Sammelrezension: Tragicorum Romanorum Fragmenta

Manuwald, Gesine (Hrsg.): Tragicorum Romanorum Fragmenta, Bd. II. Ennius. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 2012 ISBN 978-3-525-25029-7, XLI, 570 S. € 126,95.

Schauer, Markus (Hrsg.): Tragicorum Romanorum Fragmenta, Bd. I. Livius Andronicus. Naevius. Tragici Minores. Fragmenta Adespota. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 2012 ISBN 978-3-525-25026-6, XLIII, 493 S. € 89,99.

Rezensiert für H-Soz-Kult
Peter Habermehl, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin

Zu den latinistischen Meilensteinen des 19. Jahrhunderts zählen Otto Ribbecks epochale Scaenicae Romanorum poesis fragmenta, genauer gesagt seine Tragicorum Romanorum fragmenta (Leipzig 1852, 2. Aufl. 1871, 3. Aufl. 1897) und seine Comicorum Romanorum fragmenta (Leipzig 1855, 2. Aufl. 1873, 3. Aufl. 1898), die zum Teil noch heute als maßgeblich zitiert werden. Doch auch an einem monumentum perenne geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Etliche neue Einzeleditionen und eine kaum noch zu überschauende Fülle älterer wie jüngerer Sekundärliteratur zum römischen Theater und zur römischen Tragödie machten eine Gesamtausgabe, die Ribbecks auf das Essentielle komprimierte Edition erweitert und auf den Stand der Zeit bringt, zum dringenden Desiderat.

Die Pläne zu einem solchen Unternehmen reichen weit zurück. Die beiden ‚senior editors‘ der Tragicorum Romanorum Fragmenta (TrRF), Widu-Wolfgang Ehlers und Bernd Seidensticker, beschlossen in Hamburg, ermutigt von Bruno Snell, im Kielwasser der Tragicorum Graecorum fragmenta auch die Fragmente der römischen Tragiker neu herauszugeben. Der Wechsel auf Berliner Lehrstühle und die Vielzahl der damit verbundenen Verpflichtungen waren den Plänen freilich nicht allzu gewogen. So gaben sie 2002 die Staffel an Markus Schauer weiter (inzwischen Professor in Bamberg), der das Konzept der TrRF erweiterte und verfeinerte und zudem drei neue Mitstreiter gewann. So konnte das enorme Pensum auf vier Herausgeber verteilt werden, die für je einen Band verantwortlich zeichnen. Inzwischen, zehn Jahre später, liegen die beiden ersten Bände vor.

Das Konzept der TrRF wird in Band I ausführlich vorgestellt. Die erste kritische Gesamtausgabe aller Fragmente der römischen Tragödie (ausgenommen selbstredend das Corpus Senecanum) seit Ribbeck will die auf uns gekommenen Testimonien und Zitate der römischen Tragiker in einer Textfassung präsentieren, die den verlorenen Originalen so nahe wie möglich kommt, und dies so ‚objektiv‘ wie möglich, also frei von allen Spekulationen und Moden der Forschung (vgl. Bd. I, S. XXXVII). Der Kontext in den Fundorten wird umfassend zitiert, um den Nutzern die dort enthaltenen Informationen aus erster Hand zur Verfügung zu stellen. Den größten Fortschritt bedeuten aber die erschöpfenden Apparate, die den Text begleiten.[1] Sie versammeln nicht nur alles Wissenswerte zu den Fundstellen (bis hin zu den Lesarten einzelner Handschriften); sie dokumentieren auch die kritische Arbeit am Text (erfreulicherweise auch am Text der überliefernden Autoren, allen voran Cicero und Nonius Marcellus) sowie die literaturhistorischen Diskussionen seit der Renaissance – mit einem Wort: Forschungsgeschichte und Forschungsstand – in bislang unerreichtem Umfang.[2]

Dass es dem Bienenfleiß der Herausgeber unter anderem gelang, in alten Editionen und längst vergessenen Miscellanea-Sammlungen etliche verschüttete Konjekturen zu den Fragmenten auszugraben, teilweise noch aus den Tagen der Humanisten, ist ebenso ein Verdienst der neuen Ausgabe wie die pragmatische Anordnung der Fragmente, die (anders als üblich) der Chronologie der zitierenden Autoren folgt. Auf diese Weise waren sie gegen die riskante Versuchung gewappnet, dramaturgische Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bruchstücken zu rekonstruieren. Die neue Zählung der Fragmente, die sich dabei notwendig ergab, wird in entsprechenden Konkordanzen aufgeschlüsselt.[3]

Markus Schauer zeichnet für Band I verantwortlich, der Livius Andronicus, Naevius und die sogenannten ‚Tragici Minores‘ enthält (zu ihnen zählen etwa Caesar und Augustus, aber auch die Dichter Ovid und Lukan), vor allem aber die sogenannten ‚Adespota‘, Fragmente, die sich keinem Autor zweifelsfrei zuweisen lassen und die mit rund 140 Seiten in etwa die Hälfte des gesamten Hauptteils füllen. Schauer hatte insofern eine undankbare Aufgabe, als er gerade für die komplexen ‚Adespota‘ auf keiner modernen Einzelausgabe aufbauen konnte; etwas besser bestellt ist es um Livius, Naevius und die ‚Tragici Minores‘.

Vor vergleichbar schwierigen Aufgaben stand Gesine Manuwald mit Band II zu Ennius (für den sie allerdings vor allem auf die vielgelobte Ausgabe von Jocelyn zurückgreifen konnte).[4] Einen Eindruck von den Qualitäten der neuen Ausgabe vermittelt am ehesten eine Kostprobe aus Ennius’ Tragödie Alexander über den Troerprinz Paris (57–59 Ribbeck ~ 69–71 Jocelyn ~ F 21 TrRF). Ribbeck präsentiert wenig mehr als den bloßen Text samt Fundort (3. Aufl. 1897, S. 25: O lúx Troiae, germáne Hector! / Quid íta <iacentem té tuor> [suppl. Ribbeck] cum tuó lacerato córpore, / Miser, aút qui te sic tráctauere nóbis respectántibus? [ordinem verborum mutavit Ribbeck]) sowie knappe Hinweise zu seinen Texteingriffen sowie zu Vorschlägen Vahlens und Buechelers.

Jocelyn (S. 80: o lux Troiae, germane Hector, / quid ita cum tuo lacerato corpore miser? / aut qui te sic respectantibus tractauere nobis?) bietet etwas mehr Kontext, punktet aber vor allem mit dem exquisiten Kommentar, der ausführlich auf die heikle Metrik der Verse eingeht und eine feine Auswahl grammatischer und literarischer Parallelen zitiert (S. 231f.). Vossius’ alte Theorie (1620) zur Herkunft dieses Bruchstücks aus einer Rede Kassandras, die inzwischen als communis opinio gelten darf, kommt in der Einführung zu den Alexander-Fragmenten zur Sprache (S. 203).

In ganz anderer Optik präsentieren sich die TrRF (S. 66–68: o lux Troiae, germane Hector, / quid ita cum tuo lacerato corpore / miser <es> [suppl. Vahlen], aut qui te sic respectantibus / tractavere nobis?). In erschöpfender Ausführlichkeit zitiert Manuwald im kritischen Apparat die verschiedenen Textfassungen älterer Editoren sowie im ‚Conspectus studiorum‘ eine gute halbe Seite textkritischer Vorschläge aus der Sekundärliteratur. Interpretatorisches Beiwerk rückt, entsprechend den Vorgaben der TrRF, in den Hintergrund (so erscheint der Hinweis auf die Deutung der Verse als „verba Cassandrae“ diskret im Kleingedruckten). Ähnlich erschöpfend ist der Überblick zur umstrittenen metrischen Exegese der Passage. Die Parallelen antiker Autoren im letzten Teil des Apparats schreiben mehr oder weniger die bei Jocelyn (S. 231) summarisch angeführten Stellen aus (andere, für die Interpretation relevante Passagen Jocelyns fehlen).

Diese nüchterne, vier Jahrhunderte Arbeit am Text quasi enzyklopädisch dokumentierende Präsentation des Materials macht die Lektüre der Bände nicht unbedingt einfach (eine Deutung der Texte bleibt ganz den Nutzern überlassen). Aber erst sie gewährleistet die angestrebte hohe ‚objektive‘ Qualität der Ausgabe. Ohne jeden Zweifel wird sie sich als neue Standardausgabe durchsetzen und dürfte mehr als eine Generation Philologen durchs 21. Jahrhundert begleiten.[5] Markus Schauer und Gesine Manuwald sind zu ihrem großen Wurf zu beglückwünschen.

Dass eine solche (noch dazu durchgängig auf Latein verfasste) Edition nur einen kleinen Kreis von Spezialisten erreicht, ist unvermeidlich, aber auch schade. Höchst wünschenswert wäre eine parallele ‚editio minor‘, die dem Lesetext der Testimonia und Fragmente eine deutsche Übersetzung samt handlichen Erläuterungen zur Seite stellt. Erst dann fänden diese reizvollen Bruchstücke einer so fruchtbaren literarischen Tradition das Publikum jenseits latinistischer Kreise – Historiker, Literaturwissenschaftler und Archäologen –, das ihnen gebührt.

Anmerkungen:
[1] Der kritische Apparat besteht jeweils aus vier Einzelteilen: dem ‚Conspectus codicum‘ mit den Lesarten der Handschriften, dem ‚Conspectus editionum‘, der abweichende Textfassungen der diversen Editoren seit dem 16. Jahrhundert anführt, dem ‚Conspectus studiorum‘ mit Lesarten und Konjekturen der Sekundärliteratur sowie dem ‚Conspectus locorum parallelorum‘, der sprachlich oder inhaltlich relevante Parallelen antiker Autoren ausschreibt.
[2] Vgl. Bd. I, S. IXf.: „Es handelt sich somit um eine ‚Edition mit Forschungsbericht‘, die die textkritisch relevanten Angaben in den für die Tragikerfragmente einschlägigen Editionen und wissenschaftlichen Arbeiten kollationiert, dokumentiert und verifiziert.“
[3] Beide Bände enthalten im Übrigen reiche ‚Subsidia‘ von 175 bzw. 200 Seiten Umfang mit diversen Bibliographien, Siglenverzeichnissen, ‚conspectus metrorum‘, Indizes und Konkordanzen.
[4] Henry D. Jocelyn (Hrsg.), The Tragedies of Ennius. The fragments, edited with an introduction and commentary, Cambridge 1967.
[5] Für die beiden Bände zu Pacuvius (Bd. III) und Accius (Bd. IV) stehen noch keine Publikationsdaten fest.

Zitation
Peter Habermehl: Rezension zu: Manuwald, Gesine (Hrsg.): Tragicorum Romanorum Fragmenta, Bd. II. Ennius. Göttingen 2012 / Schauer, Markus (Hrsg.): Tragicorum Romanorum Fragmenta, Bd. I. Livius Andronicus. Naevius. Tragici Minores. Fragmenta Adespota. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 01.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18040>.
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01.10.2012
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