100 Years On: The Carnegie Report in the Causes and Conduct of the Balkan Wars of 1912/13

Ort
Leipzig
Datum
04.07.2012 - 05.07.2013
Veranstalter
Dietmar Müller, Geisteswissenschaftliches Zentrum Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Universität Leipzig
Von
Arno Trültzsch, GWZO, Universität Leipzig

Vor einhundert Jahren wurde Südosteuropa von einer Reihe militärischer Konflikte im Vorfeld des Ersten Weltkrieges erschüttert, deren Folgen bis heute die südliche Balkanregion prägen und Auseinandersetzungen politisch-historischer Art nach sich ziehen. Außerdem formte die endemische Brutalität, gerade gegen die Zivilbevölkerung in der Region Makedonien, nachhaltig den negativen Balkan-Diskurs in der westlichen Hemisphäre, der bis heute zuweilen immer wiederkehrende Stereotype und Klischees hervorbringt, um aktuelle Geschehnisse und Konflikte zu interpretieren.[1]

Die Balkan-Kriege 1912/13 wurden in der weltweiten Presse breit rezipiert, wobei ein Dokument besonders hervorsticht: der Bericht der Expertenkommission des Carnegie Endowment for International Peace. Dieser „Carnegie Report on the Causes and Conduct of the Balkan Wars“ gab ein Jahrhundert später nunmehr Anlass zu einem zweitägigen Workshop am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas (GWZO) in Leipzig. Wie DIETMAR MÜLLER (Leipzig) in seinem Einführungsvortrag anmerkte, ist der Bericht heute weder in der eigenen Geschichtsschreibung des Endowment sonderlich präsent, noch sind seine Hintergründe, die Autorenschaft einzelner Abschnitte sowie eine globalgeschichtliche Einordnung vollständig beleuchtet worden. Auch bestehen bis jetzt kaum Bezugspunkte zwischen den verschiedenen Forschungsansätzen, bei denen der Bericht eine Rolle spielt. So wird er in der Südosteuropahistoriographie in der Regel als bloße Quelle für die politische und militärische Ereignisgeschichte der Balkankriege herangezogen. Müller stellte heraus, dass der Bericht trotz seiner offensichtlichen Relevanz für die Entwicklung einer völkerrechtlichen Ahndung von Kriegsverbrechen in diesem Sinne bisher kaum rezipiert wurde. Auch fehlt eine Analyse des Berichts und der Kommission im Sinne einer „New International History“, wo auch das Wirken privater Initiativen als Akteure der internationalen Beziehungen in den Blick genommen wird. Somit erweist sich ein umfassender Blick auf den Bericht und die geschilderten Ereignisse, der alle diese Ansätze einbezieht, bisher als Desiderat der neueren Geschichtswissenschaft. Um dieser Leerstelle aus unterschiedlichen Perspektiven beizukommen, folgten am ersten Tag verschiedene Panels zur Vorgeschichte, dem Bericht selbst und seiner Wirkung.

Das erste Panel zu relevanten Personen in der Frühphase der Carnegie-Stiftung und zu deren Institutionengeschichte eröffnete HELKE RAUSCH mit Ausführungen zur Entstehung der Einrichtung, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als eine Privatorganisation für internationale Politik und Recht ein absolutes Novum darstellte. Rausch betrachtete die gewandelte Rolle der Stiftung im Zuge des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg nach 1917 sowie ihre Leitungsfiguren der ersten Jahre, wie Elihu Root oder Nicholas M. Butler, den Initiator der Kommission und des Berichts zu den Balkankriegen. So ordnet Rausch den Bericht der Frühphase der ursprünglich pazifistisch geprägten Einrichtung zu, als die „Carnegie men“ noch stärker im Sinne friedlicher Streitbeilegung durch völkerrechtliche Verhandlungen agierten, und sich weniger am amerikanischen Regierungshandeln orientierten.

Danach stellte CINDY DAASE (Leipzig) das Buch „The International Mind“ eben jenes Nicholas M. Butler vor. Der spätere Präsident der Columbia University und auch der Carnegie-Stiftung fasste in dem Buch seine gesammelten Essays und Gedanken sowie Vorträge zusammen, in denen er verschiedentlich die Entwicklung einer auf Verhandlung, Schlichtung und Ausgleich basierenden Völkerrechtsordnung zumindest der „Great Nations“ bzw. der sogenannten zivilisierten Welt umreißt. Sein Denken hatte großen Einfluss auf die Stiftung selbst, wie auch auf die amerikanische Völkerrechtslehre insgesamt. In der anschließenden Diskussion wurden besonders diese Ideen Butlers und die Anliegen der Stiftung beim damals als weitgehend „unzivilisiert“ geltenden Balkan nochmals erörtert.

Diese Erkenntnisse wurden durch NADINE AKHUND (Paris) ergänzt, die sich in ihren archivgestützten Forschungen der Entstehungsgeschichte des Berichts widmet. Sie beleuchtete die Hintergründe von Butlers Balkan-Initiative sowie die stark divergierenden Biographien der Kommissionsmitglieder, die nur zum Teil der Mission von 1913 angehörten. Interessant waren deren unterschiedliche Präferenzen für die am Krieg beteiligten Nationen, sowie deren Aufnahme der Untersuchungskommission zu einer Zeit, als derartige Beobachtermissionen noch völlig untypisch waren, zumal aus privater Initiative. Akhund zeigte im Einzelnen, wie der Bericht erstmals Zivilisten und gerade zivile, unbeteiligte Opfer zu historischen Akteuren und juristisch relevanten Kategorien erklärt. Einzelne Kommissionäre, ergo Autoren übten dabei offen Kritik an der Politik der Großmächte und der beteiligten „jungen“ Balkannationen und forderten eine internationale Sanktionierung und juristische Aufarbeitung des brutalen Geschehens.

Den zweiten Konferenztag eröffneten STEFAN TROEBST (Leipzig) sowie THOMAS BOHN (Gießen) mit prosopographischen Zugängen zum Bericht. Troebst stellte das Wirken des britischen Kommissionsmitglieds Henry M. Brailsford [2] vor, der die Region Makedonien und ihre Bewohner schon vor der Mission besucht und untersucht hatte (im Buch „Macedonia, its Races and its Future“, 1906) und neben dem Russen Miljukov die meiste Expertise in das Gremium und den Bericht einbrachte. Neben seinem Engagement als Labour-Politiker und Protagonist bei der Gründung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) befasste sich Brailsford mit Makedonien auch in der Folgezeit weiter. Zuletzt besuchte er Anfang der 1950er-Jahre den jugoslawischen Teil Makedoniens, der sich als sozialistische Teilrepublik einer nunmehr anerkannten mazedonisch-slawischen Nation als Heimatland konstituiert hatte. Der betagte Brailsford zeigte sich dabei beeindruckt von der jugoslawisch-sozialistischen „mission civilisatrice“, vielleicht etwas naiv, wie in der anschließenden Diskussion bemerkt wurde.

Im Vortrag von Bohn stand das Leben des russischen Kommissionsmitglieds, des demokratischen Duma-Abgeordneten und Historikers Pavel N. Miljukov im Mittelpunkt. Miljukov galt als herausragender Kenner der Region, vor allem Makedoniens und der Makedonischen Frage, wobei er aus seiner probulgarischen Einstellung, auch in seinen Ansichten zur Ethnographie der Region, nie einen Hehl machte, was zu Spannungen mit Serbien und Griechenland führte, als die Carnegie-Kommission dort Untersuchungen anstellen wollte. Miljukov war bis zur Jahrhundertwende bereits dreimal zu wissenschaftlichen Zwecken ins damals noch osmanische Makedonien gereist und hatte 1899 kurzzeitig sogar eine Lehrtätigkeit in Sofia angenommen, die er aber aufgrund politischer Spannungen zwischen Russland und Bulgarien um seine Person wieder aufgeben musste. In der Carnegie-Kommission galt er daher als umstritten, zeichnete jedoch für einen Großteil des Berichts verantwortlich, wie schon Nadine Akhund am Vortag hervorgehoben hatte.

Im letzten Panel folgten vergleichende Länderperspektiven aus Bulgarien und Griechenland. So stellte NIKOLAJ POPPETROV (Sofia) die Rezeption der Kommissionsarbeit in Bulgarien dar. Er ging dabei auf die positiven Reaktionen der bulgarischen Presse zur Arbeit der Kommission und zum Bericht ein, der 1915 in bulgarischer Übersetzung erschien. Die bulgarische Seite machte sich große Hoffnungen, dass der Bericht ihre angebliche Schuld am Kriegsausbruch und der Massengewalt (auch gegenüber Zivilisten) des zweiten Konflikts 1913 widerlegen würde. Zumal wähnte man in Brailsford und Miljukov, zwei ausgewiesenen Kennern und Verfechtern der bulgarischen Anliegen, vermeintliche Fürsprecher zu haben.

Völlig gegensätzlich wurden gerade diese Personalien in Griechenland wahrgenommen, wie ADAMANTIOS SKORDOS (Wien) in seinem Beitrag schilderte. Die grundlegende Abneigung und schließlich Weigerung zur Zusammenarbeit mit der Kommission stammte in Griechenland und auch in Serbien aus eben diesem angeblichen Bias zugunsten des „Kriegstreibers“ Bulgarien; Miljukov wurde in der griechischen Presse gar als „bulgarischer Agent“ verunglimpft. So mussten einzelne Mitglieder der Kommission ihre Arbeit quasi klandestin fortsetzen, wobei einige „zuverlässige“ Einzelpersonen, wie der philhellenisch eingestellte Justin Godard, dies auch offiziell durften. Der Bericht wurde der griechischen Öffentlichkeit in der Folge lange verschwiegen, jedoch indirekt aufgegriffen, da die Presse Gegendarstellungen zu den Kriegsereignissen und den vorgeworfenen Greueltaten verbreitete.

Den Workshop beschloss WOLFGANG HÖPKEN (Leipzig), indem er auf die Nachwirkung des Berichts einging, und ihn zu den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien am Ende des Jahrhunderts in Beziehung setzte. Die neuerliche Karriere des Berichts als „Kronzeuge“ einer angeblichen Gewaltaffinität bzw. nichtaufgearbeiteter ethno-religiöser Konflikte im Zuge der Kriege im ehemaligen Jugoslawien begann mit der Neuauflage durch die Stiftung selbst im Jahre 1993, mit einem Vorwort des amerikanischen Diplomaten George Kennan, der den damaligen Konflikt in eine Traditionslinie mit dem Geschehen 1912/13 setzte. Höpken differenzierte dagegen geschickt, indem er Parallelen und Unterschiede zwischen den Kriegen aufzeigte. Dabei sieht er durchaus Homologien im Gewalthandeln, auch wenn die Kriege aus völlig unterschiedlichen Konstellationen und mit anderen Zielsetzungen hervor- und einhergingen. Interessanterweise erwähnte Höpken auch den Carnegie-Bericht zu den Jugoslawienkriegen aus dem Jahre 1995, der zwar in der Tradition der Berichtsarbeit der Stiftung steht, jedoch inhaltlich völlig anders geartet ist, da er konkrete Politikempfehlungen für die Befriedung und Aufarbeitung enthält, wogegen der Bericht von 1913 sich allein auf Ursachen und Verlauf bezieht.

Der Workshop diente insgesamt dem Anliegen, den Dialog zwischen den bestehenden verschiedenen Forschungsansätzen aus Geschichts-, Völkerrechts- und Politikwissenschaft zu fördern und dem Carnegie-Bericht die wichtige Bedeutung zukommen zu lassen, die er in der Entwicklung des humanitären Völkerrechts und der internationalen Beziehungen zweifellos hat. Mehrere Referenten wiesen in diesem Kontext darauf hin, dass der Balkan-Report durch den kurz darauf ausbrechenden Weltkrieg viel zu lange in Vergessenheit geriet, bzw. bis in die 1990er-Jahre ein Nischendasein als Quellentext für Nationalgeschichtsschreibung führte, besonders in Mazedonien, Bulgarien und Serbien. Das neuerliche Interesse einhundert Jahre nach seiner Erarbeitung zeigt, wie aktuell die Debatten um Gewaltanwendung, Kriegsrecht, aber auch die Konsequenzen der Balkankriege auf dem politischen Tableau immer noch sind. Hierbei sei der sogenannte „Namensstreit“ zwischen der Republik Mazedonien und Griechenland erwähnt, der wohl auch die Anwesenheit einer mazedonischen Reporterin der Deutschen Welle auf dem Workshop erklärt. Der Bericht muss in diesem Konflikt immer wieder für ethnische Kategorisierungen der slawischen Bevölkerung herhalten, um bis heute Geschichtspolitik damit zu betreiben. Dabei tritt das humanitäre, humanistische und friedliche Anliegen des Berichts leider zurück. Der Workshop ließ diese Aspekte, gestützt durch die vielen Perspektiven, jedoch im Besonderen hervortreten.

Konferenzübersicht:

Auftakt

Stefan Troebst (GWZO Leipzig): Begrüßung

Dietmar Müller (GWZO Leipzig): Einführung: Carnegie-Stiftung und Carnegie-Kommission

Panel 1 – Carnegie-Stiftung und Carnegie-Kommission

Helke Rausch (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg): Die Carnegie Men: Profile privater Nebenaußenpolitik in den USA um und nach dem Ersten Weltkrieg

Cindy Daase (GWZO Leipzig): ”The International Mind” – Nicholas Butler‘s Idea of a Peaceful (Legal) World Society in the 20th century

Nadine Akhund (IRICE, Université Paris-Sorbonne): The Balkan Carnegie Commission: Origins and main Features

Panel 2 – Prosopographische Zugänge: Die Kommissionsmitglieder

Stefan Troebst (GWZO Leipzig): Makedonien als Lebensthema: Henry N. Brailsford und Justin Godart [2]

Thomas Bohn (Justus-Liebig-Universität Gießen): Wissenschaftliche Expedition und politische Reise: Pavel N. Miljukov und die Makedonische Frage

Panel 3 – Vergleichende Länderperspektiven

Nikolaj Poppetrov (Institut für historische Forschung der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften, Sofija): Die bulgarische Dimension: Die Zusammenarbeit mit der Kommission und die Rezeption des Berichts

Adamantios Skordos (Universität Wien): „Brailsford und Miljukov... diese bulgarischen Agenten!“: Die Weigerung der Regierung Griechenlands, mit der Carnegie-Kommission zusammenzuarbeiten

Wolfgang Höpken (Universität Leipzig): Der Carnegie-Report von 1914 und die Kriege im zerfallenden Jugoslawien der 1990er Jahre

Anmerkungen:
[1] Maria Todorova, Die Erfindung des Balkans: Europas bequemes Vorurteil, übers. von Uli Twelker, Darmstadt 1999.
[2] Entgegen des ursprünglichen Vortragstitels ging Stefan Troebst nur auf das Leben und Wirken von Brailsford ein, und ließ die Angaben zu Justin Godart weg, der schon im Vortrag von Nadine Akhund eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Zitation
Tagungsbericht: 100 Years On: The Carnegie Report in the Causes and Conduct of the Balkan Wars of 1912/13, 04.07.2012 – 05.07.2013 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 04.09.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4998>.