dabei, dass Salzmann gegen Ende seines Lebens als Vertreter einer zum platten, populartheologischen Rationalismus neigenden, bereits anachronistisch gewordenen Aufklärungstheologie in Erscheinung trat.

Die drei folgenden Vorträge behandelten das Themenfeld „Religionspädagogik“. Zuerst charakterisierte WALTER SPARN (Erlangen) den Erlanger Theologieprofessor Georg Friedrich Seiler, der auf der Basis des eklektischen Wissenschaftsideals und historischer Relativierung normativer Ansprüche in der Schule J. F. Buddes ein „erbauliches“, ebenso „vernunftmäßiges“ wie „biblisches“ Christentum artikulierte. Dabei gab er sich dogmatisch eher (aber nicht durchweg) konservativ, wirkte jedoch auf dem Feld der Liturgie, des Gesangbuchs und vor allem der Religionspädagogik umso entschlossener neologisch im Sinne der Akkommodation an die intellektuellen und emotionalen Möglichkeiten der Kinder, der Jugendlichen und der einfachen Leute (Volksaufklärung).

Dass die Themen Bildung und Erziehung zum Kern von Johann Friedrich Wilhelm Jerusalems Theologie gehören, wies CLAUS-DIETER OSTHÖVENER (Wuppertal) nach. Sie prägen nicht nur Jerusalems Schriften, sondern schlagen sich auch in seinem institutionellen Wirken in vielfacher Weise nieder.

HANS GÜNTER HEIMBROCK (Frankfurt am Main) behandelte in seinem Beitrag die Entdeckung der Kindheit. Er stellte dar, dass die Erziehungsmöglichkeit des ganzen Menschen erstmals wahrgenommen wurde und schilderte insbesondere Jean-Jacques Rousseau auf Grund seines pädagogisches Hauptwerks „Émile“ als Entdecker der Kindheit.

Den Abschluss der facettenreichen Tagung bildeten drei Vorträge, in denen verschiedene Rezeptionen der aufklärerischen Bildungsüberlegungen vorgestellt wurden: BERNHARD HACKL (Frankfurt am Main) befasste sich mit der maßgeblichen Rolle, die das Wirken Johann Ignaz Felbigers bei der Neustrukturierung des niederen Schulwesens in der „Monarchia Austriaca“ spielte. Sein 1777 im Zuge der Reformen entstandenes „Methodenbuch für Lehrer der deutschen Schulen“ weist dabei viele Merkmale älterer Konzepte aus dem protestantischen Bereich, insbesondere der Heckerschen „Ökonomisch-mathematischen Realschule“ in Berlin auf. Da konfessionelle Charakteristika weitgehend fehlen, steht Felbiger insgesamt für eine pragmatische, neutrale Adaption aufgeklärten Gedankengutes in ein katholisches Umfeld.

Einen Aspekt moralischer Erziehung und Bildung bei Immanuel Kant stellte HANNA KAUHAUS (Jena) dar: Ausgehend vom radikalen Bösen und dem „Problem des neuen Menschen“ zeichnete sie nach, wie biblische Texte durch die Veranschaulichung von Vernunftwahrheiten sowie als Grundlage eines ethischen Gemeinwesens auf den menschlichen Willen Einfluss bekommen können. Dabei wurde auch deutlich, dass die Ausrichtung auf den Erziehungs- und Bildungsprozess einen bestimmenden Faktor für Kants bibelhermeneutische Theorie und Praxis darstellt.

MICHAEL THIELE (Frankfurt am Main) wies darauf hin, dass der Dichter, Philosoph, Theologe und Prediger Jakob Michael Reinhold Lenz in seinem Stück „Der Hofmeister“ von 1774 das Privatlehrertum an den adligen Höfen kritisierte und den Hoflehrern vorwarf, sich zu Sklaven des Adels zu machen. Im 20. Jahrhundert führte B. Brecht diese Kritik in seiner Hofmeister-Bearbeitung von 1950 weiter und warf seinerseits der öffentlichen Schule vor, mit ihrer Pädagogik den Verflechtungen von Ökonomie und Militarismus Vorschub geleistet zu haben.

Die äußerst ertragreiche Tagung, die durch ihre vielschichtigen und aufschlussreichen Untersuchungen einen höchst relevanten Beitrag zur Aufklärungsforschung leistete, schloss mit einem herzlichen Dank für die Förderung der Arbeit durch die Fritz-Thyssen-Stiftung sowie die Aufnahme Thomas Kuhns in den Kreis der Veranstalter. Vom 16. bis zum 18. November 2012 wird der Arbeitskreis sich mit dem Thema „Umstrittener Kultus. Religionspraktische Reformen im 18. Jahrhundert“ befassen.

Konferenzübersicht:

Thomas Kuhn (Greifswald): (Religions-)Pädagogische Diskurse in Pastoralzeitschriften des 18. Jahrhunderts

Markus Wriedt (Frankfurt am Main/Milwaukee): Gelehrte Pietas und fromme Erudition. Anmerkungen zum Wandel des Bildungsbegriffes im 18. Jahrhundert

Christoph Beckmann (Münster): Aufgeklärte Universität

Reinhardt Würkert (Greifswald): Aufgeklärte Lehrerbildung im Greifswalder Landschulseminar im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

Dirk Fleischer (Reeken): Staat und Schulaufsicht. Zur Frage nach der geistlichen Aufsicht über das Schulwesen

Malte van Spankeren (Münster): Die Krise der Franckeschen Stiftungen

Andres Straßberger (Großbothen/Leipzig): Christian Gotthilf Salzmanns „Gottesverehrungen“ in Dessau und Schnepfenthal

Albrecht Beutel (Münster): Neologie in der Schule. Der Schnepfenthaler Religionspädagoge Christian Gotthilf Salzmann

Walter Sparn (Erlangen): Die religionspädagogische Literatur Georg Friedrich Seilers (1733-1807, Erlangen) im Kontext seiner Initiativen für die „Volksaufklärung“

Claus-Dieter Osthövener (Wuppertal): Jerusalem als Erzieher

Hans Günter Heimbrock (Frankfurt am Main): Religionspädagogische Bemühungen in der Aufklärung. Auf dem Wege zur Entdeckung der Kindheit

Bernhard Hackl (Frankfurt am Main): Das „Methodenbuch für Lehrer der deutschen Schulen“ Johann Ignaz Felbigers als eine Form katholischer Rezeption aufgeklärter Pädagogik

Hanna Kauhaus (Jena): Biblische Bildung bei Immanuel Kant

Michael Thiele (Frankfurt am Main): Pietistische Schulmeister, der aufgeklärte Hofmeister. Lenz und Brecht

Anmerkung:
[1] Dieser Bericht wurde bereits in der Theologischen Literaturzeitung (ThLZ) veröffentlicht: ThLZ 137 (2012), S. 376-378.

Zitation
Tagungsbericht: 11. Tagung des Arbeitskreises „Religion und Aufklärung“ zum Thema „Aufklärung macht Schule“, 02.12.2011 – 04.12.2011 Wittenberg, in: H-Soz-Kult, 26.04.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4218>.