C. Jecker: SendungsBewusstsein

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Titel
SendungsBewusstsein. Kirchliche Kriegskommunikation und die Anfänge der Radio-Predigten in der Schweiz 1925–1945


Autor(en)
Jecker, Constanze
Erschienen
Freiburg 2009: Academic Press
Umfang
204 S., inkl. CD «SendungsBewusstsein»
Rezensiert für H-Soz-Kult
Martin Meier, Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg Postfach 259 CH-3000 Bern 6

Constanze Jecker, ehemalige Fachredaktorin für Religion bei Radio DRS, analysiert in ihrer medien- und kommunikationswissenschaftlichen Studie erstmals die kirchliche Kriegskommunikation und die Anfänge der Radio-Predigten in der Deutschschweiz 1925 bis 1945. Sie zeigt auf, wie Propaganda und Zensur während der Kriegszeit die Inhalte der Massenmedien veränderte, insbesondere, wie sich dieses Phänomen im Schweizer Radioprogramm während der Zeit des Nationalsozialismus ausdrückte. Radio-Predigten waren seit Mitte der 1920er Jahre ein wichtiger Programmpunkt, dies belegen zahlreiche Presseartikel und Hörerbriefe sowie die erste SRG-Konzession, welche den Landeskirchen als einzigen Institutionen Sendezeit zusicherte.

In einem ersten Teil zeichnet die Autorin die Geschichte des Sendeformats von 1925–1945 auf. Sie schildert anschaulich, wie reformierte Theologen wiederholt und vehement die Vorzensur als Einschränkung ihrer Meinungs- und Redefreiheit kritisierten. Constanze Jecker lanciert ihre Studie, indem sie den deutschen Nationalsozialismus aus Schweizer Perspektive betrachtet und die Positionen der Schweizer Volkskirchen ergründet. Sie kommt zum Schluss, dass sich die Ambivalenzen, welche die Haltung der Schweizer Regierung und der Bevölkerung sowohl dem Nationalsozialismus als auch den jüdischen Emigranten gegenüber kennzeichnen lassen, sich auch innerhalb der Kirchen ausmachen. In beiden Kirchen basierten antijüdische Voten meist auf theologischen und nicht auf rassistischen Argumenten. Obwohl es in beiden Volkskirchen judenfeindliche Tendenzen gab, waren die antisemitischen Stimmen in katholischen Kreisen zahlreicher und pointierter als in reformierten. Die Reformierten standen der Schweizer Regierung entscheidend skeptischer gegenüber als die Katholiken. Bezüglich der Geistigen Landesverteidigung waren die beiden Volkskirchen geteilter Meinung: Die Katholiken unterstützten diese von Anfang an tatkräftig, die Reformierten blieben lange skeptisch. Bei der Betonung des nationalen Einheitsgefühls beriefen sich die Politiker gerne auf die christlichen Wurzeln der Schweiz, so dass die Kirchen ab 1938 eine wichtige Rolle im politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein spielten. Diese Gelegenheit nutzten die Kirchen, indem sie in den Worten Jeckers «die geistige in eine geistliche Landesverteidigung umfunktionierten», das heisst politische, militärische und theologische Argumentationslinien vermischten.

Vertieft widmet sich die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin dann den Schweizer Medien in der Zeit des Nationalsozialismus und geht Fragen nach staatlicher Zensur der Presse und des Rundfunks, der Geistigen Landesverteidigung in Presse und Rundfunk sowie der konfessionellen Presse in der Schweiz nach. Die Schweizer Regierung stand unter massivem Druck der Nationalsozialisten, welche Inhalt und Personalpolitik der Schweizer Medien mitbestimmen wollten. Mit einer konsequenten Vorzensur überwachten die Behörden den Hörfunk schärfer als die Presse. Um die Neutralität der Schweiz zu wahren, sahen sich die Zensoren allerdings wiederholt gezwungen, die Pressefreiheit verschiedener Zeitungstitel einzuschränken. Der Rundfunk war durch die Konzession ohnehin zur politischen und religiösen Neutralität verpflichtet. Vorträge standen seit 1933 unter Vorzensur. Die Sistierung der Rundfunk-Konzession mit Kriegsbeginn zeigt, dass der Hörfunk als das Instrument der Massenbeeinflussung galt und deshalb unter strenge staatliche Aufsicht gestellt wurde. Der Hörfunk erhielt einen zur Presse differenzierten staatlichen Auftrag zur Geistigen Landesverteidigung, den die Programmverantwortlichen – im Sinne der Abwehr – sehr ernst nahmen. Weiter analysiert die Autorin die Besonderheiten der massenmedialen Kommunikation in Krisen- und Kriegszeiten. Sie kommt darin zum Schluss, dass die Schweiz trotz ihrer Neutralität eine eindeutige Kriegskommunikation betrieben hat. Nach Constanze Jecker sind Krisen- und Kriegskommunikation sowie Propaganda zwar ähnlich, aber nicht identisch. Statt auf ein eigenes (Gegen-)Propagandaministerium setzte die Schweizer Regierung vielmehr auf die omnipräsente, plurale Propaganda, die in der Gesellschaft unter dem Namen Geistige Landesverteidigung verankert war.

Im zweiten Teil der umfangreichen Untersuchung analysiert Constanze Jecker eine Auswahl der Deutschschweizer Predigten inhaltsanalytisch. Ihre wichtigsten Ergebnisse: Die Kriegskommunikation ist pathetischer, patriotischer und politischer als die Krisenkommunikation vor Kriegsbeginn, ohne allerdings für bzw. gegen konkrete ausländische Akteure Stellung zu beziehen. Auffällig ist die für die Propaganda und Kriegskommunikation charakteristische Schwarzweissmalerei. Im Gegensatz zu den Reformierten übernahmen die Katholiken die Ideen der geistigen Landesverteidigung, welche Behörden und Rundfunkgesellschaft propagierten. Überraschend ist, dass Abwertungen der Juden nicht zensiert wurden. Dass die Radio-Prediger die Flüchtlingsproblematik 1940 nur marginal thematisierten, deckt sich mit den Resultaten anderer Studien über die (konfessionelle) Presse in der Schweiz. Constanze Jecker kommt zum Schluss, dass die Radio-Predigten starke Wertungen und Kommentierungen enthielten, die aus heutiger Perspektive das damalige Neutralitätsgebot verletzten.

Constanze Jecker, eine profunde Kennerin der Materie, legt, trotz der nicht immer einfachen Quellenlage, eine solide Grundlage dieses bis jetzt noch nicht untersuchten Forschungsgegenstandes vor und animiert gleichzeitig zu weiteren Untersuchungen. Zusammen mit der dem Buch beigelegten CD einer von Constanze Jecker produzierten «Perspektiven»-Sendung auf DRS 2 über die Anfänge der Radio-Predigten in der Deutschschweiz ein wichtiger und wertvoller Beitrag zur kirchlichen Kommunikation in Kriegs- und
Krisenzeiten.

Zitierweise:
Martin Meier: Rezension zu: Constanze Jecker, SendungsBewusstsein. Kirchliche Kriegskommunikation und die Anfänge der Radio-Predigten in der Schweiz 1925–1945 (=Religion – Politik – Gesellschaft in der Schweiz, Bd. 49), Freiburg/Schweiz, Academic Press Freiburg, 2009, 204 S., inkl. CD «SendungsBewusstsein». Ein Rückblick auf die Anfänge der Radio-Predigten in der Deutschschweiz, «Perspektiven»-Sendung vom 20.11.2005, (Tonaufzeichnung, 28 Min. 27 Sek.), Redaktion: Constanze Jecker, Schweizer Radio DRS2. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 103, 2009, S. 342-343.

Zitation
Martin Meier: Rezension zu: Jecker, Constanze: SendungsBewusstsein. Kirchliche Kriegskommunikation und die Anfänge der Radio-Predigten in der Schweiz 1925–1945. Freiburg 2009, in: H-Soz-Kult, , <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18665>.
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann). http://www.infoclio.ch/
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