Cover
Titel
Hanoi's War. An International History of the War for Peace in Vietnam


Autor(en)
Nguyen, Lien-Hang T.
Erschienen
Umfang
444 S.
Preis
€ 26,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Martin Grossheim, Universität Passau

Zum Vietnam-Krieg ist mittlerweile eine schon fast unübersehbare Anzahl von Studien erschienen – vor allem in den USA, für die der Fall von Saigon am 30. April 1975 die erste militärische Niederlage darstellte und sich zu einem regelrechten „Vietnam-Syndrom“ entwickelte. So befassen sich die meisten der englisch-sprachigen Untersuchungen aus US-Perspektive und auf der Grundlage von US-Quellen mit der Frage, warum die amerikanische Großmacht in Vietnam intervenierte und warum sie den Krieg verlor. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten ist diese einseitig US-zentrische Sicht des Vietnamkrieges durch Studien revidiert worden, die zunehmend die vietnamesische Perspektive des Krieges beleuchten und die vietnamesischen Konfliktparteien nicht mehr als Spielbälle der amerikanischen, sowjetischen oder chinesischen Politik, sondern als aktiv Handelnde darstellen – Edward Miller und Tuong Vu sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Vietnamisierung der Studien zum Vietnamkrieg“.[1] Dieser Perspektivenwechsel ist auch dadurch bedingt, dass seit dem Ende des Kalten Krieges in den ehemals sozialistischen Staaten und auch zum Teil in Vietnam selbst Quellenbestände zugänglich geworden sind, die eine neue Sicht des Vietnamkrieges ermöglichen.

Hiervon profitiert auch die Monographie von Lien-Hang T. Nguyen, einer US-Historikerin vietnamesischer Abstammung. Die Arbeit stützt sich auf Quellen aus dem vietnamesischen Nationalarchiv, dem Archiv des vietnamesischen Außenministeriums, amerikanischen, britischen und französischen Archiven sowie auf eine Vielzahl vietnamesisch-sprachiger Veröffentlichungen.

Der Titel des Buches „Hanoi’s War“ ist programmatisch – im Mittelpunkt steht nicht die Politik der US-Administration, sondern die der nordvietnamesischen Führung. Die Monographie gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil analysiert Lien-Hang T. Nguyen den Aufstieg von Le Duan zum mächtigsten Politiker Nordvietnams. Danach gelang es Le Duan nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Arbeiterpartei Vietnams 1960 zusammen mit Le Duc Tho, dem Leiter der Abteilung für Parteiorganisation, durch den Aufbau eines Sicherheitsapparates die eigene Machtposition zu konsolidieren und die eigene militante Linie in der Frage der Wiedervereinigung Vietnams gegen Widerstand in der Partei durchzusetzen. Damit korrigiert die Autorin das Bild von einer angeblich homogenen politischen Führung in Hanoi und stellt mit Le Duan den Politiker in den Vordergrund, der tatsächlich die wichtigen Entscheidungen fällte, aber bis heute im Ausland vom Charisma Ho Chi Minhs, der Ikone der vietnamesischen Revolution, überstrahlt wird.

Wenn auch die dominante Position Le Duans im nordvietnamesischen Machtapparat mittlerweile in der Vietnamforschung unstrittig ist, so überzeichnet die Autorin doch die Zielsetzung seiner Wiedervereinigungsstrategie. Ihre These, Le Duan habe auch deshalb eine aggressive Wierdervereinigungsstrategie befürwortet, um von inneren Problemen (fehlgeschlagene Landreform in den 1950er-Jahren, Probleme bei der Kollektivierung der Landwirtschaft) abzulenken und durch einen Krieg die Bevölkerung wieder geschlossen hinter der Partei zu vereinen, erscheint übertrieben und wird nicht durch Quellen belegt. Fraglich ist auch, ob Le Duan, wie von Lien-Hang T. Nguyen in ihrem Buch wiederholt behauptet wird, einen „totalen Krieg“ befürwortete, um die Wiedervereinigung des Landes zu erlangen. Tatsächlich wollte Hanoi nach dem Staatsstreich gegen den südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem Ende 1963 die Gunst der Stunde nutzen, um durch eine Intensivierung des revolutionären Kampfes den Sturz der Regierung in Saigon zu erwirken – allerdings vor der befürchteten großangelegten US-Intervention mit Bodentruppen.

Als dieser Plan dann nicht aufging und die USA vor einem entscheidenden Schlag der südvietnamesischen Befreiungsfront NLF und regulärer nordvietnamesischer Verbände intervenierte, nahm die Hanoier Führung unter Le Duan den „totalen Krieg“ ihrerseits an und zeigte sich entschlossen, für den endgültigen Sieg immense Opfer zu bringen und große Risiken einzugehen – Thema des zweiten Teils der Monographie. Lien-Hang T. Nguyen zeigt hier im Einzelnen, wie Le Duan seine „Strategie der Generaloffensive und des Allgemeinen Aufstands“ gegen Opposition innerhalb der Partei, insbesondere von Verteidigungsminister Vo Nguyen Giap und Präsident Ho Chi Minh, durchsetzte. Während Le Duan davon überzeugt war, eine Großoffensive würde einen Volksaufstand in Südvietnam auslösen und damit die entscheidende Wende im Krieg erwirken, warnte die moderate Fraktion um General Giap davor, dass die revolutionären Kräfte im Süden noch nicht zu einer solchen militärischen Aktion bereit seien. Den Machtkampf im Politbüro konnte Le Duan schließlich für sich entscheiden, indem er ab Mitte 1967 die größte Säuberung in der Geschichte der kommunistischen Partei Vietnam initiierte. Da viele der Verhafteten enge Mitarbeiter von Vo Nguyen Giap waren, wurde letzterer durch die Aktion isoliert. Mit dieser Analyse trägt „Hanoi’s War“ zum besseren Verständnis der immensen innenpolitischen Dimension der Großoffensive, die schließlich im Januar 1968 während des vietnamesischen Neujahrsfestes in Südvietnam begann, bei.

Wie Lien-Hang T. Nguyen im Folgenden deutlich macht, waren die Tet-Offensive und die nachfolgenden „kleinen Tet-Offensiven“ im Frühjahr und Sommer 1968 mit massiven Verlusten vor allem auf Seiten der NLF verbunden und führten nicht zum erhofften Volksaufstand im Süden. In den USA hatte die Tet-Offensive jedoch eine Änderung der Politik zur Folge, die in Friedensverhandlungen mit der nordvietnamesischen Führung mündete, deren Verlauf im Detail im dritten und vierten Teil von „Hanoi’s War“ analysiert wird.

In den letzten Kapiteln kann das Buch den Anspruch, der im Untertitel „An International History of the War for Peace in Vietnam“ erhoben wird, am eindrucksvollsten erfüllen. Die Autorin zeigt, wie die Führung in Hanoi ab 1969 mit der Strategie des „gleichzeitigen Kämpfens und Verhandelns“ (đánh và đàm) in einer immer komplizierter werdenden internationalen Machtkonstellation versuchte, ihre Ziele zu erlangen. Ab ca. 1970 wurden die Risse im zuvor sehr engen Verhältnis der Demokratischen Republik Vietnam zur Volksrepublik China immer größer. Nach den historischen Besuchen von US-Präsident Nixon in Peking und Moskau wurde es für die nordvietnamesische Führung schwieriger, ihre chinesischen und sowjetischen Verbündeten gegeneinander auszuspielen, und sie sah sich zeitweise marginalisiert.

Vor diesem Hintergrund beschreibt Lien-Hang T. Nguyen den langen Weg zum Pariser Friedensabkommen. Der Versuch Hanois, 1972 durch eine militärische Offensive eine Wende zu erzwingen und den Entspannungsprozess zu beeinträchtigen, schlug fehl. Le Duan war damit endgültig gezwungen, seine „Strategie der Generaloffensive und des Allgemeinen Aufstands“ aufzugeben und mit Hilfe seines engen Vertrauten Le Duc Tho eine Lösung am Verhandlungstisch in Paris zu suchen – jedoch immer mit der Vorgabe, schmerzliche Zugeständnisse wie 1954 in Genf zu vermeiden. Etwas spät tritt die Saigoner Regierung im Buch auf die Bühne. Die Autorin zeigt, wie der südvietnamesische Präsident Nguyen Van Thieu 1972 durch seine Obstruktionspolitik einen Friedensschluss zunächst verhindern konnte. Der Frieden von Paris vom Januar 1973 besiegelte den Abzug der USA aus Vietnam, brachte aber keinen Frieden. Nach einer erfolgreichen Offensive, die nach dem 1969 verstorbenen Präsidenten Ho Chi Minh benannt wurde, fiel Saigon am 30. April 1975.

"Hanoi’s War" zeigt auf beeindruckende Weise, dass die nordvietnamesischen Führer als „kleine Akteure“ im Vietnamkonflikt eine sehr viel größere Rolle spielten, als dies gemeinhin angenommen wird, und stellt damit einen wichtigen Beitrag nicht nur zur Erforschung des Vietnamkrieges, sondern auch zu den „Cold War Studies“ im allgemeinen dar. Dass die Autorin in ihrer Analyse der Entscheidungen und Reaktionen Le Duans, den sie als Hauptakteur in der Hanoier Führung vorstellt, häufig auf Spekulationen angewiesen ist (S. 97, 191), zeigt aber auch, dass sich ihre Aussagen stellenweise auf einer dünnen Quellenbasis bewegen. Die Öffnung des Parteiarchivs in Hanoi würde einen besseren Einblick in die Entscheidungsfindung der nordvietnamesischen Führung während des Krieges ermöglichen. So weit geht die Öffnungspolitik in Vietnam jedoch noch nicht.

Anmerkung:
[1] Edward Miller / Tuong Vu, The Vietnam War as a Vietnamese War. Agency and Society in the Study of the Second Indochina War, in: Journal of Vietnamese Studies 4 (2009) 3, S. 1–16.

Zitation
Martin Grossheim: Rezension zu: Nguyen, Lien-Hang T.: Hanoi's War. An International History of the War for Peace in Vietnam. Chapel Hill 2012, in: H-Soz-Kult, 28.06.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19399>.
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Veröffentlicht am
28.06.2013
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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