Zweite Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte

Ort
Halle (Saale)
Datum
06.03.2013
Veranstalter
Florian Steger, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Von
Maximilian Schochow / Dajana Napiralla, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Am 06. März 2013 fand am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Zweite Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte statt, zu der Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, eingeladen hatte. Wie im Vorjahr trafen sich Wissenschaftler(innen) aus Mitteldeutschland und darüber hinaus, um über aktuelle Forschungsprojekte auf den Gebieten der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte zu diskutieren und sich auszutauschen. Drei inhaltliche Schwerpunkte wurden in den einzelnen Beiträgen gesetzt: Regionaler Schwerpunkt – Medizingeschichte in Halle und Sachsen-Anhalt, Editionsprojekte und Wissenschaftsgeschichte.

Die Verbindung von Strafvollzug und Anatomie in der Frühen Neuzeit im Kursächsischen untersuchte HEINER LÜCK (Halle-Wittenberg) am Beispiel der Friedrichs-Universität Halle. Für den Anatomieunterricht im Rahmen des Studiums der Medizin waren laut Statuten der Friedrichs-Universität Demonstrationsobjekte notwendig. Da es jedoch an Körpern für den Unterricht mangelte, kam es zu Differenzen zwischen Universität und Strafvollzug, von denen die meisten Demonstrationsobjekte stammten. Im Ergebnis stellte Lück fest, dass die Gestaltung der Beziehung zwischen beiden Parteien bis ins 18. Jahrhundert hinein durch Gewohnheitsrecht geprägt war und sprach in diesem Zusammenhang von „zum Gewohnheitsrecht verdichteten Normen“.

Anhand von vier Patientengeschichten aus Halle illustrierte ELKE SCHLENKRICH (Halle-Wittenberg) die Dynamiken der Entscheidungsfindungen in medizinischen Problemfällen vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Diese analysiert sie in einem Projekt, das im Landesforschungsschwerpunkt „Aufklärung, Religion, Wissen“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angesiedelt ist. Als Hypothese stellte sie die beginnende Lösung der Abhängigkeit der Patienten von numinösen Mächten seit der Aufklärungszeit voran. Der langwierige Transformationsprozess vom medizinischen Paternalismus zur Patientenautonomie sei in den Fallgeschichten nur in Brüchen erkennbar.

Die von RÜDIGER SCHULTKA (Halle-Wittenberg) vorgestellte „Wilhelm-Roux-Sammlung für Entwicklungsmechanik“ wurde von Wilhelm Roux (1850–1924) gegründet und gehört heute zum Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Roux, der als Begründer der Forschungsrichtung „Entwicklungsmechanik“ gilt, begann um 1920 mit der Sammlung. Dazu zählten neben Modellen und entwicklungsgeschichtlichen Präparaten auch Instrumente und Skelette. Roux’ Ziel war es, eine Forschungsstelle zur systematischen Auswertung zu etablieren. Heute müsste sie Gegenstand einer objektorientierten Medizingeschichte werden.

Erste Ergebnisse ihres Dissertationsprojekts zu Epilepsiepatienten der Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe stellte ANNA URBACH (Magdeburg) vor. Dabei fokussierte sie den Teilaspekt „Suizid in der Anstalt“. Nach einer kurzen Einführung in den Suizid-Diskurs um 1900 ging sie auf verschiedene Deutungsmuster von Psychiatern ein. So gab es beispielsweise seit Mitte des 19. Jahrhunderts Streitigkeiten mit den Lebensversicherungen um die Anerkennung des Suizids als Teil einer psychiatrischen Erkrankung. Urbach untersuchte die Patienten- und Verwaltungsakten von 23 Todesfällen und betonte den Balanceakt: Patientenautonomie vs. Schutz vor Eigengefährdung.

Der Vortrag von ORTRUN RIHA (Leipzig) war auf den zweiten Schwerpunkt, die Vorstellung von Editionsprojekten, zugeschnitten. Riha stellte die Editionen der beiden naturkundlichen Texte „Causae et Curae“ und „Physika“ der Benediktinerin Hildegard von Bingen (um 1098–1179) vor. Am Beispiel von „Causae et Curae“ stellte Riha die moralische Dimension von Medizin heraus. Krankheit sei als Bewährungsprobe und Aufgabe zugleich zu verstehen und würde den Menschen in ein Konzept von Sünde und Vergeben stellen. Der Text „Physica“ wiederum widme sich den Zeichen, Eigenarten und der Exegese der Dinge (zum Beispiel Kräuter, Elemente, Bäume, Steine usw.).

Auf den Universalgelehrten Christian Wolff (1679–1754) konzentrierte sich STEFAN BORCHERS (Berlin) in seinem Vortrag. Wolff hatte von 1717–1718 eine Vorlesung über die Zeugungslehre an der Friedrichs-Universität Halle gehalten. Die überlieferten Skripte dieser Lehrveranstaltung sollen editorisch aufgearbeitet werden. Dafür stützt sich Borchers auf drei Vorlesungsskripte, die er in verschiedenen Nachlässen gefunden hat. Das Kolleg sei insofern bedeutend gewesen, da Wolff in deutscher Sprache lehrte und sich durch eindeutige Beschreibung vom Bau der Geschlechtsorgane oder des Zeugungsaktes der Kritik der hallischen Pietisten aussetzte.

Im Mittelpunkt des Vortrags von PHILIPP TEICHFISCHER (Magdeburg) stand die Briefedition des Arztes Johann Lukas Schönlein (1793–1864). Er stellte 20 ausgewählte Briefe in den Mittelpunkt seiner Ausführungen und skizzierte Schönleins Tätigkeit als Sammler und Mäzen. Teichfischer konzentrierte sich in seinem Bericht vor allem auf die Fragen nach den Sammelstrategien und deren Organisation. Unterstützung bei der Suche nach neuen Sammelobjekten erhielt Schönlein vor allem von ehemaligen Schülern, die als Militärärzte oder auf Expeditionen in außereuropäischen Gebieten tätig waren. Die Motive der Ärzte waren Renommee, Karrieremöglichkeiten sowie die Kontaktpflege.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Thomas Bach vom Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik der Universität Jena das geplante Projekt der Briefedition Ernst Haeckels (1834–1919) vorgestellt. In diesem Jahr beschrieb KAI TORSTEN KANZ (Jena) die ersten Schritte für das inzwischen bewilligte Langzeitprojekt, das an der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina angesiedelt ist. Das auf 25 Jahre angelegte Projekt umfasst die Transkription und Edition aller Briefe von Haeckel (ca. 15.000) und sämtlicher Briefe an Haeckel (ca. 30.000). Die Briefe von Haeckel sollen in 25 Bänden mit jeweils 500 Briefen veröffentlicht werden.

Die soeben erschienene Briefedition des Ärzteliteraten Max Mohr (1881–1937) stellte FLORIAN STEGER (Halle-Wittenberg) vor. Mohr erfuhr eine bemerkenswerte Rezeption zu seiner Zeit. Neben medizinischen Themen setzte er sich vor allem mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinander, die er in Theaterstücken reflektierte. Mohr gehörte neben Gottfried Benn oder Jens Petersen zu jenen Ärzten, die sich der Literatur widmeten. Diese unterschied Steger von Literaten mit medizinischem Interesse, wie Ulrike Draesner. Ihnen gemein sei, dass sie narrative Strukturen hervorbringen, die Moral transportieren und individuelle Ereignisse modellhaft vorführen. Diese Funktion der Literatur müsse für das Studium der Medizin genutzt werden, um den Studierenden ethische Fragen näherzubringen.

Zum dritten Schwerpunkt, der Wissenschaftsgeschichte, gehörte der Vortrag von ELENA ROUSSANOVA (Leipzig). Sie stellte ein Projekt vor, das an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften beheimatet ist. In dem Akademienprojekt werden die „Wissenschaftsbeziehungen im 19. Jahrhundert zwischen Deutschland und Russland auf den Gebieten Chemie, Pharmazie und Medizin“ untersucht. Beispielgebend rekonstruierte Roussanova die Biografie von Hermann Trautschold (1817–1902), einem deutschen Apotheker und Geologen, der in Russland arbeitete. Anhand seiner Biographie konnte gezeigt werden, wie deutsche Naturwissenschaftler universitäre Karriere im Russischen Reich machten.

Im Zusammenhang mit diesem Akademienprojekt erläuterte WOLFGANG OTTO (Leipzig) die Möglichkeiten semantischer Webtechnologien in der Biobibliographischen Forschung. Er stellte die technischen Aspekte einer Personendatenbank vor, in der Wissenschaftler(innen) aus dem naturwissenschaftlichen Bereich zusammengefasst werden. Dabei sollen in nächster Zukunft die Fragen nach der Erweiterung des Datenbestandes, des Aufbaus der Plattform sowie die Nutzung der semantischen Technologie geklärt werden. Die Vorteile der neuen Plattform seien: solide Datenbank, semantisch dargestellte und klar strukturierte Daten.

Mit dem Zusammenhang von Vitamin C-Forschung und Humanexperimenten beschäftigte sich MAXIMILIAN SCHOCHOW (Halle-Wittenberg). Anhand des Leipziger Anatomen Max Clara (1899–1966) konnte er zeigen, in welchen Etappen und mit welchen Konsequenzen sich die Forschung zum Nachweis des Vitamin C im Körper entwickelte. Wurden anfänglich Tierversuche durchgeführt, verwendeten Clara und seine Assistenten in den 1940er-Jahren zum Tode verurteilte Häftlinge für ihre Forschung. Um ihre Methoden zu optimieren, ließen sie Häftlingen vor der Hinrichtung spezifische Dosen an Vitamin C verabreichen und bestimmten nach der Exekution den Vitamin-C-Gehalt in den Organen.

Einen Einblick in die Experimentelle Wissenschaftsgeschichte im Ernst-Haeckel-Haus der Universität Jena gab ANDREAS CHRISTOPH (Jena). Mehr als 100 wissenschaftshistorische Instrumente kommen im Unterricht für Schüler und Studierende zum Einsatz, zum Beispiel in dem Projekt „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“, das ab Sommersemester 2013 in Zusammenarbeit mit der Mercator-Stiftung angeboten wird. An diesem Beispiel diskutierte Christoph, inwieweit die Sammlung einen Zusammenhang mit Wissenschaftsgeschichte hat und wie sich das Projekt zur „living history“ abgrenzt. Mit zahlreichen Beispielen (Nachbau einer Elektrisiermaschine) machte er den Unterricht anschaulich.

Unter dem Thema „Wissenschaftsgeschichte im Kalten Krieg“ stellten drei wissenschaftliche Mitglieder des Ernst-Haeckel-Hauses der Universität Jena ihre aktuellen Projekte vor. TOBIAS FRÄBEL (Jena) untersucht in seinem Promotionsprojekt die Entwicklung der mikrobiologischen Forschungstätigkeiten am Beutenberg in Jena zwischen 1945 und 1992. Ziel ist es, die Interaktion zwischen Industrie, Universität und staatlichen Einrichtungen auf der Mikroebene herauszuarbeiten. BERND HELMBOLD (Jena) stellte Max Steenbeck (1904–1981), einen Kernphysiker der DDR, vor. Anhand einer biographischen Arbeit sollen die Forschungsstrukturen und deren Wandel in den verschiedenen Gesellschaftssystemen NS-Deutschland, der UdSSR sowie der DDR erfasst werden. Dabei geht Helmbold der Frage nach, wie sich die Industrieforschung innerhalb der angewandten physikalischen Forschung zur Kern- und Teilchenphysik in den späten 1930er-Jahren verhielt. Schließlich präsentierte CHRISTIAN FORSTNER (Jena) sein Projekt „Wissenstransfer und Techniktransfer in einem transnationalen Netzwerk im Kalten Krieg mit den USA als zentralen Knotenpunkt am Beispiel der Kernforschung“. Darin geht er den Fragen nach, wie die Transformation der Kernforschung aus dem akademischen Labor in neue Forschungsformen und Kooperationen erfolgte und wie sich der damit verbundene Wandel der Forschungsprogramme charakterisieren lässt.

Die vorgestellten Beiträge zeigten einen Ausschnitt über aktuelle Projekte von Kolleg(inn)en an Instituten in Mitteldeutschland und darüber hinaus. Die interdisziplinäre Tagung bot zudem die Möglichkeit, sich über breite Thematiken im Bereich der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte zu informieren und auszutauschen. Damit wurde an die erste Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte angeknüpft, die 2012 ebenfalls vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ausgerichtet worden war. Das Zusammentreffen zwischen Nachwuchswissenschaftler(inne)n sowie etablierten Forscher(inne)n regte zu fach- und institutionenübergreifenden Diskussionen an. Somit konnte diese gelungene Veranstaltung die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte in Mitteldeutschland stärker vernetzen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Kurzreferate I

Ortrun Riha (Leipzig): Die medizinischen Schriften Hildegards von Bingen als Quelle für die Medizingeschichte

Heiner Lück (Halle-Wittenberg): Strafvollzug und Anatomie in der Frühen Neuzeit

Stefan Borchers (Berlin): Christian Wolffs Kolleg über die Zeugungslehre – Skizze eines Editionsvorhabens

Kurzreferate II

Elke Schlenkrich / Florian Steger (Halle-Wittenberg): Nach der Aufklärung: Transformationsprozesse auf dem Weg zur Patientenautonomie. Fallstudien zur Geschichte der medizinischen Ethik seit dem 18. Jh.

Elena Roussanova (Leipzig): Apotheke als „Keimzelle der Naturwissenschaften“ – ein Beispiel: Hermann Trautschold (1817–1902)

Wolfgang Otto (Leipzig): Semantische Webtechnologien in der Biobibliographischen Forschung: Technische Realisierung einer semantischen Personendatenbank zu deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen im 19. Jahrhundert – ein gemeinsames Projekt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und der Arbeitsgruppe Agile Knowledge Engineering and Semantic Web an der Universität Leipzig

Kurzreferate III

Philipp Teichfischer (Magdeburg): Schönlein als Sammler und Mäzen

Kai Torsten Kanz (Jena): Die Korrespondenz von Ernst Haeckel (1834-1919) und ihre Erschließung: Ein Werkstattbericht

Anna Urbach (Magdeburg): Die Epilepsiepatienten der Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe 1894–1914

Maximilian Schochow / Mathias Schütz / Georg Marckmann / Jens Waschke / Florian Steger (Halle-Wittenberg, München): Humanexperimente zwischen Leben und Tod. Max Clara und die anatomische Vitamin C-Forschung im Dritten Reich

Kurzreferate IV

Rüdiger Schultka (Halle-Wittenberg): Die Wilhelm Roux-Sammlung für Entwicklungsmechanik – Zum Schicksal einer naturwissenschaftlichen Sammlung

Andreas Christoph (Jena): Experimentelle Wissenschaftsgeschichte. Perspektiven einer Universitätssammlung für Forschung und Lehre

Christian Forstner / Tobias Fräbel / Bernd Helmbold (Jena): Wissenschaftsgeschichte im Kalten Krieg – Vorstellung einer Arbeitsgruppe des Ernst-Haeckel-Hauses

Florian Steger (Halle-Wittenberg): Ärzteliteraten

Zitation
Tagungsbericht: Zweite Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, 06.03.2013 Halle (Saale), in: H-Soz-Kult, 14.06.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4857>.
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Veröffentlicht am
14.06.2013
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