Cover
Titel
Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit


Autor(en)
Stengel, Katharina
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Campus Verlag
Umfang
641 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Philipp Neumann, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Weimar

Mit der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager am Ende des Zweiten Weltkriegs begannen ehemalige Häftlinge überall in Europa, sich zu organisieren. Auf der jeweiligen nationalen Ebene entstanden oft zahlreiche unterschiedlich zusammengesetzte Komitees, Verbände und Vereine Überlebender einzelner Lager, aber auch übergreifende Organisationen wie die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Deutschland. Zudem gründeten ehemalige Häftlinge mit der Fédération Internationale des Anciens Prisonniers Politiques (FIAPP) bereits im Frühjahr 1947 eine erste transnationale Organisation. In den frühen Nachkriegsjahren hatten viele dieser Verbände den Anspruch, das gesamte politische Spektrum sowie alle Verfolgtengruppen zu vertreten. Seit Ende der 1940er-Jahre kam es infolge des verschärften Ost-West-Konflikts auch innerhalb der Überlebendenverbände zur Spaltung und Polarisierung.

Ehemalige kommunistische Häftlinge versuchten dieser Entwicklung entgegenzuwirken, indem sie neue transnationale Organisationen bildeten. Als Nachfolgerin der FIAPP wurde 1951 die Fédération Internationale des Résistants, des Victimes et des Prisonniers du Fascisme (FIR) ins Leben gerufen, die ihrerseits umgehend begann, die Entstehung internationaler Komitees ehemaliger KZ-Häftlinge zu forcieren. Die ersten dieser neuen Verbände wurden im Januar bzw. April 1952 während internationaler Gedenkveranstaltungen in Auschwitz und Buchenwald angekündigt. Unmittelbare Ergebnisse dieser Initiativen blieben zunächst aus. Erst ab Mitte der 1950er-Jahre konstituierten sich diese und weitere internationale Lagerkomitees. Sie versuchten, über die durch den Kalten Krieg aufgerissenen Gräben hinweg Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit den ehemaligen Lagern zu nehmen und ihre (politischen) Botschaften in die Öffentlichkeit zu tragen. Einige der vor nunmehr sechs Jahrzehnten gegründeten Verbände sind bis heute aktiv. Obwohl den ehemaligen Häftlingen und den von ihnen gebildeten Organisationen damit eine herausragende Bedeutung bei der Erforschung und Erinnerung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen zukommt, finden sie als eigenständige Akteure erst seit etwas mehr als einer Dekade ein wachsendes Forschungsinteresse.[1]

Insbesondere das Internationale Auschwitz-Komitee (IAK) verzeichnete bis Anfang der 1960er-Jahre bemerkenswerte Erfolge. Sein erster Generalsekretär, der 1912 in Wien geborene Hermann Langbein, hatte daran entscheidenden Anteil. In seinem 100. Geburtsjahr erschienen nun zwei wissenschaftliche Biografien über ihn. Während Brigitte Halbmayr sich Langbeins gesamtem Leben widmet[2], konzentriert sich Katharina Stengel auf sein Wirken im IAK sowie zugunsten der gesellschaftlichen und strafrechtlichen Auseinandersetzungen mit den NS-Verbrechen in den 1950er-Jahren bis Mitte der 1960er-Jahre. Die Autorin möchte Langbeins Aktivitäten eng mit der Organisationsgeschichte des IAK verzahnen und strebt dadurch eine wechselseitige Kontextualisierung beider Bereiche an. Eine Geschichte des Komitees in dieser Phase könne nicht geschrieben werden, „ohne eine Geschichte Langbeins zu schreiben, umgekehrt ist aber auch eine Biographie Langbeins undenkbar ohne die Geschichte der Organisationen, für die er tätig war“ (S. 12).

Stengel legt ihre Darstellung chronologisch an und gliedert sie neben Einleitung und Resümee in acht Kapitel. Zunächst zeichnet sie Langbeins Lebensstationen bis Anfang der 1950er-Jahre nach und analysiert seine bis dahin verfassten Berichte über Auschwitz. Als Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und ehemaliger Spanienkämpfer war er 1941 als politischer Häftling zunächst in das KZ Dachau eingeliefert und im Jahr darauf in das Stammlager von Auschwitz überstellt worden. Dort gelangte er als Schreiber des SS-Standortarztes Wirths in eine herausragende Funktion innerhalb der von der SS eingesetzten Häftlingsverwaltung. Langbein nutzte diese Position, um Informationen über die Geschehnisse in dem riesigen Lagerkomplex zu sammeln, und wirkte im Widerstand mit. Nach seiner Rückkehr aus den Lagern widmete er sich unermüdlich der Aufklärung, Erforschung und strafrechtlichen Ahndung der NS-Verbrechen wie der Entschädigung der Opfer.

Im anschließenden Teil ihres Buchs liefert Stengel einen nützlichen Überblick zur Entwicklung der Organisationen NS-Verfolgter in West- und Osteuropa bis in die Anfangsjahre des Kalten Kriegs. Es folgen die ersten Jahre des IAK, an dessen Aufbau und Etablierung Langbein, 1954 bis 1960 Generalsekretär des Komitees, wesentlich mitwirkte. Diese Phase war geprägt von internen Auseinandersetzungen um die Schwerpunkte bei der Darstellung von Auschwitz und um das Auftreten des Komitees in der westlichen Welt. Weitere Konfliktherde waren zeitgenössische politische Entwicklungen und Ereignisse, insbesondere die gewaltsame Niederschlagung der Reformbewegung in Ungarn 1956 durch die Sowjetunion. Dass sich Langbein auch vor diesem Hintergrund immer stärker von der kommunistischen Weltsicht abwandte, führte nicht nur zu seinem Ausschluss aus der KPÖ, sondern letztlich auch zur Herausdrängung aus dem IAK. Zunächst versuchte Langbein innerhalb des Komitees allerdings integrierend zu wirken und betonte die Gemeinsamkeiten der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge wie den enormen Wert ihrer über die Blockgrenzen hinwegreichenden Organisation. Er setzte sich vehement dafür ein, den überparteilichen Charakter des Komitees herauszustellen und keinesfalls mit einseitigen Stellungnahmen zugunsten kommunistischer Staaten in Erscheinung zu treten, um die wachsende Reputation des IAK im Westen nicht zu gefährden.

Wie Stengel schlüssig nachvollzieht, war es maßgeblich Langbein zu verdanken, dass das IAK als Interessenvertreter bei Entschädigungsverhandlungen anerkannt wurde und auch einen gewissen Status bei westdeutschen Strafverfolgungsinstanzen wie der „Zentralen Stelle“ in Ludwigsburg sowie bei einzelnen Staatsanwaltschaften erringen konnte. So gelang es dem Komitee beispielsweise, Ermittlern in Westdeutschland Belastungsmaterial und Zeugenaussagen von jenseits des „Eisernen Vorhangs“ zur Verfügung zu stellen, insbesondere aus Polen. Stengels Verdienst ist es, erstmals detailliert die Mitwirkung ehemaliger Häftlinge in diesen Prozessen herauszuarbeiten. Letztlich blieb ihr Einfluss allerdings begrenzt, wie auch derjenige des IAK. Erwartungen der Überlebenden wurden immer wieder enttäuscht: So misslang die breite Einbeziehung ehemaliger Auschwitz-Häftlinge aus Osteuropa in Entschädigungsabkommen, und die Urteile westdeutscher Gerichte erschienen angesichts des ungeheuren Ausmaßes der in Auschwitz begangenen Verbrechen als völlig inadäquat.

Stengels Analyse macht deutlich, wie stark das IAK von der Initiative Einzelner geprägt und abhängig war. Dass maßgebliche Impulse für seine Aktivitäten von Hermann Langbein ausgingen, zeigte sich einmal mehr nach dessen endgültigem Bruch mit dem Komitee im Sommer 1961. Unter der neuen, eng an den polnischen Staat gebundenen (und nicht mehr primär an den Vorstellungen der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge orientierten) französisch-polnischen Komiteeführung wurde der Sitz des Generalsekretariats umgehend von Wien nach Warschau verlegt. Dadurch verringerten sich die Interventionsmöglichkeiten des IAK in Westdeutschland erheblich.

Wie die Autorin überzeugend belegt, konnte sich Langbein demgegenüber – teilweise bisherige Netzwerke nutzend, teilweise neue aufbauend – im Zuge des Frankfurter Auschwitz-Prozesses als nunmehr eigenständiger Experte etablieren. Unter größten Anstrengungen trug er wesentlich dazu bei, ehemalige Häftlinge in erheblichem Maße als Zeugen in die Verhandlungen einzubeziehen. In der Folge erwarb sich Langbein als Zeitzeuge, Spezialist und Autor wegweisender Publikationen über Auschwitz und das nationalsozialistische Lagersystem hohe Reputation.

Katharina Stengels Studie ist in doppelter Hinsicht sehr verdienstvoll: Sie würdigt die Bedeutung Hermann Langbeins und anderer ehemaliger Häftlinge als Akteure in erinnerungskulturellen Prozessen, bei Entschädigungsverhandlungen und Strafverfahren in den 1950er- und 1960er-Jahren. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, die Forschungslücke bei den von KZ-Überlebenden etablierten (trans)nationalen Organisationen zu schließen. Einzelne kleine Ungenauigkeiten sind dieser Arbeit, die in Teilen als Pionierstudie zu würdigen ist, nachzusehen[3]; deutlich überwiegt ihre hohe Qualität und Solidität.

Anmerkungen:
[1] Folgende Bände bieten einen Einblick in den jüngeren Forschungsstand: Fritz Bauer Institut / Katharina Stengel / Werner Konitzer (Hrsg.), Opfer als Akteure. Interventionen ehemaliger NS-Verfolgter in der Nachkriegszeit, Frankfurt am Main 2008 (rezensiert von Julia Kleinschmidt, in: H-Soz-u-Kult, 13.11.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-4-139> [03.04.2013]), und Andreas Ehresmann u.a. (Hrsg.), Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Akteure, Inhalte, Strategien, Berlin 2011 (rezensiert von Ulrich Fritz, in: H-Soz-u-Kult, 16.04.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-040> [03.04.2013]).
[2] Brigitte Halbmayr, Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein 1912–1995. Eine politische Biografie, Wien 2012 (rezensiert von Heinz P. Wassermann, in: H-Soz-u-Kult, 03.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-009> [03.04.2013]).
[3] So verlegt Stengel die Gründung des 1952 angekündigten und seit Ende 1954 aktivierten Internationalen Buchenwald-Komitees (IBK) auf „etwa 1960“ (S. 297). Vgl. dazu ausführlich Philipp Neumann, Das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und Kommandos. Geschichte eines politischen Erinnerungsaktivs überlebender KZ-Häftlinge (1952–2005), phil. Diss. Friedrich-Schiller-Universität Jena 2010.

Zitation
Philipp Neumann: Rezension zu: Stengel, Katharina: Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-Kult, 29.04.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19144>.