O. Lagacherie (Hrsg.): Libanios, le premier humaniste

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Titel
Libanios, le premier humaniste. Études en hommage à Bernard Schouler. Actes du colloque de Montpellier, 18–20 mars 2010


Hrsg. v.
Lagacherie, Odile; Malosse, Pierre-Louis
Erschienen
Alessandria 2011: Edizioni dell'Orso
Umfang
VIII, 242 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Raphael Brendel, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die an sich erfreuliche Konvention der Festschrift krankt oftmals daran, dass die enthaltenen Aufsätze durch eine sehr breite Themenvielfalt gekennzeichnet sind, unter einem wenig aussagekräftigen Titel publiziert und daher oft wenig rezipiert werden. Es ist daher zu begrüßen, wenn für eine solche Ehrenschrift ein bestimmtes Spezialthema gewählt wird. Wenn dieses dann – wie im vorliegenden Fall – ein noch immer nicht vollständig erschlossener Autor wie Libanios ist, kann eine solche Festschrift nur als vorbildlich betrachtet werden. Der einleitende Beitrag der Festschrift für Bernard Schouler, einem Gräzisten aus Montpellier, stammt vom Gefeierten selbst. In „Libanios le premier humaniste“ (S. 1–18) diskutiert er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Sophisten, die Verwendung der von Libanios propagierten Werte und die Rolle des Demosthenes als Modell für politische Courage und rednerische Fähigkeit.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Band den wenig erforschten Deklamationen und Progymnasmata des Libanios, mit ihnen befassen sich vier Aufsätze: Mikael Johansson untersucht die Quellen der Deklamationen 9–10 und 17–23, die in der Zeit des klassischen Athen verortet sind (S. 35–44). Für die bereits ausführlich untersuchten Deklamationen 9 und 10[1] konstatiert er, dass herodoteischer Einfluss nicht nachweisbar sei; in den Deklamationen 17–23 sei dagegen der Einfluss des Demosthenes deutlich. Herodot sei Libanios somit bekannt – die explizite Nennung in Deklamation 3 (S. 37) beweist dies –, er werde allerdings in geringerem Ausmaß rezipiert, als bislang angenommen. Die Deklamationen 3 und 4, die in der Zeit des Trojanischen Krieges angesiedelt sind, betrachtet Robert J. Penella (S. 93–105). Neben dem angesichts des zuvor genannten Beitrages durchaus relevanten Ergebnis, dass Libanios hier auf Herodot zurückgreife, kommt Penella zu dem Schluss, dass das unkonventionelle Deklamationspaar, das nicht die Argumente beider Seiten nennt, sondern bei dem zwei Personen dieselbe Argumentation vertreten (hier Menelaos und Odysseus), vor dem Hintergrund griechischer Phantasien über eine vom Einfluss griechischer Kultur erfüllten Welt zu verstehen sei.

Craig A. Gibson untersucht die Rolle der paideia in den Progymnasmata des Libanios (S. 69–78). Er betont die Bedeutung des Demosthenes als Ideal und zeichnet den argumentativen Weg des Libanios nach, der auf die Hindernisse, die sich dem Schüler stellen, und auf die Vorteile, die der Gebildete aus der paideia ziehen kann, hinweist. Manfred Kraus analysiert die politischen und kulturellen Konzepte in den Progymnasmata des Libanios und des Aphthonios (S. 141–150). In Bezug auf die von diesen Sophisten bekämpften Tyrannen stellt er fest, dass damit kaum die Kaiser, sondern eher Verwaltungsbeamte gemeint seien. Die Vereinbarkeit betonten Heidentums und antimonarchischer Tendenz der Redner mit dem Leben in der christlichen Metropole Antiochia und in einem monarchischen System wurde laut Kraus durch die Toleranz der auch aus einstigen Schülern bestehenden staatlichen und kirchlichen Verwaltung in der Stadt und der weitgehenden Autonomie der Rhetorenschulen ermöglicht. Allerdings setzt diese These einen betont christlichen Charakter Antiochias voraus, der dann doch problematisch bleibt.[2]

Weniger Aufmerksamkeit finden die Briefe des Libanios: Guillermo Perez Galicia untersucht die Bedeutung der Begriffe ethos und paideia in den Briefen (S. 79–91). Bernadette Cabouret befasst sich mit den Empfehlungsschreiben des Libanios (S. 121–132) am Beispiel des Priskianos, ein Freund des Libanios (um 359–360), und des Thalassios, der Sekretär des Libanios in den 390er-Jahren. Cabouret stellt fest, dass Libanios Stil und Ton seiner Briefe an bestimmte Faktoren anpasst, darunter insbesondere an den Status des Briefpartners und das gegenseitige Verhältnis. Cabouret betrachtet die Empfehlungsbriefe als Form moralischen und sozialen Drucks, da sie den Empfänger zur Erfüllung eines auf ihn projizierten Modells eines guten Menschen animierten.

Die Beiträge zu den Reden des Libanios befassen sich zumeist mit häufig diskutierten Texten wie dem Antiochikos und der Autobiographie, berücksichtigen aber auch weniger bekannte Reden. Marilena Casella analysiert die Nutzung von Tiermetaphern in ihrer Anwendung auf Statthalter (S. 55–67), namentlich in den Reden 46 und 56 sowie in geringerem Ausmaß in Rede 57. Gilvan Ventura da Silva analysiert das Ideal der Stadt im Antiochikos (S. 133–140); Libanios hebe hier die Bedeutung des persönlichen Kontakts und der Interaktion für das städtische Lebens hervor. Catherine Saliou befasst sich mit der tryphe im Antiochikos des Libanios (S. 153–163). Auf Basis einer umfangreichen Belegsammlung stellt sie fest, dass die Bedeutung des Begriffes bei Libanios oftmals negativ ist, sich dies im Antiochikos allerdings differenzierter gestalte. Die Verwendungen in negativer Bedeutung dienten der Abgrenzung Antiochias von Rom und Konstantinopel; die auf Antiochia angewendeten Stellen, in denen der Begriff stets positiv verwendet wird, drückten dagegen ein wichtiges Element der antiochenischen Identität aus.

Lieve van Hoof untersucht die „career moves“, die karrierebedingten Ortswechsel, in der Autobiographie des Libanios (S. 193–206). Sie stellt eine deutliche Abweichung zwischen den dort gegebenen Gründen und den tatsächlich ermittelbaren Motiven des Libanios fest, welche die Autobiographie gezielt verschweigt. So kommt sie etwa zu dem Schluss, dass die Entscheidung, von Athen nach Konstantinopel zu ziehen, durch die dort gegebenen Aufstiegsmöglichkeiten bedingt war, wie auch Eunapios in seiner Libanios-Vita vermerkt. Die endgültige Entscheidung für die Stadt Antiochia sei durch ihre größere Bedeutung im Vergleich zum erst kürzlich zur Hauptstadt gewordenen Konstantinopel, durch die Rolle der Orontesmetropole als Kaiserresidenz und den größeren Einfluss des Libanios in seiner Heimatstadt bedingt.

Odile Lagacherie weist in ihren Ausführungen zu den „julianischen“ Reden 12 und 13 (S. 45–54) auf die Relevanz der verschiedenen Anlässe hin, um die Unterschiede zwischen den Reden zu erklären. Sie betrachtet die Reden als singuläre Werke, die Libanios im Bewusstsein seiner rhetorischen Meisterschaft gehalten habe.[3] Von besonderem Interesse ist die Erschließung der bislang kaum beachteten Rede 37 gegen Polykles durch Raffaella Cribiore (S. 167–175). Sie bietet neben einer Darlegung der Argumentation auch eine Teilübersetzung der Rede, in der Libanios gegen den Vorwurf eines ehemaligen Statthalters, Julian habe seine Frau Helena vergiftet, Stellung bezieht. Cribiore muss in ihrer Argumentation allerdings zuweilen vor den fehlenden Angaben in den Quellen kapitulieren – etwa bei der Frage nach den Hintergründen der von Libanios bekämpften Behauptung, dass Julian ganze Städte an Eunuchen verschenkt habe (S. 169).[4]

Zwei Aufsätze befassen sich mit der Rezeption des Libanios: Luigi-Alberto Sanchi untersucht die Bedeutung seines Werkes in der Renaissance (S. 19–31). Hierzu arbeitet er zunächst die Wertschätzung des Sophisten in Byzanz heraus und geht dann zum Interesse des Westens in der Renaissance über, wobei er Handschriften und deren Besitzer sowie Editionen und Übersetzungen mit einbezieht. Gabriele Marasco betrachtet das Bild des Libanios in den Quellen (S. 209–216). Der Schwerpunkt liegt auf den Sophistenviten des Eunapios, daneben werden das eunapianische Geschichtswerk, Zosimos, Sokrates Scholastikos und Sozomenos herangezogen; Photios und die Suda hätten zudem noch berücksichtigt werden können. Das Schweigen des Ammianus versucht Marasco damit zu erklären, dass der Einfluss des Libanios nur lokal begrenzt war (S. 215f.)[5], was indes angesichts der ausführlichen Schilderungen in den res gestae zum Aufenthalt Julians in Antiochia nur wenig zufriedenstellend ist. Die Annahme, dass auch Malalas aus diesen Gründen Libanios nur beiläufig streift (S. 216), kann dagegen angesichts des völlig anderen Charakters seines Werkes überzeugen.

Isabella Sandwell kommt in ihrer Studie zur Rolle der Divination bei Libanios (S. 107–119) zu dem Ergebnis, dass Libanios damit verbundene sprachliche Elemente nutzt, um Vorhersagen über das Verhalten von Personen zu beschreiben; zudem nutze er seine diesbezüglichen Angaben zur Verortung seiner eigenen Person in der Hierarchie und Gesellschaft seiner Zeit. Ugo Criscuolo führt in seinem Aufsatz zum späten Libanios (S. 177–191) durch dessen literarische Aktivität von etwa 362 bis 390, wobei zumeist die Kaiserreden betrachtet werden.

Der Wert des Bandes ist ein doppelter: Zum einen bietet er zahlreiche Aufsätze, die sich mit kaum erschlossenen Schriften des Libanios befassen; zum anderen umgeht er die eingangs erwähnten Probleme von Festschriften auf nachahmenswerte Weise. So dürften insbesondere Klassische Philologen und Philosophiehistoriker, aber auch Althistoriker mit Interesse an der griechischen Literatur der Spätantike den Band mit Gewinn nutzen, zumal der günstige Preis ihn leicht erschwinglich macht.

Anmerkungen:
[1] Mikael Johansson, Libanius’ declamations 9 and 10, Stockholm 2006.
[2] Der These einer christlichen Metropole Antiochia im 4. Jahrhundert mit konstant wachsendem christlichem Bevölkerungsanteil steht etwa Johannes Hahn, Gewalt und religiöser Konflikt, Berlin 2004, S. 148f. kritisch gegenüber.
[3] Eine Detailkorrektur sei angemerkt: Der Konsul von 363 ist nicht Salutius Saturninius Secundus, praefectus praetorio Orientis (S. 47: „Saloustios“), sondern Flavius Sallustius, praefectus praetorio Galliarum.
[4] Auch Malalas (13,23 S. 256,32–33 Thurn) spricht von Eunuchen, die Julian auf seinem Perserfeldzug begleitet hätten, was aber wohl eine Rückprojektion späterer Verhältnisse darstellt. Wahrscheinlicher dürfte sein, dass der von Eutropius (10,16,3) in seiner Beurteilung Julians angeführte Aspekt, der Kaiser sei seinen Freunden gegenüber freigiebig gewesen, habe sie aber nicht ausreichend sorgfältig ausgewählt, so dass einige seinem Ruhm geschadet hätten, hier in polemischer Absicht verzerrt wiedergegeben wird.
[5] Dies kann durch einige Indizien ergänzt werden: So fällt beispielsweise auf, dass Ammianus ebenfalls an keiner Stelle Julians Arzt Oreibasios oder den Rhetor Themistios erwähnt. Als Parallele lassen sich zudem die Charakterisierungen des Photios heranziehen, der Libanios in cod. 90 nur kurz abhandelt, dagegen etwa Eunapios (cod. 77), Olympiodoros (cod. 80) oder Himerios (cod. 165) ausführlicher bespricht.

Zitation
Raphael Brendel: Rezension zu: Lagacherie, Odile; Malosse, Pierre-Louis (Hrsg.): Libanios, le premier humaniste. Études en hommage à Bernard Schouler. Actes du colloque de Montpellier, 18–20 mars 2010. Alessandria 2011, in: H-Soz-Kult, 10.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18800>.
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10.09.2012
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