Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom

Ort
München
Datum
27.06.2013 - 29.06.2013
Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte München – Berlin; Anselm Doering-Manteuffel, Eberhard Karls Universität Tübingen; Lutz Raphael, Universität Trier
Von
Christian Marx, Forschungszentrum Europa, Universität Trier

Die bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts zurückreichende Vorgeschichte der Gegenwart bildete den zeitlichen Rahmen für die vom Institut für Zeitgeschichte und vom Tübingen-Trierer DFG-Forschungsverbund „Nach dem Boom“ organisierte Tagung.[1] Für viele Zeitgenossen waren die 1970er-Jahre eine Zeit beschleunigten Wandels, der oftmals als krisenhaft wahrgenommen wurde, zugleich erschöpfte sich die Umbruchphase nach dem Boom aber nicht in krisenhaften Erschüttungen, sondern brachte auch neue Freiheiten, Innovationen und Entwicklungschancen mit sich. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre war ANSELM DOERING-MANTEUFFEL (Tübingen) zufolge die alte Welt, wie man sie bisher kannte, nicht mehr da. In der Bundesrepublik waren mit der Schließung von Eisen- und Stahlunternehmen, Werften und Textilbetrieben Traditionsindustrien weggebrochen, die Erfindung des Mikrochips und die Computerisierung veränderten Arbeitswelt und Freizeit, und auch das Raster des Ost-West-Konflikts hatte als Narrativ ausgedient. In den folgenden vier Sektionen wurden der Tiefgang und die Wirkung dieses Transformationsprozesses sowie das Verhältnis von Kontinuität und Zäsur näher untersucht.

Die erste von NICOLE MAYER-AHUJA (Hamburg) geleitete Sektion zu Strukturbrüchen in der Arbeit ging der Frage nach den Folgen von Deindustrialisierung, Computerisierung, Flexibilisierung und Deregulierung nach. Unter dem Begriff Arbeit wurde bis in die 1970er-Jahre vor allem Lohnarbeit männlicher Beschäftigter verstanden, allerdings existierten auch schon während des Booms andere Beschäftigungsformen, die diese allzu einheitliche Vorstellung fraglich erscheinen lassen. Gleichwohl zeigten sich in den 1970er-Jahren massive Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Trotz Massenarbeitslosigkeit stieg der Anteil weiblicher Erwerbsarbeit in den westlichen Industriestaaten enorm an und bildete einen wesentlichen Faktor für die Zunahme der Erwerbsbevölkerung. Dieser Trend spiegelte THOMAS SCHLEMMER (München) zufolge die Erosion des fordistischen Lebenslauf- und Arbeitsmarktmodells wider, in dem der männliche Ernährer in dauerhafter Vollzeitbeschäftigung bei gleichzeitiger Rollenzuweisung der Frau auf Haushalt, Kinderbetreuung und Teilzeitarbeit an normativer Kraft verlor. Obschon der Anteil erwerbstätiger Frauen ab 1970 in ganz Europa zunahm, verlief die Entwicklung nicht in allen Ländern parallel und so blieb die Erwerbsquote weiblicher Beschäftigter in Italien hinter derjenigen der Bundesrepublik zurück. Hier zeigten sich innerhalb Europas Differenzen in der Frauenarbeit zwischen den südeuropäischen und den kontinental westeuropäischen Ländern, die von unterschiedlichen familiären Leitbildern, Formen sozialer Sicherung und der jeweiligen Bildungs- und Beschäftigungspolitik abhingen. ANDREAS BOES (München) verwies ebenfalls auf die Transformation des klassischen fordistisch-tayloristischen Großunternehmens mit rational-bürokratischer Organisation in den 1970er-Jahren. Ausgehend von einer Theorie der Informatisierung, die den Computer als eine „logische Maschine“ begreift und auf der Informationsebene des Produktionsprozesses ansetzt, differenzierte er mehrere idealtypische Entwicklungsphasen von Großunternehmen. Dabei hatte mit der wirtschaftlichen Krise in den 1970er-Jahren ein 20 Jahre andauernder Suchprozess eingesetzt, der ab 1993/94 in eine neue IT-basierte Produktionsweise mündete. Als Ergebnis kam es zu einer Dominanz der Informationsebene, einer Entkopplung von Raum und Zeit, einer Industrialisierung neuen Typs, bei der die Kopfarbeit im Fokus von Rationalisierungsprozessen stand, sowie der Etablierung eines Systems ständiger Bewährung. Für TOBIAS GERSTUNG (Tübingen) markierten die 1970er und 1980er in der Geschichte der europäischen Stadt eine Zeit des Übergangs, die eng mit Veränderungen von Wirtschaftsstruktur und Arbeitswelt zusammenhing. Am Beispiel Glasgows konnte er aufzeigen, dass die bis in die 1960er bestehende, räumlich-sozialstrukturelle Stabilität von Wohnraum, Hafen und Werften in unmittelbarer Innenstadtnähe aufgebrochen wurde. Nach der Schließung des für die Containerschifffahrt zu kleinen Innenstadthafens und dem Werftensterben setzte zwischen 1974 und 1990 eine Neujustierung urbaner Ordnungskonzepte ein. Die für die Hafenstadt typische Anerkennung über körperliche Arbeit ging mit der Einführung des Containers verloren. Das Leitmotiv der Creative City setzte in den 1990er-Jahren schließlich auf eine Mischung aus kultureller Attraktivität und einer steigenden Anzahl von Dienstleistungsarbeitsplätzen in der Immobilien-, IT- und Finanzwirtschaft. WIEBKE WIEDE (Trier) beleuchtete die sozialen Zuschreibungen an Arbeitslose unter dem Begriff des „arbeitslosen Subjekts“, mit der sie die Gouvernementalität von Arbeitslosigkeit und Arbeitslosen bezeichnete. Arbeitslosigkeit wurde in den 1970er-Jahren von einem vorläufigen Phänomen zu einem permanenten Problem, gleichwohl änderte die zunehmende Normalität der Arbeitslosigkeit nichts an der Norm der Arbeitsgesellschaft. Die in den späten 1960er Jahren in der Bundesrepublik und Großbritannien implementierten aktiven Arbeitsmarktpolitiken verschärften die Zumutbarkeitsregeln bei zunehmender Arbeitslosigkeit; Arbeitslose sollten für den Arbeitsmarkt umgeformt werden. Im Vergleich zur Bundesrepublik erwies sich die soziale Abstiegsleiter in Großbritannien als wesentlich steiler. In seinem Abendvortrag kritisierte ADAM TOOZE (Yale) die oftmals proklamierte Alternativlosigkeit wirtschaftspolitischer Entscheidungen. Nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods entstand trotz Alternativen eine zunehmende, über die Bundesrepublik hinausreichende Resistenz gegenüber inflationären Tendenzen, die sich in der Installierung einer antiinflationären Ordnung im europäischen Währungssystem niederschlug. Es sei deshalb sinnvoll über eine mäßige Inflation zur Lösung aktueller Staatsschuldenprobleme nachzudenken.

Die zweite von MARGIT SZÖLLÖSI-JANZE (München) geleitete Sektion beschäftigte sich mit dem Übergang von der Konsum- zur Konsumentengesellschaft und ging Fragen nach der Politisierung des Konsums, der Exklusion durch Konsum sowie dem Zusammenhang von neoliberalem Zeitgeist und Konsum nach. MAREN MÖHRING (Potsdam) stellte hierbei die Zunahme des Außerhausverzehrs, dessen große Gewinner Fast-Food-Ketten und die ausländische Gastronomie waren, sowie die wachsende Bedeutung gesunder Ernährung heraus. Die Internationalisierung der Ernährung war ein Effekt von Migrationsbewegungen und trug zur Pluralisierung der Esskultur seit Ende der 1960er bei, die eher mit dem Begriff des flexiblen Normalismus als dem der Individualisierung zu fassen sei. HANNAH JONAS (Tübingen) lenkte den Blick anschließend auf den Profifußballkonsum. Sowohl der britische als auch der deutsche Fußball hatten bis Ende der 1980er-Jahre den Anschluss an die veränderten Konsumgewohnheiten der Wohlstandsgesellschaft verloren. Die daraus resultierende Krise infolge abnehmender Zuschauerzahlen und wachsender Finanzierungsprobleme schuf die Grundlage für eine radikale Neuausrichtung des Fußballs nach Wirtschaftlichkeits- und Vermarktungskriterien. Dabei fiel auch hier der Bruch in Großbritannien schärfer als in der Bundesrepublik aus. Neben Arbeitslosen und Malochern mussten neue Konsumentengruppen gefunden werden. Zugleich riefen die neuen Unterhaltungstempel und Sponsoringformen scharfe Kritik von Fußballfans an der Kommerzialisierung hervor, auch wenn das Einsickern ökonomischer Denkweisen dadurch letztlich nicht verhindert werden konnte. Der Beitrag von TOBIAS DIETRICH (Trier) behandelte die Geschichte des Laufens, die Ende der 1960er-Jahre begann, in den 1970er-Jahren einen Boom erlebte und bis 1990 eine starke Differenzierung und Verwissenschaftlichung erfuhr. Aufseiten der Konsumenten wurden drei Gruppen unterschieden: Erstens Jogger, die Dauerlauf aus Fitnessgründen betrieben, zweitens die sich als Leistungssportler definierende Gruppe der Runner und drittens Sportler für andere, die aus ihrer körperlichen Betätigung politisches Kapital schlagen wollten, wie Joschka Fischer oder Bill Clinton. Während Jogger gesundheitlich und psychologisch für sich selbst sorgen wollten, wurde Dauerlauf durch seine Politisierung oftmals zum Selbstzweck deklariert. In seinem Kommentar wies FRANK TRENTMANN (London) einerseits auf den starken Wandel des Konsums hin, andererseits sei trotz Energiekrise und Umweltbewegungen keine fundamentale Krise des Konsums eingetreten. Gleichzeitig seien viele neue Gegensätze durch generationelle Spannungen aufgrund unterschiedlicher Konsummuster zu erklären.

Die dritte von CHRISTIANE KULLER (Berlin) moderierte Sektion hatte Zeitstrukturen und Erwartungshorizonte zum Inhalt und ging der Frage nach, ob sich die von vielen Zeitgenossen wahrgenommene Beschleunigung und Verflüssigung auch aus Sicht des Historikers bestätigen lässt. DENNIS EVERSBERG (Jena) fragte nach den Veränderungen des Zukunftsbezuges der jungen Generation im Hinblick auf den Arbeitsmarkt. Die Erwartungen der Boomphase, sich als arbeitender Mensch eine eigene Zukunft schaffen zu können, wurden durch die Ausweitung und Beschleunigung gesellschaftlicher Produktivität erschüttert. Ökonomisch-politische, technologische und soziale Transformationen destabilisierten demzufolge den Zugriff auf die eigene Zukunft. Anschließend untersuchte FERNANDO ESPOSITO (Tübingen) den Wandel von Erwartungshorizonten nach dem Boom. Ausgehend von der Fortschritts- und Planungsskepsis der 1970er-Jahre fragte er nach der Transformation eines lange Zeit hegemonialen Zeitregimes der „Moderne“ und den zeitgenössischen Gegenwartsdiagnosen. An die Stelle utopischer Zukunftsvorstellungen und eines offenen Horizonts von Möglichkeiten traten düstere Zukunftserwartungen und ein Posthistoire-Syndrom. Jugend wurde immer weniger mit Aufbruch und Zukunft gleichgesetzt, vielmehr wurde sie zur Projektionsfläche von Untergangsängsten. Die Vielzahl kursierender Postismen zur Beschreibung dieses Zeitraums verwiesen Esposito zufolge auf das Fehlen eines Ziels, den schwindenden Glauben an Ideologien und die Unfähigkeit das Neue zu benennen. BERNHARD GOTTO (München) rückte die westdeutsche Friedensbewegung im Rahmen der Nachrüstungsdebatte in den Mittelpunkt. Die Mobilisierungserfolge Anfang der 1980er beruhten auf der Vorstellung eines unabwendbaren Atomkrieges im Fall einer Aufstellung nuklearer Mittelstreckenraketen. Nachdem die Idee, Regierungshandeln über Massenproteste bestimmen zu können, mit einem entgegenstehenden Bundestagsbeschluss obsolet geworden war, mussten die Zeit- und Erwartungshorizonte der Friedensbewegung angepasst werden. Dies führte zu einer zeitlichen Entgrenzung und einer inhaltlichen Entkonkretisierung; der Friedenskampf wurde fortan als langfristige Arbeit konzipiert. DIETMAR SÜß (Augsburg) stellte die Ausgangsüberlegung an, dass die Durchsetzung von Zeitstrukturen, welche für die Alltags- und Lebenszeit bestimmend wurden, auch immer Macht- und Herrschaftsbeziehungen ausdrückten. So blieb die Arbeitszeiterfassung in westdeutschen Unternehmen auch nach dem Boom ein strittiges Thema. Der in den 1980ern aufkommende Begriff der Flexibilisierung umfasste laut Süß sowohl die organisatorischen Fähigkeiten des Unternehmens und neuartige Formen des Personaleinsatzes als auch Kritik an staatlicher Regulierung. Gleitende Arbeitszeitmodelle gingen in diesem Zusammenhang oftmals mit der Einführung neuer Zeiterfassungskonzepte einher, die dem gewerkschaftlichen Anspruch auf eigenständige Zeiterfassung durch den Arbeitnehmer zuwiderliefen. DIETER SAUER (München) zufolge wurden die Grenzen zwischen Markt und Betrieb immer durchlässiger. Während die Produktionsabläufe des fordistischen Unternehmens noch vor den Unwägbarkeiten des Marktes weitgehend abgeschottet waren, wurde die Marktlogik in den 1990er Jahren zum unternehmensinternen Steuerungsprinzip. Vermarktlichung, Vernetzung und Auflösung der Unternehmensorganisation waren die Folge. Da eine Produktivitätssteigerung kaum mehr über eine Rationalisierung der Produktion, sondern nur noch über Reorganisation in Richtung einer marktzentrierten Produktionsweise möglich war, wurde dieselbe zu einer permanenten Anforderung an Betrieb und Beschäftigte. Zudem führte die Finanzialisierung der Unternehmenssteuerung zu ständig steigenden Renditeerwartungen, deren unrealistische Ziele an die Beschäftigten weitergegeben wurden und den Zeit- und Leistungsdruck enorm ansteigen ließen.

Das Ziel der vierten von THOMAS RAITHEL (München) geleiteten Sektion zu Zeitdiagnosen bestand darin, Brüche und Transformationsprozesse gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen in den Blick zu nehmen. MARTIN KINDTNER (Trier) analysierte die Entwicklung der poststrukturalistischen Wissenskritik zu einer politisch-ideellen Alternative gegenüber den marxistischen Deutungsangeboten. Während der Marxismus durch die Transformation des Proletariats an Plausibilität verloren hatte, erschien der Strukturalismus in den 1960ern als Verkörperung wissenschaftlicher Modernität. Die Wiederaufwertung politischer Radikalität als Konsekrationsressource der intellektuellen Avantgarde nach dem Mai 1968 leistete der Politisierung der poststrukturalistischen Theoriebildung und ihrer Anschlussfähigkeit in Teilen der extremen Linken Vorschub. Mit der Theorie der Mikro-Macht und Mikro-Politik wurden neue Semantiken der Verflüssigung in den linken Diskurs eingeführt, die sich weniger am vereinheitlichenden Konzept des Klassenkampfes orientierten und stärker an Fragen von Macht und Subjektivität interessiert waren. ELKE SEEFRIED (München) rückte die Ende der 1950er sich formierende Zukunftsforschung in den Mittelpunkt. Um 1970 erfuhr diese einen tiefgreifenden Wandel, da wissenschaftlich-technische Veränderungen im Gegensatz zur Planungsgewissheit der 1960er nicht mehr beherrschbar erschienen. Mensch und Ökologie wurden zu neuen zentralen Bezugspunkten. Hierbei kam es jedoch nicht zu einem eindimensionalen Wechsel von Optimismus zu Pessimismus, vielmehr schwanden Technikoptimismus und Steuerungsutopien zugunsten einer Pluralisierung und Pragmatisierung der Zukunftsforschung. MARIA DÖRNEMANN (Tübingen) widmete sich anschließend der bevölkerungspolitischen Entwicklungshilfe in Kenia. Überbevölkerung wurde als zentrales gesellschaftliches Problemfeld identifiziert, dem durch eine aktive Familienpolitik entgegengewirkt werden sollte, um den Weg in die Moderne abzukürzen. Im Verlauf der 1970er verlor dieser an Modernisierung orientierte Denkrahmen jedoch an Festigkeit. Die Experten wunderten sich, dass ihr Programm in Kenia nicht funktionierte, und machten den kenianischen Kontext dafür verantwortlich; hier zeigte sich die Schwierigkeit Zeitdiagnosen von einer Gesellschaft in einer andere zu übertragen. MORTEN REITMAYER (Trier) konstatierte für die Elitesemantiken in der Bundesrepublik und in Großbritannien einen Bruch um 1980 in Form einer Aufkündigung des Konsenses der Boom-Ära. Während in der Bundesrepublik eine „funktionalistische“ Elitesemantik durch ihre Koppelung an weitverbreitete Vorstellungen einer „Leistungsgesellschaft“ Veränderungspotenziale freisetzte – nach 1980 als Forderung nach einer vermehrten Ausbildung hochqualifizierter Nachwuchskräfte für Wirtschaftsunternehmen – , blockierte in Großbritannien die „essentialistische“ Elitesemantik durch ihre Koppelung an die allgegenwärtige Klassengesellschaft das Entstehen von Spielräumen für den Wandel des Entscheidungshabitus der „Eliten“. LUTZ RAPHAEL (Trier) verwies in seinem Schlusskommentar darauf, dass es angesichts der soziologischen Beobachtungen über die Gegenwart Aufgabe der Historiker sei, eine dazugehörige Problemgeschichte zu liefern. Gleichzeitig sei es sinnvoll, flexiblere Modelle unterhalb des Systembegriffs heranzuziehen, um unterschiedliche Zeitlichkeiten und das Neben- und Gegeneinander von Prozessen miteinbeziehen zu können.

Insgesamt erwies sich die auf der Tagung durchgeführte Parallelisierung zeithistorischer und soziologischer Forschungsperspektiven als sehr fruchtbar. Die Vielfalt des Strukturbruchs auf politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Ebene kam in den einzelnen Beiträgen immer wieder heraus und machte den Umbruchcharakter der Zeit nach dem Boom deutlich, die sich nicht nur in Krise und Niedergang erschöpfte, sondern zahlreiche Aufbrüche für die Gegenwart mit sich brachte. [2] Trotz Gegentendenzen in Form von Kontinuitätslinien in Staat, Wirtschaft und Kultur untermauerte die Tagung die Beobachtung eines tiefgreifenden Wandels westeuropäischer Industriegesellschaften im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts – von der Konsum- und Arbeitswelt bis hin zu den Erwartungshorizonten der Zeitgenossen. Dieser Wandel vollzog sich nicht gleichförmig, vielmehr verwiesen die Beiträge auf zeitlich unterschiedliche, teils überlappende Prozesse, die auf Phasen der Verdichtung und Beschleunigung hindeuten. Neben den auf der Konferenz nur teilweise thematisierten Entwicklungen auf ökonomischer und ökologischer Ebene bedürften vor allem diese Phasen noch einer genaueren Untersuchung, um damit zugleich eine Antwort auf die Frage zu finden, wann der nach dem Boom angelaufene Transformationsprozess an sein Ende kam und sich ein neues stabiles Produktions- und Wirtschaftssystem etabliert hat.

Konferenzübersicht

Einführung

Magnus Brechtken (München): Begrüßung

Anselm Doering-Manteuffel (Tübingen), Thomas Schlemmer (München): Einführung und Organisatorisches

Sektion 1 – Formwandel und Strukturbrüche der Arbeit
Leitung: Nicole Mayer-Ahuja (Hamburg)

Thomas Schlemmer (München): Frauenleben und Teilzeitarbeit. Die Bundesrepublik im europäischen Kontext

Andreas Boes (München): Computerwelten als Arbeitswelten. Arbeit und Informatisierung in historischer Perspektive

Tobias Gerstung (Tübingen): Vom Industriemoloch zur Creative City. Urbanität nach dem Boom

Wiebke Wiede (Trier): Subjektivierung von Arbeitslosigkeit. Die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien im Vergleich

Kommentar: Stephan Lessenich (Jena)

Abendvortrag
Adam Tooze (Yale): Der Weg in die Alternativlosigkeit. Wirtschaftspolitik nach dem Boom 1973-1983

Sektion 2 – Von der Konsum- zur Konsumentengesellschaft
Leitung: Margit Szöllösi-Janze (München)

Maren Möhring (Potsdam): Esskultur und Essverhalten

Hannah Jonas (Tübingen): Fußballkonsum zwischen Kommerz und Kritik. England und Deutschland im Vergleich

Tobias Dietrich (Trier): Laufen nach dem Boom. Eine dreifache Konsumgeschichte

Kommentar: Frank Trentmann (London)

Sektion 3 – Beschleunigung: Zeitstrukturen und Erwartungshorizonte
Leitung: Christiane Kuller (Berlin)

Dennis Eversberg (Jena): Jugend und Zukunft

Fernando Esposito (Tübingen): Von no future bis Posthistoire. Der Wandel von Erwartungshorizonten nach dem Boom

Bernhard Gotto (München): „We shall overcome“. Erwartungshorizonte in der westdeutschen Friedensbewegung der 1980er Jahre

Dietmar Süß (Augsburg): Flexibilisierung – Idee und Praxis

Dieter Sauer (München): Permanente Reorganisation. Unsicherheit und Überforderung in der Arbeitswelt

Kommentar: Martin H. Geyer (München)

Podiumsdiskussion: Strukturbrüche im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Eine kritische Reflexion
Leitung: Andreas Wirsching (München)

Teilnehmer: Knut Borchardt (München), Anselm Doering-Manteuffel (Tübingen), Lutz Leisering (Bielefeld), Wolfgang Schroeder (Kassel), André Steiner (Potsdam)

Sektion 4 – Zeitdiagnosen
Leitung: Thomas Raithel (München)

Martin Kindtner (Trier): Strategien der Verflüssigung. Poststrukturalistischer Theoriediskurs und politische Praktiken der 1968er-Jahre

Elke Seefried (München): Bruch im Fortschrittsverständnis? Zukunftsforschung zwischen Steuerungsutopie und Wachstumskritik

Maria Dörnemann (Tübingen): Modernisierung als Praxis. Konjunkturen bevölkerungspolitischer Entwicklungszusammenarbeit in Kenia seit den 1960er Jahren

Morten Reitmayer (Trier): Elite – Politische Semantiken in Deutschland und Großbritannien

Kommentar: Hans Günter Hockerts (München)

Schlusskommentar: Lutz Raphael (Trier)

Anmerkungen:
[1] Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970. 3., unveränderte Auflage. Göttingen 2012. Siehe auch: <http://www.nach-dem-boom.uni-tuebingen.de/> (11.08.2013).
[2] Bernd Graff: Krise? Welche Krise?, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 151, 03.07.2013.

Zitation
Tagungsbericht: Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom, 27.06.2013 – 29.06.2013 München, in: H-Soz-Kult, 26.08.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4980>.