A. Kaminsky u.a. (Hrsg.): Der Hitler-Stalin-Pakt 1939

Cover
Titel
Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer.


Hrsg. v.
Kaminsky, Anna; Müller, Dietmar; Troebst, Stefan
Erschienen
Göttingen 2011: Wallstein Verlag
Umfang
566 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Marcel Siepmann, Kulturwissenschaftliches Institut, Essen

Vor zehn Jahren schrieb Karl Schlögel in seinem Sammelband Die Mitte liegt ostwärts, die „Osterweiterung der EU, die genau betrachtet eine Neukonstituierung Europas ist, wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der prägende soziale, politische und kulturelle Vorgang in Europa sein.“[1] In Anbetracht der Finanz- und Wirtschaftskrise mag man von dieser These zumindest in Bezug auf die politische und soziale Komponente etwas Abstand nehmen wollen, in Bezug auf die gemeinsame Erinnerung ließe sich jedoch einiges an guten Belegen dafür anführen. An neuerer Literatur über die Verbrechen und die Gewalt unter Stalin herrscht in den letzten Jahren sicher kein Mangel. Auch werden die Monographien und Sammelbände zu diesem Themenkomplex zunehmend großflächig in den bedeutenden deutschen Tages- und Wochenzeitungen besprochen. Ob Timothy Snyders Buch über die Bloodlands, Norman Naimarks Stalin und der Genozid, Karl Schlögels Terror und Traum, oder Jörg Baberowskis Verbrannte Erde, das Schattendasein des Stalinismus hinter dem ‚Überthema‘ Nationalsozialismus ist zunehmend korrigiert worden und vor allem auch in der Öffentlichkeit angekommen.

In dem nun vorgelegten Band über die europäischen Erinnerungen an den Hitler-Stalin-Pakt 1939 wird gleich im Titel eine wichtige Begriffs-Präzisierung vorgenommen, wenn von „Erinnerungskulturen“ im Plural und nicht im Singular gesprochen wird. Stefan Troebst, neben Anna Kaminsky und Dietmar Müller einer der drei HerausgeberInnen dieses Bandes, hat diese Erkenntnis bereits in einem Beitrag für die Zeitschrift osteuropa betont, die sich in einem Themenheft 2009 ausführlich der Erinnerung an den Pakt zuwandte. Darin erteilte er der begrifflichen Vorstellung vom Hitler-Stalin-Pakt als eines (gesamt)europäischen Erinnerungsortes eine klare Absage: „Gewicht und Inhalt des europäischen Erinnerungsortes ‚Hitler-Stalin-Pakt’ werden […] in den verschiedenen Teilen Europas ganz unterschiedlich bemessen und interpretiert. Im Westen herrscht Ignoranz vor, im Osten Verdrängung und in der Mitte wirkt dieser lieu de mémoire [Hervorhebung i.O., MS] als weiterhin stark schmerzende gesellschaftliche Narbe.“[2]

In ihrer Einführung zu dem Band betonen Troebst und Dietmar Müller nun den Hitler-Stalin-Pakt als eines der bedeutenden Abkommen für den Zweiten Weltkrieg und die sowjetische Okkupationszeit: „Kein anderer bilateraler Vertrag beeinflusste das Schicksal von mehr Staaten, Nationen und Minderheitengruppen in Europa, vornehmlich in Ostmitteleuropa, als der Hitler-Stalin-Pakt.“ (S. 11) Neben einer kurzen Übersicht über die Historiographie des Pakts, lehnen sich die Autoren an der durch Oskar Halecki in seinem 1950 veröffentlichten Buch The Limits and Divisions of European History vorgenommenen und von Jenő Szűcs ergänzten „erinnerungsgeographische[n] Untergliederung Europas“ (S. 26) an: „(a) Westeuropa (einschließlich Nord- und Südeuropa); (b) Westmitteleuropa, das meint ‚alte’ Bundesrepublik und DDR bzw. das wiedervereinigte Deutschland plus Österreich und die Schweiz; (c) Ostmitteleuropa, also die baltischen Staaten, Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn, auch den Donau-Balkan-Raum; und schließlich (d) Osteuropas, d.h. die aus der Sowjetunion hervorgegangenen GUS-Staaten einschließlich der Russländischen Föderation.“ (S. 26f.) Diese Einteilung gibt auch dem Aufbau des Buches seine Struktur, wobei, in Anlehnung an einen Ausspruch der früheren lettischen Außenministerin Sandra Kalniete, ebenso eine zeitliche Dimension immer mitzudenken sei: Demzufolge ist der Osten Europas in Bezug auf die eigene Vergangenheitsaufarbeitung auf einem Stand, wie er im Westen in den 1960er-Jahren vorherrschte (S. 33f).

In seinem Beitrag über die Rezeptionsgeschichte des Hitler-Stalin-Pakts in Ostmitteleuropa zwischen 1939 und 1999 zeichnet Jan Lipinsky zunächst jedoch den ‚Erinnerungsort‘ in den verschiedenen Staaten nach und verweist auf die unterschiedlichen Kenntnisgrade von und die unterschiedlichen Umgänge mit dem Abkommen zwischen 1939 und 1945. In einem zweiten Teil wird dann die Zeit nach 1945 für die verschiedenen Regionen in den Blick genommen und die teils stark divergierenden Umgänge mit der offiziellen sowjetischen Geschichtsdeutung. So nimmt Lipinsky für Polen vier Aspekte in Anspruch, die dafür gesorgt haben, dass sich die polnische Geschichtsschreibung „eine gewisse Unabhängigkeit“ (S. 64) bewahren konnte. So galt der rege Austausch mit Exilpolen (auch über den Import von Literatur), der innerpolnische Untergrund, die Westorientierung und Vielsprachigkeit der polnischen Geschichtswissenschaft sowie eine nicht zuletzt nach den Erfahrungen von Katyn verstärkte antisowjetische Grundhaltung als Fundament einer solchen unabhängigeren Auseinandersetzung mit dem Hitler-Stalin-Pakt (ebd.).

Als geschichtspolitisches Anschauungsobjekt seziert Troebst in einem weiteren Beitrag den Vorschlag des Europäischen Parlaments, den 23. August zum „Europäischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus“ zu erklären. Anhand vieler Debatten und anderer Beiträge wird teils minutiös die unterschiedliche Wahrnehmung der vergangenen 70 Jahre in Ost- und Westeuropa offenbar. Gleichzeitig aber auch die Anerkennung eines EU-weiten Erinnerungsregimes als eines bedeutenden und wichtigen Symbolgestalters und -verwalters. Ergänzend könnte zu diesem Beitrag auch der aus dem Jahr 2009 stammende Band von Jens Kroh [3] über Transnationale Erinnerung herangezogen werden, um die sozusagen ‚westliche’ Tradition in diesem Zusammenhang besser nachzuvollziehen. Der westeuropäischen Lesart, nach der der Holocaust als Gründungsmythos fungierte, wird somit eine neue anbeigestellt, die zumindest die Diskussion über den Totalitarismusbegriff wieder neu entfacht hat.

Der klassischen Politikgeschichte zugehörig, erläutert Rolf Ahmann die „Entstehung und Bedeutung“, die der Pakt im Jahr 1939 aus Sicht der Kriegsbestrebungen Hitlers eingenommen hat. Somit war aus deutscher Sicht der Pakt auch ein versorgungstechnischer Vorgang, der „insofern wichtig [war], als man in Berlin für die Kriegsführung im Westen nun in noch größerem Umfang als zuvor sowjetische Lieferungen kriegswichtiger Rohstoffe benötigte und dazu sowjetisches Entgegenkommen im Rahmen der Wirtschaftsvereinbarungen“ (S. 151) erwarten konnte. Dass Hitler dabei nie seinen ideologischen Vorstellungen vom Lebensraum im Osten abschwor, wird auch von Ahmann noch einmal hervorgehoben.

Die beiden Beiträge von Jutta Scherrer sowie von Wolfram von Scheliha skizzieren die Behandlung des Pakts im Unterricht an russischen Schulen (Scherrer) und die von Seiten der offiziellen Politik überbrachte Deutung (von Scheliha). Von Scheliha spricht in diesem Zusammenhang von einer „Geschichtsfälschungsrhetorik“ (S. 181), die gerade auch unter Putin wieder enorm zugenommen habe. Keiji Sato nimmt in seinem Beitrag die „Kommission des Volksdepudiertenkongresses der UdSSR für die politische und juristische Bewertung des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspakts von 1939“ als einen wichtigen Meilenstein für den Kollaps der Sowjetunion (S. 199) in den Blick und schließt damit den Themenblock „Die Signatarstaaten“ ab.

Darauf folgend wird für Ostmittel- und Osteuropa zunächst durch Krzysztof und Małgorzata Ruchniewicz die polnische Geschichtspolitik und Erinnerungskultur erläutert, in deren Mittelpunkt auch die Ambivalenz eines Datums wie des 8. Mai 1945 steht, als nicht nur ein Krieg beendet wurde, sondern auch die Okkupation des östlichen Teils Europas durch die Sowjetunion weiter ging. So hat neben der Erinnerung an den 1. September und den Einmarsch der Wehrmacht auch der 17. desgleichen Monats (mit dem Einmarsch der Roten Armee) sowie das Gedenken an die Massenmorde in Katyn Eingang in die nationalen polnischen Gedenkrituale gefunden (S. 230f.). Gerne hätte man noch etwas mehr über die Bedeutung des Pakts als vierter Teilung Polens erfahren, oder wie sehr die Debatten um die Veröffentlichungen eines Jan Thomas Gross in diese Felder hineinspielen. Für die belarussischen Völker gibt Elena Temper Auskunft, gerade die Auseinandersetzung zwischen pro-sowjetischen und national gesinnten Bevölkerungsgruppen stehen hier im Mittelpunkt. Ähnliches gilt für die baltischen Staaten. Dort entwickelte sich zunehmend eine Blockbildung zwischen baltisch-ethnischen und russländisch-ethnischen Bevölkerungsteilen, die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt bekam hier zunehmende Bedeutung: „Am 23. August 1987 fanden […] in allen drei Ländern [Estland, Lettland, Litauen, M.S.] erstmals wirkliche Demonstrationen aus Anlass des Hitler-Stalin-Pakts statt […,] 1988 demonstrierten schon Hundertausende in allen drei Ländern“ (S. 301f.), so Karsten Brüggemann in seinem Beitrag zu Estland. Entsprechende Aufsätze zu Lettland (Katja Wetzel), Litauen (Arūnas Bubnys) und Finnland (Michael Jonas) schließen diesen Abschnitt ab.

Der Abschnitt zu Südosteuropa wird von Dietmar Müller zu Rumänien eingeleitet und hebt dort unter anderem die Bedeutung von Wahrheitskommissionen hervor und zeigt die teilweisen Verklärungen von Opfer- und Heldenrolle. Vasile Dumbrava ergänzt den Südosteuropapart durch seinen Text zu Moldovas Deutungen des Pakts seit 1989. Für den letzten geographischen Abschnitt setzen sich Lothar Kettenacker, Guillaume Bourgeois und Palle Roslyng-Jensen mit der Haltung der britischen Regierung zum Pakt, der Haltung der französischen Kommunistischen Partei sowie der großen Unentschlossenheit der französischen Regierung zu Beginn des‚ Sitzkrieges‘ und der dänischen Perspektive auf den Pakt auseinander.

Sehr begrüßenswert sind die beiden Beiträge von Jenny Alwart und Anke Pfeifer, die die literarischen Auseinandersetzungen mit dem Pakt in der Ukraine und in Rumänien nachzeichnen. Ähnlich der Darstellung zum Umgang in der deutschen Literatur mit dem Holocaust, wie sie vor über zehn Jahren Ernestine Schlant vorgelegt hat [4], schildert zum Beispiel Alwart die Bedeutung des 2004 in der Ukraine zum „Besten Buch des Jahres“ (S. 471) ausgezeichneten Romans Die süße Darusja. „Ein Vorteil von literarischen Texten kann historiographischen Texten gegenüber sein, dass die dargestellten Situationen nicht auf tatsächlich verbürgten Ereignissen und Personen beruhen müssen, wodurch mitunter eindrücklicher und überzeugender geschildert werden kann, wie etwas gewesen sein könnte“ (S. 467), so Alwart. Damit erfasst sie das Potenzial aber eben auch das Problem fiktiver Erzählung für die Bildung kollektiver Erinnerung.

Abschließend bereichern zwei Beiträge von Katrin Steffen über den „Holocaust in der Geschichte Ostmitteleuropas“ (S. 489ff.) und von Detlef Brandes über das Thema „Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa“ (S. 519ff.) die Ausgewogenheit und Umfassenheit, mit der dieser Band sich der komplexen Thematik annimmt. Steffen betont, die „vielen Erinnerungen entsprechen der komplexen Geschichte, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt von doppelter Okkupationserfahrung geprägt war“ (S. 513). Daher äußert Steffen sehr klug argumentierend, dass einerseits Verständnis dafür aufgebracht werden müsse, „dass zahlreiche der Staaten in Ostmitteleuropa […] die lange mit der Gefahr konfrontiert waren, von der Landkarte gelöscht zu werden, sich jetzt in einer Art Interregnum von Gedächtnissen befinden, umgeben von verschiedenen Mythen, von denen die einen noch nicht und die anderen nicht mehr akzeptiert sind“ (ebd.). Dass aber andererseits auch Kritik geübt werden müsse, vor allem eben auch zum Beispiel an der Mitwirkung von Polen am Holocaust oder am polnischen Antisemitismus, wie es an der oben bereits erwähnten Debatte um die Veröffentlichungen von Jan Thomas Gross nachzuvollziehen ist. Ähnliche Konflikte lassen sich auch in dem Beitrag von Brandes über den Umgang mit den deutschen Vertriebenen erfahren.

Der Band überzeugt trotz einiger in einem Sammelband kaum zu vermeidender Redundanzen durch seine thematische Stringenz. Denn obwohl es ein Sammelband ist, können die einzelnen Beiträge wie Unterkapitel in einer Monographie über die Probleme einer gesamteuropäischen Erinnerung gelesen werden. Deshalb ist er nicht nur in Bezug auf die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt überaus informativ, pointiert zusammenfassend und lesenswert, sondern kann auch als Beispiel für die Vielstimmigkeit europäischer Erinnerung und Erinnerungsnarrative gelten und veranschaulicht auch die zuletzt von Claus Leggewie und Anne Lang [5] beschriebene Chance, über den Streit über das, was gewesen ist, eine gemeinsame europäische Identität herauszubilden.

Anmerkungen:
[1] Karl Schlögel, Remapping Europe. Von Brüssel nach Prag, in: ders., Die Mitte liegt ostwärts, München 2002, S. 248-252, hier S. 251.
[2] Stefan Troebst, Der 23. August 1939. Ein europäischer Lieu de mémoire?, in: Osteuropa 7-8/2009, S. 249-256, hier S. 255.
[3] Jens Kroh, Transnationale Erinnerung. Der Holocaust im Fokus geschichtspolitischer Initiativen, Frankfurt am Main 2008.
[4] Ernestine Schlant, Die Sprache des Schweigens. Die deutsche Literatur und der Holocaust, München 2001.
[5] Claus Leggewie (mit Anne Lang), Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011.

Zitation
Marcel Siepmann: Rezension zu: Kaminsky, Anna; Müller, Dietmar; Troebst, Stefan (Hrsg.): Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer. Göttingen 2011, in: H-Soz-Kult, 02.11.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17513>.