M. Krieger: Kaffee. Geschichte eines Genussmittels

Cover
Titel
Kaffee. Geschichte eines Genussmittels


Autor(en)
Krieger, Martin
Erschienen
Umfang
307 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Katja Nicklaus, Hamburg

Als ersten Einstieg bezeichnet der Nordeuropahistoriker Martin Krieger sein Buch über Kaffee als Genussmittel. Für Studierende und ein breites Publikum ist dieser Einstieg sehr wohl gelungen. In elf Kapiteln stellt Krieger die Geschichte eines der wichtigsten Handelsgüter der Erde dar. Eine Weltgeschichte, wie in Kapitel I (S. 12) angedeutet, die den Anspruch wie die "Geschichte der Welt" von Akira Iriye und Jürgen Osterhammel hat, ist es dennoch nicht.[1] Im weltgeschichtlichen Ansatz geht es nach Osterhammel und Iriye nicht darum Errungenschaften des atlantischen Westens zu leugnen. Es gehe vielmehr darum sie in größere Zusammenhänge zeitgleicher Entwicklungen in anderen Teilen der Welt einzuordnen.[2] Krieger schreibt dagegen eine Geschichte des Kaffees aus europäischer Sicht (S. 12).

Dies hat Konsequenzen für die einzelnen Kapitel:
In Kapitel II untersucht Krieger zunächst europäische frühneuzeitliche Quellen über die Kaffeepflanze, um dann eine biologische und auf den Anbau bezogene Charakteristik im modernen Sinn vorzunehmen (S. 22-45). Dies ist für einen Einstieg in das Thema Kaffee unerlässlich und gelungen, um den Anbau und die Verbreitung der Pflanze von den Tropen und Subtropen in den nordatlantischen Raum nachzuvollziehen. In den folgenden Kapiteln III-VI wird ausgehend von frühneuzeitlichen Quellen die Verbreitung des Kaffees vom äthiopischen Kaffa nach Europa dargestellt. Während der Autor sich auf der Basis von Quellen (wie z.B. Carsten Niebuhr, Lewis J. Krapf und Charles Jacques Poncet) sich den Entwicklungen aus europäischer Sicht stellt, bezieht er sich in außereuropäischen Fragen auf Literatur (vgl. Anhang, S. 271-281). Kap. VI und VII ("Der Kaffee erreicht Europa" und "Das Kaffeehaus") sind als Einstieg in die Geschichte des Kaffees in Europa ideal, da sie eine Zusammenschau der aktuellen Forschung darstellen. Für weitergehende Vertiefungen sind sie jedoch nicht geeignet, da keine neuen Erkenntnisse publiziert werden, die über das bisher Bekannte aus der älteren Forschung hinausgehen. [3]

In Kapitel VIII wird die europäische koloniale Produktion auf der Basis merkantilistischer Wirtschaftsvorstellungen aufgezeigt. Der Abstieg der Kaffeemetropole Mokka und der Siegeszug der Produktion in den Kolonien sowie das Ende der Monopolbestrebungen der Handelskompanien markieren eine weitere, wichtige Etappe in der Geschichte des Kaffees. Dem Zeitalter des Imperialismus widmet sich Kap. IX. Doch auch hier fehlt die weltgeschichtliche Perspektive, denn die Frage nach der Entwicklung Brasiliens zum größten Kaffeeexporteur der Welt wird nur unzureichend beantwortet (S. 218). Krieger erwähnt zwar die Unabhängigkeit Brasiliens aber nicht die Fähigkeit der dortigen Akteure sich dem veränderten Weltmarkt in besonderer Weise anzupassen. Diese Angleichung erfolgte durch den Rückgriff auf Kapital, Technik und, insbesondere ab 1888 nach Abschaffung der Sklaverei, auf das Vermögen migrantische Arbeitskraft zu nutzen.

Im folgenden Kapitel über Kaffeerevolutionen wird die Entcoffeinierung, die Geschichte der Espressokultur in Italien und, damit verbunden, die von Nordamerika ausgehende Revolution der Kaffeespezialitäten (Starbucks) einbezogen. Dennoch fehlt auch hier wieder der weltgeschichtliche Blick und die Entwicklung der letzten 14 Jahre, die neben Espressi auch hervorragende Filterkaffees hervorgebracht hat und in der die Akteure in den Anbaugebieten auch den Markt steuern. So wurde als Gegenpol zum qualitativen Verfall des Kaffeegeschmacks durch Industrieröstungen und Mischungen 1999 in Form des Cup of Excellence eine Institution geschaffen, die die Bauern in den Anbaugebieten zu Höchstleistungen anspornt und zu Gewinnen bei den Produzenten führt. Zwar wird das Board des Cup of Excellence überwiegend durch Industrienationen dominiert. Die Kaffeeauszeichnungen und Preise kommen bei diesem Wettbewerb aber Bauern in Anbauländern, die teilweise noch Schwellenländer oder 'Entwicklungsländer' sind, zugute. Dieser Raritätenmarkt beläuft sich auf ca. 1% des Weltmarktes. Dennoch zeigen Kaffeeforen wie das kaffee-netz.de und coffeegeek.com, dass auch auf Seite der Konsumenten eine zunehmende Nachfrage nach einem differenzierten Geschmacksbild beim Heißgetränk Kaffee existiert.

Umwelt- und wirtschaftsgeschichtlich besonders interessant ist die Entstehung von Labels wie Fair Trade, Rainforest Alliance, 4 C Coffeeassociation und UTZ. Dies wäre in Zusammenhang mit dem Welthandel eine wichtige Fragestellung für die jüngere Geschichte des Kaffees gewesen. Denn gerade hier zeigt sich die Relevanz von Geschichte für die Gegenwart. 2011 und 2012 veranstaltete der Deutsche Kaffeeverband hierzu Tagungen. Hier wäre aus historischer Sicht zu fragen, wie diese Siegel entstanden und welche Bedeutung sie heute haben. Wenn auch zu geringem Teil, so sind Antworten auf Umweltzerstörung, Landvertreibung und menschliche Ausbeutung gerade in der Geschichte dieser selbsternannten Gütesiegel zu finden. In Antwort und als Alternative zu den Siegeln wurden weitere Möglichkeiten eines nachhaltigen und gerechten Handels entwickelt. Hier wäre vor allem der direkte Handel eine Nische, die der Autor zumindest mit diskutieren müsste. Das Kapitel Welthandel endet jedoch genau mit der Erwähnung von Transfair-Kaffee ohne auf die gegenwärtig bedeutsamen Entwicklungen hinzuweisen. Gerade mit Blick auf die Historie hätte hier ein besseres Verständnis für gegenwärtige Entwicklungen im Welthandel aufgezeigt werden können.

In Kapitel X wird die deutsche Kaffeegeschichte aus der Sicht der Großröster und staatliche Interventionen im geteilten Deutschland aufgezeigt. Hier verfolgt der Autor zwar die Geschichte der beiden deutschen Staaten und der Großröster. Als Akteure weithin unberücksichtigt bleiben jedoch die kleineren Röster. Diese hätten zumindest Erwähnung finden müssen, denn das "Sterben der Kleinröster" in den 70-ziger Jahren ging mit dem qualitativen Verfall des Kaffeegeschmacks, dem Preisverfall des Kaffees und der Ausbeutung im Ursprung sowie der Dominanz des Kaffeemarktes durch die Großröster und Großimporteure einher.

Der abschließenden Bilanz Kriegers, "[i]n jedem Schluck Kaffee verbirgt sich ein Stück Weltgeschichte" (S. 268), kann man nur zustimmen. Diese kann aber nicht auf eine europäische Sicht beschränkt bleiben und neuere Antworten auf die Traditionen in der Geschichte des Kaffees aussparen.

Anmerkungen:
[ ] Akira Iriye / Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Geschichte der Welt, München 2012ff. Von der Geschichte der Welt ist erst ein Band erschienen: Emily S. Rosenberg (Hrsg.), Geschichte der Welt. 1870-1945. Weltmärkte und Weltkriege, München 2012.
[2] Vgl. Iriye / Osterhammel im Klappentext zur Weltgeschichte.
[3] Hier liegen bereits sehr gute Forschungsergebnisse vor, die Krieger auch anführt. Aus der Flut der Literatur zur Kaffeegeschichte sei hier nur herausgehoben: Ulla Heise, Kaffee und Kaffeehaus. Eine Kulturgeschichte, Hildesheim, 1987; Heinrich Eduard Jacob, Kaffee. Die Biografie eines weltwirtschaftlichen Stoffes, München 2006.

Zitation
Katja Nicklaus: Rezension zu: Krieger, Martin: Kaffee. Geschichte eines Genussmittels. Köln 2011, in: H-Soz-Kult, 12.04.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18117>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.04.2013
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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