J. Angster: Erdbeeren und Piraten

Cover
Titel
Erdbeeren und Piraten. Die Royal Navy und die Ordnung der Welt 1770-1880


Autor(en)
Angster, Julia
Erschienen
Göttingen 2012: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
345 S.
Preis
€ 62,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Wolfgang Reinhard, Freiburg im Breisgau

1792 setzte der von der Meuterei auf der Bounty bekannte Kapitän der Royal Navy William Bligh an der Küste Tasmaniens neben allerhand europäischen Bäumen auch Erdbeerpflanzen. Damit beginnt das Buch. Es endet mit dem Kampf der britischen Marine gegen die griechischen Piraten der Ägäis (die damit wie heute Somalier ihren kläglichen Lebensunterhalt aufgebessert haben) und gegen die Sklavenhändler des Atlantik in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Solche höchst unterschiedliche Aktivitäten ein und derselben Institution werden laut Angster für fast 100 Jahre von der Rahmenvorstellung zusammengebunden, es gelte, die Meere der Welt, ihre Inseln und die angrenzenden Länder zu erforschen, zu ihrer „Verbesserung“ beizutragen und damit für die Ordnung der Welt zu sorgen. Selbstverständlich existierte dafür keinen Masterplan, sondern alles ergab sich von Fall zu Fall aus der Rolle Großbritanniens als stärkster und nach Trafalgar 1805 einziger Seemacht und dem politischen Selbstverständnis, das dahinter stand. Das auf Kontrolle über die Meere gegründete Streben nach wirtschaftlicher Dominanz im Weltmaßstab ging dabei mit der Vorstellung von der eigenen religiösen und moralischen Überlegenheit einher.Daraus ergab sich der missionarische Impuls, Freihandel, Christentum, Recht und Ordnung zum Vorteil der Menschheit auszubreiten.

1953 haben John Gallagher und Ronald Robinson für die wirtschaftspolitische Seite dieses impliziten Programms die Formel „Freihandelsimperialismus“ geprägt.[1] Seither haben sich die Schwerpunkte des Forschungsinteresses von der Wirtschaftsgeschichte zur Kulturgeschichte bewegt. Dabei hat sich aber herausgestellt, dass hier dieselben Antriebe am Werk waren. Auch die britischen evangelischen Missionare, die vor allem im 19. Jahrhundert über die Welt ausschwärmten, gedachten die „Wilden“ nicht nur zu taufen, sondern sie auch in die Zivilisation und den Welthandel einzugliedern. Und nun legt Angster eine Art von Kulturgeschichte des Freihandelsimperialismus vor, inder sie die Aktivitäten seines zentralen Agenten, eben der britischen Flotte untersucht. Dabei sollte in allen Fällen Gewalt nur im Notfall angewendet werden. Manchmal genügten bereits Drohgebärden. Die Errichtung von Kolonialherrschaft wurde nicht angestrebt. Sie galt schlicht als zu teuer. Nichtsdestoweniger konnte Großbritannien auch anders. Denn zur Zeit dieses Freihandelsimperialismus wurde Indien erobert und zur Öffnung des chinesischen Marktes Krieg geführt. Das ist zwar nicht Angsters Thema,aber ihre Perspektive lässt unbeabsichtigt doch ein allzu friedliches Bild britischer Politik entstehen.

Ihre Tübinger Habilitationsschrift beruht auf solider Kenntnis gedruckter Quellen und Literatur, vor allem aber auf einer eindrucksvollen Liste britischer Archivalien. Sie eröffnet ihr Buch nach der Einleitung mit einer Vorstellung der Royal Navy und zwar zunächst brav nach Foucault des Schiffs als „Ort ohne Ort“, d. h. vor allem der isolierten sozialen Beziehungen an Bord. Darauf folgt dann die Marine als riesige Organisation mit je nach Zeitpunkt zwischen 500 und1000 Schiffen verschiedener Größenklassen und Kanonenzahl, deren Bau die Wälder des Landes verschlungen hatte. Hier vermisst man schmerzlich Abbildungen zu Schiffbau und Schiffstypen. Trotz paralleler Institutionen und Hierarchien funktionierte das „Monstrum“ erstaunlich gut. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Organisation vereinheitlicht. Sicher spielte die eiserne Disziplin auch und gerade für kommandierende Offiziere eine wichtige Rolle. Aber Angster falsifiziert die verbreitete Vorstellung von nur gewaltsam rekrutierten und an Bord mit dem Terror brutaler Strafen disziplinierten Matrosen durch das Bild eines geordneten Kosmos vielfältiger Sozialbeziehungen, in dem der Kapitän eher mit Autorität als mit Einsatz seiner unumschränkten Gewalt kommandierte und die Mannschaft durchaus Möglichkeiten zum Protest hatte. Weiter zeigt sie, dass die britische Klassengesellschaft an Bord mit einer unübersteigbaren (Karriere-)Schranke zwischen Gentlemen-Offizieren und plebeischen Matrosen ein Produkt des 19. Jahrhunderts war. Vorher war ein Aufstieg von ganz unten bis zum Admiral möglich. Den Ausschlag gab damals Protektion, die aber nichts nützte, wenn der Protegierte sich nicht bewährte.

In den übrigen drei Kapiteln verbindet Angster sehr geschickt thematische Überblicke mit genauer behandelten Personen und Unternehmungen von besonderer Bedeutung (oder mit besonders gutem Quellenmaterial?). Zunächst geht es um die rationale Raumbewältigung durch Erkundungsfahrten im Allgemeinen und Kartierung der Meere und Küsten im Besonderen. Für die Entdeckungsfahrten dient Matthew Flinders vor Australien 1801 als Paradigma, während im späteren 19. Jahrhundert der zweite Sekretär der Admiralität John Barrow als Promotor der nunmehr nach Erkundung des Pazifik betriebenen Nordpolarexpeditionen in den Mittelpunkt rückt. Ursprünglich ging es um die Entdeckung einer Nordwestdurchfahrt. Die Kartographie war zunächst eher ein Privatunternehmen der Offiziere, erst im 19. Jahrhundert wurde sie von der Admiralität übernommen und von Francis Beaufort forciert. Bemerkenswerterweise hielt die Admiralität ihre Seekarten nicht etwa geheim, sondern propagierte ihre Verbreitung sogar im Ausland. Die britische Seeherrschaft war so unangefochten, dass man es sich leisten konnte, auf diese Weise Dominanz zu demonstrieren. Damit verbunden war bei Entdeckern und Kartographen das uralte Verfahren, Herrschaft durch Vergabe von Namen auszudrücken.

Bereits die Entdeckungsfahrten als solche und das Kartieren fanden in Zusammenarbeit mit der aufkommenden Naturwissenschaft, insbesondere mit der Royal Society statt. Sir Joseph Banks war lange der entscheidende Promotor, ein gewisser Robert Brown der paradigmatische Sammler, Beschreiber und Klassifizierer von Pflanzen der Flinders-Expedition, der übrigens wie andere auch von der Navy bezahlt wurde. Denn das Sammeln von Wissen und seine systematische Auswertung gehörte nach Angster S. 154 zu den Grundlagen der informellen britischen Weltherrschaft.Im systematischen Transfer von nützlichen Kulturpflanzen, etwa des chinesischen Tees nach Indien, fand das britische Bedürfnis, die Welt zum eigenen Vorteil zu verbessern und neu zu ordnen, seinen markanten Ausdruck. Paradigmatisch wird die im zweiten Anlauf erfolgreiche Übertragung des Brotfruchtbaums nach Westindien erzählt. Ein allzu rationales Unternehmen, denn die Übertragung glückte zwar, aber die geplante Übernahme als kostensparenden Nahrung scheiterte am Geschmack der Sklaven. Ein anderswo mitreisender Wissenschaftler war in den 1830er-Jahren auch Charles Darwin. Aber mit ihm sollte sich die Perspektive ändern.Anstelle des synchronen Inventarisierens der Welt im Geiste Linnés und der Aufklärung trat das diachrone Konzept der Evolution der Arten.

Aber nicht nur Pflanzen und Tiere wurden untersucht und beschrieben, sondern auch Menschen. Dieses ethnographische Interesse unterschied sich erheblich von der Gewalttätigkeit früherer Entdecker. Das wird im Einzelnen an James Cook und anderen Tahiti-Besuchern demonstriert. Allerdings diente die Empirie oft genug nur zur Bestätigung gängiger Theorie, sei es des edlen Wilden oder der gesetzmäßigen Entwicklungsstufen menschlicher Kultur. Auch wenn die wilden Barbaren im diesem Sinne als Rangordnung klassifiziert wurden, mit den Feuerländern und den Australiern ganz unten, so sollte ihre Erforschung doch auch ihrer Besserung dienen. Aus der Wildnis sollte ein Garten, aus den Wilden sollten dessen zivilisierte Bewohner werden. Dem sollte in den britischen Besitzungen, zu denen hier abgeschweift wird, die Durchsetzung des europäischer Privateigentumsbegriffs und der europäischen Landwirtschaft dienen. Allerdings führte die rassistische Interpretation der Evolutionslehre später dazu, dass hinfort die Barbarei der „Primitiven“ als biologisch determinierter unheilbarer Zustand galt. Theoretisch weniger krass aufgeladen, praktisch aber nicht weniger schwierig war die Verwandlung der Ozeane in einen nach europäischen juristischen Prinzipen geordneten friedlichen Rechtsraum. Das war ein aufwändiges Alltagsgeschäft des Royal Navy, bis im Zeitalter imperialistischer Mächterivalität die unangefochtene Weltgeltung Großbritanniens zu Ende ging.

Angsters Buch beschert auf gekonnte Weise neue Perspektiven und Detailinformationen, würde aber weiter gewinnen, wenn dieselben durch ein Register erschlossen wären. Nichtsdestoweniger handelt es sich um einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Britischen Empire und damit der europäischen Expansion sowie um eine elegante Fingerübung in Globalgeschichte einerseits und Kulturgeschichte von Politik andererseits, der man einen breiten Leserkreis wünschen möchte.

Anmerkung:
[1] John Gallagher, Ronald Robinson, The Imperialism of Free Trade, in: Economic History Review, Second Series 6 (1953), S. 1-15 (häufig nach gedruckt).

Zitation
Wolfgang Reinhard: Rezension zu: Angster, Julia: Erdbeeren und Piraten. Die Royal Navy und die Ordnung der Welt 1770-1880. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 14.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18588>.