Das Zollwesen im Westen des Imperium Romanum

Ort
Jena
Datum
13.09.2012 - 15.09.2012
Veranstalter
Peter Kritzinger / Frank Schleicher, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Von
Peter Kritzinger, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Das Zollwesen des Imperium Romanum ist zur Zeit in den Altertumswissenschaften nur am Rande präsent. Dabei steht das Mauerblümchendasein des Themas in der Forschung im krassen Widerspruch zur tatsächlichen Bedeutung sowohl für die antiken Zeitgenossen als auch für unser Verständnis von der antiken Welt, denn der antike Zoll tangierte nahezu alle tragenden Pfeiler des Imperium Romanum. Auf der einen Seite basierte der Finanzhaushalt des Imperium zu einem guten Teil auf den verschiedenen Arten der vectigalia, dem allgemeinen Begriff für ‚Abgaben‘. Auf der anderen Seite bestimmten Tormaut, Brückenzölle sowie Zensus und Tributabgaben das Alltagsleben jedes einzelnen Reichsbewohners. Im Gegensatz zu der offenkundigen historischen Bedeutung spielt das Zollsystem weder in der antiken Literatur noch in den modernen Forschungsdebatten eine wichtige Rolle. Während die antike Intelligenz im Zoll offenbar lediglich ein lästiges, geistloses Phänomen sah, dürfte die spärliche Beachtung durch die Altertumswissenschaften paradoxerweise gerade der Bedeutung des Gegenstandes geschuldet sein. Denn obwohl sich die Relevanz des Abgabewesens für nahezu alle historischen Teilfächer nicht von der Hand zu weisen ist, so spielt es doch kaum je die zentrale Rolle. Und so ist – wie TIMO STICKLER (Jena) in seiner Eröffnungsrede feststellte – das Thema zwar überall zu Hause doch nirgendwo daheim.

Die Tagung konzentrierte sich auf die Untersuchung des westlichen Teils des Imperium, da dieser Reichsteil weit weniger erforscht ist. Diese Beobachtung ist sicherlich auch der Quellendichte geschuldet. RUDOLF HAENSCH (München) warnte davor, aufgrund der besseren Quellensituation im Osten des Imperium, die vor allem auf die sogenannten Zollinschriften aus Palmyra, Ephesos und Myra sowie den Informationen aus den Papyri zurückzuführen ist, auch auf eine differenziertere Organisation des Zolls zu schließen. Obwohl es zweifellos Unterschiede in der Zollorganisation gab, könnten Zeugnisse aus den verschiedenen Reichshälften zumindest unter bestimmten Bedingungen und vor allem für die großen Zolldistrikte verallgemeinert werden.

Diese grundlegende Überlegung wurde durch die Ausführungen von JÉRÔME FRANCE (Bordeaux) bestätigt, der in seinem Vortrag auf die Formel lex portus maxima hinwies, die sich in Inschriften sowohl im Osten (Palmyra, Ephesos) als auch im Westen (Zarai) nachweisen lässt. Er interpretierte die Formel als Verweis auf eine Art Hauptzollregelung, die für jeweils den gesamten Zolldistrikt Gültigkeit besessen hätte. Die Zolldistrikte, die augenscheinlich nicht mit der Provinzeinteilung des Imperium Romanum übereinstimmten, deutete Rudolf Haensch überzeugend als Relikte aus augusteischer Zeit, als die Zollhoheit als Teil der Machtbefugnis (provincia) dem römischen Magistraten vom römischen Staat übertragen wurde. Als die provinciae der Magistrate in territoriale Verwaltungsbezirke (Provinzen) umgewandelt wurden, seien die Zolldistrikte davon unberührt geblieben. Umso dringender stellt sich die weitgehend ungelöste Frage, in welche Kassen die Zolleinnahmen flossen.

Diese Zollregionen wurden offenbar zentral verwaltet und natürlich wurde das System zumindest zum Teil auch zentral an die sich laufend ändernden Rahmenbedingungen angepasst. FRANK SCHLEICHER (Jena) versuchte diese Veränderungen anhand des Wandels in der Terminologie nachzuvollziehen. Der Wandel in der Begrifflichkeit könnte – so die Überlegung – darauf hindeuten, dass das Zollsystem zunehmend unter kaiserliche Kontrolle gelangte, wobei der Endpunkt der Entwicklung mit der Einführung der reichsweiten octava (12,5 %) erreicht worden sei.

Neben den überregionalen Zolldistrikten existierten eine ganze Reihe weiterer, lokaler Formen von Zöllen. Viele dieser Abgaben würde man heute wohl mit differenzierenden Begriffen, wie etwa Straßenmaut, Brückenzoll oder Durchfahrtsabgabe bezeichnen. Hinter den inschriftlich für die Stadt Rom belegten Begriffen ansarium und foricularium verbergen sich zwei solcher lokaler Zölle, die von KATHARINA WOJCIECH (Freiburg im Breisgau) in ihren Ausführungen beleuchtet wurden. Dabei dürfte das ansarium Waren betroffen haben, die in Gefäßen mit Griffen (ansaria) in die Stadt gebracht wurden. Das foricularium dürfte dagegen vor allem auf Tiere erhoben worden sein, die durch eigene Durchlässe (foricula) in die Stadt gelassen wurden.

Es liegt auf der Hand, dass ein so vielschichtiges Zollsystem eines ausdifferenzierten Personals bedurfte. Wie verzweigt das Arbeitsfeld der Zöllner war, können vor allem Inschriften bezeugen. SUSANNE FROEHLICH (Gießen) hat die auffallende Häufung von Inschriften entlang der Route über dem Plöckenpass untersucht und ausgewertet. In der Diskussion wurde auf die Diskrepanz zwischen dem negativen Image der Zöllner und den vielen Ehreninschriften im gesamten Illyricum hingewiesen. KLAUS ZIMMERMANN (Münster) hat insgesamt den sogenannten „epigraphic habit“ thematisiert und die vielen inschriftlichen Belege aus dem illyrischen Raum den spärlichen Funden anderer Regionen gegenübergestellt.

Gerade aufgrund der weitgehend fehlenden literarischen Quellen wird der Blick auf ansonsten wenig beachtete Quellengattungen gelenkt. PETER ROTHENHÖFER (München) hat die Bleibarren auf die Frage hin untersucht, was sie über das Zollwesen aussagen können. Beinahe alle Barren weisen nämlich Stempelinschriften auf, die möglicherweise durch den Zoll entstanden sein könnten. PETER KRITZINGER (Jena) äußerte die Vermutung, dass diese Inschriften einerseits dazu dienten, den Besitzer zu nennen, dass durch sie aber andererseits auch der zu entrichtende Zoll ermittelt werden konnte. Denn es scheint, dass die Transporte mit Frachtpapieren ausgestattet gewesen seien, anhand derer der Zoll berechnet wurde. Nur in Ausnahmefällen wurde offenbar die gesamte Fracht überprüft, wofür aber alle Waren einzeln gekennzeichnet gewesen sein mussten. Sowohl Stempel auf Waren (z.B. Brandstempel auf Weinfässer oder Bleibarrenstempel) oder sogenannte tituli picti auf Amphoren, als auch Bleisiegel dürften zu diesem Zweck an den Waren angebracht worden sein. Gerade die Bleiplomben können offenbar unser Bild vom römischen Zollwesen korrigieren und vor allem erweitern.

Ein weiterer überraschender Befund wird von der Archäologie beigesteuert. Sebastian Matz versuchte, anhand archäologischer Befunde eine römische Zollstation zu lokalisieren. Doch trotz der prinzipiellen Gewissheit, dass Zollstationen ergraben worden sein müssen, ist es bisher noch nicht gelungen, eine solche auch zweifelsfrei zu identifizieren. Hier steht die Forschung augenscheinlich noch ganz am Anfang und kann nur durch die Auswertung von Indizien aus allen Disziplinen der Altertumswissenschaften auf Fortschritte hoffen.

Gerade durch das Ineinandergreifen der verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaften ist es dem Kolloquium gelungen, unser Bild vom römischen Zollwesen zu erweitern und zu schärfen. Eine Drucklegung der Tagungsbeiträge scheint vor den beeindruckenden Ergebnissen wünschenswert und ist für das Jahr 2013 angedacht.

Konferenzübersicht:

Rudolf Haensch (München), Zentrale öffentliche Finanzquelle oder für alle lästiges Übel? Zölle im Imperium Romanum

Frank Schleicher (Jena), Das Zollwesen in den juristischen Quellen

Susanne Froehlich (Gießen), Die Zöllner am Plöckenpass: Zum Zollpersonal an den Alpenstraßen nach Aguntum und Virunum

Jérôme France (Bordeaux), Zarai et la question des tarifs africains

Katharina Wojciech (Freiburg im Breisgau), Die stadtrömischen Zollstationen und die Lebensmittelversorgung Roms in severischer Zeit

Peter Rothenhöfer (München), Metallversorgung im Westen des Imperium Romanum und das römische Zollwesen

Klaus Zimmermann (Münster), Zöllner im Illyricum: Job oder Beruf?

Peter Kritzinger (Jena), Was Bleisiegel über das römische Zollwesen aussagen können

Sebastian Matz Jena), Bemerkungen zur Archäologie des spätrömischen Zollwesens

Timo Stickler (Jena), Zusammenfassung und Ausblick

Zitation
Tagungsbericht: Das Zollwesen im Westen des Imperium Romanum, 13.09.2012 – 15.09.2012 Jena, in: H-Soz-Kult, 15.10.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4413>.