H. Maier u.a. (Hrsg.): 150 Jahre Stahlinstitut VDEh

Cover
Titel
150 Jahre Stahlinstitut VDEh. 1860–2010


Hrsg. v.
Maier, Helmut; Rasch, Manfred; Zilt, Andreas
Erschienen
Essen 2010: Klartext Verlag
Umfang
912 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Harald Wixforth, Fachbereich 08 Geisteswissenschaften 2, Universität Bremen

Jubiläen sind in der Regel Anlässe, zu denen sich Unternehmen, wirtschaftliche Interessenverbände und politische Korporationen auch intensiver mit ihrer eigenen Vergangenheit beschäftigen. Der vorliegende Band zählt zu denjenigen Jubiläumspublikationen, in denen Aufsätze eine ganze Palette verschiedener Themen abdecken. Anlass ist das 150-jährige Bestehen des Stahlinstituts VDEh, wie der Verein Deutscher Eisenhüttenleute seit 2003 firmiert. Im Dezember 1860, während der ersten schweren Wirtschaftskrise nach dem Durchbruch der Industrialisierung, entstand der Technische Verein für Eisenhüttenwesen mit dem erklärten Ziel, die technologische Rückständigkeit der deutschen Eisen- und Stahlindustrie möglichst rasch zu beseitigen und die Branche international wettbewerbsfähig zu machen. Nachdem 1880 die zunächst enge Verbindung mit dem Verein Deutscher Ingenieure aufgelöst wurde, führte er den Namen VDEh. Die drei Herausgeber, alle ausgewiesene Kenner der Geschichte der Eisen- und Stahlindustrie, verfolgen dezidiert die Absicht, ein „möglichst breites Spektrum an Themen aus der facettenreichen Geschichte des Stahlinstituts VDEh“ zu beleuchten (S. 16). Dieses Vorhaben ist geglückt.

Die Geschichte des Vereins und seine Bedeutung in Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands während der letzten 150 Jahre werden in vier großen Abschnitten dargestellt. Die Beiträge des ersten Abschnitts thematisieren in erster Linie die Entwicklung der Führungsebene des VDEh vor dem Hintergrund der großen politischen und wirtschaftlichen Strukturveränderungen. Helmut Maier beleuchtet die Gründungsgeschichte des Vereins und geht dabei intensiv auf die technologischen Herausforderungen ein, vor denen die deutsche Eisen- und Stahlindustrie Ende der 1850er-, Anfang der 1860er-Jahre stand. Karl-Peter Ellerbrock untersucht die Rolle des seit 1905 amtierenden Vorsitzenden Friedrich Springorum, vor allem aber die durch ihn angestoßene Modernisierung des VDEh auf organisatorischer und technologischer Ebene. Die Rolle der beiden langjährigen Geschäftsführer Emil Schrödter und Otto Petersen, deren Tätigkeit für die Außenwirkung des Vereins von immenser Bedeutung war, steht im Mittelpunkt des Beitrags von Dietmar Bleidick.

Die schillernde und facettenreiche Persönlichkeit Albert Vöglers thematisiert Manfred Rasch. Dabei geht Rasch vor allem der Frage nach, welche Bedeutung Vögler als Vorsitzendem des VDEh ab 1917 beizumessen ist. Im Vergleich zu seinen Vorgängern war Vögler ein wesentlich „politischerer“ Vorsitzender des Vereins. Dies ist nicht überraschend, da Vögler als DVP-Reichstagsabgeordneter neben seiner Tätigkeit als Manager in der Ruhrindustrie in vielfältiger Weise in der politischen Arena engagiert war. Er war im VDEh aber auch für eine Reihe von Innovationen verantwortlich. Auf seine Initiative ging zum Beispiel die Gründung von Fachausschüssen für die Forschung zu bestimmten Problemen der Eisen- und Stahlherstellung zurück, ebenso die Errichtung einer „Wärmestelle“, einer Beratungsstelle für die Brennstoffwirtschaft auf den Hüttenwerken. Zudem setzte sich Vögler für die enge Kooperation zwischen dem VDEh und neu errichteten Instituten für die Optimierung von Betriebsabläufen in den Werken wie dem Deutschen Institut für Technische Arbeitsschulung oder dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Arbeitspsychologie ein. Insgesamt zeichnet Rasch dadurch ein ausgesprochen facettenreiches und vielfältiges Bild Vöglers als Verbandspolitiker und Vereinsvorsitzender, das unsere Kenntnis über seine Person erheblich erweitert.

Der Tätigkeit des VDEh während des NS-Regimes ist ein weiterer Beitrag von Helmut Maier gewidmet, während die Rolle des Vereins in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft erneut eng mit der Darstellung der Bedeutung zweier Vorsitzender verknüpft ist. Im Beitrag von Andreas Zilt werden die Karrierestationen Eduard Herzogs nachgezeichnet, der nach dem „Zusammenbruch“ im Juli 1945 zum Vorstandsvorsitzenden der August Thyssen-Hütte avancierte und ein Jahr später auch den Vorsitz im VDEh übernahm. Herzog sah in diesem Amt selber ein eher kurzfristiges Intermezzo. In den Nachkriegsjahren standen im Vordergrund seiner Aktivitäten vor allem die Restrukturierung des VDEh sowie die Lösung diverser Personalia. Bemerkenswert ist, dass eine bewusste „Vergangenheitsbewältigung“ beim VDEh offenbar nicht stattfand. Stattdessen setzte man auf Kontinuität. Damit unterschied sich der VDEh allerdings nicht von anderen technisch-wissenschaftlichen Institutionen, wie Zilt zu Recht feststellt.

Die wechselvolle Karriere von Hermann Schenck als Wissenschaftler, Manager und Verbandspolitiker beleuchten Stefan Krebs und Werner Tschacher, während Werner Bührer die Entwicklung des VDEh vor dem Hintergrund der europäischen Einigung, aber auch der Internationalisierung der Märkte thematisiert. Helmut Kinne untersucht dagegen gleichsam als Kontrapunkt die Gesellschaft Deutscher Berg- und Hüttenleute, die in der SBZ/DDR versuchte, Funktionen des VDEh unter anderen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auszufüllen. Gerade dieser Aspekt der deutschen „Montangeschichte“ ist bisher kaum thematisiert worden. Franz Lehners letzter Beitrag in diesem Abschnitt ist dagegen als eine Art aktueller Standortbestimmung des VDEh zu verstehen.

Die Beiträge des zweiten großen Bandabschnitts behandeln vor allem die nationalen und internationalen Beziehungen des VDEh; dies in einigen Beiträgen mit Blick auf Zweigvereine des VDEh in Österreich, an der Saar oder in Lothringen und Oberschlesien, in anderen hinsichtlich Kooperationspartnern in den USA und in Japan. Stefanie van de Kerkhof thematisiert die Tätigkeit der Eisenhütte Oberschlesien als Zweigverein des VDEh in dieser wichtigen Montanregion, wobei sie ebenso ausführlich auf die Brüche in der Geschichte dieser Interessenorganisation, etwa durch das Ende des Ersten Weltkriegs und die nachfolgende Teilung Oberschlesiens, eingeht wie auf die politischen Herausforderungen während des NS-Regimes. Jacques Maas untersucht die Rolle der Eisenhütte Südwest als Zweigverein des VDEh vor allem im Spannungsfeld der deutsch-französischen Beziehungen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Helmut Lackner die Eisenhütte Österreich und ihr Verhältnis zum VDEh.

Die Beiträge des dritten Hauptabschnitts behandeln die Rolle des VDEh bzw. des Stahlinstituts als Kulturträger, seine Aktivitäten im Bereich Kunst und Marketing. Ein Aufsatz beleuchtet die Entstehung und die weitere Entwicklung der Bibliothek des Vereins, ein anderer die Bedeutung der Zeitschrift „Stahl und Eisen“ als dessen wichtigstem Publikationsorgan. Britta Korten setzt sich mit den PR-Aktivitäten des Vereins auseinander, besonders mit dessen Werbung für deutschen Stahl. Interessant ist dabei vor allem, wie durch die gezielte PR auch eine emotionale Aufladung der Begriffe „Stahl“ und „Stahlprodukte“ in der Öffentlichkeit erfolgte. Einen ganz anderen Fokus wählen dagegen Klaus Türk und Manfred Jablonski, indem sie die Wirkung von Hüttenarbeiter-Skulpturen im öffentlichen Raum näher untersuchen.

Die Beiträge des letzten Hauptabschnitts sind unter dem Rubrum Institutionen und Facharbeit zusammengefasst, fallen von ihrer Thematik allerdings etwas auseinander. Die Mehrheit der Beiträge behandelt die Rolle des VDEh als Träger von wissenschaftlicher Forschung und akademischer Weiterbildung, aber auch als Motor für Innovationen in der Eisen- und Stahlherstellung. Wolfang König untersucht etwa die Bedeutung des VDEh in der Ausbildung und Weiterbildung im Eisenhüttenwesen, Norbert Gilson seine Rolle als Innovationsträger in der bundesdeutschen Forschungslandschaft. Lutz Budraß fragt schließlich nach den Kontinuitätslinien in den Forschungsaktivitäten des VDEh. Im Fokus seiner Darstellung steht dabei die Entwicklung der 1919 ins Leben gerufenen Überwachungsstelle für Brennstoff- und Energiewirtschaft. Nach den politischen Unruhen infolge des Ende des Ersten Weltkriegs und der dadurch hervorgerufenen Kohlennot in der deutschen Wirtschaft zunächst als Abteilung für die Optimierung des Brennstoffeinsatzes gegründet, diversifizierte die „Wärmestelle“ im Laufe der Jahre ihre Forschungspalette. Sie erstellte Memoranden zur Verbesserung der Betriebsabläufe in den Hüttenwerken, ebenso prüfte sie die möglichen Synergieeffekte beim Zusammenschluss von Betriebseinheiten. Während der Rationalisierungsphase in der Weimarer Republik kam ihr daher eine große Bedeutung zu, ebenfalls in den Autarkie- und Rüstungsplanungen des NS-Regimes. Nach dem „Wirtschaftswunder“ wurde die „Wärmestelle“ mit einer anderen Forschungsabteilung, die speziell den Einsatz von Maschinen und deren Verbesserung untersuchte, in den 1960er-Jahren zum Betriebsforschungsinstitut des VDEh fusioniert.

Die Beiträge in diesem Band beleuchten nicht nur die wechselvolle und facettenreiche Geschichte des VDEh während der letzten 150 Jahre, sie präsentieren auch ein detailliertes, ausgewogenes Bild seiner zahlreichen Aktivitäten. Die Untergliederung in vier Hauptabschnitte sorgt dafür, dass die Stringenz nicht zu kurz kommt. Insgesamt können nur wenige Verbände und Interessenorganisationen der deutschen Wirtschaft auf derart detaillierte Darstellungen aus Anlass eines Jubiläums zurückblicken. Der VDEh bzw. das Stahlinstitut kann daher zu Recht für sich in Anspruch nehmen, dass seine Geschichte und seine Rolle in der deutschen Wirtschaft akribisch aufgearbeitet wurden.

Zitation
Harald Wixforth: Rezension zu: Maier, Helmut; Rasch, Manfred; Zilt, Andreas (Hrsg.): 150 Jahre Stahlinstitut VDEh. 1860–2010. Essen 2010, in: H-Soz-Kult, 26.02.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15932>.