U. Hoering u.a. (Hrsg.): Globalisierung bringt Bewegung

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Titel
Globalisierung bringt Bewegung. Lokale Kämpfe und transnationale Vernetzungen in Asien


Hrsg. v.
Hoering, Uwe; Pye, Oliver; Schaffar, Wolfram; Wichterich, Christa
Erschienen
Umfang
200 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Micha Fiedlschuster, Universität Leipzig

Der Band greift zwei wichtige Fragen der Forschung zu sozialen und politischen Bewegungen auf: Welche sozialen Kräfte treiben globalisierungskritische Bewegungen in Asien voran und welche Themen und Strategien werden von ihnen verfolgt? Und wie vernetzen sich diese Bewegungen in transnationalen Räumen? Diese Fragen werden in neun Fallstudien behandelt, die von den Herausgeber_innen durch eine Einleitung und ein abschließendes Kapitel in Verbindung gebracht werden. Die Beiträge decken mit den Philippinen, Thailand, Indonesien, China (und Hongkong), Indien und Myanmar einen großen Teil des süd- und südostasiatischen Raumes ab. Die Fallstudien untersuchen, welche Möglichkeiten die behandelten Bewegungen aufgrund ihrer sozialen Basis und Mobilisierungsfähigkeit haben, um eine Gegen- und Verhandlungsmacht gegenüber neoliberaler Globalisierungspolitik hervorzubringen. Handelspolitische Fragen oder prekäre Arbeitsbedingungen werden mit Geschlechter- und Umweltfragen verknüpft und oft entsprechende lokale und transnationale Koalitionen geformt. Diese Verschränkung von verschiedenen Problemen und Themen wird als neu und zugleich typisch für die behandelten sozialen Kämpfe identifiziert (S.17).

Der Beitrag von Niklas Reese und Maike Grabowski beleuchtet die Entstehung des Widerstandes gegen den Großbergbau in den Philippinen. Er zeigt, wie lokale Akteure im ländlichen Raum aus subsistenzwirtschaftlichen Motiven Koalitionen mit städtischen Aktivist_innen der Umweltbewegungen eingehen. Dennoch kommen die Autor_innen zu dem Schluss, dass es sich nicht um eine Bewegung, sondern (aufgrund der unterschiedlichen Forderungen, Proteststrukturen und weltanschauliche Pluralität der einzelnen Akteure) vielmehr um eine Vielzahl von Bewegungen handelt.

Oliver Pye zieht in seinem Beitrag zur Assembly of the Poor in Thailand eine Parallele zu den Zapatisten in Chiapas (Mexiko). Die Bewegung formierte sich aus drei unterschiedlichen Richtungen. Daraus ergab sich eine „neuartige Form des Widerstands“ (S. 36), die sich durch eine netzwerkartige Organisationsform und einem basisdemokratischen Anspruch auszeichnet, sowie durch eine politische Strategie ergänzt wird, die die Errichtung eines Protestcamps und die direkte „Wiederaneignung von Ressourcen“ (S.36) einschloss. Die Bewegung konnte allerdings die bereits errungenen Erfolge nicht über die Asienkrise und des damit verbundenen Regierungswechsels hinüberretten. Trotz des Scheiterns der Bewegung kann Pye feststellen, dass eine „neue Schicht kleinbäuerlicher Aktivist_innen entstanden ist, die sich an globalisierungskritischen Protesten“ (S. 50) beteiligt.

Uwe Hoering behandelt die neuen Bauernbewegungen in Indien im Zusammenhang mit der Globalisierung der Agrarindustrie. Aus einer Bewegung gegen gen-modifizierte Baumwolle in Indien formte die Bauernbewegung KRRS eine breite Koalition gegen das TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation, dass die Patentierung von Leben beinhaltet. In den medienwirksamen Massenprotesten und Straßenblockaden wurden transnationale Themen wie die Kritik an der Agrarindustrie und Gen-Manipulation von Pflanzen erfolgreich „mit der lokalen Situation der ländlichen Bevölkerung, der Bauern und deren existenziellen Perspektive“ (S. 59) verknüpft.

Oliver Pye analysiert in seinem zweiten Beitrag die Folgen des Ausbaus der Palmölproduktion in Indonesien. In den zwei behandelten transnationalen Kampagnen finden sich jeweils unterschiedliche Akteure zusammen, wodurch sich Themen, Strategien und Resultate stark unterscheiden. Die erste Kampagne zeigt, dass sich die Einmischung von großen europäischen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) kontraproduktiv auf den lokalen Kampf auswirken kann. Die zweite Kampagne, die sich gegen Palmöl als Agrotreibstoff richtet, illustriert dagegen eine erfolgreiche Vernetzung, da sie in beide Richtungen wirkt: sie bringt das europäische Anliegen eines weltweiten Umweltschutzes in Indonesien weiter und thematisiert die Arbeitsbedingungen und Ernährungssouveränität der indonesischen Bevölkerung in Europa.

Wolfram Schaffars Beitrag widmet sich Bewegungen, die sich dem Thema HIV in Thailand zuwenden. Unter anderem durch eine Koalition mit Kleinbauern gegen das weltweite Patentregime TRIPS erreichten sie, dass in Thailand alle Betroffenen offenen Zugang zu Medikamenten zur Behandlung von HIV-Infektionen haben.

Uwe Hoerings zweiter Beitrag in diesem Band beschäftigt sich mit dem Kampf gegen die Privatisierung der Wasserversorgung in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. An diesem Beispiel zeigt Hoering, wie lokale Akteure sich den sogenannten „Wasserkrieg“ in Bolivien zum Vorbild für ihre Strategie nehmen. Allerdings entwickelt sich in Manila eine andere Dynamik als im bolivianischen Fall und die Kampagne wächst nicht zu einer umfassenderen sozialen Bewegung aus.

Christa Wichterich diskutiert die steigende Mobilisierung von Fabrikarbeiter_innen in China. Die lokal begrenzten Streiks werden meist von jungen Frauen getragen und richten sich gegen inakzeptable Arbeitsbedingungen. Der Beitrag behandelt die Frage, ob sich hier ein „neuer Typus von Arbeiteraktivismus“ (S. 120) herausbildet. Ein neues Klassenbewusstsein scheint nicht im Entstehen zu sein, allerdings zeichnet sich bei den Arbeiter_innen ein Lern- und Organisationsprozess ab, in dem sie sich als politische Subjekte konstituieren.

Stefan Rother untersucht in seinem Beitrag, wie philippinische Migrantinnen, die in Hongkong als Hausangestellte arbeiten, einen transnationalen politischen und sozialen Raum schaffen. Rother zeigt, wie sich die Migrantinnen erfolgreich über Grenzen hinweg organisieren und sogar Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt aus anderen Ländern in ihren Kampf integrieren konnten. Durch diese Bildung von regionalen und globalen Netzwerken konnten Teilerfolge in der philippinischen Migrationspolitik und bei den Arbeitsbedingungen in Hongkong erreicht werden.

Ein zweiter Beitrag von Wolfram Schaffar behandelt die Einordnung der Proteste von birmanischen Mönchen im Jahr 2007 in die Demokratiebewegungen der 1990er Jahre in der Region einerseits und in die sogenannten „Farbrevolutionen“ andererseits, die in jüngerer Zeit in vielen postsozialistischen Staaten stattfanden. Die (innen- und welt-)politische Lage erschwert es den Akteuren der Demokratiebewegung in Myanmar einen ausschließlich politischen Kampf zu führen. In der Suche nach Allianzen und Artikulationsarenen werden Fragen nach Menschenrechten und demokratischer Selbstbestimmung mit der Frage nach der Rolle von transnationalen Konzernen bei der Stabilisierung autoritärer Regime gekoppelt. Somit findet die Demokratiebewegung Anschluss an globalisierungskritische Diskussionsforen, z.B. im Rahmen des Europäischen Sozialforums in London.

Das abschließende Kapitel schlägt einen thematischen Bogen über alle Fallstudien. Das verbindende Element wird hier in der „Transnationalität“ im Sinne von Pries [1] gesehen. Unter transnationalen Räumen verstehen die Autor_innen „wirtschaftliche, politische, soziale, kulturelle usw. Handlungsfelder“ (S. 171), die sich über nationalstaatliche Grenzen hinweg ergeben. Die lokalen Akteure werden mit einem Problem von transnationaler Dimension konfrontiert und erweitern in den meisten Fällen ihre lokalen Kämpfe um transnationale Allianzen. Die Autor_innen stellen sich damit auch der Auffassung entgegen, dass sich die globalisierungskritische Bewegung ausschließlich bei WTO-Gipfeln, G8-Treffen und ähnlichen Ereignissen materialisiert.

Die Herausgeber_innen betrachten die behandelten Bewegungen als „qualitativ und historisch neue soziale Bewegungen“ (S. 192), da sie aus den Transformationen der letzten drei Jahrzente entspringen und keine gemeinsamen historischen Referenzpunkte aufweisen. Letzteres ist nicht verwunderlich, wird die Spannbreite der behandelten Länder und Themen in Betracht gezogen. Allerdings scheint es unwahrscheinlich, dass es in den behandelten Gesellschaften keine geschichtlichen Vorbilder gibt. In dem einen oder anderen Fall wäre es sicherlich interessant gewesen, die Frage zu erörtern, aus welchen Widerstandstraditionen sich die „neuen Bewegungen“ speisen und ob dort der Ursprung für einige der strategischen Innovationen liegt.

Die neun Fallbeispiele vermittelt anschaulich die Vielzahl von sozialen Kämpfen in den behandelten Ländern. Zu Recht bemängeln die Autor_innen die Vernachlässigung von Asien in der Bewegungsforschung und schaffen einen gelungenen Beitrag zur Behebung diesen Mangels. Die einzelnen Beiträge zeigen, dass Kämpfe nicht auf den jeweiligen Nationalstaat oder regionalen Kontext begrenzt sind, sondern dass sich transnationale Koalitionen herausbilden und globale Lerneffekte stattfinden. Das Buch ist sehr hilfreich für all jene Bewegungsforscher_innen, Studierende und globalisierungskritische Aktivist_innen im deutschsprachigen Raum, die ihr Blickfeld auf globalisierungskritische Bewegungen erweitern möchten.

Anmerkung:
[1] Ludger Pries, Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften, Frankfurt am Main 2008.

Zitation
Micha Fiedlschuster: Rezension zu: Hoering, Uwe; Pye, Oliver; Schaffar, Wolfram; Wichterich, Christa (Hrsg.): Globalisierung bringt Bewegung. Lokale Kämpfe und transnationale Vernetzungen in Asien. Münster 2009, in: H-Soz-Kult, 28.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13875>.
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28.09.2012
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