I. Tanaseanu-Döbler: Konversion zur Philosophie in der Spätantike

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Titel
Konversion zur Philosophie in der Spätantike. Kaiser Julian und Synesios von Kyrene


Autor(en)
Tanaseanu-Döbler, Ilinca
Erschienen
Stuttgart 2008: Franz Steiner Verlag
Umfang
309 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Kaiser Julian (331–363), der letzte Angehörige der konstantinischen Dynastie, und der etwa vier Jahrzehnte jüngere Synesios, nachmaliger Bischof von Ptolemaïs, der Hauptstadt der Provinz Libya superior, bieten hinsichtlich ihrer Hinwendung und Haltung zur Philosophie manches Vergleichbare. Die Konversion dieser auf den ersten Blick so unterschiedlichen Männer zur Philosophie und die damit verbundenen, namentlich die Religiosität betreffenden Einstellungen vergleichend zu untersuchen, ist das Anliegen der religionswissenschaftlichen Dissertation von Ilinca Tanaseanu-Döbler. Sie bearbeitet damit ihr Thema, das zudem die Gegenstände mehrerer altertumswissenschaftlicher Disziplinen (Klassische Philologie, Alte Geschichte und Patristik) berührt, unter spezifisch religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten. Nicht zuletzt in der Einbeziehung und Kritik von Ergebnissen und Verfahrensweisen der philologischen und historischen Nachbarfächer erweist sie ihre methodische und inhaltliche Kompetenz als Religionswissenschaftlerin.

Tanaseanu-Döbler erarbeitet ihr Thema auf der Grundlage klarer methodischer Voraussetzungen. Sie definiert die Konversion anhand neuerer Forschungen als „Veränderung des Identitätsgefüges einer Person“ (S. 23) zugunsten eines neuen Selbstverständnisses und einer neuen Selbstdarstellung, innerhalb derer verschiedene Aspekte unterschiedlicher Wertigkeit bei einer Person neu aufeinander abgestimmt werden.[1] Diese Offenheit des Konversionsbegriffs berücksichtigt in vorteilhafter Weise dynamische Aspekte der Konversion einer Person, deren zeitliches Gefüge ebenso wie deren qualitative und hierarchische Ordnung. Ein solcher Zugang erlaubt nicht nur, von einer Konversion einzelner Personen zur Philosophie zu sprechen, sondern auch, religiöse Dimensionen des Neuplatonismus ebenso wie nach- und beigeordnete Aspekte des Selbstverständnisses in diese zu integrieren. Mithilfe dieser Voraussetzungen lassen sich anhand der einschlägigen Quellen bei Julian und Synesios mit wünschenswerter Genauigkeit die Schichten des individuellen Selbstverständnisses erfassen, ohne mit allzu festgefügtem Vorverständnis recht bald an Grenzen zu stoßen, die es unmöglich machen, der Qualität der jeweiligen Konversion wirklich gerecht zu werden.

Abgesehen von diesen Voraussetzungen religionswissenschaftlicher Theorie sind für respektable Ergebnisse verwertbare Quellenzeugnisse und deren entsprechende Interpretation ausschlaggebend. Daran mangelt es besonders im Falle Julians nicht, und hier erweist Tanaseanu-Döbler vor dem Hintergrund der kenntnisreich entfalteten Schichten und Verästelungen der neuplatonischen Philosophie durchaus große Souveränität. Die beiden Hauptkapitel über Julian und Synesios sind gleich aufgebaut: Es beginnt mit einem biographischen Überblick, Angaben zum Forschungsstand über die jeweilige Konversion und die Quellenlage einschließlich methodischer Vorüberlegungen. Sodann folgt in chronologischer Reihenfolge nach Lebensphasen beider Personen die Interpretation des in Frage kommenden Quellenmaterials unter den diversen Konversionsaspekten sowie deren Entwicklung und Wandel. Zusammenfassungen am Ende der beiden Kapitel und eine vergleichende Schlussbetrachtung runden das Buch ab. Leider enthält es weder ein Register noch Stellenindices.

Bei Julian ging die Bekehrung zur neuplatonischen Philosophie nach Tanaseanu-Döbler mit einer Hinwendung des in früher Kindheit getauften Christen zur alten paganen Religion einher. Die wichtigste Julianliteratur klassifiziert die Autorin nach deren Urteil über die Konversion Julians zur Philosophie: Das Spektrum reicht von Stimmen, die a) in der Lektüre der klassischen Literatur den Anstoß zur Konversion und in der Philosophie deren Vollendung sehen, über solche, die b) die Hinwendung zur Philosophie und zum Heidentum nicht als Konversion interpretieren, bis zu denen, die c) einen allmählichen Übergang zum Heidentum annehmen, der erst 361 abgeschlossen gewesen sei.[2] Diesem Meinungsspektrum gegenüber entwickelt Tanaseanu-Döbler ihre These von der Konversion zur Philosophie als primärem Element der Identitätsveränderung Julians, dem die anderen wichtigen Aspekte des Wandels (klassische Studien, Paganismus) untergeordnet seien. Um die Phasen und Schichten der damit verbundenen Identitätssuche und -veränderung näher bestimmen zu können, nutzt Tanaseanu-Döbler als Quellen die – freilich auf den Prozess der Konversion aus einem gewissen Zeitabstand zurückblickenden – Selbstaussagen Julians und Stellungnahmen anderer (primär des Libanios und Eunapios, sekundär des Ammianus Marcellinus und Gregors von Nazianz). Sie setzt in Übereinstimmung mit den Aussagen Julians dessen entscheidende Wende zur Philosophie – und zum heidnischen Kult – mit dem Studium der jamblichischen Spielart der neuplatonischen Philosophie in Pergamon im Jahre 351 und dem Einfluss des Theurgen Maximus von Ephesos auf Julian an. Die Hierarchie von Philosophie und Religion leitet die Autorin aus Julians Stellungnahmen ab: „Angesichts der Bedeutung, die Julians Konversion zum heidnischen Kult für das Römische Reich hatte, ist es auffällig, dass Julian selbst [...] sie nicht als prägendes Ereignis für seine geistige Entwicklung beschreibt. Im Gegensatz dazu hebt er wiederholt den entscheidenden Einfluss der Philosophie hervor“ (S. 91; vgl. S. 154). Als ursächlich für die Wende zum Heidentum sieht Tanaseanu-Döbler also die Konversion zur Philosophie an. In diesem Sinne interpretiert sie sorgsam das gesamte Quellenmaterial.

Gewiss entwickelt Tanaseanu-Döbler aus ihren Fachinteressen heraus eine abgerundete und für die geistige Entwicklung Julians geschlossene und insgesamt überzeugende Deutung, die zudem kein negatives Werturteil enthält. Im Blickfeld des Althistorikers spielen darüber hinaus aber einige Aspekte eine Rolle, deren Integration in das Bild, das die Religionswissenschaftlerin entwirft, nicht ganz mühelos gelingen will. Die Tatsache, dass Julian, wenn man dessen eigenen Aussagen und der von Tanaseanu-Döbler vorgelegten Interpretation Glauben schenken will, die in seiner Konversion zur Philosophie enthaltene Wende zum Paganismus etwa zehn Jahre gegenüber der Öffentlichkeit verheimlichen musste und sich erst nach dem Tode seines Cousins Constantius II. offenbaren konnte, hat bei einem Teil der Forschung zur Anschauung geführt, die Konversion habe sich über einen langen, erst 361 abgeschlossenen Zeitraum erstreckt und sei von Julian zeitlich „zurückverlagert“ worden.[3] Gegen diese Interpretation argumentiert Tanaseanu-Döbler entschieden, weil sie der Bekehrung zur Philosophie die höhere Wertigkeit zuerkennt und die religiöse Wende Julians in die Wende zur neuplatonischen Philosophie einlagert. Das ist durchaus ein vertretbarer Standpunkt, wenngleich eine gewisse Plausibilität für das Argument nicht von der Hand zu weisen ist, dass der neue Kaiser Julian und seine Umgebung alles daran setzten, die Wende zur alten Religion in einer Vergangenheit anzusiedeln, in der Julian angeblich einen neuen Weg für sich (und das Römische Reich) suchte und fand, den er nach dem Tod des Constantius endlich offen und mit allen Mitteln weiterverfolgen konnte. Das mit der Anerkennung als Augustus mächtig sich entfaltende Sendungsbewusstsein Julians wollte so verankert sein, dass es vermittelbar war und glaubwürdig wirkte, verlangte also nach einem Begründungsgeflecht, das der Kaiser vor allem der zurückliegenden geistigen Entwicklung und dem damit einhergehenden Wohlwollen der Götter entnahm. Wenn Julian sich in seiner Zeit als Caesar in Gallien bereits offen zur alten heidnischen Religion bekannt hätte, wäre seine politische Karriere wohl schnell beendet gewesen. Insofern mussten augenscheinlich klar am alten Götterglauben orientierte Aussagen in der zweiten Lobrede auf Constantius II., die ja als „vertrauensbildende Maßnahme“ gedacht war, auch im Rahmen panegyrischer Topik und einer „rationalistischen Auffassung“ [4] zu lesen sein. Gerade bei der Panegyrik ist es unerlässlich, Einzelaussagen wie die von Tanaseanu-Döbler herangezogene unter Berücksichtigung des gedanklichen Gesamtzusammenhangs abwägend zu interpretieren und dabei mehrere verschiedene Bedeutungsebenen des Textes in Rechnung zu stellen.

Auch die Beurteilung des Verhaltens Julians bei Herrschaftsantritt – als Caesar wie bei seiner Ausrufung zum Augustus und seiner Anerkennung nach dem Tode des Constantius II. – bedarf der Einbeziehung philologischer und historischer Interpretationsaspekte. Aus religionswissenschaftlicher Sicht macht Tanaseanu-Döbler auf den Gegensatz zwischen der Zurückhaltung, ja innerlichen Abwehr Julians bei seiner Ernennung zum Caesar und der Entwicklung eines selbstgewissen Sendungsbewusstseins im Zusammenhang mit der Durchsetzung als Augustus aufmerksam, die den Anforderungen des Themistios an den Philosophenherrscher und sein politisches Engagement Genüge täten. Angesichts des Schicksals seines Halbbruders Gallus 354 und der für ihn undurchsichtigen Entscheidungsfindung am Mailänder Hof im Jahr darauf war Julians Zurückhaltung aufgrund des Gegensatzes zwischen seinen bisherigen Interessen und den neuen Herausforderungen nur zu verständlich; alles in allem ergeben sich daraus Elemente, die der – im Grunde zeremoniell notwendigen – üblichen recusatio imperii entsprechen und für Julians Zurückhaltung nachvollziehbare Gründe ersichtlich machen.[5] Seine Usurpation in Paris 360 und die eigene aktive Rolle dabei suchte Julian allerdings zu verschleiern, weil sie nicht in seine Selbstdarstellung passte. Tanaseanu-Döbler weist zwar auf die entsprechende Forschungskontroverse hin, ohne darauf einzugehen (vgl. S. 120), doch in ihren Interessenhorizont passt eher der von den Göttern gerufene und aus diesem Auftrag Sendungsbewusstsein entwickelnde Julian als ein Kaiser, der aufgrund seiner Erfolge als Caesar und der Machtbeschneidungen durch Constantius II. Herausforderungen aktiv begegnet. An den Schriften Julians und anderer kann sie zwar hervorragend dessen Selbstverständnis und Selbstdarstellung entwickeln, stellt damit aber tendenziell kaum die Frage nach der Glaubwürdigkeit dieses Bildes im Lichte der politischen Entwicklung. Es wäre also nötig, das als geschlossenes Bild der Religionswissenschaftlerin über die geistige Entwicklung Julians überzeugende Ergebnis der Untersuchung mit dessen Politik ab 355 zu vergleichen, um die Glaubwürdigkeit der Resultate auch nach dieser Seite hin abzusichern.

Einen nicht minder abgerundeten Eindruck hinterlassen die Ergebnisse der Arbeit hinsichtlich der aus dessen eigenen Schriften erarbeiteten Konversion des Synesios von Kyrene zur Philosophie. Auch hier gelingt es Tanaseanu-Döbler, scheinbare Widersprüche in der Entwicklung und Biographie des Synesios in ein plausibles ganzheitliches Bild zu fassen, ohne Werturteile zu implizieren, etwa über das unentschiedene Nebeneinander von neuplatonischer Philosophie und Christentum. Synesios ist gerade deshalb eine interessante Vergleichsperson zu Julian, weil bei dem Hypatia-Schüler der Neuplatonismus und das Christentum einander nicht ausschlossen. Auch bei Synesios beanspruchte die Wertigkeit der Philosophie ein deutliches Übergewicht gegenüber dem in die Philosophie integrierten Christentum. Tanaseanu-Döbler hält Synesios für einen im christlichen Milieu aufgewachsenen und zugleich das griechische Kulturerbe in Libyen bewusst pflegenden Aristokraten, der in den religiösen Dimensionen der Philosophie, die er im alexandrinischen Neuplatonismus kennenlernte, keinen prinzipiellen Widerspruch zum Christentum sah. In den Ambitionen des Synesios in Konstantinopel sieht Tanaseanu-Döbler einen Versuch, mittels einer Verbindung von Philosophie und Politik – der Lebensform auch Kaiser Julians – in die Fußstapfen des Themistios zu treten. Diese Grundhaltung habe auch sein späteres Engagement in der Pentapolis getragen.[6] Die Rückversicherung des Synesios nach seiner Wahl zum Metropoliten beim Patriarchen von Alexandria klärte die Wertehierarchie von Philosophie und Christentum zugunsten der Philosophie und suchte denkbare spätere Misshelligkeiten im Vorfeld der Annahme des Amtes auszuräumen. So wurde Synesios christlicher Bischof primär als Philosoph.

Tanaseanu-Döbler arbeitet bei Julian wie Synesios mit Hierarchien sinnstiftender Ebenen, bei denen die Philosophie an erster Stelle rangiert, in die weitere Ebenen eingeordnet werden, wie es bei der Identitätsfindung als Prozess und dem letztendlichen Ergebnis, beim Selbstverständnis einer Person und ihrer Selbstdarstellung, nur natürlich ist. Das Modell wirkt überzeugend, weil es den ganzen Menschen, auch seine scheinbaren Widersprüche, zu erfassen sucht, Widersprüche, die in eine – mehrschichtige – Identität integriert werden und so offenbar natürliche Erklärungen finden. In diesem zwei so widersprüchlich wirkende Persönlichkeiten der Spätantike wie Julian und Synesios verbindenden Ergebnis liegt eine klare Stärke dieser Untersuchung, die an großenteils überzeugenden Quelleninterpretationen erarbeitet wird. Tanaseanu-Döbler vermag konversionsbedingte Widersprüche in der Außenwirkung dieser beiden Männer anhand der Interpretation von Selbstäußerungen und im Falle Julians auch von Wahrnehmungen anderer zu einem überzeugenden Gesamtbild der jeweiligen Persönlichkeit zu formen, in der zahlreiche behandelte Einzelaspekte, von denen hier nur einige zur Sprache kommen konnten, ihren Platz finden. Deren Dreh- und Angelpunkt ist demnach die religiöse Dimension der neuplatonischen Philosophie, die bei Julian zum Paganismus und bei Synesios zu einer Herabstufung der Bedeutung des Christentums für sein Selbstverständnis führte. Allerdings werfen historisch-politische Implikationen der beiden Konversionsgeschichten weitere Fragen auf, die die Autorin nicht behandelt; sie liegen jenseits ihrer Zielsetzung, könnten aber Einfluss auf die Beantwortung der Fragen haben, die sie stellt.

Anmerkungen:
[1] Die Autorin beruft sich auf die universes of discourse nach George H. Mead, Mind, Self and Society, hrsg. v. Charles W. Morris, 18. Aufl. Chicago 1972, S. 89f.
[2] Als Repräsentanten für diese drei Sichtweisen werden genannt: zu a) Joseph Bidez, La vie de l'empereur Julien, Paris 1930 (2. Aufl. 1965); zu b) Polymnia Athanassiadi, Julian, London 1992; zu c) Klaus Rosen, Julian, Stuttgart 2006.
[3] Vgl. Anm. 2, Rosen 2006, zum Beispiel S. 100; 177; 203–205; 219; 224; 229f.
[4] Vgl. Anm. 2, Rosen 2006, S. 177; dagegen Tanaseanu-Döbler S. 116 mit Anm. 347 über Iul. or. 3,26 82d.
[5] Vgl. Ulrich Huttner, Recusatio imperii, Hildesheim 2004, S. 248–267.
[6] In diesem Zusammenhang wie an manchen anderen Stellen (etwa anlässlich seines Auftretens in Konstantinopel) sowie ferner zu chronologischen Gesichtspunkten entwickelt Tanaseanu-Döbler (zusammenfassend S. 290) eine dezidiert andere Auffassung über die Hinwendung des Synesios zur Philosophie und ihre Folgen als Tassilo Schmitt, Die Bekehrung des Synesios von Kyrene, München 2001.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Tanaseanu-Döbler, Ilinca: Konversion zur Philosophie in der Spätantike. Kaiser Julian und Synesios von Kyrene. Stuttgart 2008, in: H-Soz-Kult, 21.10.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11613>.
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21.10.2008
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