T. Hammel: Lebenswelt und Identität

Cover
Titel
Lebenswelt und Identität in Selbstzeugnissen protestantischer Missionsfrauen in Britisch- und Deutsch-Neuguinea, 1884–1914.


Autor(en)
Hammel, Tanja
Erschienen
Hamburg 2012: Verlag Dr. Kovac
Umfang
228 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Hermann Mückler, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen Tagebücher von sechs Missionarsfrauen bzw. Missionaren der Schwesternmission – und das Tagebuch als Medium an sich. Dies macht die Autorin Tanja Hammel bereits im erläuternden Umschlagtext des vorliegenden Buches deutlich. Folgerichtig werden die Motive, die jemanden dazu bringen, ein Tagebuch zu führen, als Ausgangspunkt für weitere Erörterungen genommen. Zu diesen Motiven gehört der Wunsch, sich als Tagebuchschreiberin selbst zu thematisieren, das eigene Handeln zu legitimieren, sich innerhalb des jeweiligen sozialen Netzwerkes zu positionieren und die eigene Lebenswelt für interessierte Mitmenschen und Nachkommen zu dokumentieren. Wie aus dem Titel des Buches hervorgeht, geht es dabei auch zentral um den Begriff der Identität, und wie sich diese in Tagebuchform fassen und verschriften lässt, sodass für spätere Leser/innen Kernaspekte und Intentionen der Tagebuchschreiberinnen nachvollziehbar werden. Die Arbeit erschöpft sich nicht in der Darstellung und Nebeneinanderstellung von Tagebuchinhalten, die nur ihres Inhaltes wegen wiedergegeben werden. Vielmehr handelt es sich um ein sehr theoriegeleitetes Buch, in dem es um die reflexive Verschränkung von Frauen-, Missions-, Biographie- und Kolonialgeschichte geht. Im Mittelpunkt stehen dabei Begriffe wie Selbstzeugnis, Lebenswelt, Identität und soziale Netzwerke. Die Untersuchung von diskursiven Identitätskonstruktionen von Missionsfrauen in Neuguinea orientiert sich am Konzept der sogenannten „Lebenswelt“, das die Autorin in der Einleitung (S. 5) erläutert. Sie bezieht sich dabei auf Rudolf Vierhaus, der darunter die wahrgenommene Wirklichkeit von Individuen oder sozialen Gruppen meint, die diese denkend und handelnd produzieren; Hammel verschweigt aber nicht, dass es über einzelne Verwendungskontexte kontroverse Debatten gibt. Die Kernfragen, die dieses Buch zu beantworten versucht, sind klar formuliert: Wie beschrieben die Frauen ihre Lebenswelt? Wie stellten sie ihre multiplen Rollen dar? Welche Erlebnisse wurden aus welchen Gründen geschildert? Welche zeitgenössischen öffentlichen Diskurse wurden von den Frauen rezipiert und wie wirkten sich diese auf ihre Identitätskonstruktion im Feld aus?

Tanja Hammel hat sechs Frauen herausgegriffen; alle sechs waren Missionarsfrauen, drei von ihnen wirkten im unter deutscher Kolonialverwaltung stehenden nordöstlichen Teil Neuguineas, drei Frauen wirkten im unter britischer bzw. australischer Verwaltung stehenden südlichen Teil Neuguineas. Konkret handelt es sich bei den drei deutschen Frauen um: 1.) die aus Dorsten stammende Johanna Diehl-Bleidorn (1881–1946), die den protestantischen Missionar der Rheinischen Mission Wilhelm Diehl ehelichte und diesem ins Missionsgebiet nach Deutsch-Neuguinea folgte; 2.) um die aus Schwaben stammende Johanna Fellmann-Class (1876–1962), die als 20-jährige den methodistischen Pastor Heinrich Fellmann heiratete und diesem auf seine Station nach Raluana, nahe Herbertshöhe, folgte, und 3.) um Justine Wilhelmine Caroline Vetter-Schmidt (1874–1922), die, aus Bayreuth Herzogmühle kommend, den Missionar der Neuendettelsauer Mission Konrad Vetter ehelichte und diesem nach Stephansort folgte. Auf britischer Seite handelte es sich ebenfalls um drei Missionarinnen: 1.) die aus dem südaustralischen Adelaide stammende Methodisten-Missionsschwester Minnie Mabel Billing (1869–1901), die eine Zeit lang auf Dobu (Trobriand Inseln) stationiert war, bevor sie aus Gesundheitsgründen nach Fidschi wechselte; 2.) die aus Ballarat, Australien, stammende Jane Tinney (1867–?), die ab 1892 ebenfalls auf Dobu stationiert war, bevor sie, ebenfalls aus Gesundheitsgründen, nach Australien wechselte, wo sie im Northern Territory missionarisch tätig war; und 3.) die aus dem englischen Harrowgate stammende Eleanor J. Walker (1862–1940), die ebenfalls in der Schwesternmission auf Dobu rund zehn Jahre tätig war, bevor sie nach Australien wechselte.

Die drei aus Deutschland stammenden Frauen waren zuerst in ihrer Eigenschaft als Missionarsehefrauen auf verschiedene Missionsstationen nach Deutsch-Neuguinea gegangen, leisteten dort jedoch echte und substantielle Missionsarbeit an der Seite ihrer Gatten und hatten ihre eigenen selbstständigen Aufgabengebiete inne. Dagegen waren die britischen bzw. australischen Frauen alle auf der von Missionar William E. Bromilow und seiner Frau Lily ab 1891 gegründeten Station Dobu auf den Trobriand Islands tätig. Die Lebenswege der sechs Frauen waren für sich sehr unterschiedlich, auch wenn man geneigt ist, die drei deutschen und die drei britisch-australischen Frauen als je zwei ähnlich gelagerte Blöcke ansehen zu wollen. Tanja Hammel begründet, warum sie gerade diese Region und diese Personen gewählt hat: Durch den Verzicht auf eine Auswahl von Frauen aus verschiedenen Weltregionen will sie einerseits eine Projektion von Verhältnissen aus anderen Kolonien auf Ozeanien verhindern. Andererseits verweist sie darauf, dass sich die Diaristinnen, wie sie die Tagebuchverfasserinnen nennt, teilweise kannten und sich in ihren Tagebüchern gegenseitig erwähnen.

Für den Rezensenten steht die Frage im Raum, inwieweit das Werk von Frau Hammel eine theorielastige deskriptiv-analytische Arbeit bleibt, oder ob es der Autorin gelingt, auch atmosphärisch die Dramatik von in den Tagebüchern dargestellten Ereignissen so wiederzugeben, dass damit dem geneigten Lesepublikum eine Art der Nachvollziehbarkeit der Leistungen und Anstrengungen der sechs Missionsfrauen möglich ist. Vorweg: es gelingt Frau Hammel. Durch das Herausgreifen zahlreicher anschaulicher Episoden, bei denen sie Auszüge aus den Tagebüchern im Wortlaut zitiert, ist die Nachvollziehbarkeit der Kernaussage gegeben: Die sechs Frauen waren vor Ort, „im Feld“, Herausforderungen und Belastungen unterworfen, mit denen physisch und psychisch umgegangen werden musste. Die Frauen wählten dazu Strategien, die sich letztlich auf die gemeinsame Grundkonstante zurückführen lassen, dass ein extrem starker Glaube an die Sache und an die Kraft Gottes Halt geben konnte. Mannigfache Beziehungsverhältnisse, insbesondere die Beziehungen zur indigenen Bevölkerung, aber auch – bei den drei deutschen Frauen – die Kommunikation mit dem eigenen Ehemann, werden thematisiert und Strategien des Umgangs mit auftauchenden Problemen skizziert. Die Tagebücher dienten den Schreiberinnen der Sinnkonstruktion, der Selbstbestärkung und der Reflexion des eigenen Tuns. In gewissem Sinn hatten sie therapeutische Wirkung für die Tagebuchschreiberinnen.

Generell kann gesagt werden, dass sich das Werk von Tanja Hammel gut in die fachwissenschaftlichen Theoriediskussionen zu den eingangs genannten Themenbereichen einbindet. Die komparative Untersuchung gibt der Leserschaft die Möglichkeit die wechselnden Rollen der Frauen im Umgang mit Einheimischen, mit anderen Missionsschwestern, mit Kolonialfrauen allgemein sowie mit Händlern, Seeleuten, Kolonialadministratoren usw. zu beobachten. Das Fazit trägt der Tatsache Rechnung, dass es sich bei allen sechs Frauen, deren Weg in die Mission durch persönliche Schicksalsschläge, tiefe innere Überzeugung oder „Gottes Ruf“ vorgebahnt war, um starke Persönlichkeiten handelte, die teilweise mit „eiserner Hand“ (Hervorhebung von Tanja Hammel, S. 164) Schwierigkeiten im kolonialen Alltag meisterten.

Frau Hammel gibt umfangreiche Literaturverweise und thematisiert die Sicht- und Interpretationsweisen jener Fachleute, auch aus dem nicht-deutschsprachigen Raum, die ähnlich gelagerte Arbeiten verfasst haben; insgesamt überwiegen jedoch eher Literaturangaben zu deutschsprachigen Werken, was der Tatsache, dass hier die Hälfte der Tagebuchschreiberinnen Deutsche waren, geschuldet sein mag. Die Bibliographie ist umfangreich und in ungedruckte Quellen, gedruckte und editierte Quellen, Missionszeitschriften, sowie ein Fachliteraturverzeichnis gegliedert. 38 Schwarz-Weiß-Bilder, vier Karten, ein Anhang, der einen chronologischen Überblick über die Missionsgeschichte in Neuguinea gibt, zudem zusammenfassende Kurzporträts der sechs Tagebuchschreiberinnen sowie dreier weiterer „Selbstzeugnisverfasserinnen“ runden diesen Band ab. Bedauerlich ist, dass die meisten der Abbildungen sehr kleinformatig und manchmal mit sehr schlechter Bildqualität in den Text eingebaut sind, manche sich sogar überlagern, und sich daher deren Inhalte nur bei sehr genauem Hinsehen erschließen.

Das Buch von Tanja Hammel richtet sich nicht nur an an Missionsgeschichte Interessierte, sondern stellt einen substantiellen Beitrag zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Melanesiens bzw. Ozeaniens aus einem biographiegeschichtlichen Blickwinkel dar. Der Band kann absolut zum Kauf empfohlen werden.

Zitation
Hermann Mückler: Rezension zu: Hammel, Tanja: Lebenswelt und Identität in Selbstzeugnissen protestantischer Missionsfrauen in Britisch- und Deutsch-Neuguinea, 1884–1914. Hamburg 2012, in: H-Soz-Kult, 02.04.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19320>.