Titel
Active Bodies. A History of Women's Physical Education in Twentieth-century America


Autor(en)
Verbrugge, Martha H.
Erschienen
Umfang
X, 391 S.
Preis
£35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Christian Orban, Historisches Seminar, Universität Erfurt

„What can a body do?“ So lauten der Titel und die zugleich bewusst offen formulierte und polyphon beantwortete zentrale Frage eines kürzlich erschienenen Sammelbandes. Ausgehend von einer analytischen Doppelperspektive auf den Körper in den Kulturwissenschaften, repräsentiert durch ein innovatives Wendebuchdesign, nimmt die Gruppe der Autor/inn/en sowohl konkrete Praktiken (soziokulturelle Handlungs- und Herstellungsweisen) als auch spezifische Figurationen (materialisierte Formen und geschichtliche Manifestationen) des Körpers in den kritischen Blick. Diesem transdisziplinär ausgerichteten und verqueerenden doppelten Blick folgend, wird einerseits aufgezeigt, wie Körper in historisch und kulturell spezifischen Konfigurationen hergestellt werden und wie sie sich durch vielförmig regulierende Techniken selbst als Subjekt-Körper konstituieren. Sonach beleuchtet diese Perspektive, wie ausgewählte Praktiken auf den Körper verschiedentlich einwirken und durch ihn Subjektpositionen hervorbringen. Andererseits wird vignettenhaft diskutiert, wie sich Diskurse in Körper einschreiben, als solche materialisieren und durch sie erst in Form von Figurationen (also soziokulturellen Verkörperungen) wirkmächtig sichtbar werden. Kurzum, was ein Körper zu tun und zu sein vermag, ist folglich stets mit der Verfestigung und Verflüssigung diskursiver Praktiken sowie dem Nexus von Regulierung und Widerständigkeit, Disziplinierung und Selbstregierung untrennbar verknüpft.[1]

Mit „Active Bodies“ hat die Historikerin Martha H. Verbrugge (Bucknell University) nun eine kritisch informierte Geschlechtergeschichte vorgelegt, in der sie solche Perspektiven implizit aufgreift und auf ihr Sujet der „Physical Education“ (PE) produktiv anwendet. Bereits der gewählte Haupttitel des Buches korreliert mit der Konzeption des Körpers als „doing body“, der mit „agency“ versehen und zugleich sozial gemacht ist. Zudem wirft der Untersuchungsgegenstand PE, hier gedacht als „sportive Körpererziehung“, die eingangs zitierte programmatische Frage erneut auf. Allerdings muss sie mit Blick auf Verbrugges körperzentrierte Arbeit wie folgt präzisiert werden: Was vermag ein Frauenkörper zu tun? Beziehungsweise: Was ist und kann ein weiblicher Körper sein? Dabei widmet sich Verbrugge in ihrem Buch einer spezifizierten Figuration, die dazu beiträgt die Binär-Kategorie Frau, die ohnehin im Sinne von Gender relational gefasst wird, weiter auszudifferenzieren. So steht die geschichtlich-kulturspezifische Figuration der aktiven und gesunden Frau im Fokus ihrer nuancierten Darstellung. Dazu sei angemerkt, dass die genealogische Beschäftigung mit der Figuration des weiblich-aktiven Körpers, also eines normierten Körpers und einer verkörperten Norm, die als umkämpfte Positionierung offengelegt wird, Verbrugges Forschungsprofil nachhaltig geprägt hat. Beispielsweise hat sie mit „Able-Bodied Womanhood“ bereits eine vielschichtige Untersuchung der Beziehung zwischen Fitness und Femininität in den USA des 19. Jahrhunderts vorgelegt[2] sowie generell zum Themenkomplex von Frauen, Gesundheit und Sport publiziert.

In „Active Bodies“, das an der effektiven Schnittstelle zwischen US-amerikanischer Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, Geschlechtergeschichte, Sportgeschichte, Körpergeschichte, Wissenschafts- und Bildungsgeschichte operiert und demnach ein breites Fachpublikum anspricht, ruht das Hauptaugenmerk auf den USA im langen 20. Jahrhundert Entlang der Zeitachse von den 1890er-Jahren bis hin zum Jahr 2005 entwickelt Verbrugge in neun chronologisch und zugleich thematisch arrangierten wie räumlich fokussierenden Teilkapiteln, also vermittels detaillierter Nahaufnahmen, eine facettenreiche Langzeitaufnahme, die auch Brüche und Widersprüche gekonnt einfängt und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Wobei innerhalb des benannten Untersuchungs-Zeit-Raumes insbesondere die historisierten Markierungen und verkörperten Konzepte von „Differenz“ akzentuiert werden und sonach für ihre Studie konstitutiv sind. Hierzu muss konstatiert werden, dass sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts für viele US-amerikanische Mädchen und Frauen die Möglichkeiten aktiv Sport zu treiben und Freizeit sportiv zu gestalten signifikant vermehrten. Einschränkend muss diesbezüglich jedoch von einem unabgeschlossenen Prozess die Rede sein. Denn gleichzeitig war und ist Sport ein ungleiches soziokulturelles Spiel-, Bewegungs- und Handlungsfeld, das entlang differenzieller und intersektionaler Strukturkategorien stets auch eine einhegende und exkludierende Wirkmacht entfaltet. „Women physical education teachers“, hier gedacht als „Lehrerinnen für Körpererziehung und Sport“, die vorwiegend mit weiblichen Studierenden arbeiteten, fungierten dabei als wichtige Akteurinnen. Schließlich bewegten und positionierten auch sie sich in einem von Wissenschaft, Kultur und Alltag geschlechtlich imprägnierten, segregierten und rassifizierten Terrain und waren als Expertinnen direkt in die diskursive und praktische Disziplinierung, Regulierung und Ermächtigung heranwachsender weiblicher Körper eingebunden. Oder anders formuliert: Situiert in historisch spezifischen Konfigurationen hatten die Unterrichtenden zu erwägen und bemessen, was ein aktiver weiblicher Körper zu tun und zu leisten vermag.

Dies beschreibt zugleich einen zentralen Ansatzpunkt der analytisch wie narrativ überzeugenden Betrachtung Verbrugges. Ihr geht es darum zu zeigen, wie „Sportlehrerinnen“ und PE-räsonierende Frauen zeitgenössisches wissenschaftliches Wissen über den weiblichen Körper debattierten, interpretierten und mobilisierten, es sich aneigneten, aktiv anwandten und somit verkörperte Subjekte generierten und mitformten. Also, wie verhielten sie sich als Akteurinnen zu Kontroversen über Natur/Kultur, Konzepten der Geschlechterdifferenz oder gesellschaftlichen Einstellungen zu Sexualität und Race? Inwieweit trugen ihre Diskussionen über die Implikationen weiblicher Anatomie, Physiologie, reproduktiver Funktionen und psychosozialer Züge zur Naturalisierung von Geschlecht, Sexualität und rassifizierter Differenz bei? Oder wie interagierte die Lokalisierung und Normalisierung der Geschlechterdifferenz im Körper mit dem seitens der Akteurinnen häufig aufgebrachten Projekt der Geschlechterparität im Gym und darüber hinaus? Überdies: Wie verhielten sich weibliche Studierende als zu regulierende Subjekt-Körper? Und: Wie und in welchen Situationen formierte und äußerte sich studentischer Eigensinn sowie Widerständigkeit gegen oktroyierte Körperregime? Kultürlich erfordern solch komplexe Fragestellungen, die darauf abzielen die Bedeutungen und Funktionen von PE und damit auch von Sport im Leben US-amerikanischer Mädchen und Frauen offenzulegen, eine Vielzahl an vielschichtigen Antworten.

Basierend auf einer umfassenden Archivrecherche und mittels strukturierender Kategorien wie etwa Race und Region gelingt es Verbrugge, multiple und nuancierte Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu geben. So beleuchtet sie im Hinblick auf die „active bodies“ Einstellungen und Erfahrungen, Lehrprogramme und Unterrichtspraktiken sowohl weißer als auch schwarze „Sportlehrerinnen“, die an diversen öffentlichen und privaten US-amerikanischen Bildungseinrichtungen, an geschlechtergetrennten und -integrierten High Schools, an weiß dominierten und historisch schwarzen Colleges und Universitäten unterrichteten. Zugleich nimmt Verbrugge dabei in ihrer häufig entlang von Institutionen und rassifizierten Räumen ausgerichteten Analyse mit Handlungsvermögen ausgestattete und in Machtbeziehungen verortete weibliche Studierende als „active bodies“ ernst. Beispielsweise präsentiert sie in Bezug auf den Nexus von Gender, Race und Gleichheit eine akteurinnenzentrierte komparativ-kontrastierende Darstellung der PE-Programme der afroamerikanischen Howard University (in Washington, DC) und der weiß geprägten (im amerikanischen Heartland verorteten) University of Nebraska. Zumal sie sich in einem weiteren mit Close-Ups und Long Shots operierenden fallstudienartigen Kapitel den segregierten öffentlichen Schulen im District of Columbia widmet, also einem gleichermaßen bisher von der Forschung unzureichend bearbeiteten Untersuchungsgegenstand. Weitere Teilkapitel folgen vor allem hegemonialen, mit der Figuration der aktiven und gesunden Frau verwobenen Diskurselementen und Körperpraktiken. Zum Beispiel greift Verbrugge den sozial gemachten Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und weiblicher reproduktiver Gesundheit mit Blick auf zwei unterschiedlich gesetzte Zeitfenster wiederholt auf, um Kontinuitäten und Brüche im Umgang mit dem weiblich-aktiven Körper im Verlauf des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Sonach trägt ihre Betrachtung unter anderem dazu bei die Persistenz und Effekte von Rassismus, Heteronormativität und Homophobie in einem umkämpften Terrain des Politischen, also in der soziokulturellen Arena der Physical Education zu verdeutlichen.

Indem Verbrugge ihren Blickwinkel oftmals auf ungleich positionierte „Sportlehrerinnen“ richtet, gelingt es ihr zudem zu veranschaulichen, dass deren Zugriffe und Perspektiven auf den weiblichen Körper, je nachdem wo sie arbeiteten und wen sie unterrichteten, kontingent waren. Daher entwirft sie gewissermaßen auch eine mit detaillierten Fallstudien versehene Überblicksdarstellung eines sich entwickelnden Berufsfeldes – in dem Frauen und Minderheiten marginalisiert wurden – das etwa nach Race, Region und Institutionstyp zugleich Variationen und Ähnlichkeiten aufwies. So traten einzelne historische Akteurinnen für eher graduellen Wandel und moderate, geschlechterbinär geprägte Perspektiven ein; andere forcierten wiederum via „radikaler“ Performances und Positionierungen, etwa indem sie traditionelle Differenzkonzepte problematisierten und innovative Lehrpläne gestalteten, die Gleichheit und Fairness für weibliche Unterrichtende und Studierende. Kurzum, „Active Bodies“ ist ein vielstimmiger wie vielschichtiger Beitrag zur Historisierung eines Bewegungs- und Handlungsfeldes, das von Formen der Differenz und Gleichheit strukturiert war und ist. Das hier besprochene Buch, so lässt sich abschließend festhalten, kann einem breiten Fachpublikum nur empfohlen werden. Es eröffnet im Hinblick auf aktive Körper und die anhaltenden Komplexitäten von Differenz und Gleichheit in US-amerikanischer Kultur und Gesellschaft eine neue Perspektive auf die Produktion und Distribution, Aneignung und Anwendung von wissenschaftlichen Wissen und die intersektionalen Politiken von Race, Gender und Sexualität.

Anmerkungen:
[1] Netzwerk Körper (Hrsg.), What Can a Body Do? Praktiken und Figurationen des Körpers in den Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2012.
[2] Martha H. Verbrugge, Able-Bodied Womanhood. Personal Health and Social Change in Nineteenth-Century Boston, New York 1988.

Zitation
Christian Orban: Rezension zu: Verbrugge, Martha H.: Active Bodies. A History of Women's Physical Education in Twentieth-century America. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 01.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17705>.
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01.10.2012
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