Geschichte erfahren im Museum

Ort
Essen
Datum
25.01.2013 - 26.01.2013
Veranstalter
Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Universität Siegen; Ruhr Museum Essen
Von
Daniel Groth, Historisches Seminar, Universität Siegen

„Geschichte erfahren im Museum“, so lautete der Titel einer vom 25. bis 26. Januar 2013 vom Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte der Universität Siegen (BÄRBEL KUHN in Zusammenarbeit mit ASTRID WINDUS) veranstalteten Tagung. Tagungsort und Kooperationspartner war das Ruhr Museum in Essen. Ziel der Veranstaltung war es, den in der Geschichtsdidaktik viel diskutierten außerschulischen Lernort Museum und sein spezifisches Potential hinsichtlich des historischen Lernens zu erörtern sowie einen Anstoß zur Annäherung der Institutionen Schule und Museum zu geben. An der Veranstaltung nahmen neben Studierenden, Referendar/innen und Lehrer/innen auch Museumsmitarbeiter/innen teil, was einen lebhaften Austausch zwischen diesen unterschiedlichen Zielgruppen ermöglichte. Dieser Austausch wurde nicht zuletzt durch den Aufbau der Veranstaltung ermöglicht: neben Fachvorträgen zu unterschiedlichen auf die Möglichkeiten und Inhalte des Museums bezogenen Fragestellungen nahmen die Teilnehmer/innen an auf die Vortragsthemen abgestimmten Impulsführungen durch die Dauerausstellung des Ruhr Museums teil. Anschließend reflektierten sie in Workshops gemeinsam mit den Referent/innen und Museumsmitarbeiter/innen, wie die präsentierten Forschungsansätze sowie ausgewählte Exponate für den Geschichtsunterricht nutzbar gemacht werden können.

Eröffnend stellte HEINRICH THEODOR GRÜTTER (Essen), Direktor des Ruhr Museums, in seinem Vortrag zunächst das Museum als wichtigen außerschulischen Lernort vor, um dann der grundlegenden Frage nach dem Verhältnis zwischen Geschichte und Museum nachzugehen. Die grundsätzliche Einsicht, dass „Geschichte“ im Museum nicht darstellbar ist, da es sich immer nur um ein retrospektives, gegenwartsgebundenes, Konstrukt handeln kann, erörterte Grütter anhand von fünf Punkten. Dazu verwies er erstens auf die Anschaulichkeit von Geschichte im Museum. Geschichte könne dadurch vom Besucher über alle Sinne erfahren werden. Durch das Spannungsfeld zwischen dem räumlich Gegenwärtigen und der historischen Ferne bedürfe die Darstellung von Geschichte im Museum aber stets der Erläuterung. Daraus resultiere (2) ein Konstruktcharakter von Geschichte. Das Problem der Fragmentarik der Überlieferung (3) habe Selektivität und Partikularität der Darstellung von Geschichte im Museum zur Folge (4). Schließlich sei (5) das geschichtsdidaktische Prinzip der Multiperspektivität/Pluralität hervorzuheben. Durch die Inszenierung von Geschichte im Museum müssten stets Elemente einer visuellen Rhetorik vom Rezipienten entschlüsselt werden. Auf diese Weise seien immer neue Deutungen von Geschichte möglich, wodurch der Besucher und die Besucherin nicht nur rezipierten sondern auch immer aktiv Geschichtsbilder produzierten.

Anknüpfend an diese grundsätzlichen Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Museum ging GISELA WEIß (Leipzig) der Frage „Warum ins Museum?“ nach und diskutierte „die Möglichkeiten des besonderen Lern- und Erfahrungsraumes“. In einem historischen Rückblick diskutierte Weiß die enge Verbindung zwischen Schule und Museum seit Beginn der modernen Museumsgeschichte. Zur Beantwortung ihrer zentralen Frage stellte sie die Bedeutung der Museumsdinge heraus, die durch ihre grundsätzliche Polysemie Fragen aufwerfen und Lernprozesse in Gang setzen können. Die Bedeutung der Dinge sei diesen nicht bereits immanent, sondern müsse vom Rezipienten in einem Akt der Deutung erst generiert werden. Das Museum konstruiere ein bestimmtes Narrativ indem es die polysemischen Objekte ordne und strukturiere. Es gebe somit Hilfestellungen etwa zur Entwicklung einer historischen Bild- und Dingkompetenz.

Den zweiten Tag, an dem themenspezifische Zugänge zum außerschulischen Lernort Museum diskutiert wurden, eröffnete ein Vortrag von FRANZ-JOSEF BRÜGGEMEIER (Freiburg) zum Thema „Umwelt und Industrie“. Brüggemeier stellte in seinen Ausführungen das Verhältnis zwischen Umwelt und Industrie unter dem Aspekt der besiegten Natur dar. Er ging dabei anhand eindrucksvoller, vor allem bildlicher, Quellen auf die Einflüsse zunehmender Industrialisierung und Technisierung auf die Umwelt seit dem 19. Jahrhundert ein, auf Fragen des Zusammenhangs von Umwelt(verschmutzung) und Gesundheit, des Ineinandergreifens von Industrie- und Wohnkultur sowie auf die seit den 1970er Jahren verstärkt aufkommenden Bestrebungen des Umweltschutzes.

ANDREAS LUDWIG vom Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR (Eisenhüttenstadt) referierte über „Objekte der Alltagskultur“. Er diskutierte insbesondere den Wandel der Alltagsdinge von Gebrauchsgegenständen über eine „Müllphase“ hin zu kulturell bedeutsamen Dingen, die ins Museum gelangten. Ludwig stellte sehr anschaulich einige ausgewählte Exponate aus der Dauerausstellung des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR vor. Ob die Beschäftigung mit scheinbar banalen Gegenständen des Alltags für Schüler/innen interessant ist, so Ludwig, hänge davon ab, ob Fragen an die Objekte gestellt werden, die eine problemorientierte Auseinandersetzung mit Dingen der Alltagskultur initiieren. Andreas Ludwigs gelungener und auf viele Beispiele aus der Museumspraxis gestützter Vortrag hat dazu sicherlich einige Anstöße geliefert.

GABRIELE MENTGES (Dortmund) ging in ihrem Vortrag auf „Entkörperungen“ und „museale Repräsentationen von Kleidung, Körper und Geschlecht“ ein. In ihren Ausführungen stellte die Referentin insbesondere die alltagsgeschichtliche Bedeutung von Kleidung und das Verhältnis zwischen Kleidung und deren Träger/innen dar. Kleidung habe mit ihrer spezifischen Objektzentriertheit gegenüber anderen Dingen der Alltagskultur einen besonderen Stellenwert, da die Kategorien Körper und Geschlecht des Trägers oder der Trägerin beim Herstellen stets mitgedacht werden. In Bezug auf das Museum unterschied Mentges grundsätzlich zwei separate Typen von Kleidersammlungen. Zum einen Kostümsammlungen als Sammlungen von Kleidung bürgerlicher Eliten und Repräsentanten bürgerlicher Hochkultur wie sie vorrangig in Kunstmuseen zu finden seien. Zum anderen aber auch Alltagskleidung, die häufig in (regionalen) kulturgeschichtlichen Museen ausgestellt wird. Die Referentin diskutierte darüber hinaus die grundsätzliche Problematik der Präsentation von Kleidung im Museum und der Nachbildung von Körper und Geschlecht bei der musealen Inszenierung von Kleidung. Ausgehend von der These, dass sich Kleidung stets performativ in den Körper des Trägers einschreibe wie sich auch der Körper, seine Form, sein Geruch, in die Kleidung einschreibt, verwies sie auf den Tatbestand, dass das museale Sammeln von Kleidung häufig ohne die Berücksichtigung der sinnlichen Dimension erfolge, da Körper und Kleidung voneinander getrennt werden. Somit sei das Sammeln von Kleidung als ein Akt der „Entkörperung“ zu verstehen, der rein pittoresken und funktionalen Geschichtspunkten folge. Die museale Präsentation von Kleidung sei daher stets ein kulturelles Konstrukt, welches seinerseits als ein erneuter, musealer und vom Körper des Trägers oder der Trägerin losgelöster, Akt der „Verkörperung“ von Kleidung zu bezeichnen sei.

SIGRID SCHNEIDER (Essen) beschäftigte sich mit „Bildergeschichten“ und der Rolle von „Fotografien im Museum“. Sie erinnerte daran, dass Fotografien stets Momentaufnahmen von vergänglichen Augenblicken seien, die immer nur einen perspektivischen sowie fragmentarischen Ausschnitt vergangener Wirklichkeit und nicht die „Realität“ zeigten. Fotografie sei ein kommunikatives Medium, da ihre Deutung stets vom Betrachter oder der Betrachterin in komplexen Entschlüsselungsprozessen generiert werden müsse. Das Fotoarchiv des Ruhr Museums, aus dem Schneider Beispiele vorstellte und analysierte, beherbergt Fotografien zur Industriekultur, zu Politik, Sport, Stadt- und Landschaftsentwicklung, Alltagskultur und Werbung und kann als das zentrale Bildgedächtnis des Ruhrgebietes gesehen werden.

CHARLOTTE TRÜMPLER (Frankfurt am Main) präsentierte schließlich die Bedeutung archäologischer Zeugnisse für das Museum und zeigte den Weg „von der Forschung zur (musealen) Präsentation“ am Beispiel des Ausstellungsprojektes „Werte im Widerstreit. Von Bräuten, Muscheln, Geld und Kupfer“, welches im Rahmen des DFG-geförderten Graduiertenkollegs „Wert und Äquivalent. Über Entstehung und Umwandlung von Werten aus archäologischer und ethnologischer Sicht“ entstand.

An alle Vorträge schlossen sich die besagten Impulsführungen und Workshops zu den verschiedenen Themen an, deren Ergebnisse im Plenum diskutiert wurden. Hier wie in der Abschlussdiskussion wurde immer wieder die grundsätzliche Frage aufgeworfen, warum und wie das Museum als außerschulischer Lernort genutzt werden sollte. Zwar wurde deutlich, dass von Seiten der Schule und von Seiten des Museums unterschiedliche Schwerpunkte hinsichtlich des Potentials des Museums für die Förderung historischen Lernen vorherrschen, doch war man sich einig, dass das Museum Schüler/innen eine unmittelbare Begegnung mit Geschichte und ihren materiellen Hinterlassenschaften ermöglicht und sie ausgehend von konkreten Exponaten Fragen an die Geschichte entwickeln können. Das Museum wird so zum Ort der Begegnung mit Geschichte, an dem nachhaltige Prozesse historischen Lernens in Gang gesetzt werden können – eben ein Lernort.

Ein Tagungsband, der neben einführenden Beiträgen auch konkrete Umsetzungsvorschläge für den Unterricht enthalten wird, ist in Vorbereitung. Er wird in der Reihe Historica et Didactica (Röhrig Universitätsverlag) erscheinen.

Konferenzübersicht:

Angelika Wuszow (Ruhr Museum Essen) / Bärbel Kuhn (Universität Siegen) / Simone Mergen (Landesverband Museumspädagogik NRW): Begrüßungsworte

Heinrich Theodor Grütter (Direktor des Ruhr Museums Essen): Geschichte im Museum

Gisela Weiß (Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig): Warum ins Museum? Über die Möglichkeiten eines besonderen Lern- und Erfahrungsraumes

Jens Aspelmeier (Universität Siegen) / Michael Guse (Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Siegen) / Angelika Wuszow (Ruhr Museum Essen): Brainstorming: Geschichte erfahren im Museum

Bärbel Kuhn (Universität Siegen) / Astrid Windus (Universität Hamburg): Einführung

Franz-Josef Brüggemeier (Universität Freiburg): Umwelt und Industrie

Andreas Ludwig (Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt): Objekte der Alltagskultur

Gabriele Mentges (Technische Universität Dortmund): Entkörperungen: Museale Präsentationen von Kleidung, Körper und Geschlecht

Impulsführungen im Ruhr Museum zu Umwelt und Industrie, Alltagskultur, Kleidung-Körper-Geschlecht

Workshops und Präsentation/Diskussion der Ergebnisse

Sigrid Schneider (bis Ende 2012 Leiterin der Fotografischen Sammlung des Ruhr Museums Essen): Bildergeschichten. Fotografien im Museum

Charlotte Trümpler (Universität Frankfurt): Archäologie und Museum – Von der Forschung zur Präsentation

Impulsführungen im Ruhr Museum zu Bildergeschichten und Archäologie

Workshops und Präsentation/Diskussion der Ergebnisse

Abschlussdiskussion/Zusammenfassung und Ausblick

Zitation
Tagungsbericht: Geschichte erfahren im Museum, 25.01.2013 – 26.01.2013 Essen, in: H-Soz-Kult, 04.04.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4743>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.04.2013
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