B. Meyer: Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland

Cover
Titel
Tödliche Gratwanderung. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zwischen Hoffnung, Zwang, Selbstbehauptung und Verstrickung (1939–1945)


Autor(en)
Meyer, Beate
Erschienen
Göttingen 2011: Wallstein Verlag
Umfang
464 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Sibylle Quack, Berlin

„Gewiss kennst Du unser Schicksal, oder besser gesagt: Du glaubst es zu kennen. In Wirklichkeit kann es aber derjenige, der in der Ferne lebt, gar nicht so empfinden wie derjenige, der das Ende des Judentums in Deutschland tatsächlich miterlebt hat“, schreibt Hermann Samter am 9. Juli 1942 an eine nach Dänemark ausgewanderte Freundin.[1] Samter, der für die Reichsvereinigung der Juden in Berlin als „Abholer“ von Juden, die deportiert werden sollten, tätig war, beschreibt diese Arbeit in einem anderen Brief, kurz vor seiner eigenen Deportation im März 1943 nach Auschwitz, wo er ermordet wurde, als „das Schlimmste […], das man sich vorstellen kann. Wir müssen – teils mit, teils ohne Gestapo-Beamte – Juden zur Evakuierung abholen. Es ist furchtbar, selbst wenn man sich sagt, das man den Leuten noch etwas nützen kann, wenn der Beamte fort ist“.[2] Der von Samter gebrauchte Begriff der „Evakuierung“ zeigt die Verschleierungstaktik der Nazibehörden, mit denen die Betroffenen getäuscht wurden. Was seine in andere Länder geflüchteten jüdischen Freunde und seine nichtjüdischen Briefpartner, die in Deutschland lebten, sich nicht oder nur schwer vorstellen konnten, muss für uns Nachgeborene noch viel unvorstellbarer erscheinen – gerade weil der retrospektive Blick weit mehr zu fassen vermag, als es den Zeitgenossen möglich war.

In Beate Meyers Buch geht es vor allem um die Führungsschicht der deutschen Juden: um den Vorstand der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, um jüdische Funktionäre in der Zentrale und um leitende Mitarbeiter und Verantwortliche in den Bezirksstellen im Reich. In der Reichsvereinigung waren seit 1939 alle deutschen Juden mit Ausnahme derjenigen, die in „privilegierten Mischehen“ lebten, zwangsweise zusammengefasst; die frühere Reichsvertretung der deutschen Juden und alle sie beratenden Gremien – ebenso wie die Autonomie der jüdischen Gemeinden – wurden eliminiert. Für die leitenden Mitglieder der Reichsvereinigung begann ein tragischer Weg, der meistens mit ihrem eigenen Tod endete: Zunächst versuchten sie noch möglichst vielen Juden die Auswanderung zu ermöglichen und die Auswirkungen des sich immer mehr steigernden Terrors abzumildern. Nach dem Auswanderungsverbot vom Herbst 1941 und dem Beginn der systematischen Deportationen ließen sie sich – immer in der Hoffnung, die Lage der Betroffenen noch verbessern zu können – auf eine Art Kooperation mit den Nazibehörden ein und übernahmen konkrete Aufgaben bei der Vorbereitung und Durchführung der Deportationen, bis sie selbst verschleppt und zumeist ermordet wurden. Was wussten die leitenden Mitglieder dieser in schrecklicher Abhängigkeit zum Reichssicherheitshauptamt stehenden Zwangsvereinigung über das Schicksal der Deportierten? Inwieweit waren sie sogar durch ihre Mitwirkung in die Vorbereitungen zum Judenmord verstrickt? Wie wehrten sie sich? Wie reagierten sie angesichts der eigenen Bedrohung und Einschüchterung durch Inhaftierung, Deportation und Tod? Das sind schwierige und überaus heikle Fragen, die seit dem Ende des Krieges und nicht zuletzt nach Hannah Arendts scharfer Kritik an den sogenannten Judenräten vielfach und in wechselnden Kontexten gestellt wurden.

Die Historikerin Beate Meyer geht ihnen in ihrer auf ausführlichem Quellenstudium beruhenden Untersuchung nach. Ihr Buch ist in vier Teile strukturiert: Der erste Teil befasst sich mit den Jahren 1939–1941, in denen sich die einstige Interessenvertretung der deutschen Juden zunächst unter dem Einfluss der Gestapo, dann des Reichssicherheitshauptamtes zu einer Organisation entwickelte, deren „von oben vorgesehene Bestimmung die gnadenlose Ausplünderung und Vertreibung der Juden war“ (S. 118). In dieser Phase versuchten die verbliebenen Repräsentanten verzweifelt, „diese rasante Entwicklung zu stoppen oder abzumildern und bei allen Aktivitäten, die sich gegen ihre Mitglieder richteten, dennoch Würde zu bewahren und Gerechtigkeit und Solidarität walten zu lassen“ (S. 119). Im zweiten Teil untersucht die Autorin die Frage der Mitwirkung der Reichsvereinigung und der Berliner Jüdischen Gemeinde bei den Deportationen. Sie beschreibt eindrücklich, wie sich zwischen Herbst 1941 und Jahresende 1942 die Mitwirkung der Reichsvereinigung bei den Deportationen – Erstellung von Deportationslisten, Betreibung der Sammellager, Abholung der zur Deportation Bestimmten – immer mehr in ein Werkzeug verwandelte, das „es der Gestapo erleichterte, die letzten in Deutschland lebenden Juden aufzufinden, auszuplündern und abzutransportieren“ (S. 241). Gleichzeitig schwanden alle eventuell noch vorhandenen Einflussmöglichkeiten der jüdischen Funktionäre. Das Reichssicherheitshauptamt nutzte die jüdische Organisation, heißt es bei Meyer gleichzeitig nüchtern und schmerzhaft, „solange es sie benötigte, nahm sie in perfide Kollektivhaftung und deportierte und ermordete ihre Repräsentanten, Mitarbeiter und Mitglieder wie Nichtmitglieder gleichermaßen“ (S. 241). Der dritte Teil der Studie wendet sich den Handlungsmöglichkeiten und -grenzen jüdischer Funktionäre in den Bezirksstellen des Reiches zu, analysiert die Unterschiede zu Berlin und beschreibt schließlich die letzten Jahre der „Rest-Reichsvereinigung“, nachdem die offizielle Organisation aufgelöst und deren Repräsentanten deportiert worden waren. Der Ausblick der Arbeit bezieht auch die Nachkriegsschicksale von Überlebenden ein und behandelt die schwierigen Prozesse, in denen sich angeklagte ehemalige Funktionäre und Mitarbeiter der Reichsvereinigung wegen des Vorwurfs der Kollaboration und Kooperation mit der Gestapo in Ehrengerichtsverfahren jüdischer Gemeinden sowie vor Gerichten verantworten mussten.

Um die Tragweite der Auswirkungen der nationalsozialistischen Terrormaßnahmen auf die Betroffenen zu erahnen, ist es notwendig, so viele subjektive Zeugnisse wie möglich zu kennen. Sie sind allerdings erst zu verstehen und nachzuvollziehen, wenn wir sie in den Gesamtzusammenhang stellen können. Beispielhaft hat uns das für die „Jahre der Vernichtung“ Saul Friedländer vorgemacht.[3] Auch Beate Meyer bezieht in ihre Arbeit möglichst viele Erinnerungsberichte Überlebender, Briefe oder Berichte später ermordeter jüdischer Funktionäre oder ihrer Angehörigen ein und nutzt auf Einzelschicksale bezogene Dokumente, die sie in Widergutmachungsakten, Nachlässen und Sammlungen israelischer, deutscher, britischer und amerikanischer Archive gefunden hat. Auf diese Weise gelingt es ihr, die Schicksale und Handlungen einzelner führender Funktionäre der Zentrale, wie etwa von Paul Eppstein, sichtbar zu machen. Auch Persönlichkeiten außerhalb Berlins, wie zum Beispiel der Hamburger Max Plaut, werden portraitiert. Gleichzeitig ist die Studie, die auf Meyers eigenen wichtigen Vorarbeiten zur Geschichte der Reichsvereinigung beruht und durch ihre Mitarbeit an der großen Berliner Ausstellung „Juden in Berlin 1938-1945“ im Berliner Centrum Judaicum im Jahre 2000 sicherlich einen entscheidenden Impuls bekam[4], in erster Linie eine Auseinandersetzung mit den Strukturen sowie eine Organisationsgeschichte. Dabei konnte Meyer auf den Arbeiten von Otto Dov Kulka und Esriel Hildesheimer aufbauen und diese durch viele neue Erkenntnisse und Quellenfunde erweitern.[5]

Hohe Sensibilität gegenüber dem Gegenstand und den zum größten Teil ermordeten Akteuren, Empathie und gleichzeitig große Sachlichkeit zeichnen Meyers gut geschriebene Studie aus. Nur manchmal bleiben – aufgrund schwieriger Quellenlage – wichtige Persönlichkeiten etwas zu blass und konturenlos. Das gilt zum Beispiel für die Person des langjährigen Berliner Gemeindevorsitzenden Heinrich Stahl, dessen Handlungen und Motivationen nicht wirklich erhellt werden. Die Konflikte der Berliner Gemeinde mit der Reichsvereinigung könnten diesbezüglich also noch weiter erforscht und die immensen Probleme zwischen dem Vorsitzenden der Reichsvereinigung Leo Baeck und Heinrich Stahl, der im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort wenige Monate später, im November 1942, gestorben ist, ausführlicher analysiert werden. Dies tut jedoch der wichtigen Arbeit Meyers keinen Abbruch. Sie trägt Wesentliches dazu bei, die tragischen Verstrickungen der Reichsvereinigung und ihrer führenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, deren innere Konflikte angesichts furchtbarer Bedrohung bei immer enger werdenden Handlungsspielräumen deutlich zu machen. Alle weiteren Forschungen werden auf dieser umfassenden Analyse aufbauen müssen.

Anmerkungen:
[1] Hermann Samter, Briefe 1939–1943, hrsg. v. Daniel Fraenkel, Göttingen 2009, S. 88.
[2] Ebd., Brief vom 7. Februar 1943, S. 108.
[3] Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden, 2. Band, 1939–1945, München 2006.
[4] Siehe Beate Meyer, Gratwanderung zwischen Verantwortung und Verstrickung – Die Reichsvereinigung und die Jüdische Gemeinde zu Berlin 1938–1945, in: Dies. / Hermann Simon (Hrsg.), Juden in Berlin, Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung in der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“, Berlin 2000, S. 291–337; Dies., Das unausweichliche Dilemma: Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, die Deportationen und die untergetauchten Juden, in: Beate Kosmala / Claudia Schoppmann (Hrsg.), Solidarität und Hilfe für Juden in der NS-Zeit, Bd. 5, Überleben im Untergrund. Hilfe für Juden in Deutschland 1941–1945, Berlin 2002, S. 273–296; Dies., Handlungsspielräume regionaler jüdischer Repräsentanten (1941-1945). Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und die Deportierten, in: Birthe Kundrus / Beate Meyer (Hrsg.), Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne – Praxis – Reaktionen 1938–1945, Göttingen 2004, S. 63–85.
[5] Otto Dov Kulka, The Reichsvereinigung and the Fate of the German Jews, 1938/1939–1943. Continuity in German Jewish History in the Third Reich, in: Arnold Paucker (Hrsg.), Die Juden im nationalsozialistischen Deutschland, Tübingen 1986; Esriel Hildesheimer, Jüdische Selbstverwaltung unter dem NS-Regime. Der Existenzkampf der Reichsvertretung und Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Tübingen 1994.

Zitation
Sibylle Quack: Rezension zu: Meyer, Beate: Tödliche Gratwanderung. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zwischen Hoffnung, Zwang, Selbstbehauptung und Verstrickung (1939–1945). Göttingen 2011, in: H-Soz-Kult, 19.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17675>.
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Veröffentlicht am
19.12.2012
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