HT 2012: Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Century. Towards a Transnational History of Social Movements

Ort
Mainz
Datum
25.09.2013 - 28.09.2013
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Von
Ulf Teichmann, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum

Zu Beginn verortete STEFAN BERGER (Bochum) die Sektion im Forschungskontext. Hierbei ging er zunächst der Frage nach, inwiefern es Sinn macht, das Konzept der sozialen Bewegungen, das zumeist auf die ‚Neuen sozialen Bewegungen‘ jüngeren Datums bezogen wurde, in einer längeren diachronen Perspektive auch auf die Arbeiterbewegung zu beziehen. Da die andauernde Beweglichkeit des Gegenstandes eine präzise Definition sozialer Bewegungen erschwere, plädierte er dafür, die Grenzen des Begriffes nicht zu eng zu ziehen und auch die Arbeiterbewegung als eine Ansammlung verschiedener Organisationen und Institutionen als soziale Bewegungen zu fassen. Entsprechend sollte die Sektion zeigen, dass es sich lohnt, die ‚Neuen sozialen Bewegungen‘ in einer longue-durée-Perspektive mit den traditionellen sozialen Bewegungen in einen Zusammenhang zu setzen. Als einen zweiten Anspruch formulierte er die Diskussion der Bedeutung internationalistischer Überzeugungen und Praktiken in sozialen Bewegungen, da es trotz des zumeist nationalen Bezugsrahmens ein Charakteristikum vieler sozialer Bewegungen gewesen sei, über nationale Grenzen hinweg zu kommunizieren und ihren Zielen globale Relevanz zuzuschreiben.

TALBOT IMLAY (Quebec) stellte zu Beginn seines Vortrages zwei zentrale, den Gegenstand einrahmende Thesen auf: Erstens, dass der sozialistische Internationalismus in beiden Nachkriegsperioden angeregt wurde durch eine Praxis des Internationalismus, getragen von einer kollektiven Bereitschaft innerhalb der Parteien, sich bezüglich der dringlichen internationalen Fragen der Zeit miteinander auseinanderzusetzen und zweitens, dass diese Praxis in den 1930er-Jahren und in den späten 1950er-Jahren jeweils zurückging. Im weiteren Verlauf konzentrierte sich Imlay auf drei Bereiche: Internationalismus im Allgemeinen, auf nationalen Parteien aufbauender Internationalismus im Speziellen und die Besonderheiten von Nachkriegsperioden. Im Bezug auf den ersten Punkt stellte er heraus, dass das bisherige Verständnis von Internationalismus als Prozess, als politisches Programm oder als individuelle oder kollektive Identität erweitert werden müsse. Internationalismus lasse sich am besten als Ansammlung verschiedener Aktivitäten verstehen, die in verschiedenen Räumen, in verschiedenen Geschwindigkeiten und Intensitäten und mit unterschiedlicher Dauer von statten gingen. Bezüglich des auf Parteien basierenden Internationalismus schrieb Imlay dem sozialistischen Internationalismus eine Sonderstellung zu. Für internationale Netzwerke christdemokratischer Politiker habe dieser eine Vorbildfunktion gehabt, vom kommunistischen Internationalismus habe er sich durch den grundsätzlichen Aspekt der Freiwilligkeit unterschieden und vom heutigen Internationalismus, der sich idealtypisch in einen staatszentrierten und einen nicht-staatszentrierten Internationalismus einteilen lasse, grenze er sich ab durch einen Mittelweg aus diesen beiden Möglichkeiten. In Bezug auf die Spezifika von Nachkriegsperioden bestätigt Imlay die These von diesen Zeiträumen als Momente vergrößerter Möglichkeiten. Hieraus folgert er zwei Thesen: Erstens seien die Nachkriegsperioden für europäische Sozialisten Zeiten erheblicher Hoffnungen und Erwartungen gewesen und zweitens sei der sozialistische Internationalismus ein Ergebnis der Kriege gewesen, weswegen seine Geschichte mit und zwischen den Kriegen beginnen müsse. Abschließend ging Imlay der Frage nach, wo die Ursachen für den Rückgang des sozialistischen Internationalismus in den Nachkriegsperioden gelegen haben könnten und schlug hierfür drei mögliche Gründe vor: erstens den mit dem Ende der Nachkriegsperioden sinkenden Handlungsdruck; zweitens die Bindekraft des nationalen politischen Kontextes und drittens die gerade aus der internationalen Zusammenarbeit erwachsene Erkenntnis, dass es einfacher gewesen sei, eigene Positionen auch zu internationalen Themen zu formulieren, als sich miteinander auseinanderzusetzen.

ANDREAS WIRSCHING (München) suchte in seinem Vortrag „Communism and Internationalism in the Twentieth Century“ nach neuen Forschungsfeldern im Bezug auf kommunistischen Internationalismus im 20. Jahrhundert. Dessen Entwicklung habe sich stets in einem Spannungsfeld befunden zwischen dem universellen und damit transnationalen Charakter der Idee des Kommunismus und der sowjetischen Macht, die auch immer ihre eigenen staatlichen Interessen verfolgte. Er konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die konkreten Erfahrungen der Handelnden und entwickelte vier Gedankengänge, in denen sich deren historische Erfahrungen des Kommunistischen Internationalismus darstellten und die vielversprechende Ansätze für neue Forschungen seien. Zuerst entwickelte er den Gedanken die Komintern als Lebenswelt aufzufassen. Den vielen Linkssozialisten und Syndikalisten, die sich enttäuscht von den Nachkriegsentwicklungen in Mittel- und Westeuropa Moskau zuwandten, habe die Komintern ermöglicht durch internationale Kontakte und Reisen, nicht zuletzt in die Sowjetunion, internationale Erfahrungen zu machen, die sonst nicht möglich gewesen wären. Dies alles habe der kommunistischen Bewegung „den Geschmack eines wahrhaft trans- und multinationalen Unternehmens“ gegeben. Als zweiten Punkt beschrieb Wirsching die Bedeutung von Kommunikation für diese transnationale Lebenswelt. Für diese sei eine gemeinsame Sprache notwendig gewesen. Hier formulierte er als künftige Forschungsaufgabe zu untersuchen, wie ein von Moskau ausgehendes kommunistisches, linguistisches System durch die verschiedenen Ebenen der Parteienorganisationen vermittelt wurde, aber auch wo diese Vermittlung gestört wurde. Als drittes Feld des kommunistischen Internationalismus untersuchte Wirsching ob dieser ‚lieux de mémoire‘ (Erinnerungsorte) herausgebildet hatte und entdeckte für die Zeit bis 1945 derer drei, die eine negative Entwicklung des kommunistischen Internationalismus anzeigten: Erstens den Spanischen Bürgerkrieg mit den Roten Brigaden als starkem Symbol kommunistischer, internationaler Solidarität; zweitens das Hotel Lux in Moskau, in dem internationale kommunistische Funktionäre beherbergt wurden und häufig fürchten mussten Opfer des stalinistischen Terrors zu werden und drittens den Molotov-Ribbentrop-Pakt, der einen dramatischen Verlust kommunistischer Solidarität darstellte. Abschließend besprach Wirsching die Auswirkungen der ‚nationalen Frage‘ auf den Universalismus der kommunistischen Idee. Schon im multi-ethnischen Staatsgebiet Russlands hätten Regionalismus und Nationalismus ein Problem für den sowjetischen Staat dargestellt und zu improvisierten, taktischen Wendungen im Umgang mit diesem gezwungen. Auch in kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjetunion habe ein taktischer Umgang mit diesem Problem vorgeherrscht.

FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER (Freiburg im Breisgau) begann seinen Vortrag „The ecological movement and internationalism“ mit der Frage, was unter Umweltbewegung als sozialer Bewegung überhaupt zu verstehen sei. Trotz weit zurückgehender Vorläufer sprach Brüggemeier von einer Umwelt- oder einer ökologischen Bewegung erst ab den 1960er-Jahren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg seien verschiedene Umweltprobleme systematischer vernetzt worden, habe sich der Begriff ‚Umwelt‘ überhaupt erst durchgesetzt, habe sich die Zusammensetzung der zuvor sehr elitären Umweltorganisationen durch ein rasches Anwachsen der Mitgliederzahlen erweitert. Der schon zeitgenössisch empfundene Bruch in den Aktionsformen – weg von enger Kooperation mit staatlichen Stellen, hin zu spektakulären Aktionen zur Generierung von Öffentlichkeit – solle jedoch nicht überbewertet werden, da auch die Vorläufer schon die Öffentlichkeit adressierten und auch die neue Umweltbewegung teils eng mit staatlichen Institutionen zusammenarbeitete. Brüggemeier vermutete hierzu, dass der Erfolg einer Umweltbewegung von der Zusammenarbeit mit etablierten und offiziellen Kräften abhängig gewesen sei. Bezüglich der Frage nach internationaler und transnationaler Zusammenarbeit zeichnete Brüggemeier ein vielfältiges bis widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite seien Bewegungen zum Schutz von Umwelt und Natur von Beginn an lokal oder regional orientiert gewesen. Auf der anderen Seite seien die Probleme, gegen die die Umweltbewegungen angingen, immer tendenziell global, was auch schon früh von den Bewegungen wahrgenommen worden sei. Zu einer stärkeren auf dieser Erkenntnis aufbauenden internationalen Kooperation sei es jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen, wobei Brüggemeier verschiedene Gründe und Entwicklungslinien nachzeichnete: die gemeinsame Betroffenheit durch die gleichen Umweltprobleme; die Förderung der internationalen Zusammenarbeit durch EG, UNO und die internationalen Konferenzen; Netzwerke von Wissenschaftlern und Fachleuten; die internationale Orientierung der Berichterstattung in den Medien und die Internationalisierung des Aktionsrepertoires der Bewegungen, wenn auch die große Mehrzahl der Konflikte lokal oder regional geprägt geblieben sei.

KRISTA COWMANs (Lincoln) Beitrag „The women's movement and internationalism“ gab einen Überblick über internationale Zusammenarbeit in der Frauenbewegung mit einem Schwerpunkt auf der alten Frauenbewegung. Hierbei unterschied sie zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen, später kommunistischen Frauenbewegung, die unterschiedliche Ansätze zur Emanzipierung der Frauen entwickelt hätten: Während die bürgerliche Frauenbewegung Kontroversen über politische Fragen vermieden habe, um möglichst viele nationale Organisationen international zu verbinden, habe die sozialistische Frauenbewegung die Unterdrückung der Frauen mit der Klassenfrage verbunden und sich auch in Anlehnung an die sozialistische Bewegung organisiert. Dieser grundsätzlichen Trennung zum Trotz habe es im Bereich des Antimilitarismus und Pazifismus Kooperationen von Feministinnen verschiedener politischer Traditionen gegeben. Pazifistische Frauen, die sich gegen den Ersten Weltkrieg engagierten, hätten schnell internationale Kontakte über politische Grenzen hinweg geknüpft. Ihr Status als Nicht-Kriegsteilnehmerinnen habe den Frauen hierbei erleichtert, ihre internationale Kommunikation fortzuführen. Mit der Gründung der Komintern habe sich die Rolle der Frauen innerhalb der Internationalen geändert. Das Ziel der Frauenorganisation innerhalb der Komintern sei nun eher gewesen die Frauen für den Kommunismus zu mobilisieren als für die weiter gesteckten Ziele der Vorkriegsfrauenbewegung einzutreten. Die erfolgreichsten Organisationen dieser Zeit seien die parteipolitisch unabhängigen gewesen, welche ihre Büros häufig in Genf eröffnet hätten, um mit dem Völkerbund zu kooperieren. Mit dem second-wave-feminism habe sich in der Nachkriegszeit der Charakter der Frauenbewegung hinsichtlich der Themen und der Organisationsformen maßgeblich verändert. Neu entstandene Gruppierungen seien durch lose Organisationsformen oder private Freundschaften zusammengehalten geworden, was sie für die historische Analyse schwieriger greifbar mache. Abschließend benannte Cowman offene Fragen und Aufgaben der Forschung. Als erste Herausforderung nannte sie, die Pluralität der Frauenbewegungen zu erfassen. Des Weiteren identifizierte sie eine Unterschätzung der Aktivitäten von Frauen zwischen den ‚Wellen‘, in die die Frauenbewegungen gemeinhin eingeteilt werden. Zuletzt nannte sie die Aufgabe, die internationalen Dimensionen der Neuen Frauenbewegung zu erfassen. Hätten sich Studien zum Internationalismus in der Frauenbewegung der Vor- und Zwischenkriegszeit noch an Befunden und Methoden von Studien zu politischen Parteien und Organisationen orientieren können, bedürfe es zur Erforschung der unzähligen international agierenden Gruppen der jüngeren Frauenbewegung einen grundsätzlich anderen Ansatz.

HOLGER NEHRING (Sheffield) beschäftigte sich in seinem Vortrag „Peace Movements and Internationalism“ mit den internationalen Verbindungen der Friedensbewegungen und mit deren wichtigsten grenzübergreifenden Austauschprozessen. Schon in der frühen bürgerlichen Friedensbewegung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei es, erleichtert durch die homogene bürgerliche Zusammensetzung der Bewegungen, zu internationalen Kontakten gekommen. Mit Blick auf internationale Aspekte habe die Zwischenkriegszeit den Friedensbewegungen zwei wesentliche Veränderungen gebracht: zum einen neue nationale Akteure durch den Prozess der Dekolonisation und zum anderen eine Abkehr vom Nationalstaat innerhalb der Friedensbewegungen durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges. Anhand des Transfers von Gandhis Strategie der gewaltfreien Aktion zeigte Nehring auf, dass internationale Austauschprozesse historisch bedingt und komplex gewesen seien, dass die Ideen zunächst hätten erfasst, dann übersetzt und zuletzt neu entwickelt werden müssen und nicht einfach einzelne Pakte von Ideen und Praktiken hin und her verschoben worden seien. Für Friedensbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg stellte Nehring zwei besondere Herausforderungen fest: erstens die Gefahr globaler Zerstörung durch Nuklearwaffen und Rüstungswettlauf und zweitens die Diskreditierung des Konzeptes Pazifismus, der für den Aufstieg des aggressiven Nationalismus und Rassismus in Deutschland, Italien und Japan verantwortlich gemacht worden sei. Auch in der Friedensbewegung hätten transnationale Organisationen nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verloren. Für die transnationale Geschichtsschreibung empfahl Nehring deshalb Pazifismus als soziale Bewegung zu fassen, deren Transnationalismus hauptsächlich von gegenseitiger Beobachtung mit Hilfe der Massenmedien und der Definition der eigenen Anliegen als grenzübergreifend gelebt habe. Abschließend skizzierte Nehring die Hauptentwicklungen des Internationalismus in der Friedensbewegung: den Wandel der organisatorischen Form von Mittelschichts-Organisationen hin zu dynamischen und flexiblen sozialen Bewegungen; den Wandel der Bedeutung grenzüberschreitender Austauschprozesse; den Wandel des Friedenskonzeptes und den Wandel des ‚Framings‘ der Art des Krieges, gegen den sie opponierten.

In seinem abschließenden Kommentar verwies Stefan Berger auf die zahlreichen synchronen und diachronen Verbindungen zwischen den besprochenen Bewegungen, insbesondere auf die in einer longue-durée-Perspektive deutlich werdenden Verbindungen der neueren Bewegungen zur Arbeiterbewegung. Zudem stellte er die Frage, inwiefern es für den Erfolg dieser Bewegungen von Bedeutung gewesen sein könnte, ob es ihnen gelang auch in ihrer jüngeren Geschichte ein Bündnis mit den Organisationen der Arbeiterbewegung einzugehen.

In diesem Sinne zeigte die Sektion, wo die Chancen einer zeitlich und definitorisch breiter aufgestellten Geschichte sozialer Bewegungen liegen können. Darüber hinaus zeigten sich auch die Herausforderungen, die ein solcher Ansatz mit sich bringt. Hierzu gehört beispielsweise, das Konzept der sozialen Bewegungen im von Stefan Berger einleitend erläuterten Sinn gewinnbringend und den Vergleich ermöglichend auch auf die ‚alten‘ Bewegungen zu übertragen und sich von der Fokussierung einzelner Organisationen, wie Parteien, zu lösen. Dies wiederum erschwert die Erforschung einer inter- oder transnationalen Geschichte, da es die Akteure und Akteurinnen weniger greifbar und kategorisierbar macht, was Krista Cowman auch in ähnlicher Form als Problem formulierte.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Stefan Berger (Bochum)

Stefan Berger (Bochum): Einführung

Talbot Imlay (Quebec): Socialism and Internationalism

Andreas Wirsching (München): Communism and Internationalism in the Twentieth Century

Franz-Josef Brüggemeier (Freiburg i.Br.): The Ecological Movement and Internationalism

Krista Cowman (Lincoln): The Women’s Movement and Internationalism

Holger Nehring (Sheffield): Peace Movements and Internationalism

Zitation
Tagungsbericht: HT 2012: Social Conflicts and Internationalism in the Twentieth Century. Towards a Transnational History of Social Movements, 25.09.2013 – 28.09.2013 Mainz, in: H-Soz-Kult, 28.02.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4700>.