B. M. Bennett u.a. (Hrsg.): Science and Empire

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Titel
Science and Empire. Knowledge and Networks of Science across the British Empire, 1800-1970


Hrsg. v.
Brett M., Bennett; Hodge, Joseph M.
Erschienen
Basingstoke 2011: Palgrave Macmillan
Umfang
346 S.
Preis
€ 85,59
Rezensiert für H-Soz-Kult
Isabella Löhr, Universität Basel

Der Band über Wissenschaftsnetzwerke im britischen Empire reiht sich ein in die zahlreichen Publikationen der letzten Jahre, die als Reaktion auf die Herausforderungen von transnationaler und globaler Geschichte die für die britische Empire-Historiographie lange Zeit wesentliche Gegenüberstellung von Zentrum und Peripherie bzw. Mutterland und Kolonie in Zweifel ziehen zugunsten einer differenzierten Perspektive, die das Empire als Raum konzipiert, der geprägt wurde durch komplexe sowie wechselseitige Interaktionen und Praktiken. Die Herausgeber dieses Bandes, der an der University of Western Sidney lehrende Brett M. Bennett und Joseph M. Hodge von der West Virginia University in Morgantown, fügen diesen Forschungen eine dezidiert wissenschaftsgeschichtliche Perspektive hinzu. In seiner ausführlichen Einleitung , die den Leser in die verschiedenen Konjunkturen der imperialen Wissenschaftsgeschichtsschreibung einführt, erläutert Joseph M. Hodge den analytischen Ansatz des Bandes, der in Anlehnung an die new imperial history den netzwerkanalytischen Zugriff nutzt, um in vergleichender Perspektive zu untersuchen, „how knowledge moves from place to place and how it becomes stabilized; of how it is ‚disembedded‘ from the local setting in which it is produced and transmitted to the larger scientific community, and of how in the process it undergoes translation and transformation“ (S. 23).

Nach einer Einleitung des zweiten Herausgebers Brett M. Bennett in die Formen imperialer Wissenschaftsnetzwerke zwischen 1800 und 1970, setzt der Band dieses Anliegen in zwei großen Kapiteln um, die das 19. und frühe 20. Jahrhundert sowie den Zeitabschnitt zwischen den 1920er und den 1960er Jahren behandeln. In seinem einführenden Beitrag zum Verhältnis von Wissenschaft und Empire vor 1850 arbeitet John Gascoigne die analytischen Säulen heraus, auf denen die folgenden Beiträge maßgeblich beruhen. Mithilfe der von Bruno Latour vorgeschlagenen „cycles of accommodation“ (S. 55) führt Gascoigne das Netzwerkmodell als Analyseinstrument ein, das institutionelle sowie persönliche Kontakte, den Austausch von Forschungsergebnissen und -material und Forschungsreisen als Instrumente vorstellt, die das Bild einer strengen Hierarchisierung zwischen Großbritannien und Aktivitäten in Australien oder Indien als unglaubwürdig erscheinen lassen. Verstärkt wird dieses Argument durch den Hinweis, dass es Wissenschaftlern wie Joseph Banks nur schrittweise gelang, Wissenschaft in imperiale politische Agenden zu integrieren. Das Fehlen eines Ministeriums oder einer Abteilung in der britischen Regierung, die die britische Wissenschaft explizit koordiniert und politisch integriert hätte, stellt Gascoigne als Einfallstor für die Entstehung eines „polycentric communication network“ (S. 55) vor, das aus vielen wissenschaftlichen Zentren bestand, in das lokales Wissen einfloss und das durch permanente Standortwechsel von Wissenschaftlern fluide und teilweise dicht gewebt war. Auf dieser Grundlage zeigen Brett M. Bennett und Tamson Pietsch in ihren Beiträgen über die Entstehung der forstwissenschaftlichen Ausbildung in Indien zwischen 1855 und 1885 und über ein wissenschaftliches Netzwerk von britischen und australischen Anatomen Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die Grenzziehung zwischen Kolonie und Metropole auf Grundlage geographischer Begriffe tatsächliche Kooperationen und Kommunikationsverläufe nicht erfassen kann. Bennett zeigt in seinem Beitrag, dass der vermeintliche Import kontinentaleuropäischer Modelle der Forstwissenschaft nach Indien so nie stattfand, weil die in Indien tätigen Waldexperten deutsche oder französische Ansätze unterschiedlich rezipierten und auf je verschiedene Weise an die lokalen Gegebenheiten anpassten. In dieser Interpretation gab es damit keinen eindeutigen Transfer und keine hierarchische Implementierung europäischer Ansätze. Stattdessen verweist Bennett auf die Konkurrenz verschiedener Konzepte und Praktiken und den Stellenwert, den einzelne, gut organisierte Akteure bei der Umsetzung innehatten. Ähnlich argumentiert Tamson Pietsch, die anhand eines schottischen, lange Zeit in Australien forschenden Anatomen nachweist, dass eine imperiale wissenschaftliche Karriere durchaus in Australien starten und erfolgreich sein konnte. Voraussetzung hierfür waren persönliche Verbindungen, wissenschaftliche Zeitschriften, der Austausch von Schriften und Material innerhalb eines „sub-imperial space“ (S. 142), der geographische Distanz in den Hintergrund treten ließ zugunsten der sozialen und institutionellen Integration der in Australien arbeitenden Wissenschaftler in die britische Wissenschaftslandschaft. Umgekehrt argumentieren Rajive Tiwari und Peter H. Hoffenberg in ihren Beiträgen am Beispiel von Australien und Indien, wie das Eindringen wissenschaftlichen Wissens aus Großbritannien zur Herausbildung eines lokalen Selbstverständnisses führte. Hoffenberg legt dar, wie Wissenschaftler aus Australien Weltausstellungen als Plattform nutzten, um in ergänzenden Ausstellungen neue Techniken oder Wissen an regionale Standorte in Australien zurückzubinden. So wurden diese in die imperiale Wissenschaftslandschaft eingeschrieben und zugleich als eigenständig abgegrenzt. Tiwari führt anhand der Rezeption von Physik und Astronomie in Hindi-sprachigen Zeitungen und Zeitschriften einen differenzierten Rezeptionsprozess vor. Dieser zielte auf eine nuancierte Integration westlicher Forschungsergebnisse in traditionelle Wissensbestände, während gleichzeitig die Begriffe, in denen dieser Aneignungsprozess stattfand, das Bild einer bereits lange existierenden hinduistischen Wissenschaftstradition hervorbrachte.

Das zweite Großkapitel widmet sich dem Zeitraum vom Ersten Weltkrieg bis zur Dekolonialisierung. Diese Beiträge liefern ein weitaus heterogeneres Bild als die Texte der ersten Sektion des Bandes. Joseph M. Hodge führt die kritische Analyse der Heterogenität von Interessen und wissenschaftlichen Konzepten in den Kolonien fort, indem er anhand landwirtschaftlicher Entwicklungsprojekte in Afrika in den 1940er und 1950er Jahren das Bild einer stark durch lokale Kontextbedingungen geprägten kolonialen Wissenselite zeichnet. Gregory A. Burton analysiert anhand des Ernährungsexperten Albert Howard die Bedeutung einer Fachzeitung, um die herum sich in Indien in den 1920er und 1930er Jahren die „health food movement“ formierte, deren Anhänger sich eine zunehmende Unabhängigkeit in den britisch-indischen Institutionen vom metropolitanen wissenschaftlichen Mainstream für die eigene fachliche und politische Emanzipation zunutze machten. Eine umgekehrte Perspektive nimmt Christian Jennings in seinem Beitrag über britische Versuche an der ostafrikanischen Küste ein, zwischen 1917 und 1953 die Hochseefischerei zu erforschen. Dies scheiterte, so Jennings, an der Unfähigkeit britischer Wissenschaftler, die Fischereitraditionen vor Ort in die imperiale wissenschaftliche Imagination zu integrieren und Schnittstellen zwischen lokalen und britischen Netzwerken herzustellen.

Im zweiten Teil des Bandes verlassen einige Beiträge den eingangs vorgebrachten Fokus auf imperiale wissenschaftliche Netzwerke, die über die Analyse einzelner Karrieren, ihre Verankerung im imperialen Wissenschaftssystem, die konkreten Mittel und Wege einer solchen Vernetzung und die daraus resultierenden Konsequenzen für die Konstitution imperialer Wissen(-schafts)felder erschlossen werden sollen. Dem hätten die Herausgeber durch eine alternative Sortierung der Beiträge vorbeugen können, die nicht chronologisch angelegt, sondern analytischen Zugängen oder Themenfeldern gefolgt wäre. Sabine Clark thematisiert das Scheitern des Versuchs, mit dem Colonial Research Service in den 1940er Jahren eine neue Generation kolonialwissenschaftlicher Eliten heranzuziehen, was sie mit fachwissenschaftlicher Differenzierung und die Gründung wissenschaftlicher Spezialinstitute im kolonialen Kontext begründet. Adrian Howkins zeigt, wie Großbritannien zwischen 1939 bis zur Unterzeichnung des internationalen Antarktisvertrages 1959 das Argument besonderer wissenschaftlicher Expertise in Umweltfragen dazu nutzte, gegen argentinische und chilenische Widerstände tonangeben in der antarktischen Region zu bleiben. Die Beiträge von Matthew M. Heaton und Jennifer Gold schließen den Band mit (kollektiv-)biographischen Studien zu den Diskontinuitäten und Brüchen wissenschaftlicher Netzwerke während der Dekolonialisierung ab, Heaton am Beispiel des nigerianischen Experten für Psychatrie Thomas Adeoye Lambo und Jennifer Gold anhand von Konflikten über die Rekrutierung britischer Wissenschaftler mit kolonialem Hintergrund in die Food and Agricultural Organization.

Der Band versammelt eine Reihe lesenswerter Beiträge, die es dem Leser durch gezielte Bezugnahme aufeinander erleichtern, Querverbindungen herzustellen und Fallbeispiele besser mit dem eingangs formulierten Anspruch zu verbinden, die Wissenschaftsgeschichte des British Empire als eine Geschichte dynamischer personenbezogener oder institutioneller Netzwerke zu schreiben, die bei einem genauen Blick der strengen Trennung von Zentrum und Peripherie, Kolonie und Mutterland nicht standhalten. Über die Analyse einzelner kolonialer Karrieren, Institutionen oder wissenschaftlicher Organe gelingt es den Beiträgen in diesem Band, diesen Ansatz mit reichhaltigem Material zu beleben, auch wenn nicht alle Autoren das jeweilige Beispiel aus seiner Konkretheit herausführen und an übergeordnete Entwicklungen zurückbinden. Dennoch stellt sich am Ende die Frage, ob die Betonung lokaler Kontextbedingungen und der Fokus auf interimperiale wissenschaftliche Netzwerke zu wenig die Bedeutung von Machtungleichheit und Abhängigkeit reflektiert. Obwohl alle Beiträge diese Dimension berücksichtigen, lenkt das Bild der dynamischen Netzwerke und der daraus resultierenden Handlungsoptionen für die imperialen Eliten und für die lokalen Akteure in den Kolonien die Aufmerksamkeit auf die Figur des hybriden Wissens, die dazu neigt, Machtausübung in diesen Wissensnetzwerken und der damit verknüpften „imperial experience“ (S. 14) aufgehen zu lassen.

Zitation
Isabella Löhr: Rezension zu: Brett M., Bennett; Hodge, Joseph M. (Hrsg.): Science and Empire. Knowledge and Networks of Science across the British Empire, 1800-1970. Basingstoke 2011, in: H-Soz-Kult, 18.10.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19188>.
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Veröffentlicht am
18.10.2013
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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