K. Kuhn: Entwicklungspolitische Solidarität

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Titel
Entwicklungspolitische Solidarität. Die Dritte-Welt-Bewegung in der Schweiz zwischen Kritik und Politik (1975–1992)


Autor(en)
Kuhn, Konrad J.
Erschienen
Zürich 2011: Chronos Verlag
Umfang
461 S.
Preis
€ 47,50
Rezensiert für H-Soz-Kult
Florian Hannig, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Auch 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges ist das „radikale Zeitalter“ (Bernd Stöver) in vieler Hinsicht noch präsent. Allerdings sind einige Themen und Akteure wie zum Beispiel die Dritte-Welt-Bewegung mit der Sowjetunion untergegangen beziehungsweise haben sich stark transformiert. Als kritische Kraft gegenüber Entwicklungsanstrengungen von Regierungen war diese Bewegung überall in Westeuropa in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren entstanden. Ihre Etablierung und Aufstieg sind seit geraumer Zeit Thema der Geschichtswissenschaft. Konrad Kuhn dagegen geht es in seiner an der Universität Zürich entstandenen Arbeit nicht um die Genese der Bewegung. Anhand der Schweiz untersucht er vielmehr deren Verschwinden. Damit stellt er nicht nur die 1980er Jahre ins Zentrum seiner Analyse und wandelt damit auf geschichtswissenschaftlich noch wenig erforschten Pfaden. Er setzt sich zusätzlich implizit auch von einem zurzeit dominanten zeithistorischen Zugriff ab, der Zeitgeschichte vor allem als „Vorgeschichte gegenwärtiger Problemkonstellationen“ versteht. [1]

Die Dritte-Welt-Bewegung setzt sich für Kuhn nicht nur aus an Entwicklungsländern interessierten Basisgruppen und Solidaritätskomitees zusammen, sondern auch aus in der Entwicklungs- und Nothilfe engagierten Hilfswerken. Wie diese schweizerische Bewegung Dritte-Welt-Themen politisierte und damit öffentlich verhandelbar machte, bildet die zentrale Fragestellung der Arbeit. Damit verbindet Kuhn zwei Erkenntnisinteressen: Eine Geschichte des „Framings“ entwicklungspolitischer Themen und die Geschichte der Dritten-Welt-Bewegung als Akteur in den 1980er Jahren. Aus letzterem Interesse modelliert Kuhn dann auch seine kapitelübergreifende Narration, die sich in meiner Lesart als Verfallsgeschichte der Dritten-Welt-Bewegung in der Schweiz präsentiert. Chronologischer Ausgangspunkt des Untersuchungszeitraums ist das Jahr 1975, als sowohl Hilfswerke als auch entwicklungspolitische Basisgruppen zusammen einen Bericht zur Entwicklungspolitik der Schweiz verfassten. Den Schlusspunkt bildet das Ende des Kalten Krieges, mit dem die sichtbare Auflösung der Bewegung einherging. Diesem Niedergang, der sich in den 1980er Jahren in zunehmender Spaltung der Bewegung und abnehmendem öffentlichen Interesse am Thema Entwicklung ausdrückte, spürt Kuhn auf vielfältige Weise nach. Drei Kapitel beschreiben die Bewegungsakteure am Anfang und Ende dieser Dekade. Hinzu kommen Fallstudien zu Kampagnen der Bewegung über Fluchtgeld, Verschuldung und Hunger in den Entwicklungsländern sowie ein Kapitel über die Debatte um den Beitritt der Schweiz zum Internationalen Währungsfond (IWF) und zur Weltbank

Die Studie beginnt mit einer Bestandsaufnahme der Bewegung und ihrer strukturellen Probleme. Folgen wir Kuhn, teilten Hilfswerke und Basisgruppen ähnliche Problemanalysen sowie das Ziel der Mobilisierung der schweizerischen Öffentlichkeit für Entwicklungsthemen und agierten arbeitsteilig. Allerdings sei die öffentliche Unterstützung von Initiativen der anderen Seite nicht vorgekommen. Schon für den Beginn der 1980er Jahre arbeitet Kuhn damit ein wiederkehrendes Interaktionsmuster zwischen beiden Bewegungsgruppierungen heraus. Für die Hilfswerke habe ihre Staatsnähe und ihre in Statuten festgeschriebene politische Neutralität die Grenze der Zusammenarbeit mit den Basisgruppen markiert. Diese hätten wiederum die mangelnde politische Ausrichtung der Hilfswerke kritisiert. Auch in ihren Strategien unterschieden sich die Teilgruppierungen. Den Basisgruppen sei es mit einem 1981 veranstalteten Symposium weniger um die Aufmerksamkeit der Medien als um eine gemeinschaftsstiftende Aktion gegangen. Die Hilfswerke hätten ihre erste gemeinsame politische Kampagne 1983 dagegen als gezielte und koordinierte Öffentlichkeitsarbeit angelegt, um gegen Budgetkürzungen der staatlichen Entwicklungspolitik zu protestieren.

Im Zentrum der ersten Fallstudie des Buches stehen die Kampagnen der Bewegung gegen Kapitalflucht aus den Entwicklungsländern. Kuhn macht überzeugend deutlich, wie das Thema durch das Engagement der schweizerischen Sozialdemokraten aus dem engeren entwicklungspolitischen Kontext gelöst und in den größeren thematischen Zusammenhang des Bankgeheimnisses gestellt wurde. Während Basisgruppen und Hilfswerke übereinstimmten, dass eine Änderung des Bankgeheimnisses notwendig sei, habe das Gebot der politischen Neutralität den Hilfswerken letztlich eine direkte Unterstützung der sozialdemokratischen Bankeninitiative unmöglich gemacht. In der Folge vertieften sich die Gräben innerhalb der Bewegung. Gescheitert sei die Bankeninitiative letztlich an der Macht der Banken, die durch die bis dahin teuerste politische Kampagne das Bankgeheimnis als nationalen Mythos und als Wirtschaftsfaktor zu präsentieren wussten. Immerhin konnte sich die Bewegung auf die Fahnen schreiben, dem Thema Fluchtgeld eine nie zuvor gesehene Aufmerksamkeit verliehen zu haben.

Bei den Fallstudien zu Hunger und Verschuldung der Entwicklungsländer interessiert sich Kuhn vor allem für die Übersetzung der mit diesen Problemen verknüpften globalen Diskurse auf die nationaler Ebene der Schweiz. Dieser Aspekt macht die Studie nicht nur für Schweiz-Spezialisten interessant. Kuhn arbeitet an diesem Beispiel ein aufschlussreiches Dilemma heraus: Die (erfolgreiche) Übersetzung eines globalen Problems gelingt vor allem, wenn es mit nationalen Problemen verbunden werden kann. Die Kehrseite besteht in einem Komplexitätsverlust und der starken Umgestaltung des Themas. Bei der Frage des Hungers in der „Dritten Welt“ gab es Kuhn zufolge einen Wahrnehmungswandel. In den 1970er sei auf der Ebene des globalen Expertendiskurses die Vorstellung allein natürlicher Ursachen von Hunger zunehmend zugunsten eines komplexen Verständnisses aufgegeben worden, welches Hunger als Resultat sozialer, klimatischer und politischer Ursachen deutete. Dieser Ansatz sei wiederum auf Ebene der schweizerischen Diskussion anschlussfähig für weitere Krisendiagnosen der 1970er Jahre gewesen. Das Dritte-Welt-Problem habe sich auf diese Weise in Zusammenhang mit Umwelt, Wachstums- und allgemeiner Zivilisationskritik thematisieren lassen. Allerdings ließ sich, wie der Autor zeigt, diese Neudeutung nicht immer in entsprechende Praktiken übersetzen: Den Hilfswerken blieb angesichts von Hungerkatastrophen in der Sahelzone und Äthiopien trotz besseren Wissens im Grunde nichts anderes übrig als Nothilfe zu leisten, die eigentlich auf einem veralteten Hungerverständnis basierte. Diese Praxis provozierte Kritik der entwicklungspolitischen Gruppen. Auch bei der Frage der Auslandsschulden der Entwicklungsländer, die in den 1980er Jahren massiv anstiegen, kam es zu einer Spaltung der Bewegung. Während radikale Kräfte die Lösung des Problems allein in einer konsequenten und vollständigen Schuldenstreichung sahen, forderten pragmatische Stimmen konkrete Entschuldungsmaßnahmen für einige Entwicklungsländer. In dieser Frage zeigte sich überdies, so Kuhn, die große Bedeutung von Verbündeten aus den „Entwicklungsländern“ für die Legitimation entwicklungspolitischer Gruppen als „Anwalt für die Dritte Welt“.

Insgesamt sieht Kuhn den Zerfall der Bewegung, der sich in „mehreren Schüben“ (S. 419) vollzog, in folgenden Faktoren begründet: Enttäuschung nicht nur über ausgebliebene Erfolge, sondern über Rückschritte in der Entwicklung der Dritten Welt; zunehmend entwicklungskritische Stimmen auch aus der Bewegung selbst; abnehmendes Interesse von Öffentlichkeit und Politik an Entwicklungsländern; Multilateralisierung der Hilfsmechanismen und Ausfransung des Konzepts Entwicklung bei zunehmender Spezialisierung und Professionalisierung der Akteure, die für Freizeitaktivisten keinen Raum mehr ließen und deren Rückzug ins Private förderten.

Diese Deutung der Ursachen des Zerfalls überzeugt an sich, beruht jedoch auf der problematischen Vorannahme, dass die Zusammenarbeit zwischen Hilfswerken und Basisgruppen sozusagen den Normalzustand der Bewegung darstellte. Den Beleg, dass es sich bei Basisbewegungen und Hilfswerken aber überhaupt um Untergruppierungen einer Bewegung handelte, bleibt Kuhn schuldig. Weder eine gemeinsame kollektive Identität [2] noch ein gemeinsames Gruppenbewusstsein werden deutlich. Die Einbeziehung der Hilfswerke scheint dennoch erkenntnisfördernd. Die Frage, warum die Zusammenarbeit aufbrach, erscheint freilich weniger interessant als die Untersuchung, warum es überhaupt zu einer Kooperation zwischen Basisbewegungen und Hilfswerken kam. Liest man Kuhns Buch auf diese Weise gegen den Strich, erkennt man folgende Faktoren einer erfolgreichen Mobilisierung der unterschiedlichen Akteure: Vor allem unter einer offenen Struktur mit regionaler Verankerung und ohne hierarchische Steuerung gelang die Mobilisierung breiter Teile der Öffentlichkeit für Dritte-Welt-Themen. Dabei war es besonders günstig, wenn Themen offen und anschlussfähig für innenpolitische Debatten sowie andere Bewegungen waren und mit ihnen generelle Lebensstilfragen und Gesellschaftsentwürfe thematisiert werden konnten. Außerdem erhöhten innovative und medienwirksame Aktionen die positive Aufnahme in der schweizerischen Bevölkerung. In der konsequenten Einbettung der entwicklungspolitischen Diskussionen in gesellschaftliche, mediale und politische Kontexte der Schweiz liegt unübersehbar die Stärke von Kuhns Studie.

Leider definiert Kuhn zentrale Begriffe der Arbeit vorab, ohne sie als Analyseinstrumente zu verwenden. So wird nicht untersucht, was unterschiedliche Akteure überhaupt unter „Dritter Welt“ verstanden, ob sich dieses Verständnis änderte und welche Länder besonders damit verbunden wurden. Auch der im Titel zentrale Begriff der Solidarität wird nicht historisiert. Damit sollen abschließend weitere Desiderate der Forschung hervorgehoben werden, die Kuhns Arbeit erst deutlich macht. So wissen wir allgemein wenig über Praktiken und Deutungen der Dritte-Welt-Bewegung von „Bewusstseinsbildung“ und „Betroffenheit“. Darüber hinaus sollten zukünftige Studien herausarbeiten, was an der von Kuhn beschriebenen Entwicklung spezifisch schweizerisch war und was eine Spezifik der 1980er Jahre bildete. Ob die Dritte-Welt-Bewegung mit dem Kalten Krieg ganz verschwand oder sich langfristig in globalisierungskritische Netzwerke transformierte, wäre ebenfalls zu untersuchen. Die genannten Einwände sollen das positive Gesamturteil nicht trüben. Kuhn liefert einen innovativen, globalhistorisch geschulten Beitrag zur Geschichte der Dritte-Welt-Bewegung, der zu weiteren Fragen anregt.

Anmerkungen:
[1] Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Historisches Jahrbuch 113 (1993), S. 98–127, hier S. 124
[2] Eine kollektive Identität ist zentral bei der Definition sozialer Bewegungen von Roland Roth / Dieter Rucht: Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch, Frankfurt/Main 2008, S. 9–36, hier S. 13.

Zitation
Florian Hannig: Rezension zu: Kuhn, Konrad J.: Entwicklungspolitische Solidarität. Die Dritte-Welt-Bewegung in der Schweiz zwischen Kritik und Politik (1975–1992). Zürich 2011, in: H-Soz-Kult, 10.04.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17955>.
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10.04.2013
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