Cover
Titel
Die Merowinger.


Autor(en)
Hartmann, Martina
Erschienen
München 2012: C.H. Beck Verlag
Umfang
116 S.
Preis
€ 8,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Raphael Schwitter, Klassisch-Philologisches Seminar, Universität Zürich

In diesem kleinen Buch, das in der Reihe Beck-Wissen erschienen ist, präsentiert Martina Hartmann das fränkische Herrschergeschlecht der Merowinger in einer für diese Reihe typischen Überblicksdarstellung, die ein Thema einem breiten Leserkreis in leicht zugänglicher Form sachkundig vermitteln will.

Diesen Ansprüchen wird sie, um es vorweg zu nehmen, mehr als gerecht. Martina Hartmann versteht es, die Geschichte und Kultur der knapp drei Jahrhunderte, in denen das Frankenreich unter der Herrschaft der Merowinger stand, auf 116 Seiten kompetent und informativ darzulegen. Inhaltlich bietet das Buch mehr als der Titel verspricht. Hartmann beschränkt sich nicht nur auf die Schilderung der politischen Geschichte und die biographisch-historische Darlegung der Herrscherdynastie mit ihrer komplexen Genealogie, sondern bietet auch einen detaillierten und instruktiven Einblick in die Gesellschaft und Kultur der gemeinhin als Übergangsphase verstandenen Zeit zwischen dem ausgehenden fünften und dem frühen achten Jahrhundert. In diesem Vorgehen zeigt sich unweigerlich der Einfluss ihrer jüngst in zweiter Auflage erschienenen Monographie „Aufbruch ins Mittelalter. Die Zeit der Merowinger“, in der Hartmann, wie sie im Vorwort betont, in quellennaher Berichterstattung sich speziell an Studienanfänger und historisch Interessierte richtet. Das vorliegende Werk stellt in gewisser Weise die komprimierte Form dieser Publikation dar.

Entsprechend gestaltet ist auch die Disposition. Der umfangreiche Stoff wird in zwei Hauptteile gegliedert, die von einem kurzen Vorspann und einem Ausblick umrahmt werden. Im Vorspann wird unter dem Titel „Die Merowinger in Deutschland und Frankreich“ der in diesen beiden Ländern bis ins frühe 20. Jahrhundert festzustellende unterschiedliche Umgang mit der Geschichte der Merowingerzeit kurz skizziert und anhand einzelner Beispiele schlaglichtartig beleuchtet (S. 7–12). Relativ unvermittelt beginnt im Anschluss daran mit der Schilderung der Herrschaft Childerichs I. und dessen Sohnes Chlodwigs I. der erste Hauptteil, in dem die merowingische Familiengeschichte geschickt mit der politischen Geschichte verwoben dargestellt wird (S. 13–59). Angesichts des abrupten Übergangs ist fraglich, welchen Mehrwert die angesprochene Leserschaft aus der zwar durchaus informativen rezeptionsgeschichtlich-kulturhistorischen Einleitung ziehen kann, zumal man Ausführungen über die allgemeine politische Lage im Westen des ehemaligen Römischen Reiches im 5. Jahrhundert oder über die Frühgeschichte und Herkunft der Franken schmerzlich vermisst. Neben einer solchen Kontextualisierung wäre angesichts der dürftigen Quellenlage gerade für Studienanfänger eingangs auch eine kurze Quellenübersicht wünschenswert gewesen[1], wie Hartmann es in der erwähnten Monographie bietet.

Die weitere dynastische Entwicklung der Merowinger nach Chlodwig I. wird in vier Phasen parallel zur Ereignisgeschichte und unter Berücksichtigung vereinzelter kirchenpolitischer Maßnahmen in knappen Zügen kompetent abgehandelt. Martina Hartmann führt hier die Leserschaft gekonnt durch die blutigen Intrigen, Familienfehden und Machtkämpfe der Söhne, Enkel und Urenkel Chlodwigs. Dies ist umso mehr als Pluspunkt zu werten, als mit der Materie wenig Vertraute angesichts der ständigen Reichsteilungen, Bürgerkriege und wechselnden politischen Allianzen schnell den Überblick verlieren. Der Außenpolitik der Merowinger, die bis in die Mitte der 530er-Jahre auf eine weitere Expansion, ab dieser Zeit auf eine Stabilisierung des Reiches ausgerichtet war, wird dabei, wie dem Kriegswesen generell, verhältnismäßig wenig Platz eingeräumt. Dagegen erfahren die Heiratspolitik und das Konkubinatswesen, entsprechend einem wissenschaftlichen Schwerpunkt der Autorin[2], ausführliche Behandlung. Dies findet zumindest darin seine Berechtigung, dass es, wie Hartmann selbst betont (S. 71), zum einen in der Geschichte dieser Herrscherfamilie mehrfach zu Regentschaften von Königinnen gekommen ist, zum anderen die erhaltenen Quellen, allen voran Gregor von Tours, ein spezifisches Interesse an den legitimen und illegitimen Frauen der merowingischen Könige hatten. Dieses Thema wird im zweiten Hauptteil in einem umfangreichen Kapitel weiter ausgeführt („Die merowingischen Königinnen und Königstöchter“, S. 71–80).

Der zweite Hauptteil bietet unter dem Titel „Herrschaft, Gesellschaft und Kultur der Merowinger“ ein breites Bild der merowingischen Kulturgeschichte im weiteren Sinn (S. 60–112). Neben Kapiteln zum Herrschaftssystem, dem Rechtsleben, dem Kirchen- und Bildungswesen sowie der ‚Alltagskultur’ (Ernährung, Gesundheit, Kleidung et cetera) ist auch der „Gesellschaft des Merowingerreichs“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Hier muss bemängelt werden, dass Hartmann gerade die Sozialstruktur des Merowingerreichs zu wenig differenziert darlegt, wenn sie etwa den Aspekt des ‚Vielvölkerstaates’, den das Frankenreich in der damaligen Zeit darstellte, nicht betont. Entsprechend ist in ihrem soziologischen Schichtenmodell von einer „Oberschicht“, einer „Mittelschicht“ und einer „Unterschicht“ die Rede, wobei die Pluralität der einzelnen Gesellschaftsschichten schattenhaft bleibt. Unklar ist in diesem Zusammenhang auch die Klassifizierung der „Halbfreien“ als eigene ständische Gruppe neben den Freien und Unfreien. Bedauerlich ist schließlich die im ganzen Text feststellbare ungenügend definierte Verwendung des Adelsbegriffs. Hier hätte man sich eine Präzisierung erhofft, zumal es im politisch-historischen Teil unterlassen wurde, auf die Grundlagen und Hintergründe der sich in den Teilreichen ausbildenden „Adelsgruppen“ hinzuweisen. Diese Lücke wird durch die Erläuterungen zur rechtlichen Stellung der Juden und der Frauen im Merowingerreich unzulänglich kompensiert.

Hauptquelle der Darstellungen beider Hauptteile ist Gregor von Tours, wobei Hartmann bemüht ist, dessen Übergewicht mit zahlreichen Verweisen auf archäologische Funde auszugleichen, die häufig mit Bildmaterial veranschaulicht werden. Die quellennahe Darstellung ist vorbildlich. Etwas störend wirken vereinzelte sachliche Ungenauigkeiten.[3] Abgeschlossen wird das Werk durch eine Würdigung des unter den Merowingern sich vollziehenden Transformationsprozesses des fränkischen Reiches aus der spätantik-römischen Welt in die frühmittelalterlich-karolingische.

Das Buch ist angesichts des beschränkten Platzes reich bebildert und mit hilfreichen genealogischen Stammtafeln versehen. Nützlich ist neben der Zeittafel und dem Personenregister auch das Glossar, in das gängige Begriffe wie „Gallo-Römer“ oder „Pergament“ aufgenommen sind. Erstaunlich ist, dass ein weniger geläufiger Begriff wie die „Lex Salica“, auf die im laufenden Text wiederholt referiert wird, hier fehlt. Das erfreulich breit ausgelegte Literaturverzeichnis bietet neben Überblicksdarstellungen ein reiches Quellenkorpus sowie eine – schwerpunktmäßig auf die deutsche Forschung ausgerichtete – Auswahl moderner Sekundärliteratur.[4]

Anmerkungen:
[1] Jetzt maßgeblich zusammengestellt von Reinhold Kaiser / Sebastian Scholz, Quellen zur Geschichte der Franken und der Merowinger. Vom 3. Jahrhundert bis 751, Stuttgart 2012.
[2] Vgl. Martina Hartmann, Die Königin im Mittelalter, Stuttgart 2009. Daneben sind von der Autorin zahlreiche Fachartikel zum Thema erschienen.
[3]Turnacum (Tournai) war nie „die alte Residenz des Westkaisers“ (S. 15), sondern Residenz der dort angesiedelten salischen Franci. Hauptort der Belgica secunda war Durocortorum (Reims); Hieronymus wurde in seinem Traum nicht wegen der Lektüre von Cicero und Vergil bestraft (S. 88), sondern nur aufgrund der Lektüre von Cicero und deswegen auch als Ciceronianus gescholten, vgl. Hier. epist. 22, 30; Chilperich I. hat gemäß Gregor von Tours dem Alphabet nicht nur „einen weiteren Buchstaben“ hinzugefügt (S. 62), sondern vier, vgl. Greg. Tur. Hist. 5, 44.
[4] Zu ergänzen wären hier der 2007 in München in 3. Auflage erschienene Klassiker von Patrick Geary, Die Merowinger. Europa vor Karl dem Großen und die 2011 erschienene Chlodwig-Biographie von Matthias Becher.

Zitation
Raphael Schwitter: Rezension zu: Hartmann, Martina: Die Merowinger. München 2012, in: H-Soz-Kult, 06.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18638>.
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Veröffentlicht am
06.03.2013
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