K. Brodersen (Hrsg.): Polyainos: neue Studien

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Titel
Polyainos. Neue Studien. Polyaenus. New studies


Hrsg. v.
Brodersen, Kai
Erschienen
Berlin 2010: Verlag Antike
Umfang
176 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Christian Fron, Historisches Institut, Universität Stuttgart

In neuerer Zeit haben einige von den Autoritäten der Altertumswissenschaften lange verkannte Autoren aus der hohen Kaiserzeit eine Neubewertung und damit verbundene neue Wertschätzung erfahren.[1] Eine solche ausführliche Analyse und Bewertung des Quellenwertes von Polyainos als Autor der Zweiten Sophistik blieb lange Zeit ein Desiderat, was angesichts dieses schwierigen und vielfach rätselhaft bleibenden Literaten des 2. nachchristlichen Jahrhunderts zunächst nur wenig verwundert. In den vergangenen Jahren hat jedoch auch dieser Schriftsteller ein zunehmendes Interesse in der Forschung gefunden.[2] Ziel und Aufgabe des vorliegenden Sammelbandes ist es daher, die bestehende Lücke zum Verständnis des Autors ein wenig weiter zu schließen. Hervorgegangen ist der Band aus einer unter dem Titel „Polyaenus in Context“ im Januar 2009 an der Universität Erfurt abgehaltenen Expertenkonferenz, deren Ergebnisse erfreulicherweise auch zeitnah veröffentlicht wurden. Die sieben Beiträge sind bei den drei an deutschen Universitäten beheimateten Referenten auf Deutsch, bei den übrigen auf Englisch verfasst. Auf eine weitere Untergliederung in Sektionen wurde verzichtet.

Einen gelungenen Einstieg und den mit 48 Seiten zugleich mit Abstand umfangreichsten Beitrag liefert der bereits durch seine englischsprachige Übersetzung der Strategiká[3] hervorgetretene ausgewiesene Polyainosexperte Everett L. Wheeler.[4] Der Autor bleibt seinen bereits in der Einleitung zur Übersetzung aufgeführten Grundthesen zur Person des Polyainos sowie zu dessen Werk treu. Polyainos erscheint weiterhin als gealterter bithynischer Rhetor von makedonischer Herkunft, der längere Zeit in Rom weilte und sich auf der Suche nach einem Patron befand. Unter dieser Prämisse werden die Strategiká als militärtheoretische Abhandlung der hohen Kaiserzeit eingehend in den Blick genommen. Das Schwergewicht der Untersuchung (S. 19–36) liegt auf einem Vergleich dieser Schrift mit der Sammlung von Strategémata des Frontinus. Polyains Kenntnis des Werkes Frontins bei wird von Wheeler vorausgesetzt. Zur Erklärung der wesentlichen Unterschiede bei der Auswahl und Strukturierung des Werkes nennt er zwei Gründe: zum einen die Gegebenheiten der Kultur der Zweiten Sophistik, zum anderen ein zwingendes Bedürfnis des Polyainos, einem belesenen und gelehrten Kaiser wie Marcus Aurelius etwas gänzlich Neues zu liefern.[5] Die Ansicht Wheelers, Polyainos aufgrund seiner Anmerkungen über die besondere Gewitztheit der Barbaren im Proömium zum siebten Buch zum Vorgänger der byzantinischen militärischen Ethnographie zu erklären, kann ich allerdings nicht teilen. Meiner Meinung nach handelt es sich nur um eine weitere Bemühung des Schriftstellers, die Tauglichkeit seiner gesamten Kompilation auch im Einsatz gegen Barbaren (als welche aus griechischer Sicht alle auswärtigen und somit denkbaren Gegner des Imperium Romanum zu bezeichnen waren) in Friedens- und Kriegszeiten abermals zu untermauern. Direkte Bezüge auf die Kämpfe bei Elegeia, wo die Parther nach Wheeler (S. 10) wohl durch eine List siegten, sind ebenfalls anzunehmen.

Einer abermaligen kritischen Untersuchung der Biographie des Polyainos sowie der Abfassung seines Werkes widmet sich Klaus Geus. Zu Recht weist er auf die Gefahren einer vorschnellen Identifizierung jedes in anderen Quellenzeugnissen, wie etwa in der Suda, auftauchenden Polyainos mit dem Autor der Strategiká hin. Daher beschränkt er sich allein auf die aus den Proömien des Werkes selbst zu gewinnenden biographischen Angaben und Indizien. Polyainos erscheint nun als älterer Makedone und nicht mehr als Bithynier mit makedonischer Herkunft. Mit einer Neuübersetzung des Proömiums zum zweiten Buch versucht Geus zudem, den Romaufenthalt des Polyainos anzuzweifeln. Seinen Übersetzungsvorschlag stützt er jedoch nicht durch entsprechende Parallelen für eine solche Lesung. Zudem spricht meines Erachtens die aus den Proömien, insbesondere aus dem zum fünften Buch zu entnehmende persönliche Bekanntschaft des Polyainos mit den Kaisern Marcus Aurelius und Lucius Verus sehr für einen Romaufenthalt des Juristen und damit für die bisherige Übersetzung.[6] Überzeugend tritt Geus für eine Gesamtpublikation des Werkes sowie für eine Abfassungszeit im Winter 161/62 n.Chr. ein, wobei der Erwerb der notwendigen aktuellen Informationen für einen Juristen in Rom deutlich rascher als für einen „Berufsjurist[en] in der Verwaltung einer östlichen Provinz“ (S. 58) möglich gewesen wäre. Allein der aus dieser Datierung folgende in der Tat sehr kurze Zeitraum für die Zusammenstellung dieses immerhin acht Bücher umfassenden Werkes verwundert, lässt sich über entsprechende Vorarbeiten des Autors aber zumindest teilweise erklären.[7]

Den Einfluss des Historikers Ephorus von Kyme im dritten Buch der Strategiká nachzuweisen, strebt die Untersuchung von Elisabetta Bianco an. Näher in den Blick genommen werden die Darstellungen des Tolmides sowie des Timotheos, des Chabrias und des mit 63 Exempeln in den Strategiká am stärksten vertretenen Iphikrates. Eines der Hauptprobleme bei einem derartigen Vorhaben wird dabei früh von ihr benannt: Es mangelt an direkten Zeugnissen des Ephorus selbst. Die Analyse muss sich daher maßgeblich auf die Vermittlung durch andere Quellen, insbesondere Diodor, stützen. Dementsprechend kann die Autorin einen Bezug auf Ephorus nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nachweisen.

Auf eine sehr eindrückliche Art und Weise gelingt Maria Pretzler eine detaillierte Untersuchung der von ihr als historische Vignetten bezeichneten einzelnen Exempla im Werk des Polyainos. Im Laufe des Beitrages wird zunächst der für die Bewertung der Strategiká unerlässliche kulturelle Kontext behandelt, bevor die unternommenen Bemühungen bei der Zusammenstellung dieser Exempla eingehender untersucht werden. Die Sammlung erfolgte nach der naheliegenden Meinung von Pretzler in Rom selbst in einer angemessenen Bibliothek, was somit Rückschlüsse über die damals in der Hauptstadt zirkulierenden historischen Informationen erlaubt. Danach folgen Überlegungen über das Schreiben der historischen Vignetten sowie zur Leserschaft des Polyainos.

Die bereits bei Pretzler zu beobachtenden Bezüge zur kaiserzeitlichen Kulturbewegung der Zweiten Sophistik sowie die Kontextgebundenheit des Schriftstellers Polyainos und seines Werkes darzulegen, ist das Ziel des Beitrages von James Morton. Besprochen werden insbesondere die griechische Identität sowie die Bedeutung der Paideia und des Bezugs auf die Vergangenheit. Dies wird dann auf Polyainos übertragen, liefert aber wenig Neues. Der Frage, welche Rolle der Religion in den Strategiká zukam, geht Veit Rosenberger nach: Die gefundenen Beispiele werden von ihm kategorisiert und gesondert besprochen. Insgesamt finden sich nur wenige Zeugnisse des Religiösen bei Polyainos, wobei wie gewohnt die griechischen Elemente dominieren. Die zum Gelingen ihrer Kriegslisten frevelnden Akteure werden nicht bestraft. Religion findet bei Polyainos, wie etwa auch bei dessen Zeitgenossen Aulus Gellius, vor allem eine Verwendung als Bildungsgut.

Den Abschluss des Bandes liefert der Beitrag von Kai Brodersen. Er untersucht die von einem anonymen Schreiber verfasste Schrift de mulieribus sowie ihr Verhältnis zu den Strategiká des Polyainos. Beide Werke sind über den aus dem 12./13. Jahrhundert stammenden Codex Laurentianus gemeinsam überliefert. In der Auseinandersetzung mit der Studie von Deborah Gera[8] wendet sich Brodersen sowohl gegen die Datierung der Schrift in das 2. oder 1. Jahrhundert v.Chr. als auch gegen eine Hinzuziehung des Werkes durch Polyainos. Darauf folgt eine eigene Edition des Textes, welche sowohl einen kritischen Apparat wie auch eine Übersetzung bietet.

Der Sammelband zu Polyainos besticht trotz einiger Rechtschreibfehler durch seinen stimmigen Gesamteindruck. Er enthält einige sehr interessante und ergiebige Studien zu Person, Werk und Umfeld des Juristen. Dabei sind die einzelnen Aufsätze in zahlreichen Anmerkungen miteinander vernetzt, was dem Leser sowohl die Orientierung als auch den Umgang mit den verschiedenen Forschungsmeinungen innerhalb des Bandes erleichtert. Zudem sei auf die trotz eines Softcovers feste Bindung des Buches hingewiesen, die auch einer intensiven Nutzung standhält. Der Band ist somit für jeden Forschenden zur Kultur der Zweiten Sophistik und speziell zu den Strategiká des Polyainos zur Anschaffung dringend zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Genannt sei an dieser Stelle das in seiner Schärfe wohl unübertroffene Fazit von Bernard van Groningen, General Literary Tendencies in the Second Century A.D., in: Mnemosyne 18 (1965), S. 41–56, hier 56: „The Greek literature of the second century is the work of a powerless community, which, in the other hand, overstrains its faculties in unhealthy exaggerations. It is a neglected one in a neglected century, and, generally speaking, it deserves this neglect.“
[2] Insbesondere zu nennen ist Maria Schettino, Introduzione a Polieno, Pisa 1998. Inzwischen sind zudem bereits spanische, englische, italienische und russische Übersetzungen des Polyainos erschienen.
[3] Der Titel des Werkes des Polyainos ist bis heute unklar. Zwei unterschiedliche Bezeichnungen erscheinen aufgrund der Quellenzeugnisse denkbar: zum einen Strategiká, zum anderen Strategémata. Eine endgültige Klärung der Frage ist trotz einiger interessanter Argumente zugunsten des Titel Strategiká durch Wheeler im vorliegenden Band (S. 34–36) vermutlich in näherer Zukunft nicht zu erwarten. Daher sei die Alternative im Folgenden stets mitgedacht, aber nicht eigens noch einmal aufgeführt.
[4] Polyaenus, Stratagems of War. Edited and Translated by Peter Krentz und Everett L. Wheeler, 2 Bde., Chicago 1994.
[5] Dies erfolgt in Anlehnung an Otto Seel, Trogus, Caesar und Livius bei Polyainos, in: Rheinisches Museum 103 (1960), S. 230–271, hier 270.
[6] Eine eventuell ebenfalls anzunehmende reine „Brieffreundschaft“ ist mir für die Kaiserzeit allgemein nicht bekannt und erscheint mir äußerst unwahrscheinlich. Die Bekanntschaft konnte eigentlich nur in Rom oder in Italien zustande gekommen sein, da sich bis zum Zeitpunkt der Publikation der Schrift weder Marc Aurel noch Lucius Verus in den Provinzen aufgehalten hatten. Gegen eine vorherige Beziehung über den Kaiser Antoninus Pius spricht die Tatsache, dass der im Jahre 161 gerade erst verstorbene Kaiser im Werk des Polyainos keine besondere Bedeutung erlangt.
[7] Siehe hierzu ebenfalls die Überlegungen von Maria Pretzler (S. 90–94) in diesem Band.
[8] Deborah Gera, Warrior Women. The Anonymus Tractatus de mulieribus, Leiden 1997.

Zitation
Christian Fron: Rezension zu: Brodersen, Kai (Hrsg.): Polyainos. Neue Studien. Polyaenus. New studies. Berlin 2010, in: H-Soz-Kult, 17.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18594>.
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17.09.2012
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