Neue Staaten im Herzen Europas: 20 Jahre friedliche Teilung der Tschechoslowakei

Ort
Leipzig
Datum
24.04.2013 - 02.04.2013
Veranstalter
Botschaft der Slowakischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland; Botschaft der Tschechischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland; GWZO an der Universität Leipzig; Karls-Universität Prag, Fakultät für Sozialwissenschaften; Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
Von
Brigitta Triebel, Universität Leipzig

Am 1. Januar 1993 entstanden in Europa zwei neue Staaten: die Slowakische Republik und die Tschechische Republik. Sie waren die direkten Nachfolger des Staates, der nach einem kleinlichen „Gedankenstrich-Krieg“[1] die umständliche Bezeichnung Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR) erhalten hatte. In längerer Sicht waren sie aber auch Nachfolgestaaten der 1918 gegründeten Tschechoslowakei. Zum zwanzigjährigen Jubiläum der doppelten Staatsgründung trafen sich am 24. und 25. April 2013 deutsche, slowakische und tschechische Wissenschaftler in Leipzig, um die Ursachen der Trennung und die Entwicklung, die die beiden neuen Staaten seither genommen haben, zu diskutieren. Die Tagung stand unter der Leitung von FRANK HADLER (Leipzig), wurde vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) in Kooperation mit den Botschaften der Slowakischen Republik und der Tschechischen Republik sowie der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karls-Universität Prag veranstaltet und vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert.

Bei der öffentlichen Abendveranstaltung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig führte der ehemalige Mitteleuropakorrespondent der Süddeutschen Zeitung, MICHAEL FRANK (München) mit einem weit angelegten Vortrag in die Konferenzthematik ein. Schon der Titel „Unüberbrückbare Zuneigung. Die Trennung der Tschechoslowakei: Europas Einigung macht die stille Tragödie zum Glücksfall“ zeigte die positive Bilanz an, die Michael Frank zog. Als Grund für die Auflösung des gemeinsamen Staates identifizierte er die starken Ungleichzeitigkeiten in beiden Landesteilen. Zum einen attestierte er der slowakischen Seite einen Nachholbedarf in nationaler Eigenstaatlichkeit: Während eine tschechische Mehrheit die Tschechoslowakei als ihren Staat gesehen habe, hätten sich viele Slowaken im Gesamtstaat wie auch im Ausland häufig nicht als souveräne Nation wahrgenommen gefühlt. Zum anderen habe es nach der „Samtenen Revolution“ an einem Konsens darüber gefehlt, wie eine demokratische Föderation aussehen sollte. Zudem hätten die tschechischen Eliten – auch der bekennende Tschechoslowake Václav Havel – die slowakischen Forderungen als Nationalismus und Separatismus missinterpretiert. Erst die Trennung habe diese Schieflage korrigiert. Die beiden Nachbarstaaten bauten sehr gute politische und wirtschaftliche Beziehungen auf und der kulturelle Austausch konnte in der jüngeren Generation weitergeführt werden. Michael Frank würdigte insbesondere die erfolgreichen Bemühungen der Slowakischen Republik, international anerkannt zu werden und wirtschaftlich zu Tschechien aufschließen zu können. Als vorläufigen Höhepunkt dieser positiven Entwicklung bezeichnete er die zeitgleiche Integration der Tschechischen und Slowakischen Republik in die Europäische Union im Jahr 2004.

Damit waren die großen Themen bereits im Eröffnungsvortrag angeklungen. Sie wurden am nächsten Tag in drei thematischen Blöcken aufgegriffen und diskutiert. In der ersten Sektion „Politik und Geschichte“ sprach der Historiker und Ethnologe JAN RYCHLÍK (Prag) über die „Samtenen Scheidung der Tschechoslowakei“. Jan Rychlík argumentierte, dass die Föderation am Fehlen einer tschechoslowakischen Identität gescheitert sei. Er bestätigte im Wesentlichen Michael Franks These von der unterschiedlich starken Identifikation von Tschechen und Slowaken mit dem gemeinsamen Staat. Die Föderalismusreform von 1968 und das Majoritätsverbot von 1975, das es den Nationalkammern des Parlaments ermöglichte, Beschlüsse einer nationalen (tschechischen) Mehrheit zu verhindern, verknüpfte er mit den Weichenstellungen, die nach 1989 zum Scheitern des demokratischen Bundesstaates führten. Mit dem Wegfall der Kommunistischen Partei als übergeordneter Entscheidungsinstanz habe eine gegenseitige Blockade der tschechischen und slowakischen Nationalkammer gedroht. Die letzte Chance auf eine gemeinsame Zukunft habe dann der slowakische Ministerpräsident Vladimír Mečiar zerstört, der nach dem Wahlsieg seiner Partei „Bewegung für eine demokratische Slowakei“ (ĽS-HZDS) die Anerkennung der Slowakei als unabhängiges Völkerrechtssubjekt forderte und damit jede realistische Lösung des Konflikts blockierte.

DUŠAN KOVÁČ (Bratislava) plädierte in seinem Vortrag über die „Teilung der Tschechoslowakei: Interpretationen, Fakten und Mythen“ dafür, die gängigen Darstellungen der Ereignisse in den Jahren 1992/93 zu hinterfragen. Jan Rychlíks These vom Vorantreiben der Trennung durch die slowakische Politik widersprach er vehement. Aus seiner Sicht lag die Initiative für die Auflösung des Staates eher auf der tschechischen Seite, da diese die Modalitäten zur Aufteilung des Staatseigentums oder des Finanz- und Wirtschaftswesens bestimmt habe. Doch Dušan Kováč argumentierte auch gegen die – auf der Konferenz mehrfach vorgebrachte – Interpretation der Teilung als Akt slowakischer Emanzipationsbestrebungen. Die Staatstrennung habe im Interesse einiger weniger gelegen und sei nicht das Ergebnis eines demokratischen Prozesses gewesen. Gegenwärtig würden in der Slowakei die Staatsgründung selbst und die damaligen Entscheidungsträger um Vladimír Mečiar in eine nationale Schöpfungsgeschichte eingeschrieben, was eine sachliche Analyse der Geschichte erschwere. Angesichts der schwierigen Lage in der Slowakei unmittelbar nach der Unabhängigkeit bezeichnete Dušan Kováč die Erzählung von einer beispiel- und alternativlosen Erfolgsgeschichte als zu kurz gegriffen.

Dieser These widersprach VOLKER WEICHSEL (Berlin) in seinem Kommentar. Er verortete die Ursachen für die Gründung wie auch für das Ende der Tschechoslowakei im geopolitischen Kontext des europäischen 20. Jahrhunderts: Bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei der eigentliche Existenzgrund für die Erste Tschechoslowakische Republik, der Zusammenschluss beider Nationen zu einem „tschechoslowakischen Staatsvolk“ gegen die deutschen und ungarischen Bevölkerungsgruppen, obsolet geworden. Die slowakische und tschechische Eigenstaatlichkeit sei – gewissermaßen durch 40 Jahre Staatssozialismus verzögert – folgerichtig gewesen. Darüber hinaus bekräftigte Weichsel in der rege geführten Debatte, dass die friedliche Entwicklung keinen besonderen Glücksfall der europäischen Geschichte darstelle, dass es ähnlich gewaltfreie Prozesse auch bei der Auflösung der Sowjetunion gab. Während sich die slowakischen und tschechischen Wissenschaftler auf die Formulierung einer zwar friedlichen aber nicht demokratischen Teilung der Tschechoslowakei einigen konnten, erinnerte Volker Weichsel daran, dass die Entscheidungsträger nicht nur durch die Parlamentswahlen im Juni 1992 demokratisch legitimiert waren, sondern die Wahlsieger – die tschechische Demokratische Bürgerpartei (ODS) und die slowakische ĽS-HZDS – die Option einer Trennung in ihren Programmen offen formuliert hatten.

Die zweite Sektion umfasste `Wirtschaft und Handel` als eine weitere wichtige Dimension im tschechoslowakischen Teilungsprozess und in der zwanzigjährigen Eigenstaatlichkeit. Beide Referenten, die Ökonomen PAVEL KOHOUT (Prag) und MICHAL LEHUTA (Bratislava), zogen ein positives Fazit der Auflösung der Föderation. Pavel Kohout führte in seinem Vortrag „Competitiveness means Competition“ aus, dass es für beide Republiken erst durch die Unabhängigkeit möglich geworden sei, eigene und passendere Wege für ihre Volkswirtschaften zu entwickeln. Zudem sei der Wettbewerb zwischen beiden Staaten entscheidend für die Transformationsphase gewesen. Zwanzig Jahre nach der Auflösung des gemeinsamen Staates könnten beide Seiten ohne Ressentiments oder Verteilungskämpfe auch in ökonomischer Hinsicht voneinander lernen. Diesen Erfolg charakterisierte Pavel Kohout als Vorbild für einen neuen europäischen Wirtschaftsraum, in dem die Wirtschaften der Mitgliederstaaten auf einem freien Markt miteinander in Konkurrenz treten könnten, anstatt nationale Unterschiede durch eine erzwungene Integration aufzuheben. Michal Lehuta betonte, dass sich die Ökonomien in Tschechien und der Slowakei heute ähnlicher seien als zurzeit der Tschechoslowakei: Beide zeichne eine hohe Produktivkraft, industriereiche und offene Strukturen aus, die eng mit Deutschland verflochten sind. Dies sei umso bemerkenswerter, als die politischen Entwicklungen beider Länder deutliche Unterschiede aufwiesen. Einerseits sei in der Slowakei die Zustimmung zum europäischen Einigungsprozess ungebrochen hoch, während in Tschechien eine deutliche Europaskepsis herrsche. Andererseits werde das Problem der Korruption in der Slowakei aus öffentlichen Debatten ausgespart, in Tschechien werde es jedoch wesentlich offener diskutiert.

Der Wirtschaftshistoriker UWE MÜLLER (Leipzig) eröffnete die Diskussion mit der gestellten Frage, ob sich der ökonomische Erfolg trotz oder wegen der Auflösung der ČSFR eingestellt habe. Beide Referenten vertraten die Ansicht, dass die Reformen, die das slowakische Wirtschaftswachstum der letzten zehn Jahre möglich gemacht haben, in einer Föderation kaum durchsetzbar gewesen wären. Zudem, so Kohout, berge eine ungleichzeitige Entwicklung zweier Landesteile stets die Gefahr wirtschaftlicher und politischer Instabilität in sich. Die für die wissenschaftliche Aufarbeitung entscheidende Frage, ob und inwieweit konkrete ökonomische Gründe zum Ende der Föderation beigetragen haben, konnte jedoch in der Sektion nicht beantwortet werden. Jan Rychlík ergänzte in der Debatte, dass die wirtschaftliche Dimension keine entscheidende Rolle gespielt habe. Von der slowakischen Seite bestätigte das Milan Zemko und argumentierte, dass die Tschechoslowakei in der sozialistischen Planwirtschaft als einheitlicher Wirtschaftsraum funktioniert habe.

In der dritten Sektion diskutierten auf dem Podium OLDŘICH TŮMA (Praha), JURAJ MARUŠIAK (Bratislava), MIROSLAV KUNŠTÁT (Prag), MILAN ZEMKO (Bratislava) und REINHARD WIEMER (Bratislava) die kulturelle und gesellschaftliche Dimension der „Samtenen Scheidung“. Damit griffen sie die Themen auf, die bereits am ersten Abend und in der Sektion zu Geschichte und Politik angesprochen worden waren. In seinem Redebeitrag beschäftige sich Oldřich Tůma mit der bis heute unterschiedlichen Wahrnehmung des gemeinsamen Staates. Er fragte, warum in der Slowakei die tschechoslowakischen Jahrzehnte nach wie vor negativ interpretiert werden. Dass die Klischees über die jeweils andere Nation weiterhin wirkmächtig seien, befürchtete auch Miroslav Kunštat von der Prager Karls-Universität. Bis heute werde den Tschechen ein atheistischer Rationalismus und den Slowaken ein katholischer Konservativismus nachgesagt. Miroslav Kunštat riet, den Kulturtransfer zwischen dem polnischen, tschechischen und slowakischen Katholizismus und die gegenwärtigen Veränderungen in den nationalen Identitäten wahrzunehmen, anstatt auf überholten Zuschreibungen zu beharren. Größeren Handlungsbedarf sah der slowakische Politikwissenschaftler Juraj Marušiak in der unvollendeten demokratischen Konsolidierung der Slowakei. Er bescheinigte nicht nur der eigenen Gesellschaft eine instabile Parteienlandschaft, eine hohe Korruptionsrate und das Fehlen einer demokratischen Kultur mit starker Trägerschaft, sondern warnte auch vor einer Erosion der Demokratie in der gesamten Region. Eine wesentlich positivere Bilanz zog der deutsche Diplomat Reinhard Wiemer. Auf die ungewissen frühen Jahre zurückblickend, die er in Bratislava miterlebt hatte, bezeichnete er den raschen ökonomischen Aufstieg der Slowakei, die problemlosen deutsch-slowakischen Beziehungen und das pro-europäische Engagement des Landes als überraschenden und großen Erfolg. Milan Zemko zufolge stellten der Machtwechsel im Jahr 1998 und die Ablösung Vladimír Mečiars vom Amt des Ministerpräsidenten die entscheidenden Erfahrungen für die nationale Emanzipation in der Slowakei dar. Das sei der Moment gewesen, in dem die Slowaken ohne fremdes Einwirken in einer demokratischen Wahl selbst über das Schicksal ihres Staates entschieden hätten.

Am Ende der thematisch vielseitigen Debatte fanden die Diskutanten einen Konsens darin, dass die slowakische und tschechische Eigenstaatlichkeit nicht zu einem Abbruch der kulturellen Verbindungen und des gesellschaftlichen Austausches geführt, sondern gerade in der jüngeren Generation die Entstehung eines neuen gemeinsamen kulturellen Raums befördert habe. Die Konferenz gab im Ganzen nicht nur einen guten Überblick über die Geschichte der tschechoslowakischen Trennung und deren Folgen. Vielmehr zeigten die Vorträge und Debatten, wie unterschiedlich die Deutungen zwanzig Jahre danach noch ausfallen. Bemerkenswert ist, dass tschechische wie slowakische Wissenschaftler die Initiative zur Trennung nach wie vor der anderen Nation zuschreiben. Allerdings machten die Diskussionen in den Sektionen die komplizierte Gemengelage aus historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen deutlich, die in einem sich veränderten internationalen Kontext zur Gründung zweier unabhängiger Staaten führte. Von der alleinigen Verantwortung einer Seite kann demnach nicht die Rede sein. Um die Aufarbeitung der Trennungsgeschichte in beiden Ländern voranzutreiben, ist eine kritische Auseinandersetzung mit den fortbestehenden Klischees und neuen nationalen Mythen nötig. In diesem Sinne hatte Dušan Kováč bereits in der ersten Sektion dafür plädiert, das Jubiläum nicht nur zu feiern, sondern es für tiefergehende Analysen des Teilungsprozesses zu nutzen, um die eigentliche Frage „cui bono?“ beantworten zu können.

Konferenzübersicht:

Begrüßung/ Grußworte:
Prof. Dr. Rainer Eckert (Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig)
Prof. Dr. Beate Schücking (Rektorin Universität Leipzig)
Dr. Rudolf Jindrák, (Botschafter der Tschechischen Republik)
Igor Slobodník, (Botschafter der Slowakischen Republik)
Cornelia Pieper (Staatsministerin im Auswärtigen Amt)

Michael Frank: Unüberbrückbare Zuneigung. Die Trennung der Tschechoslowakei: Europas Einigung macht die stille Tragödie zum Glücksfall

Sektion I – Geschichte und Politik:
Moderation: Michaela Marek (Universität Leipzig)

Jan Rychlík (Karls-Universität): Die Samtene Scheidung der Tschechoslowakei

Dušan Kováč (Historisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften): Die Teilung der Tschechoslowakei: Interpretationen, Fakten und Mythen

Kommentar: Volker Weichsel (Zeitschrift „Osteuropa“)

Sektion II – Wirtschaft und Handel:
Moderation: Jennifer Schevardo (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik)

Pavel Kohout: Competitiveness Means Competition

Michal Lehuta: Czech Republic and Slovakia: 20 Years on

Kommentar: Uwe Müller (GWZO)

Sektion III – Kultur und Gesellschaft:
Podiumsdiskussion:
Oldřich Tůma (Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften)
Juraj Marušiak (Institut für Politikwissenschaften der Slowakischen Akademie der Wissenschaften)
Miroslav Kunštát / Milan Zemko (Historisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften)
Reinhard Wiemer (Deutsche Botschaft Bratislava)
Moderation: Zuzana Jürgens (Tschechisches Zentrum München)

Anmerkung:
[1] Tschechisch: „Pomlčková válka“, slowakisch: „Pomlčková vojna“, Vgl. Jan Rychlík, Rozdělení Československa 1989-1992 [Die Trennung der Tschechoslowakei 1989-1992], Praha 2012, 127.

Zitation
Tagungsbericht: Neue Staaten im Herzen Europas: 20 Jahre friedliche Teilung der Tschechoslowakei, 24.04.2013 – 02.04.2013 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 27.06.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4881>.