M. Berger u.a. (Hrsg.): Jüdische Soldaten

Titel
Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand. in Deutschland und Frankreich


Hrsg. v.
Berger, Michael; Römer-Hillebrecht, Gideon
Erschienen
Umfang
572 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Christine G. Krüger, Graduiertenkolleg „Generationengeschichte“, Georg-August-Universität Göttingen

Der fast sechshundert Seiten starke Sammelband zu jüdischen Soldaten und jüdischem Widerstand in Deutschland und Frankreich ordnet sich ein in eine Reihe anderer Veröffentlichungen des Historikeroffiziers Michael Berger, eines der beiden Herausgeber, zu diesem Themenfeld. Als „Denkmalprojekt“ will es den jüdischen Soldaten in deutschen, französischen, aber auch anderen Armeen von der napoleonischen Zeit bis in die Gegenwart sowie den jüdischen Widerstandskämpfern gegen Nationalsozialismus und Faschismus einen würdigen Platz im kollektiven Gedächtnis schaffen. Das Buch zielt daher nicht nur darauf, in Fachkreisen gelesen zu werden, sondern möchte auch eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Das Autorenteam setzt sich aus haupt- wie nebenberuflichen Historikerinnen und Historikern zusammen, unter denen Studierende ebenso wie Professoren aus Deutschland, Israel und den USA vertreten sind.

Zwei weitere Ziele durchziehen den Sammelband und werden von mehreren der Beiträge verfolgt. Zum einen soll der jüdische Kosmopolitismus als Vorbild für ein europäisches Staatsbürgerverständnis porträtiert werden, als eine „Chance […] für die Zukunft Europas“ (S. 498), wie es an prominenter Stelle in der Einleitung und im Epilog eingefordert wird. Zum anderen soll der Vorwurf widerlegt werden, die europäischen Juden hätten sich der nationalsozialistischen Vernichtung widerstandslos ausgeliefert. „Sie ließen sich nicht ‚wie ein Lamm zum Schlachten‘ führen!“, lautet dementsprechend der Titel eines der von Michael Berger verfassten Beiträge (S. 347–353).

Die über 30 Beiträge sind sechs Abschnitten untergeordnet. Sie befassen sich mit weit mehr als wie im Titel des Bandes angekündigt nur mit Deutschland und Frankreich. Behandelt werden etwa auch ein österreichischer General, deutsche und österreichische Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg, der polnisch-jüdische Widerstand oder palästinensisch-jüdische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs. Etliche der Beiträge sind biographische Skizzen eines oder mehrerer jüdischer Soldaten bzw. Widerstandskämpfer. So beschäftigt sich der „Prolog“ Michael Bergers mit dem badischen Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank. Dessen Leben spiegelt die Ambivalenzen eines jüdischen Patriotismus, der Völkerverständigung und Vaterlandsliebe zu vereinen suchte, etwa in der Tatsache, dass er sich als engagierter Pazifist noch im August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst meldete. Der zweite Prolog Gideon Römer-Hillebrechts gibt einen vergleichenden und faktenorientierten Überblick über die Geschichte der Integration der Juden in die deutschen und französischen Armeen.

Der erste Abschnitt des Bandes widmet sich jüdischen Soldaten und Feldrabbinern. Thorsten Loch stellt in seinem Beitrag einen neuen Quellenfund vor: den anlässlich der Hochzeit seines Bruders verfassten kurzen Brief eines jüdischen Soldaten aus dem rheinischen Niederzissen, der 1807 in der Napoleonischen Armee diente. Der Text des Briefes ist im Anhang abgedruckt, die farbige Illustration, die ihn schmückt, dient als Frontcover. Weitere Beiträge dieses Kapitels behandeln die Judenzählung (Michal Grünwald) und die Dreyfusaffäre (Anne Külow), aber auch weniger bekannte Aspekte der jüdischen Militärgeschichte. So untersucht Norbert Schwake die deutschen und österreichischen Soldaten und Militärärzte, die während des Ersten Weltkriegs als Freiwillige auf der Seite des osmanischen Reiches an der Palästinafront gegen die Briten kämpften. Während der Beitrag sich auf die Biographien der Soldaten konzentriert, wäre eine Durchleuchtung des historischen Hintergrundes wünschenswert gewesen.

Der zweite, deutlich kürzere Abschnitt nimmt Gedenken und Erinnerung an jüdische Feldzugsteilnehmer in den Blick. Die drei Beiträge die das Denkmal für jüdische Gefallene in Berlin-Weißensee (Knud Neuhoff), die Tradition und Bedeutung jüdischen Kriegsgedenkens allgemein (Gideon Römer-Hillebrecht) und den Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs (Michael Berger), unterstreichen die doppelte Funktion des jüdischen Kriegsgedenkens, das nicht nur der Bewältigung der Trauer, sondern auch der Manifestation des Patriotismus und damit gleichzeitig der Abwehr des Antisemitismus dienen sollte.

Der dritte und längste Abschnitt behandelt den jüdischen Widerstand während der Shoa. Hier wird ein breites Spektrum verschiedener Widerstandsgruppen und -formen vorgestellt. Rainer L. Hoffmann untersucht den kommunistisch geprägten Widerstandszirkel um Herbert Baum, Michael Berger gibt in zwei Beiträgen einen Überblick zum Spanischen Bürgerkrieg und erläutert die Motive deutscher und österreichischer jüdischer Freiwilliger, die nicht nur das Franco-Regime zu Fall zu bringen, sondern gleichzeitig dem Faschismus und Antisemitismus in Europa allgemein einen Schlag zu versetzen hofften. Peter Fisch setzt sich in dem anschließenden und längsten Beitrag mit den deutschen Juden in der französischen Resistance auseinander. Der Beitrag Stefan Brauns, der sich mit dem polnischen Widerstand beschäftigt, wird durch einen Beitrag Michael Bergers zu den Aufständen der Warschauer Ghettobewohner 1943 und der polnischen Heimatarmee 1944 ergänzt, der auch den vergangenheitspolitischen Umgang mit den Verbrechen von SS und Wehrmacht in der Bundesrepublik reflektiert.

Der vierte, mit „Seitenblicke“ überschriebene Teil bündelt einen Aufsatz zu jüdischen Verbindungsstudenten im Ersten Weltkrieg (Thomas Schindler), einen Beitrag zu jüdischen Soldaten in Palästina, die für die britische Armee dienten (Benny Michelsohn) und zwei biographische Skizzen emigrierter deutscher Juden, die auf Seiten der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpften. Den deutsch-jüdischen Soldaten in der Bundesrepublik widmet sich der fünfte Abschnitt, mit zwei Aufsätzen. Michael Berger behandelt das Gedenken an jüdische Soldaten von Seiten der Bundeswehrführung, Thomas Elßner analysiert anhand der Jahresberichte der Wehrbeauftragten aus den Jahren 1960 bis 2009, wie in der Bundeswehr mit ethnischen Minderheiten, kultureller wie religiöser Vielfalt und Homosexualität umgegangen wurde.

Der abschließende sechste Teil schließlich bemüht sich aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen: Stéphane Beemelmans ruft dazu auf, die europäische Einigung auf der Grundlage der Pluralität koexistierender Identitäten weiterzuführen. Gideon Römer-Hillebrecht wirbt dafür, den von vielen Juden gerade aus der Erfahrung von Krieg und Verfolgung heraus vertretenen Kosmopolitismus für die europäische Politik zum Vorbild zu nehmen. Die in dem Band vereinigten Beiträge widerspiegeln ein vielfältiges Bild jüdischer Kriegs- und Widerstandserfahrungen und zeigen zahlreiche offene Forschungsfragen auf, zu deren weiteren Untersuchung sie einladen.

Zitation
Christine Krüger: Rezension zu: Berger, Michael; Römer-Hillebrecht, Gideon (Hrsg.): Jüdische Soldaten – Jüdischer Widerstand. in Deutschland und Frankreich. Paderborn 2011, in: H-Soz-Kult, 07.01.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17013>.
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Veröffentlicht am
07.01.2013
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