Ab Band. Ton- und Bildquellen als Gegenstand historischer Forschung

Ort
Zürich
Datum
14.05.2013
Veranstalter
„Filmspur: audiovisuelle Quellen in Geschichte und Gesellschaft“; Historisches Seminar / Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich
Von
Stefan Länzlinger, Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich

Der Ton gehört definitiv nicht zu den bevorzugten Forschungsgebieten von Filmwissenschaftlern und Historikerinnen. Beide Disziplinen sind zwar mittlerweile recht gewandt im Umgang mit dem stehenden und dem bewegten Bild, der Turn zum Ton ist aber noch nicht vollzogen. Das ist eigentlich verblüffend, sind akustische Eindrücke doch allgegenwärtig. Umso willkommener war da der Workshop, den „Filmspur“ dieses Frühjahr organisierte, um wenigstens einige Annäherungen an das Schattengewächs zu zeigen. Den Auftakt machte ALAIN BOILLAT, Professor für Geschichte und Ästhetik des Kinos an der Universität Lausanne mit seiner Keynote „Traces du son: l’apport des sources écrites“. Boillat interessiert sich für die – auf den ersten Blick vielleicht marginal scheinende – Frage, wie und was im frühen Kino oder bei Laterna magica-Aufführungen tönte, und zwar explizit unter Ausschluss musikalischer Ereignisse. Wie kann also die Geräuschkulisse und damit auch ein Teil der Aufführungspraxis rekonstruiert werden, ohne dass man Rückgriff auf eine Aufzeichnung nehmen könnte? Boillat untersuchte zu René Clairs Film „A nous la libérté“ von 1931 eine Fülle schriftlicher Quellen: Plakate, Verleihkataloge und natürlich Filmkritiken geben Aufschlüsse über hörbare Reaktionen des Publikums. Am aufschlussreichsten sind aber die schriftlichen Quellen von Clair selber, so zum Beispiel ein Synchronisationsplan. Zum anderen ging Boillat der Frage nach, welche akustischen Begleiterscheinungen Laterna magica-Vorstellungen begleiteten. Hierzu hat er akribisch in Handbüchern recherchiert und bemerkenswertes zur Aufgabenteilung zwischen Laterna magica- Betreibern und dem Kinoerzähler („bonimenteur“) herausgefunden, z.B. dass sie ihre Sprechanteile koordinierten und mit dem Geschehen auf der Leinwand synchronisierten. In den Handbüchern gibt es zudem jede Menge Anstreichungen und Bemerkungen, wann was gesagt werden soll, oder wie das Gezeigte mit Gesten unterstrichen werden kann.

Das erste Panel wandte sich den Radioquellen zu. RUEDI MÜLLER, Bereichsleiter Ton bei Memoriav, wandte sich der lückenhaften und von außen schwer überblickbaren Überlieferungsbildung in den Schweizer Radioarchiven zu und unterstrich die an sich banale Feststellung, die aber immer wieder gerne ignoriert wird, dass Archive immer das Resultat rigoroser Selektion sind. Im besten Fall geht damit eine Wertsteigerung des überlieferten Materials einher, indem bei der Archivierung die Spreu vom Weizen getrennt wird. In der Realität – und das gilt auch für die Radioarchive – passiert die Selektion aber auch aufgrund von Gedankenlosigkeit, materieller Knappheit (Tonbänder wurden überspielt) oder aus Spardruck. Am Beispiel des Regionaljournals Zürich-Schaffhausen konnte Müller zeigen, dass die integral vorhandene Überlieferung eines Korpus seit 1978 auf einem Nebenschauplatz und nur durch Glück zustande kam: Die Redaktion unterhielt unabhängig von der Abteilung D+A ein eigenes Archiv auf minderwertigen Tonträgern zur eigenen Dokumentation. FRANÇOIS VALLOTTON und RAPHAËLLE RUPPEN COUTAZ stellten darauf ein konkretes universitäres Projekt der Arbeit mit Radioquellen vor. Studierende des Historischen Seminars der Universität Lausanne untersuchten das Archiv des Kurzwellendienstes (KWD) von Schweizer Radio International (SRI): Der KWD diente ab 1935 in erster Linie dazu, die im Ausland lebenden Schweizerinnen und Schweizer mit Informationen aus der Heimat und der Welt zu versorgen und zu propagandistischer Selbstdarstellung. Die Sendungen selbst fielen bis auf eine einzige Ausnahme dem Zahn der Zeit zum Opfer. Man kann sich fragen, ob es sich die historische Forschung erlauben kann, Ton- und Radiogeschichte ohne Ohren zu betreiben. Für die praktische Arbeit im Seminar aufschlussreich waren aber die 16‘000 schriftlichen Dokument aus dem Archiv des SRI, die digitalisiert, in einer Datenbank erfasst und recherchierbar sind (http://archives.swissinfo.ch/article.php?&lg=deg=de).

Im Panel zu Schweizer Filmschaffenden zeigte YVONNE ZIMMERMANN, Filmwissenschaftlerin aus Zürich, an zwei Filmbeispielen von Hans Richter eindrücklich, wie aufschlussreich die theoriegeleitete Beschäftigung mit der Tonspur eines Films sein kann. Sie wählte „Die Geburt der Farbe“ und „Die Börse als Barometer der Wirtschaft“, zwei Filme, die Richter als Auftragswerke für die Landesausstellung 1939 gedreht hatte. Auch die Tonspur (Kommentare und Musik!) kann vom erklärenden in den poetischen Modus wechseln: damit ändert sich auch die audiovisuelle Adressierung des Zuschauers weg von der rationalen hin zur affektiven Rezeption. Am zweiten Filmbeispiel konnte Zimmermann zeigen, wie geschickt Richter die Tonspur von der Bildebene löst und durch diese Asynchronie eine kritische Distanz zwischen Zuschauer und Filmgeschehen schafft. Nicht zu vernachlässigen sind natürlich auch technisch-materielle Aspekte: So war es etwa erst Ende der 1950erä-Jahre möglich, bei Dokumentarfilmen den Originalton aufzunehmen und auf die Nachvertonung im Studio zu verzichten. Der Ton kann je nach seiner Beschaffenheit (Licht- oder Magnetton) mehr oder weniger Abnutzungserscheinungen aufweisen und durch Artefakte wie Rauschen oder fehlende Frequenzbereiche die Rezeption entscheidend beeinflussen. Zimmermann schloss mit einem Plädoyer für eine verstärkte Berücksichtigung materieller und affektiver Qualität der Audiovision in der historischen Erforschung von Bild- und Tonquellen. Zum Basiswissen, um diese Forderung erfüllen zu können, tragen Vorhaben bei, wie THOMAS SCHÄRER sie vorstellte: Cinémémoire.ch, eine Art Oral History des Schweizer Films, ermöglicht den Zugang zu über 60 audiovisuell aufgezeichneten Interviews mit Schweizer Filmschaffenden – vom Regisseur zur Cutterin, vom Beleuchter bis zur Schauspielerin. Buch und DVD erscheinen noch dieses Jahr; das Westschweizer Partnerprojekt deckt die französischsprachige Schweiz ab.

FRED VAN DER KOOIJ eröffnete den Nachmittag mit seiner Keynote zu Spannungsverhältnissen zwischen Bild und Ton. In einem fulminanten Beispielfeuerwerk mit Filmausschnitten belegte er die vielschichtigen Kommentarmöglichkeiten, die die Musik zum Bild machen kann. Wenn in „Little Big Men“ (Arthur Penn, 1970) Custers Armee das Massaker am Washita River zu einem „flotten Märschchen“ ausübt, frappiert der Beleg, dass das Lied tatsächlich auch beim realen Angriff 1868 erklang. Bei den Gebrüdern Taviani in „La notte di San Lorenzo“ (1982) jagen die Nazis die Kirche in die Luft, dazu ertönen Verdi-Arien. Die Musik ist Teil des Einspruchs gegen das, was auf der Leinwand passiert, die Arie sorgt aber auch für die Ergriffenheit des Zuschauers. Zwei ästhetische Konzepte finden auf dialektische Weise zueinander.

Im Panel „Klang der Nation“ stellte ROBERT HEINE von der Universität Bern „eine Audioquelle im Kontext der Dekolonisierung“ vor, und zwar die Radio-Live-Übertragung der Unabhängigkeitserklärungfestivitäten Sambias im Oktober 1964. Vor dem Hintergrund der immensen Wichtigkeit des Radios als überall zugänglicher und allgegenwärtiger Informationsquelle erhielt die Gestaltung der Live-Übertragung ihren besonderen symbolischen Gehalt. Den Kommentar teilen sich ein englischer und ein sambischer Moderator, der zur damaligen Zeit Starruhm genoss. Die Feier und die Form ihrer Übertragung via Radio im ganzen Land wurden zur ersten Manifestation der Eigenständigkeit des Landes. Mit dem Beitrag von KAROLINE OEHME und JOHANNES MÜSKE kehrte die Tagung in helvetische Gefilde zurück: Die beiden stehen am Anfang eines interdisziplinär angelegten Projekts, das sich mit der zwischen 1957 und 1967 zusammengetragenen Sammlung des Musikwissenschaftlers Fritz Dür befasst. Dabei handelt es sich um rund 8‘000 Tonbänder mit Volksmusik, die 1987 an die Nationalbibliothek gingen. Das Forschungsprojekt geht insbesondere den Fragen nach: Gibt es eine bestimmte Klangvorstellung der Schweiz? Welche Repertoires, Lieder und Interpreten repräsentieren die Schweiz? Und welche Rolle spielte das Radio bei der Verbreitung „klingender Swissness“? In der anschließenden Diskussion zeigte sich noch eine gewisse Vagheit. Eine Definition von „Volksmusik“ gibt es nicht, Oehme und Müske gehen empirisch vor: Als „Volksmusik“ gilt das, was in der Sammlung Dür vorhanden ist. Und was „Swissness“ eigentlich meint, blieb unscharf.

Das letzte Panel beschäftigte sich mit dem „Film im Konflikt“. Wie konstitutiv für die Lesart von Videos und Filmen der Ton sein kann, zeigten die Beiträge von JULIA ZUTAVERN und ARIANE KNÜSEL. Zutavern führte den Begriff der „Audiocollage“ ein, ein in Bewegungsfilmen oft und kreativ gebrauchtes Stilmittel. Peter Krieg schuf mit dem Film „Packeissyndrom“ (entstanden 1982 im Auftrag der ARD) ein Porträt der Zürcher Bahnhofstraße, das seinen ironischen Gestus vor allem aus der Tonspur generiert. Krieg lässt den Heilsarmeechor weitersingen, auch wenn er selbst schon längst nicht mehr im Bild ist. Typische Bewegungsvideoszenen wie die militanten Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei begleitet er mit der Tonspur eines Western, dem „Pferdegetrampel im Strassenkampf“. Aus solchen Audiocollagen erwachsen eigene rhetorische Funktionen, sie führen zur Reflexion medialer Formen und dokumentarischer Gattungskonventionen. Bewegungsvideos zeigen nicht nur die realen Verhältnisse, sie interpretieren sie und gestalten sie damit mit. In den Fernen Osten führte der Beitrag von Arianne Knüsel. Sie untersuchte die Rezeption des chinesischen Bürgerkriegs in britischen und amerikanischen Filmwochenschauen und stellte fest, dass die fünf großen Player im Wochenschaubusiness oft identische Einstellungen verwendeten. Die Differenzen spielen sich auf der Tonspur ab, wo die Exotisierung des Gezeigten durch die Wahl entsprechend klingender Musik unterstrichen wird.

Dem Projekt „Filmspur“ ist zum Wagemut und zur Initiative, Veranstaltungen dieser Art zu organisieren, zu gratulieren und ein größeres Publikum zu wünschen. Die filmwissenschaftliche und historische Erforschung des Tons bietet immense Betätigungsfelder; das Material dazu ist in den Radio- und Filmarchiven (wenn auch in unterschiedlichem Grad der Erschließung) und dank der Erhaltungsprojekte von Memoriav und anderer Gedächtnisinstitutionen reichlich vorhanden.

Konferenzübersicht:

Begrüssung: Monika Dommann (Universität Zürich)

Key-note I: Alain Boillat (Universität Lausanne): Traces du son: l’apport des sources écrites

Panel I: Tonquellen im Archiv: Rudolf Müller (Memoriav), François Vallotton und Raphaëlle Ruppen Coutaz (Universität Lausanne)

Panel II: Schweizer Filmschaffende: Hans Richter und Cinémémoire.ch: Yvonne Zimmermann (Universität Zürich), Thomas Schärer (Universität Basel)

Key-note II: Fred van der Kooij (Zürich): Spannungsverhältnisse zwischen Bild und Ton

Panel III: Klang der Nation: Dekolonisierung und Volksmusik: Robert Heinze (Universität Bern), Karoline Oehme (Universität Basel) und Johannes Müske (Universität Zürich)

Panel IV: Filme im Konflikt: Julia Zutavern (Universität Zürich), Ariane Knüsel (Universität Zürich)

Moderationen: Barbara Flückiger (Universität Zürich), Margrit Tröhler (Universität Zürich), Dominik Schnetzer (Zürich), Wolfgang Fuhrmann (Universität Zürich), Felix Rauh (Universität Luzern)

Zitation
Tagungsbericht: Ab Band. Ton- und Bildquellen als Gegenstand historischer Forschung, 14.05.2013 Zürich, in: H-Soz-Kult, 27.07.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4944>.
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Veröffentlicht am
27.07.2013
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