Neue Forschungen zu frühchristlichen Friedhöfen

Ort
Regensburg
Datum
19.04.2013 - 20.04.2013
Veranstalter
Jutta Dresken-Weiland; in Kooperation mit dem Themenverbund „Urbane Zentren und europäische Kultur in der Vormoderne“
Von
Jutta Dresken-Weiland, Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte, Universität Regensburg

Anlass der von Jutta Dresken-Weiland in Kooperation mit dem Themenverbund „Urbane Zentren und europäische Kultur in der Vormoderne“ an der Universität Regensburg organisierten Tagung war der in der Begutachtung befindliche DFG-Antrag „Laien, Kleriker, Märtyrer und die unterirdischen Friedhöfe Roms im 3. Jahrhundert“. Dieser Antrag gehört in den Kontext des Projektes von Andreas Merkt (Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte und Patrologie, Universität Regensburg), „Metamorphosen des Todes“. Im Rahmen dieses Forschungsvorhabens sind von Jutta Dresken-Weiland zwei DFG-Projekte abgeschlossen und publiziert worden: „Bild, Grab und Wort“ über die Jenseitsvorstellungen von Christen des 3. und 4. Jahrhunderts.“ und „Himmel, Paradies, Schalom. Tod und Jenseits in antiken christlichen und jüdischen Grabinschriften“; zwei weitere werden in Form von Dissertationen zur Zeit am Lehrstuhl erarbeitet und erste Ergebnisse auf der Tagung präsentiert (siehe unten). Die Tagung wurde von der Vielberth-Stiftung finanziert.

Während die Entwicklung der stadtrömischen Katakomben und ihre Nutzung im frühen Mittelalter inzwischen recht gut erforscht sind, ist das 3. Jahrhundert kaum bekannt, obwohl in diesem die Grundlagen der unterirdischen christlichen Friedhöfe und die Voraussetzungen für deren Entfaltung gelegt werden. Während zu Beginn des 3. Jahrhunderts in der Calixtus-Katakombe 900 Verstorbene bestattet werden können, sind es Ende des 3. Jahrhunderts 9.000, die ihr Grab in der Katakombe der Heiligen Petrus und Marcellinus finden. Dieser Vorgang setzt beachtliche Aktivitäten und beträchtliche historische Veränderungen voraus, die im Lauf des 3. Jahrhunderts stattgefunden haben müssen. Paul-Albert Février betonte bereits vor 25 Jahren: „Les catacombes sont les seul documents qui permettent d’écrire une histoire de l’Église de Rome entre le temps de Novatien et Corneille et celui de Silvestre“[1] (für die Zeit zwischen der Mitte des 3. Jahrhunderts bis in die spätkonstantinische Zeit). Das kirchenhistorische Erkenntnispotential der Katakombenforschung ist längst noch nicht ausgeschöpft, zum Beispiel in Bezug auf die Organisation der Katakomben, das Miteinander und das Verhältnis von Laien und Klerikern sowie die Ausstattung der Friedhöfe mit Märtyrerleibern. Bei der Tagung sollten diese im DFG-Antrag formulierten Fragestellungen mit französischen und italienischen Katakombenforschern diskutiert werden.

JEAN GUYON (Marseille), Directeur de recherche am Centre Camille Jullian, der durch seine 1987 erschienene Arbeit über die Katakombe der Heiligen Marcellinus und Petrus den Gang der Forschung nachhaltig beeinflusste, widmete sich in Hinblick auf die Fragestellung der Tagung der Area I der Calixtus-Katakombe. Über diesen Friedhof ist durch Hippolyt bekannt, dass der Diakon und spätere Bischof von Rom, Calixtus, um 200 von Zephyrinus, Bischof von Rom, mit der Sorge um den Gemeindefriedhof betraut wurde. In der Tat darf die Area I als erster offizieller Friedhof der römischen Kirche bzw. des Bischofs von Rom gelten. In der Area I lassen sich, so Guyon, vier Phasen unterscheiden, die jeweils eine Erweiterung zur Schaffung von immer mehr Plätzen für die Bestattung bedeuten und das wachsende Interesse der Gläubigen an einer gemeinsamen Bestattung zum Ausdruck bringen. Wie Forschungen Guyons zu der innerhalb der Area I angelegten sogenannten „Papstgruft“ ergeben haben, war der erste hier beigesetzte Bischof von Rom der 235 verstorbene Pontianus, so dass sie nicht auf die Initiative des 222 verstorbenen Calixtus zurückgehen kann. In der Abfolge der Phasen ist Calixtus wohl die erste Erweiterung des Friedhofs und die „Erfindung“ des „Rostsystems“ zuzuweisen, das in der Folgezeit für die Anlage der unterirdischen Friedhöfe von Bedeutung sein sollte. Die Arbeiten in den Katakomben dürften von erfahrenen Fachleuten ausgeführt worden sein, die sonst für andere Auftraggeber tätig wurden; dass diese seitens der Kirche angestellt waren, hält Guyon für unwahrscheinlich. Auch wenn die Area I seitens der römischen Kirche verwaltet wurde, waren nicht alle der kleinen unterirdischen Grabanlagen, die im 4. Jahrhundert zu einer großen Katakombe zusammenwuchsen, in kirchlichem Besitz, sondern werden erst in dieser Zeit durch die Kirche zusammengefasst, wie das Verzeichnis der Märtyrergräber, die wohl 336 redigierte „depositio martyrum“ zeigt: Die insgesamt 14 Märtyrerbestattungen in den einzelnen, ursprünglich voneinander unabhängigen Hypogäen werden jetzt als „in Callisto“ aufgeführt.

Das Doppelreferat von LUCREZIA SPERA und LAURA ACAMPORA (beide Rom) galt der Entwicklung der Prätextatkatakombe von ihren Anfängen bis an das Ende des 3. Jahrhunderts. Diesem Friedhof kommt als dem ältesten und größten neben der Calixtus-Katakombe besondere Bedeutung zu. Spera wies darauf hin, dass in der Prätextatkatakombe wie bei Calixtus zwei parallel nebeneinanderliegende Treppen am Anfang der Entwicklung stehen. Für die Anlage des Friedhofs wird eine nicht mehr benutzte Zisterne wiederverwendet, in dieser aber nicht so systematisch wie in Calixtus, sondern eher sporadisch Bestattungen angelegt, was auf private Auftraggeber weisen dürfte. Acampora widmete sich den vorwiegend griechischen Inschriften des 3. Jahrhunderts und konnte diese Texte verschiedenen qualitativen Niveaus und verschiedenen Werkstätten zuordnen, die sich zum Teil auch in anderen unterirdischen Friedhöfen nachweisen lassen. Daran zeigt sich, dass Menschen verschiedener sozialer Schichten in den Katakomben ihre letzte Ruhe fanden.

RAFFAELLA GIULIANI (Rom), bei der Pontificia Commissione di Archeologia Sacra für die wissenschaftliche Erforschung der von dieser Kommission betreuten Katakomben zuständig, stellte die vor einigen Jahren in der Katakombe der heiligen Marcellinus und Petrus entdeckten „Massengräber“ vor. Die Erforschung dieses komplexe Fragestellungen aufwerfenden Fundes wird von einer multidisziplinären Forschergruppe, die von Dominique Castex (Bordeaux) koordiniert wird, durchgeführt. C-14 Untersuchungen ergaben, dass diese Vielfachbestattungen zwischen dem späten 1. Jahrhundert bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. vorgenommen wurden, also vor der Entstehung der Katakombe in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Die bei den Toten gefundenen seltenen und kostbaren Materialien weisen darauf hin, dass es sich bei diesen um Fremde mit einem gehobenen sozialen Status handeln könnte. Sie starben vermutlich durch die „antoninische Pest“, die über einen längeren Zeitraum immer wieder aufflackerte. Es könnte sein, dass die Erinnerung an diese „Fremden“ zur Ansiedlung der Verehrung der Vierzig Märtyrer von Sebaste führten, die durch Malereien und schriftliche Quellen des 6.–7. Jahrhunderts in der Katakombe nachgewiesen ist.

TATJANA BINK (Regensburg) berichtete über ihre in Arbeit befindliche, von der DFG geförderte Dissertation über „Christliches Grabrecht vom 2. bis 8. Jahrhundert“ und ging der Frage nach, wie für die Christen der Erwerb von Eigentum, Voraussetzung für die Anlage von Katakomben, möglich war. Die in der Forschung anzutreffende Bezeichnung des Christentums als „religio licita“ kann sich nicht auf antike Quellen stützen, so dass die Frage nach der für Christen gültigen Rechtsform neu zu stellen ist. Eine Überprüfung antiker Texte, so Tatjana Bink, legt nahe, dass die christlichen Gemeinden (vielleicht schon seit dem 2. Jahrhundert) durch die Definition als „collegium concessum“ zum Erwerb von Eigentum befähigt waren.

JUTTA DRESKEN-WEILAND (Regensburg) stellte das beantragte DFG-Projekt „Laien, Kleriker, Märtyrer und die unterirdischen Friedhöfe Roms im 3. Jahrhundert“ vor. Sie betonte in Bezug auf die kleinen, voneinander unabhängigen Grabanlagen, die am Anfang der Katakomben stehen, dass sich eine Vielzahl unterschiedlicher Personengruppen nachweisen lassen. Diese Hypogäen weisen keine Indizien auf, dass sie von Christen begründet wurden bzw. erlauben keine Aussage über ein religiöses Bekenntnis der Auftraggeber. Die Vielfalt der in den Katakomben bestatteten Personen und deren unterschiedliche Erwartungshaltung an das zu gestaltende Grab lassen es, so Dresken-Weiland, als wenig sinnvoll erscheinen, im 3. Jahrhundert „pagane“ Elemente christlichen gegenüberstellen zu wollen. Weil sich im 3. Jahrhundert sowohl eine christliche Epigraphik als auch eine christliche Kunst erst entwickeln, sei relativ wenig eindeutig Christliches zu erwarten. Die Kommunikation zwischen diesen Personengruppen muss offensichtlich funktioniert haben, da im späteren 3. und im 4. Jahrhundert viele kleine Grabanlagen miteinander verbunden wurden. Wahrscheinlich wirkte das christliche Engagement für die würdige Bestattung von Mitchristen in die Breite, so dass es sozial und gesellschaftlich akzeptiert war, sich auf die Erweiterung der jeweiligen Grabanlage und ggf. auf die Reduzierung des eigenen Einflusses einzulassen. Von den Personen, die in den Katakomben aktiv wurden, sind die Kleriker am schlechtesten als Handelnde bezeugt. Außer in der Calixtus-Katakombe kann ihre Anwesenheit in leitender Funktion in keinem anderen Friedhof nachgewiesen werden. Mit dem Einsatz von Fossoren, die im 3. Jahrhundert dem Laienstand angehörten, war eigentlich schon alles Wesentliche für das Funktionieren eines Friedhofs erledigt: Sie kümmerten sich um die Anlage von Gräbern, führten Malereien aus und vergaben die Plätze. Für die Friedhöfe werden, wie unterschiedliche, bisher noch nicht hierfür herangezogene Quellen berichten, Frauen aktiv, die Märtyrerleiber besorgen und diese bestatten. Hier ergibt sich ein relevantes Feld für weitere Forschungen. Ein weiterer Bereich, den Laien und Fossoren in den Katakomben übernahmen, war wohl das Bewahren von Erinnerung an Märtyrer und herausragende Tote. Auch die Wahl eines Bestattungsortes war nicht reglementiert; im 3. Jahrhundert gab es wohl noch keine Einteilung in Kirchenregionen, die eine Regelung bedeutet haben könnte. So dürften die Gründe für die Auswahl eines Bestattungsplatzes persönlicher Natur gewesen sein und die Entscheidung mit Blick auf die Personengruppe getroffen worden sein, mit der man bestattet werden wollte. Jutta Dresken-Weiland schließt daraus, dass sich die römische Kirche im 3. Jahrhundert wenig in die Organisation der Friedhöfe einmischt und engagierten Laien weitgehend das Feld überlässt. Da Dresken-Weiland in einem anderen Zusammenhang die Bedeutung der Laien für die Entstehung einer christlichen Kunst untersucht hat, ist deren Rolle auf einer breiteren Basis auch im Kontext des Bestattungswesens zu betrachten. Somit dürfte sich ein gegenüber der bisherigen Forschung deutlich verändertes Bild für die Initiativen und Aktivitäten von Laien in Bezug auf die Kirchengeschichte des 3. und des beginnenden 4. Jahrhunderts ergeben. Dabei wird auf Konzepte von „Privatheit“ und Übergangsprozesse zum Beispiel in die Hand von Gemeinden einzugehen sein.

Etwa gleichzeitig mit den stadtrömischen Katakomben ist das Siebenschläfer-Coemeterium in Ephesos entstanden, dessen Datierung in das 3. Jahrhundert Norbert Zimmermann, Wien, anhand von Malerei, Stuck, Mosaiken und Inschriften überzeugend nachweisen konnte. Damit ist dieser Friedhof der älteste datierbare in Kleinasien. Leider muss offen bleiben, wer die Initiative zur Anlage dieses Friedhofs ergriff, und wie sich die bekannte, erst im 5. Jahrhundert entstandene Siebenschläferlegende mit ihm verbindet.

MARTINA HARTL (Regensburg) präsentierte einen Aspekt ihres von der DFG geförderten Dissertationsvorhabens „Leichen – Skelette – Reliquien. Der tote Körper in der griechischen christlichen Popularliteratur der Spätantike“ und sprach über „Johannes Chrysostomus und die Reliquien“. Die betreffenden, wenig bekannten Texte des Johannes Chrysostomus zeigen die Multifunktionalität der Reliquien und ihre innerkirchliche Bindefunktion und vermitteln sowohl ein lebendiges Bild der Märtyrerfeste und ihres religiösen Umfeldes wie auch eine besseres Verständnis der Örtlichkeiten und deren ehemals vorhandener Ausstattung.

Resümierend darf festgestellt werden, dass der Austausch mit französischen, italienischen und deutschen Forschern es ermöglichte, die komplexen, mit den Friedhöfen des 3. Jahrhunderts zusammenhängenden Fragen zu diskutieren und die Tragfähigkeit des für den DFG-Antrag erarbeiteten Konzepts zu bestätigen. Die auf die Aktivitäten von Laien und Rekonstruktion von historischen Abläufen zielende Fragestellung wurde von den anwesenden Kollegen als innovativ und wichtig bezeichnet.

Konferenzübersicht

Jean Guyon (Marseille): Les origines de l’area I du cimetière de Calliste : l’état de la recherche et ce qu’elle signifie pour l’organisation des catacombes à Rome

Lucrezia Spera (Rom): La catacomba di Pretestato dall’origine fino alla fine del III secolo

Raffaella Giuliani (Rom); Dominique Castex (Bordeaux): La fossa comune nella catacomba dei Santi Pietro e Marcellino: lo stato della ricerca

Tatjana Bink (Regensburg): Neue Forschungen zum christlichen Grabrecht

Jutta Dresken-Weiland (Regensburg): Laien Kleriker, Märtyrer und die unterirdischen Friedhöfe Roms im 3. Jahrhundert

Norbert Zimmermann (Wien): Das Siebenschläfer-Coemeterium in Ephesos, ein Friedhof des 3. Jahrhunderts

Martina Hartl (Regensburg): Leichen - Skelette - Reliquien. Der tote Körper in der griechischen christlichen Popularliteratur der Spätantike

Anmerkung:
[1] Paul-Albert Février, À propos de la date des peintures des catacombes romaines, in: Rivista di Archeologia Cristiana 65 (1989), S. 132.

Zitation
Tagungsbericht: Neue Forschungen zu frühchristlichen Friedhöfen, 19.04.2013 – 20.04.2013 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 04.07.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4901>.