S. Werther: SS-Vision und Grenzland-Realität

Titel
SS-Vision und Grenzland-Realität. Vom Umgang dänischer und „volksdeutscher“ Nationalsozialisten in Sønderjylland mit der „großgermanischen“ Ideologie der SS


Autor(en)
Werther, Steffen
Erschienen
Umfang
371 S., 25 Abb.
Preis
150,00 Skr.
Rezensiert für H-Soz-Kult
Jelena Steigerwald, Graduiertenschule „Human Development in Landscapes“, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Dissertation von Steffen Werther beschäftigt sich mit der großgermanischen Ideologie der SS. Nach seinem Buch über dänische Freiwillige in der Waffen-SS 2004[1], ist es bereits seine zweite Monografie zu diesem Thema; dadurch profitiert das klar strukturierte Werk von einem genauen Überblick über die Forschungsliteratur. In den letzten Jahren hat es vermehrte Forschungen zur Waffen-SS und der nationalsozialistischen Ideologie gegeben, das Feld ist aber bei weitem noch nicht abschließend beackert. Der spezielle Fokus auf den nordischen Gedanken und die germanische Idee im Gegensatz zur nationalen Ideologie und insbesondere die Überprüfung dieser Ideologien in einer lokalgeschichtlichen Studie am Beispiel der dänischen Grenzregion bringen interessante neue Aspekte hervor.

Werthers Arbeit geht den Fragen nach, welche Strategien die SS bei der Vermittlung der „großgermanischen Idee“ im Allgemeinen und speziell in Nordschleswig anwendete und wie innerhalb des nationalsozialistischen Milieus in Nordschleswig/Sønderjylland mit der Idee eines Zusammenschlusses der germanischen Völker umgegangen wurde. Er befasst sich mit dem Zeitraum von 1932 bis 1945, so dass eine Entwicklung der Ideologie und ihrer Vermittlung vor und nach der Besetzung Dänemarks aufgezeigt werden kann. Der Fokus auf die Grenzregion erfolgt weil dort neben besonders stark hervortretenden nationalistischen Ideologien auch ein nicht-nationalistischer Regionalismus existierte, dessen Instrumentalisierung für die SS-Ideologie Werther ebenfalls nachgeht.

Werther widmet sich im Speziellen der besonderen Dreiecksbeziehung von SS, der dänischen Nationalsozialistischen Partei (DNSAP) und der nationalsozialistischen Partei der deutschen Minderheit (NSDAP-N) und dem Widerspruch, der zwischen völkischem Nationalismus und rassischem Pangermanismus entstand. Die Untersuchung basiert im Wesentlichen auf Aussagen und Vorstellungen dieser drei Gruppen zu Kategorien wie Volk, Rasse, Blut, Nation und Reich. Außerdem fragt Werther nach der erfolgreichen Übernahme oder einer Instrumentalisierung der SS-Ideologie durch DNSAP und NSDAP-N. Dazu untersucht er zunächst, was die SS unter der Reichs-Idee, der Blut- und Schicksalsgemeinschaft verstand, welchen Platz Dänemark im Großdeutschen Reich einnehmen sollte und welche Aufgaben der deutschen Minderheit zukamen.

Der Zugriff auf das Thema erfolgt chronologisch durch unterschiedliche Quellengruppen. Im zweiten Kapitel „Nordschleswig, Nationalsozialismus und Nordischer Gedanke 1933–1939“ wird die Konsolidierungsphase der nationalsozialistischen Bewegungen anhand verschiedener Personen und mittels Fallstudien verdeutlicht. Die DNSAP benutzte den nordischen Gedanken zunächst, um die Forderungen nach Grenzrevision, die durch Mitglieder der deutschen Minderheit erhoben wurde, abzuwehren, aber auch um unter der deutschen Minderheit Mitglieder zu werben. Die NSDAP-N wehrte sich gegen diese Vereinnahmungsversuche der DNSAP. Die dänenfreundliche Haltung in Form der germanisch-nordischen Freundschaft widersprach ihrem Ziel „Heim ins Reich“ geholt zu werden. Hinter den ideologischen Phrasen standen offensichtlich handfeste politische Interessen und ein Ringen um den Führungsanspruch.

Anschließend analysiert Werther (in Kapitel 3) die „großgermanische Idee“ der SS und arbeitet die potentiellen Konfliktlinien sowie die Widersprüchlichkeiten zu anderen Konzepten der NS-Ideologie heraus. Die Grundlage der Analyse bildet die SS-Propaganda in Dänemark. Dabei stellt Werther unter anderem den fundamentalen Unterschied zwischen den Eindeutschungsbemühungen im Osten und dem Umgang mit den „artverwandten“ Dänen fest. Letztere sollten nicht eingedeutscht und damit ihrer Sprache und Kultur beraubt werden. Ihre Liebe zur Heimat galt nach SS-Logik als Voraussetzung für die Liebe zum Großgermanischen Reich, dass als supra-nationale Struktur den Nationalstaat ersetzen sollte. Die Zielsetzungen der SS führten aber zu widersprüchlichen Aussagen zum Beispiel in Bezug auf die germanische Gleichberechtigung und den gleichzeitig erhobenen deutschen Führungsanspruch, sowie der völkischen Heterogenität im Gegensatz zur angestrebten (und rassisch bereits vorausgesetzten) germanischen Homogenität.

Die nächsten Kapitel widmen sich der Phase 1940–45. Werther untersucht wie die großgermanische Idee durch die NSDAP-N (Kapitel 4) und die DNSAP (Kapitel 5) rezipiert wurde. Ausgehend von den Hoffnungen und Enttäuschungen der deutschen Minderheit, die nach der Besatzung annahm, dass es zu einer Grenzrevision kommen werde, analysiert Werther die parteiinternen Schulungshefte. Außerdem geht er auf die Widerstände, die gegenüber der Rekrutierung von Freiwilligen für die germanischen Waffen-SS Regimenter vorgebracht wurden, ein. Die NSDAP-N musste nun zur germanischen Idee Stellung nehmen, die für sie im diametralen Gegensatz zu ihrer Idee der deutschen Volksgemeinschaft stand. Werther arbeitet anhand der parteiinternen Schulungshefte heraus, wie das Problem durch eine Reinterpretation gelöst wurde.

Im fünften Kapitel geht Werther anhand der dänischen nationalsozialistische Parteipresse und der Werbekampagnen auf die Rekrutierung Freiwilliger für die Waffen-SS ein. Außerdem arbeitet er anhand von Äußerungen der zentralen Figur an der Spitze der DNSAP, Frits Clausen, die Haltung der DNSAP heraus. Die DNSAP nutzte eine modifizierte großgermanische Reichsidee, die sich auf eine germanische Gemeinschaft unter gleichberechtigten germanischen Partnern bezog, um ihre nationalistischen Interessen abzusichern. Dieser pragmatische Umgang half ihnen allerdings nicht nach der Besatzung Regierungsverantwortung übertragen zu bekommen. Da der Rückhalt der DNSAP in der dänischen Bevölkerung gering war, hatte Berlin daran kein Interesse. Die Mehrheit der Dänen sah in der DNSAP Vaterlandsverräter. Nur kurzfristig konnten zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion mit einer nationalen Rhetorik stärkere Erfolge bei der Rekrutierung von Freiwilligen gemacht werden. Dabei spielte allerdings die Haltung der dänischen Regierung und des Königs, die den Krieg gegen die Sowjetunion befürworteten, eine größere Rolle als die DNSAP. Werther macht deutlich, dass die Zusammenarbeit der DNSAP mit den deutschen Behörden nicht alternativlos war, eventuell hätte die DNSAP aus einer Oppositionshaltung größere Vorteile gezogen. Aus Angst vor dem Machtverlust, unter anderem gegenüber der deutschen Minderheit suchten sie jedoch die Zusammenarbeit und scheiterten letztendlich.

Das Ergebniskapitel beginnt mit einem Vergleich der zwei SS-Kollaborationspartner in Bezug auf die SS-Ideologie und endet mit der Analyse, warum die SS-Ideologie scheiterte. Letztendlich erwies sich die Rassenideologie gegenüber der nationalen als nicht durchsetzungsfähig, da sie die realen politischen und kulturellen Bedingungen verleugnete. Sowohl die DNSAP als auch die NSDAP-N hatten deswegen Probleme in der Zusammenarbeit mit der SS. Sie versuchten zwar die großgermanische Idee mit ihren nationalen Interessen rhetorisch zu verknüpfen, die Gegensätze waren aber zu stark. Das zeigt sich insbesondere bei den Rekrutierungen zur Waffen-SS, sowohl Dänen als auch Minderheitendeutsche sahen ihre Identität in Gefahr, was durch die Erfahrungen in den Schulungslagern nur bestätigt wurde.

Werthers Monografie hat einen Teilaspekt der SS-Ideologie im Norden sehr gründlich durchdrungen. Die Argumentation ist schlüssig und folgt einem klar gegliederten Aufbau. So folgen nach den vier Hauptkapiteln jeweils kurze Schlussbetrachtungen, in denen die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden. Der Kern der Arbeit ist eine vergleichende Untersuchung der politischen und ideologischen Positionen der zwei nationalsozialistischen Parteien in den Jahren 1940–43. Davor führen die Kapitel zwei und drei in die SS-Ideologie ein und beleuchten die Situation vor der Besatzung Dänemarks in den 1930er-Jahren. Nach der abschließenden Analyse im Schlusskapitel finden sich außerdem eine zehnseitige englische, sowie schwedische Zusammenfassung. Das Personenregister im Anhang ist ein weiterer Pluspunkt dieser Arbeit.[2]

Anmerkung:
[1] Steffen Werther, Dänische Freiwillige in der Waffen-SS, Berlin 2004.
[2] Der Volltext des Buches findet sich unter folgender URL: <http://www.diva-portal.org/smash/record.jsf?searchId=1&pid=diva2:475516&rvn=3mp;rvn=3> (19.09.2012).

Zitation
Jelena Steigerwald: Rezension zu: Werther, Steffen: SS-Vision und Grenzland-Realität. Vom Umgang dänischer und „volksdeutscher“ Nationalsozialisten in Sønderjylland mit der „großgermanischen“ Ideologie der SS. Stockholm 2012, in: H-Soz-Kult, 20.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18441>.
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Veröffentlicht am
20.09.2012
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