Jenseits des Illustrativen. Visuelle Medien und Strategien politischer Kommunikation

Ort
Innsbruck
Datum
11.04.2013 - 12.04.2013
Veranstalter
Niels Grüne / Claus Oberhauser, Cluster „Politische Kommunikation“, Universität Innsbruck
Von
Seraina Renz, ETH Zürich

Die von Niels Grüne und Claus Oberhauser im Rahmen des Innsbrucker Clusters „Politische Kommunikation“[1] organisierte Konferenz war zwei Themen gewidmet. Erstens ging es um politische Kommunikation mittels visueller Medien und zweitens um die Frage, wie sich die Geschichtswissenschaft solchen Vermittlungsformen analytisch nähert. Die Tagung verfolgte dabei den Anspruch, Ansätze zu thematisieren und anzuwenden, in denen Bilder nicht lediglich zur Illustration oder zur Bestätigung einer schon vorher – durch das Studium schriftlicher Quellen – formulierten These verwendet werden. Visuelle Medien sollten vielmehr ihrer eigenen, genuinen Wirkung gemäß zur historischen Wissensproduktion beitragen.

Die Tagung wurde mit einem Referat von MARTIN KNAUER (Münster / Hamburg) eröffnet. Er beleuchtete zunächst drei inzwischen abgeschlossene Sonderforschungsbereiche im Themenfeld der politischen Kommunikation (Bielefeld, Konstanz und Münster), die alle einen historischen Schwerpunkt aufwiesen, und befragte sie auf ihren Umgang mit Bildern. Generell spiele die historische Bildforschung in den Forschungsbereichen zur politischen Kommunikation eine untergeordnete Rolle. Die historischen Zugänge zum Bild zeichneten sich dadurch aus, dass sie Bilder unter dem Vorzeichen des Medialen betrachteten, jedoch kaum nach ihren genuinen visuellen Wirkungen fragten oder sie im Sinne Horst Bredekamps als historische Akteure ernst nähmen. Die Geschichtswissenschaft beziehe Bilder zwar als Quellen mit ein, es fehle ihr jedoch eine eigene Bildauffassung, die über das Illustrative hinausginge. Vor diesem Hintergrund umriss Knauer in fünf Punkten die methodisch-konzeptionellen Chancen einer historischen Bildforschung und sprach abschließend drei prinzipielle Probleme an, unter denen der Mangel einer originär geschichtswissenschaftlichen Bildkritik (in Analogie zur Quellenkritik) als das dringendste Desiderat erschien.

Einen spezifisch geschichtswissenschaftlichen Beitrag zur Bildanalyse sah SIMONA SLANIČKA (Bern) denn auch in der Quellenkritik gegeben. Sie führte anhand der Wandfresken des Schifanoia-Palazzos in Ferrara (1469/70) in die eigentümliche politische Ikonographie ein, die sich im Umfeld so genannter „Bastard“-Herrscher in der italienischen Renaissance herausgebildet hatte. Als Uneheliche waren sie abhängig von der (widerrufbaren) Legitimierung durch den Papst und strebten – wie der Herzog Borso d’Este (1413–1471) – danach, ihren Herrschaftsanspruch mit Mitteln des Mäzenatentums zu festigen. Laut Slanička vermittelte Borso durch den Freskenzyklus, dass er besonders gebildet und dadurch zur Herrschaft berufen sei. Slanička gab Einblicke in ein interessantes Phänomen, blieb trotz historisch-politischer Kontextualisierung letztlich aber die Erklärung schuldig, worin die Besonderheiten der legitimatorischen Bildsprache im Rahmen von Bastard-Herrschaft jenseits künstlerisch-mäzenatischer (Über-)Kompensation gelegen haben könnten. Damit wurde die Entschlüsselung der für uns heute schwer lesbaren Fresken nur teilweise geleistet.

In den Bereich der Architektur führte der Vortrag von MONIKA MELTERS (München). Zu Beginn stellte sie fest, dass die Architektur, einst eine der Königsgattungen innerhalb der kunstgeschichtlichen Disziplin, in einer bildwissenschaftlich orientierten Forschung ein Schattendasein friste. Bauwerke, so eine mögliche Begründung für Melters, lassen sich nicht leicht in Mediendiskurse transponieren. So erstaunte es wenig, dass sie selbst nicht über Bauwerke sprach, sondern über eine bebilderte Publikation aus dem 16. Jahrhundert zum französischen Schlossbau. „Les plus excellentes bastiments de France“ (1576/79) – eine Beschreibung von 30 königlichen und adeligen Wohnschlössern – war die erste historisch angelegte, nach-antike Überblicksdarstellung zur Baukunst. Melters zeigte überzeugend, wie sich der Autor Jacques Androuet Du Cerceau mit Albertis Architekturtraktat auseinander- und darüber hinwegsetzte, indem er ein subjektives Moment in die Darstellung einbrachte. Er arbeitete nicht nur mit Grund- und Aufrissen, sondern fertigte gleichsam Portraits der Gebäude an. Er stellte die Bauten aus unterschiedlichen Perspektiven dar, um ihre besonderen Charakteristika möglichst deutlich herauszustreichen. Die Medialisierung der Architektur wurde damit bereits im Buch vollzogen. Soweit Du Cerceaus architekturpublizistischem Werk politische Motive zugrunde lagen, seien sie in erster Linie im Kontinuitätsanspruch der Königsdynastie der Valois zu sehen.

BIRGIT EMICH (Erlangen) leitete ihren Abendvortrag mit einem Verweis auf die lokale Kunst in Innsbruck ein, wo sich mit dem Kenotaph Kaiser Maximilians I. die größte abendländische Grabanlage befindet. Danach widmete sie sich jedoch Gräbern aus der „zweiten oder dritten Reihe“ am Beispiel von Beamtengrabmälern. Sie verfolgte ein doppeltes Ziel: zum einen anhand der Monumente etwas über den politischen Aufstieg des Beamtentums in der Frühen Neuzeit zu erfahren und zum anderen zwei komplementäre methodische Zugänge zu erproben. Der erste, an den Gräbern römischer Kardinalstaatssekretäre im 17. und 18. Jahrhundert exemplifizierte Zugriff war eher diskursanalytisch darauf ausgerichtet, „den Chor der Beamten singen zu lassen“ und die Botschaft verschiedener, diachron und synchron verglichener Gräber zu interpretieren. In diesem Bestreben trug Emich der Tatsache Rechnung, dass (künstlerische) Artefakte selbst dann politische Implikationen vermitteln können, wenn sie nicht eigens zu diesem Zweck hergestellt worden sind. Der zweite Ansatz bestand darin, die individuelle, intendierte Aussage eines einzelnen Grabmals durch intensive Kontextualisierung gleichsam hermeneutisch zu entschlüsseln. Dieses Verfahren erläuterte Emich am Beispiel des Grabmals, das der Mecklenburger Herzog Gustav Adolf 1659 im Dom zu Güstrow für seinen ehemaligen Geheimen Rat Günther von Passow errichten ließ. Das Referat überzeugte sowohl in seiner methodischen Stringenz als auch durch die interessant vermittelte Materie, die Karriere des Beamtenstandes.

In den Bereich der intentionalen politischen Kommunikation durch Bilder führte wiederum der Beitrag von STEFAN EHRENPREIS (Fribourg / Nürnberg) zurück, nämlich am überraschenden – weil für den deutschen Sprachraum historisch sehr wenig erforschten – Gegenstand von Schulbüchern. Ehrenpreis legte dar, dass seit dem 17. Jahrhundert vermehrt Bilder in den Unterricht einbezogen wurden. Das hing einerseits mit den neuen Fächern Natur- oder Realienkunde zusammen und andererseits mit veränderten didaktischen Ansprüchen. Beispielsweise sollte das Lesen- und Schreibenlernen erleichtert werden, indem Illustrationen von Alltagsgegenständen oder Tieren in die so genannten ABC-Bücher integriert wurden. Lehrmittel dienten aber auch der moralischen und politischen Unterrichtung, wofür gemäß Ehrenpreis die „Emblemata“ zuständig waren, die meist auf Herrscher-Tugenden fokussierten. Vielversprechend war der Vergleich, den Ehrenpreis zwischen Deutschland und den republikanisch geprägten Niederlanden anstellte. Dort wurden ebenfalls Tugenden verbildlicht, diese aber weniger durch Herrscher, sondern durch bürgerliche Figuren repräsentiert.

MARKUS NEUWIRTH (Innsbruck) führte in die Ikonographie des portugiesischen Wappens und in dessen beinahe globale Verbreitung in der Zeit der „Reconquista“ ein. Diese „Rückeroberung“ von Gebieten, die durch die Mauren besetzt worden waren, verband sich mit einer ungeheuren Expansions- bzw. Kolonisierungsbewegung, ein Aspekt, den Neuwirth nur andeutete. Deutlich stellte er dafür die religiöse Dimension der portugiesischen Politik dar, die nicht nur anti-islamisch, sondern auch antijudaistisch war und in der Vertreibung bzw. Zwangschristianisierung der jüdischen Bevölkerung gipfelte. Zentrales Element des portugiesischen Wappens waren nach Neuwirth die fünf Münzen, die auf die fünf Wundmale Christi verweisen. In unterschiedlichen Abwandlungen, beispielsweise durch die Darstellung der „Arma Christi“, fand die christliche Ikonographie Anwendung auf Architekturelemente. Das Wappen mit seiner christlichen Botschaft wurde auch auf Stelen und Pfeiler gemeißelt, die in eroberten Gebieten an den Küsten des afrikanischen Kontinents bzw. indischen Subkontinents errichtet wurden, um die portugiesische Herrschaft zu markieren.

Auf die Politik der Gegenwart und ihre ästhetische Dimension lenkte PHILIPP HUBMANN (Innsbruck) den Fokus. Sein Referat über die massenmedial verbreiteten Aufnahmen aus dem Gefangenenlager Guantánamo stützte Hubmann auf politische und ästhetische Theorien. Mit Judith Butler macht er auf die erstaunliche Tatsache aufmerksam, dass die Bilder nicht etwa durch investigativen Journalismus entstanden, wie es manche Aufnahmen nahelegen, sondern vom US-Militär selbst produziert und im Auftrag des Pentagons veröffentlicht wurden. Gleichzeitig versichern die offiziellen Kommentare der amerikanischen Administration in offenem Widerspruch zu den Bildaussagen, dass in Guantánamo die Genfer Konvention eingehalten werde. Butler sieht eine Absicht darin, mit Text und Bild bewusst verschiedene Mitteilungen zu transportieren: im einen Fall die Versicherung von Legalität und im anderen eine Drohung. Dies führte Hubmann zu einem Vergleich mit dem von Horst Bredekamp beschriebenen „substitutiven Bildakt“, den dieser unter anderem in der doppelten Funktionalisierung (Bestrafung und Drohung) frühneuzeitlicher „Schandbilder“ erkennt. Mit Jacques Rancières Überlegungen zum Primat des Visuellen in der Gegenwart folgerte Hubmann, dass politische Kommunikation im „ästhetischen Regime“ (Rancière) vor allem im Modus des Erhabenen erfolgt, wodurch die Dramatik und Präsenz des Bildes selbst im Bildgebrauch von seriösen Zeitungs- und Fernsehredaktionen zu Ungunsten von Fragen der Urheberschaft und Intentionalität des visuellen Materials in den Vordergrund treten.

Das letzte Referat der Tagung von SYBILLE MOSER-ERNST und URSULA MARINELLI (Innsbruck) war dem Karikaturprojekt von Ernst Kris und Ernst H. Gombrich gewidmet, das die beiden zwischen 1934 und 1937 aus ihrem doppelten Interesse an Kunst und Psychoanalyse verfolgten. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit standen die Stifterfiguren am Naumburger Dom, die Charakterköpfe Franz Xaver Messerschmidts sowie Honoré Daumiers karikaturistisches Werk. Die Referentinnen zeigten, wie in den Projekten der beiden kongenialen Denker zum ersten Mal Kunstgeschichte und Psychologie miteinander verbunden wurden. Darüber hinaus wäre von Interesse gewesen, in welcher Weise die beiden jüdischen Kunsthistoriker mit den Karikaturen ein politisches Projekt verfolgten, indem sie sich am Vorabend der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich einem Thema widmeten, das bereits seit dem 19. Jahrhundert durch „Studien“ zur Physiognomie stark belastet war.

Die abschließende Diskussion, die durch ein Impulsreferat von Birgit Emich eingeleitet wurde, drehte sich schwerpunktmäßig um deren Beobachtung, dass die Referate erklärungsbedürftig wenig Gewicht auf die Wahrnehmung von Bildern gelegt hätten. Im Vordergrund standen laut Emich zumeist das Dargestellte und sein Wirkungspotential, während die Frage nach der eigentlichen Rezeption kaum berührt worden sei. Zur Begründung dieses Problems werde in der Geschichtswissenschaft oft der Mangel an Quellen genannt, die von der unmittelbaren Wahrnehmung Zeugnis ablegen. Allerdings könnten über medien- und institutionshistorische Annäherungen dennoch Einsichten in breitere Reaktions- und Umgangsweisen gewonnen werden. Einige Diskutantinnen und Diskutanten wiesen darauf hin, dass sich durch systematische Recherchen und Erschließungen die Materialbasis wohl auch für originär rezeptionsgeschichtliche Fragestellungen deutlich ausdehnen ließe. Dem stehen zum Teil aber wissenschaftsorganisatorische Tendenzen entgegen: In die Quellenforschung werde wenig Geld investiert, gefördert würden lieber große, inhaltliche „Würfe“. Am Ende bleibt anzumerken, dass die Schlussdiskussion noch einmal den Rahmen für methodische Fragen öffnete. Ein überzeugender Zugang zum Bild in der Geschichtswissenschaft, der es nicht affirmativ oder illustrativ zum Einsatz bringt, scheint jedoch nach wie vor nur in Ansätzen greifbar zu sein.

Konferenzübersicht:

Margret Friedrich / Niels Grüne / Claus Oberhauser (Innsbruck): Begrüßung, Einführung

Martin Knauer (Münster / Hamburg): Bildlichkeit ohne Bilder? Visualität als Problem einer transdisziplinären Kulturgeschichte des Politischen

Simona Slanička (Bern): Füllhorn, Gebieter über Jahreszeiten, Monate und das Weltenschicksal. Herzog Borso d‘Este auf den Schifanoiafresken

Monika Melters (München): Zur Medialität von Geschichte. Die „Plus excellents bastiments de France“ (1576/79) des Jacques Androuet Du Cerceau

Birgit Emich (Erlangen): Staatsdienst und Seelenheil: Beamtengrabmäler der Frühen Neuzeit als Medien politischer Kommunikation

Stefan Ehrenpreis (Fribourg / Nürnberg): Erziehung zum politischen Sehen? Bildliche Darstellungen von Herrschaft und Gesellschaftsordnung in frühneuzeitlichen Schulbüchern

Markus Neuwirth (Innsbruck): Das Wappen Portugals. Die globale Multiplikation der Instrumentalisierung

Philipp Hubmann (Innsbruck): Politik der Folter – Die Bilder von Guantánamo Bay und Judith Butlers Theorie der „state speech“

Sybille Moser-Ernst / Ursula Marinelli (Innsbruck): Geschichte des Karikaturprojektes Kris/Gombrich. Fokus Künstler oder Fokus Werk? Oder: Wer ist der Akteur?

Schlussdiskussion / Impulsreferat
Birgit Emich (Erlangen)

Anmerkung:
[1] Zum Cluster „Politische Kommunikation“ im Arbeitsbereich „Politik, Religion, Kunst“ des Forschungsschwerpunkts „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ vgl. die Homepage <http://www.uibk.ac.at/politik-religion-kunst/cluster/politische-kommunikation.html> (22.04.2013).

Zitation
Tagungsbericht: Jenseits des Illustrativen. Visuelle Medien und Strategien politischer Kommunikation, 11.04.2013 – 12.04.2013 Innsbruck, in: H-Soz-Kult, 18.06.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4861>.