À la recherche du temps present

Ort
Rennes
Datum
30.11.2012 - 01.12.2012
Veranstalter
Emmanuel Droit, Universität Rennes II; Hélène Miard-Delacroix, Universität Paris Sorbonne; Frank Reichherzer, Humboldt-Universität zu Berlin
Von
Kristina Kütt / Jan Hansen, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin; Fanny le Bonhomme, Universität Rennes II

Die Konferenz „À la recherche du temps present“ (Auf der Suche nach der Geschichte unserer Gegenwart), die am 30. November und 1. Dezember 2012 in Rennes, Frankreich, stattfand und von Frank Reichherzer (Berlin), Emmanuel Droit (Rennes) und Hélène Miard-Delacroix (Paris) organisiert wurde, stellt die erste Etappe eines ehrgeizigen wissenschaftlichen Projektes dar, das in den nächsten beiden Jahren deutsche und französische Doktoranden zusammenbringen will und einen fruchtbaren transnationalen Austausch verspricht. Die Zielsetzung der Auftaktkonferenz in Rennes war eine zweifache: Zum einen sollte Bilanz gezogen und aktuelle Entwicklungen der deutschen und französischen Zeitgeschichte betrachtet werden. Zum anderen diente dieses erste Zusammentreffen auch dazu, sich der Herausforderung einer neuen, transnationalen Zeitgeschichte zu stellen, die den Anforderungen der Gegenwart entspricht.

Die Konferenz teilte sich in zwei Hälften. Nachdem die Zusammenkunft am ersten Tag durch Vorträge von etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eröffnet wurde, die eine gemeinsame Diskussionsgrundlage schufen und Einblicke in Forschungstrends gaben, stand der zweite Tag im Zeichen der konzentrierten Diskussion zwischen den deutschen und französischen Doktoranden. Dabei wurden in drei Einzelworkshops Fragen des Verhältnisses von Zeitgeschichtsschreibung zu „Zäsuren“, „Temporalität“ und „Erinnerung“ in den Fokus gerückt.

Was ist Zeitgeschichte und wie soll man sie definieren? Diese Frage war bestimmend für die Diskussion. Sie wurde insbesondere mit Hinblick darauf gestellt, ob es sich bei der Zeitgeschichte um eine eigenständige historische Epoche wie Neuzeit, Mittelalter und Antike handelte oder ob der Begriff nicht vielmehr eine bestimmte Perspektive und ein besonderes Verhältnis des Historikers auf seinen Untersuchungsgegenstand und mithin eine eigenständige heuristische Methode bezeichnet (Droit/Reichherzer).

Weiterhin drehten sich die intensiven Debatten um Fragen der Relation des Zeithistorikers zu seinem Forschungsgegenstand und den Einfluss von Zeitzeugen mit ihren subjektiven Vergangenheits- und Weltkonstruktionen auf die Praxis des Historikers. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich dabei kritisch mit den jeweiligen historiografischen Traditionen in den beiden Ländern auseinander und arbeiteten die Dominanz nationaler Bezugsrahmen für zeitgeschichtliches Forschen heraus. Nicht nur das historiografische Feld, sondern auch die Forschungsperspektiven selbst konnten so in ihren deutschen und französischen Rahmen eingebettet werden. KRISTINA SPOHR READMAN (London) verdeutlichte in ihrem Vortrag, dass Zeitgeschichte über lange Jahre vor allem aus nationalen Perspektiven heraus geschrieben wurde – und immer noch wird. Sie führte diese nationalen Befangenheiten auf die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges und die Tatsache zurück, dass insbesondere die Katastrophe des Krieges die Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit motiviert hatte. Die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte in München nach dem Zweiten Weltkrieg stand in direkter Verbindung mit der Notwendigkeit, die Katastrophe des Nationalsozialismus historisch aufzuarbeiten und die Lehren in den Kontext des politischen Wiederaufbaus der Bundesrepublik zu stellen, wie STEFAN MARTENS (Paris) in seiner Bilanz zur Geschichte der Zeitgeschichte erläuterte.

Daneben beleuchteten die Vorträge die fundamentale Frage nach historischen Periodisierungen und Zäsuren. Hatte noch Hans Rothfels Zeitgeschichte als „Epoche der Mitlebenden“ definiert, wurde in den Diskussionen deutlich, dass diese Definition Schwierigkeiten mit sich bringt. Zum einen ist die Setzung des Anfangs der Epoche der Mitlebenden zwangsweise veränderlich, zum anderen kann der Sinn einer solchen starren Periodisierung mit Recht angezweifelt werden. Beginnt die Zeitgeschichte im Jahr 1917, wie Rothfels vor sechzig Jahren formulierte, 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erst 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer oder aus bestimmten Gründen vielleicht sogar 2001, 1973, 1927 oder 1860 – je nach Gegenstand? Mit der Ablehnung einer starren Periodisierung von Zeitgeschichte stand das Problem der Zäsur im Zusammenhang, die für die Zeitgenossen, die diese Zäsuren festlegten, oder den Historiker, der sie für sein historisches Narrativ benötigt, eine Bedeutung als sinnstiftendes Konstrukt hat. Die Notwendigkeit von Periodisierungen und Zäsuren wurde in den Diskussionen relativiert und im Gegenzug das Vorgehen stark gemacht, Zeitgeschichte nicht als Periode, sondern als eine Praxis zu verstehen und damit bei der Begriffsdefinition das Verhältnis des Zeithistorikers zu seinem Forschungsgegenstand in den Vordergrund zu stellen.

Die Frage nach der Bedeutung des Zeitzeugen für die historische Forschung bildete eine weitere Achse der Vorträge und der Diskussionen. MALIKA RAHAL (Paris) erläuterte anhand ihrer Forschungen zur Geschichte des unabhängigen Algeriens das schwierige Terrain, in dem sich der Historiker bewegt, wenn er mit den Methoden der oral history traumatische Gewalterfahrungen aufarbeiten will. Ihr Begriff des „Paroxysmus“ – des abschließenden Höhepunktes einer Krankheit, entlehnt aus der Kardiologie – ermöglichte Beschreibungen dieser intensiven Emotionsausbrüche, die ihre Interviews durchzogen und den Historiker unmittelbar teilhaben lassen an einer Vergangenheit, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind. Hieran schlossen sich Diskussionen über die Beziehung dieser „Akteurs-Zeitzeugen“ zur historischen Quellenarbeit sowie zur dialektischen Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart an. Zentrale Fragen, mit denen sich jeder Zeithistoriker konfrontiert sieht.

Der gemeinsame Vortrag von EMMANUEL DROIT (Rennes) und FRANK REICHHERZER (Berlin) führte die Diskussion schließlich an ihren Kern. Sie stellten ein Aufsatzprojekt vor, dessen zentrale These lautet, dass die Zeitgeschichte nicht als eigenständiges Forschungsfeld, sondern als eine spezifische Perspektive auf die Geschichte zu begreifen sei. Droit und Reichherzer warfen einen kritischen Blick auf das traditionelle Verständnis von Zeitgeschichte und ihrer Erforschung. Sie stellten vielmehr die Forderung auf, die Zeitgeschichte sowohl als geschichtswissenschaftliche Sub-Disziplin, als auch historischen, die zeitliche Tiefe betonenden Beitrag für das transdisziplinäre Feld einer „Gegenwartswissenschaft“ zu begreifen. Die Öffnung und der Austausch mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen und historischen Epochen sei dafür unabdingbar.

Motiviert durch die hohe Qualität der Vorträge mit ihren methodologischen und theoretischen Überlegungen, wurden am zweiten Konferenztag einzelne Themenkomplexe (Zäsuren, Temporalität und Erinnerung) in drei Arbeitsgruppen diskutiert und vertieft. Dieser Workshopaufbau ermöglichte den deutschen und französischen Doktoranden nicht nur, neue Erkenntnisse über den eigenen nationalen Rahmen hinaus zu sammeln, sondern eröffnete auch eine Möglichkeit, um die eigene wissenschaftliche Arbeit in diesem thematischen Rahmen zu überdenken und zur Diskussion zu stellen.

Im ersten Workshop stand die Frage nach „Zäsuren“ im Mittelpunkt. Dabei wurde der Charakter von Zäsuren als Konstruktion des Historikers oder des Zeitzeugen deutlich herausgearbeitet. Auch kreiste die Diskussion um den Begriff der „Befangenheit“ des Historikers. In ihrer Schlusspräsentation legten die Diskutanten Wert auf die Überlegung, dass „Befangenheit“ nicht als etwas negativ Konnotiertes, sondern für die Sinn- und Bedeutungsproduktion des Historikers Essentielles zu verstehen sei. Die zweite Workshopgruppe diskutierte daran anschließend das Thema „Temporalität“. Sie arbeitete einen alternativen Begriff von Zeitgeschichte heraus, der weniger eine bestimmte zeitliche Phase mit definierten Anfangs- und Endpunkten fixiert, sondern eher eine bestimmte Perspektive oder ein Blickwinkel auf die Zeitgeschichte mit sich daraus ergebenden methodischen Implikation ist. Vor allem der Grad der Verortung im und der Bezug zum Kontext eines Themas (idealtypisch als teilnehmende Beobachtung bzw. Rückblick veranschaulicht) wurde hier problematisiert und als Unterscheidungsmerkmal markiert. In den konkreten Folgen für die Art und Weise diese Geschichte unserer Zeit zu schreiben, herrschte indes keine Einigkeit in der Gruppe. Der dritte Workshop schließlich beschäftigte sich mit dem Komplex der „Erinnerung“. Über begriffliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und französischen Erinnerungskulturen, ihre sinnstiftende Funktion und das Mitwirken der Zeithistoriker an der Konstruktion eines nationalen Gedächtnisses wurde angeregt diskutiert. Auch die Möglichkeit eines Paradigmenwechsels von einem nationalen zu einem von sozialen Gruppen getragenen Gedächtnis fand großes Interesse. Intensiv dachte die Gruppe auch über die Beziehung des Historikers zum Zeitzeugen und die Forderung nach, sich als Wissenschaftler stärker an öffentlichen Debatten zu beteiligen.

Der originelle Ansatz, der die Konferenz auszeichnete und unterschiedliche Veranstaltungs- und Diskussionsformen sowie junge Doktoranden aus zwei nationalen Wissenschaftskulturen zusammenbrachte, schuf eine intensive Diskussionsatmosphäre. Vor allem ermöglichte er eine kritische Reflexion von Anliegen, Methoden und Zielsetzung der Suche nach der Geschichte unserer Gegenwart. Das wissenschaftliche Abenteuer hat jedoch erst begonnen: Für Juni 2013 ist eine Fortsetzung an der Humboldt-Universität Berlin angesetzt. Dieses zweite Zusammentreffen soll im Zeichen des Austausches zwischen der Zeitgeschichte und anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen stehen und das Potential ihres Zusammenspiels ausloten.

Konferenzübersicht

Annie Antoine (Rennes): Eröffnung

Hélène Miard-Delacroix (Paris): Einführung

Kristina Spohr (London): Contemporary History in Europe: From Mastering National Pasts to the Future of Writing the World

Kommentar von Jacqueline Sainclivier (Rennes)

Panel I: Geschichte der Gegenwart im deutsch- französischen Vergleich

Moderation: Gilles Richard (Rennes)

Stefan Martens (Paris): Entre passé et présent. L’histoire du temps présent en Allemagne

Anne Kerlan / Mailka Rahal (Paris): Le soleil noir du paroxysme. Adresse aux historiens du temps présent

Panel II: Das Ende der Zeitgeschichte

Moderation: Pierre Karila-Cohen (Rennes)

Emmanuel Droit (Rennes) / Frank Reichherzer (Berlin): La fin de l’histoire du temps présent telle que nous l’avons connue ? Plaidoyer franco- allemand pour l’abandon d’une singularité historiographique

Kommentar: Bernard Bruneteau (Rennes)

Gruppe 1: Zeitgeschichte und Zäsuren

Gruppe 2: Zeitgeschichte und Temporalität

Gruppe 3: Zeitgeschichte und Erinnerung

Präsentation der Arbeitsgruppen und Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: À la recherche du temps present, 30.11.2012 – 01.12.2012 Rennes, in: H-Soz-Kult, 25.01.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4604>.