I. Hansen-Schaberg u.a. (Hrsg.): Alma Maters Töchter

Titel
Alma Maters Töchter im Exil. Zur Vertreibung von Wissenschaftlerinnen in der NS-Zeit


Hrsg. v.
Hansen-Schaberg, Inge; Häntzschel, Hiltrud
Umfang
297 S.
Preis
€ 24,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Sylvia Schraut, Historisches Institut, Universität der Bundeswehr München

Der Band präsentiert Vorträge der 20. Interdisziplinären internationalen Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Frauen im Exil“ in der Gesellschaft für Exilforschung e.V., die im Herbst 2010 an der Universität Göttingen stattfand. „Frauen im Exil“ versteht sich „als lockeres Bündnis von Forscherinnen und Studentinnen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Zeitzeuginnen. Seit 1991 widmet sich die AG in jährlichen Tagungen, die für alle offen sind, der Erforschung des Lebens und Wirkens von Emigrantinnen als einem in der allgemeinen Exilforschung lange vernachlässigten Aspekt.“[1] Initiatorin der Konferenz von 2010 war die Leiterin der Arbeitsgemeinschaft, die Erziehungswissenschaftlerin Inge Hansen-Schaberg. Zusammen mit der Germanistin Hiltrud Häntzschel hat sie die Dokumentation der Tagung herausgegeben. Die Publikation umfasst die Einführung der beiden Herausgeberinnen sowie dreizehn Beiträge von dreizehn Autorinnen und einem Autor, die disziplinär in der Germanistik, der Wissenschaftsgeschichte, der Kunstgeschichte, der Pädagogik und in den Gender Studies angesiedelt sind. Zum Teil handelt es sich bei den Beiträgen um Auszüge und Erweiterungen aus breiter angelegten und bereits publizierten Forschungsprojekten (so Erichsen, Hansen-Schaberg, Ingrisch, Kaiser, Röwekamp, Tobies, Vogt). Zum Teil sind den Sammelbandbeiträgen weitere einschlägige Monographien gefolgt (von Oertzen, Weber) bzw. sollen diesen folgen (Tollmien).

Inge Hansen-Schaberg und Hiltrud Häntzschel benennen in ihrer knappen Einführung die Forschungslücke, die durch die Sammelbandbeiträge verringert werden soll: Die seit mehreren Jahrzehnten rege Forschung zur Universitätsentwicklung während des Nationalsozialismus wie zur Vertreibung und zum Exil von Wissenschaftlern kommt bislang weitgehend ohne Genderperspektive aus. Dabei liegen inzwischen eine Reihe von Biografien emigrierter Wissenschaftlerinnen und Forschungsergebnisse zur gegenderten Disziplinengeschichte vor. Es ist daher Aufgabe des Tagungsbandes, die NS-Exilforschung mit dem Bestand erarbeiteter Wissenschaftlerinnenbiografien sowie der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte in Genderperspektive zusammenzuführen.

Ein Großteil der Aufsätze ist biografisch orientiert. Drei Beiträge befassen sich mit Gruppenbiografien. Annette Vogt thematisiert die Berufsbiografien von ins Exil gegangenen Mathematikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen, die ihre wissenschaftliche Laufbahn an der Berliner Universität und an den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft begonnen hatten. Renate Tobies untersucht die Laufbahnen von exilierten mathematisch-physikalisch gebildeten Akademikerinnen, die in Deutschland ihr Examen abgelegt bzw. promoviert hatten. Marion Röwekamp analysiert Emigration und Remigration von Juristinnen. Dazu kommen fünf biografisch orientierte Beiträge zu ins innere und äußere Exil gezwungenen exemplarisch ausgewählten Wissenschaftlerinnen: Inge Hansen-Schaberg über die Lehrerin Minna Specht und die Mathematikerin Grete Hermann, Universität Göttingen, Cordula Tollmien über die Mathematikerin Emmy Noether, Universität Göttingen, Maria Kublitz-Kramer über die Germanistin Käte Laserstein, Ludwig-Maximilians-Universität München, Christine M. Kaiser und Mirko Nottscheid über die Hamburger Germanistin Agathe Lasch und schließlich Regina Weber über die Philosophin Lotte Labowsky, die mit der Hamburger Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg emigrierte. Die Unterstützung von emigrationswilligen bzw. emigrierenden Wissenschaftlerinnen durch die 1919 gegründete International Federation of University Women (IFUW) steht im Mittelpunkt des Beitrags von Christine von Oertzen. Der Einfluss von Emigrantinnen auf den Ausbau des Bildungs- und Wissenschaftssystems in der Türkei thematisiert Regine Erichsen.

Drei weitere Beiträge fragen nach den Konsequenzen, die die Vertreibung von Wissenschaftlerinnen für Wissenschaft und Gesellschaft ihrer Herkunftsländer zeitigte. Doris Ingrisch beschreibt den Kulturverlust für Österreich, der mit der erzwungenen Emigration von Psychoanalytikerinnen, Medizinerinnen, Journalistinnen, Schriftstellerinnen und politisch tätigen Frauen verbunden war. Hiltrud Häntzschel arbeitet am Beispiel westdeutscher Universitäten das Fehlen weiblicher Vorbilder für Studentinnen in der Nachkriegszeit und den Rückschlag im Kampf um weibliche Teilhabe an Universitätspositionen heraus. Irene Below überprüft schließlich am Beispiel von ins Exil gedrängten oder ermordeten Kunsthistorikerinnen die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedingungen ihrer Rezeption in der Forschung seit 1945.

Insgesamt liefert der Band ein facettenreiches Bild zur Entwicklung der Universität als Studienort und Arbeitsplatz für Frauen bzw. für weibliche Wissenschaftskarrieren in der Weimarer Republik sowie für die Zäsur, die der Nationalsozialismus gerade für die Jüdinnen unter den Akademikerinnen bedeutete. Thematisiert werden aus unterschiedlichen Perspektiven die Aufnahmebedingungen im Ausland. Beispiele für abgebrochene Karrieren werden genauso aufzeigt wie neue Berufschancen, die mit dem Verlassen Deutschlands oder Österreichs verbunden waren. Beschrieben werden auch die nicht nur Karriere behindernden, sondern auch lebensbedrohenden Folgen, wenn die Entscheidung für das Exil zu spät fiel. Thematisiert werden ferner die langfristigen Folgen der Vertreibung für die universitäre Entwicklung während des Nationalsozialismus und nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Lassen sich aus den Beiträgen Schlussfolgerungen zur Exilsituation von Akademikerinnen ziehen, die sich von den Exilbedingungen der männlichen Kollegen unterscheiden? Zunächst steht solchen Schlussfolgerungen ein Zahlenproblem im Weg. Der Kreis der wissenschaftlich gebildeten Frauen, denen es bis zum Siegeszug des Nationalsozialismus beruflich gelang, sich in den Universitäten zu etablieren oder die aus außeruniversitären akademischen Berufen ins Exil gingen, war äußerst gering. Auf Grund der „Nürnberger Rassegesetze“ wurden zwar 30 Prozent aller Hochschullehrer entlassen. Doch unter ihnen befanden sich lediglich 32 Frauen, die zu diesem Zeitpunkt 50 Prozent der weiblichen universitären Lehrkräfte stellten (S. 55). Die einzelnen Beiträge beschreiben mithin im Wesentlichen anschauliche Einzelbeispiele, die sich generell als Hürden- und Hindernislauf gegen die männliche Wissenschaftsbastion charakterisieren lassen. Und so entsteht zum einen das Bild einer älteren Frauengeneration, die sich nach langem Kampf der bürgerlichen Frauenbewegung den Zutritt zur Universität seit 1900 in Baden, 1908 in Preußen, erkämpfte. Es handelte sich um studierende Frauen, denen es nur in Einzelfällen gelang, in der universitären Wissenschaft auch beruflich Fuß zu fassen, schließlich untersagte Preußen bis zum Ende des Wilhelminischen Kaiserreiches die Habilitation von Frauen. Dazu tritt in Einzelbeispielen das Bild einer jüngeren Frauengeneration, der in der Weimarer Republik der Zutritt an die Universität leichter gemacht wurde, die aber nach wie vor mit geschlechtsspezifischen Nachteilen im Wissenschaftsberuf zu kämpfen hatte. Nicht nur die Nationalsozialisten behaupteten, Frauen seien für Führungspositionen nicht geeignet. Doch anders als die ‚lediglich‘ behindernden bürgerlichen Ressentiments bedeutete der Nationalsozialismus das endgültige berufliche Aus für viele Akademikerinnen, insbesondere für die Jüdinnen und Sozialistinnen unter ihnen. Insgesamt jedoch, so lässt sich aus den Beiträgen schließen, war die nachfolgende Exilsituation für Frauen nicht schwerer als für männliche Exilanten. Viele der untersuchten Wissenschaftlerinnen und Akademikerinnen konnten sich im Exil erneut beruflich etablieren. Gute Chancen für ein gelingendes Exil, so das Resümee von Annette Vogt, hingen ab vom ‚richtigen‘ (jungen) Alter. Die Nachwuchswissenschaftlerinnen im Exil mussten über die ‚richtige‘ Qualifikation verfügen, um Startvorteile gegenüber der einheimischen Konkurrenz zu haben. Vorteilhaft waren neben der Sprachkompetenz Referenzen von international bekannten Wissenschaftlern sowie Flexibilität bezogen auf die Wahl des Exillandes und den angebotenen beruflichen Einstieg. Dies allerdings waren Chancen und Kompetenzen, die auch für die Berufskarrieren von Akademikern im Exil förderlich waren. Begünstigend für Frauen mag sich ein Umstand ausgewirkt haben, den Christine von Oertzen hervorhebt: Wissenschaftlich gebildete Exilantinnen waren „hoch motiviert in ihrem Beruf, den sie sich […] mit Entschiedenheit auch in Deutschland hatten erkämpfen müssen“ (S. 108).

So liefert der Sammelband insgesamt vielfältige Einblicke in eine Gemengelage von weiblichen Akademiker- und Wissenschaftskarrierehindernissen in der Weimarer Republik und deren lebensbedrohende Untermauerung bzw. Verstärkung während des Nationalsozialismus, aber auch in weibliche (Berufs)Strategien im Umgang mit der Entscheidung zum Auswandern und mit den Bedingungen des Exils. Es ist bedauerlich, dass die Herausgeberinnen in ihrer Einführung eine entsprechende Auswertung dieser und anderer Ergebnisse der Tagung und der Sammelbandbeiträge unterließen.

Anmerkung:
[1] AG „Frauen im Exil“ <http://www.exilforschung.de/index.php?p=17> (17.12.2012).

Zitation
Sylvia Schraut: Rezension zu: Hansen-Schaberg, Inge; Häntzschel, Hiltrud (Hrsg.): Alma Maters Töchter im Exil. Zur Vertreibung von Wissenschaftlerinnen in der NS-Zeit. München 2011, in: H-Soz-Kult, 14.02.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17810>.
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14.02.2013
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