G.R. Krippner: Capitalizing on Crisis

Cover
Titel
Capitalizing on Crisis. The Political Origins of the Rise of Finance


Autor(en)
Krippner, Greta R.
Erschienen
Cambridge, MA 2011: Harvard University Press
Umfang
240 S.
Preis
$ 41.50 / £ 30.95 / € 37,40
Rezensiert für H-Soz-Kult
Felix Krämer, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Bücher über Finanzmärkte und Schulden haben Konjunktur. Von einer 5000-jährigen Schuldengeschichte bis in die Gegenwart einer US-Gesellschaft als „Schuldnernation“ des 20. und 21. Jahrhunderts werden besonders in den Vereinigten Staaten unzählige Bände zum Themenfeld verkauft.[1] Bei genauem Hinsehen kristallisieren sich wenige Arbeiten heraus, die auf Basis eigener Forschungsleistung eine Idee davon entwickeln, in welche historischen Stränge die Finanzkulturen der Gegenwart verstrickt sein könnten.[2] Das zu besprechende Buch der Soziologin Greta Krippner gehört dazu. Es schaut auf eine Entwicklung des US-Finanzmarktes im Verlauf der vergangenen vier Jahrzehnte. Die zeitgeschichtliche Betrachtung stellt ökonomische Rationalitäten seit den 1970er-Jahren in einen Zusammenhang mit dem Sozialen in den USA. Der Kampf unterschiedlicher Gruppen – und dabei nicht zuletzt der Mittelschicht – um Zugang zu Ressourcen und Krediten hat Verantwortliche des Gemeinwesens dazu verleitet, den Finanzmarkt zu forcieren, um Verteilungsentscheidungen zu umgehen, so die These. Krippner stellt das in einen Zusammenhang mit einer Krise der 1970er-Jahre, die in ihrer Lesart drei Facetten gehabt haben soll: eine soziale, eine fiskalische und eine legitimatorische (S. 16 u. 24). In diesem Sinne liefert das Buch unter dem Titel „Capitalizing on Crisis“ tatsächlich eine innovative Idee zur Ursache politischer Verschiebung, die mit der Ausweitung des Finanzsektors zu tun hat und die dessen Boom gleichzeitig als paradoxes Ergebnis sozialer Kämpfe beschreibt.

Ausgehend von der unstrittigen Feststellung, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten der Finanzsektor innerhalb der US-Ökonomie expansiv entwickelte, macht die Autorin im einleitenden Kapitel drei verschiedene Richtungen wirtschafts- bzw. sozialwissenschaftlicher Problematisierung aus. Eine auf Hyman Minskys Überlegungen aus den 1970er-Jahren zurückgehende Richtung sieht Spekulationsblasen als integralen Teil des Wertpapierhandels (S. 4). Die zweite Richtung kreist um den Begriff des „Shareholder Value“. Organisationstheoretiker/innen hätten in der massiven Umgestaltung der produktiven Firmenwelt zugunsten von Renditeinteressen und der Verlagerung auf Finanzdienstleistungen das Problem der Entkopplung von der Warenproduktion beschrieben. Die Sicht erkläre den Umbau der Industrie hin zu einer am Finanzmarkt orientierten Ökonomie, nicht aber die Rolle der Politikstrategen (S. 7–9). Die dritte und letzte Interpretationsschiene findet Krippner in den diversen Perspektiven aus dem Spektrum der Weltsystem-Theorie, in deren Kontext sie manche ihrer Überlegungen stellt, die sie aber insgesamt zu abstrakt findet, um konkrete Antworten auf spezifische Fragen nach den gesellschaftspolitischen Bedingtheiten des Finanzsektors zu liefern (S. 10ff.). Krippner stellt fest, dass sich nicht, wie von Daniel Bell bereits in den 1970er-Jahren prognostiziert, eine postindustrielle Servicegesellschaft durchgesetzt habe, sondern einer Art Finanzschattenwirtschaft mit undurchsichtigen Anlegerinteressen die Tür geöffnet worden sei (S. 20).[3] Warum und wie Politiker als Vertreter des Gemeinwesens diesen Prozess beförderten, jener Frage geht Krippner im Verlauf ihres Textes entlang der drei angesprochenen Krisenfacetten nach.

Zunächst wendet sich das Buch jedoch im zweiten Kapitel dem Begriff „financialization“ zu und erklärt auf selbst zusammengetragener Datenbasis, warum der Begriff die Entwicklung der US-Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten adäquat beschreibt (S. 27). Die Autorin hat Daten von den 1950er-Jahren bis zur Jahrtausendwende erhoben und kommt zu dem Ergebnis, dass ab den 1970er-Jahren von „financialization“ gesprochen werden kann – das heißt: einem übergriffigen Finanzsektor, der in Industrie und Gesellschaft drängte. Neben den Zuwächsen der Finanzindustrie betrachtet Krippner die Transformation innerhalb großer Unternehmen wie beispielsweise General Electrics (General Capital) oder General Motors, die immer mehr Finanzdienstleistungen in ihre Angebotspalette integrierten. Auch kleinere Firmen folgten diesem Trend (S. 29). Nach Einschätzungen darüber, wie große Teile der Produktion später durch Outsourcing global verlagert wurden, lässt die Sozialwissenschaftlerin ihre Erhebung 2001 enden und rechtfertigt die Zäsur damit, dass sich nach dem Einbruch des Aktienmarktes in jenem Jahr das System des Finanzmarktes geändert habe (S. 30).

Die Kapitel 3 bis 5 verfolgen die Hauptschlagader der Argumentation. Beginnend an unterschiedlichen Startpunkten werden politische Motive zur Öffnung der Ökonomie und zur Hinwendung des Gemeinwesens zum Finanzmarkt erklärt. Unter dem Titel „The Social Politics of U.S. Financial Deregulation“ wendet sich das dritte Kapitel der Beantwortung einer „sozialen Krise“ zu. Krippner zeigt, wie von den 1960er-Jahren bis in die 1990er-Jahre die Deregulierung der nationalen Finanzmärkte Schritt für Schritt zur dominanten wirtschaftspolitischen Praxis wurde (S. 58f.). In Reaktion auf Inflation, abgeschwächtes Wirtschaftswachstum und gesellschaftliche Konkurrenz um Ressourcen wurde die Kontrolle über das Geldgeschäft einem Markt geöffnet, der nun jenseits staatlicher Regulierung über Kreditnehmerschaft und Preisgestaltung entschied. Dies enthob die Politik der Wahl, ob sie Kredite in Richtung Industrie oder Privatinvestition, in Richtung kleinerer oder größerer Unternehmungen vergeben sollte. Die Marktöffnung war Ergebnis und zugleich keine Lösung eines sozialen Verteilungskampfes, wie Krippners Betrachtung nahe legt. Teure Kredite flossen durch Wirtschaft und Gesellschaft. Auch die Staatsschulden wuchsen und wurden wiederum zu einer Belastung für den Schuldenmarkt (S. 85).

Die „Fiskalkrise“ steht im Anschluss im Zentrum des vierten Kapitels. Der Text wendet sich der Finanzpolitik der Reagan-Administration zu. Ihr fielen die globalen Finanzmärkte als Refinanzierungs-Reservoir der US-Haushalte in die Hände, was Teil des in den vorherigen Kapiteln beschriebenen diachronen Prozesses in Richtung „financialization“ war und Staatsdefizit wie Schulden der USA in den 1980er-Jahren in eine andere Sphäre versetzte. Wie die Entscheidung der Nixon-Regierung, das oft erwähnte Abkommen von „Bretton Woods“ 1973 aufzukündigen, um den Dollar vom Gold zu entkoppeln, für die Schulden-Politik des kommenden Jahrzehnts die Vorbedingung schuf, beschreibt Krippner in einem konzisen und äußerst lesenswerten historisierenden Unterkapitel (S. 88–92). Das Zusammenwirken von dereguliertem und sich globalisierendem Finanzmarkt perpetuierte einen Trend, in dem durch hohe Preise für Geld provoziert Firmen wie Privatinvestoren Käufen von Finanzanteilen, Immobilien oder Kunst den Vorzug vor Anteilen an langfristig produzierenden Gewerbefirmen gaben. Die Autorin stellt dar, dass ein Resultat dieser Bewegung in Richtung Finanzmarkt eine Verschiebung der Inflation vom Geld in die Finanzökonomie gewesen sei – wo die Abwertung der Werte nicht mehr zu erkennen war (S. 103). Die Regierung nutzte die unerwartete Lösung der staatlichen „Fiskalkrise“, kam auf globalen Finanzmärkten zu Krediten und verschob das Problem in die Zukunft, wie Krippner am Ende ihres vierten Kapitels ausleuchtet (S. 104f.).

Das fünfte Kapitel dreht sich um die wohl abstrakteste Facette des Krisenszenarios, das Krippner zum Korsett ihres Buchs gemacht hat. Die „Legitimationskrise“ der staatlichen Lenkung der Wirtschaft wirkt in Krippners Lesart anscheinend deshalb so lange nach, gerade weil die Politikmacher dieser Krisenfacette seit den 1980er-Jahren mit Delegierung von Verantwortung in einen unkontrollierten Markt zu begegnen versuchten (S. 25/139f.). Noch 1979 hatte die „Federal Reserve“ unter Paul Volcker sich zum Monetarismus bekannt (S. 114ff.). Nach den Versuchen, die Probleme von Inflation und hohen Zinsen zu Beginn der 1980er-Jahre über die Geldmenge zu kontrollieren, macht Krippner ab 1982 eine Tendenz aus, dem Finanzmarkt „zu folgen“ (S. 120). Alan Greenspans Politik als Chef der US-Notenbank ab 1987 verfolgt sie durch die 1990er-Jahre hindurch bis zum Jahrtausendwechsel (S. 123ff.). Anhand einer Episode spitzt Krippner die Haltung der Finanzlenker am Ende ihres Betrachtungszeitraumes zu: Greenspan hatte auf die Sorge, dass die Maßnahmen der US-Notenbank zugunsten der freien Finanzmärkte nach dem Aktien-Crash 2001 nur immer neue spekulative Erwartungen wecken würden, was die Bank so in einer fatalen Spirale hielte, in tiefem Vertrauen auf die „Weisheit des Marktes“ erklärt: „I think the market [will] take us off the treadmill.“ (S. 137)

Im Fazit zu ihrer Arbeit beschreibt die Soziologin die Verlagerung von politischen Verteilungsfragen auf den Finanzmarkt als „Depolitisierung des Ökonomischen“ (S. 144ff.). An manchen Stellen des Buches hätte man sich eine dezidiertere Auseinandersetzung mit Mechanismen von Hegemonie innerhalb der beschriebenen Prozesse um „financialization“ wünschen können. Dabei hätten sowohl Profiteure klarer konturiert werden können, aber auch diejenigen Gruppen, welche über die vergangenen vier Dekaden in all den beschriebenen Konfigurierungen und Verschiebungen gesellschaftlicher Systeme durch den Finanzmarkt immer wieder ihre Chancen auf Teilhabe verloren hatten. Dieses weiterführende Interesse tut aber der Leistung des Textes keinen Abbruch, der Diskussion um das Finanzsystem in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus neue Perspektive zu liefern. Krippner macht am Ende klar, dass es sich bei den sogenannten „Finanzkrisen“ der Gegenwart um das Ergebnis eines diskursiv-materiellen Regimes handelt, das stark in der US-Zeitgeschichte verwurzelt ist. Umso dringlicher erscheint seine Hinterfragung, da es die ihm angetragene Verteilung von verknappten Ressourcen in gegenwärtiger wie modifizierter Form nicht leisten wird. Daher fordert Krippner eine gesellschaftliche Debatte um Prioritäten und politische Verantwortungsübernahme in der Verteilung von Ressourcen (S. 150). Die argumentative Unterfütterung solcher Forderungen ist das hervorzuhebende Verdienst des Bandes.

Anmerkungen:
[1] David Graeber, Debt. The First 5,000 Years, New York 2011; Louis Hyman, Debtor Nation. The History of America in Red Ink, Princeton 2011; Louis Hyman, Borrow. The American Way of Debt, New York 2012. Die Mehrzahl jener Veröffentlichungen ist getragen von einer Inflation an Krisenklagen – vgl. kritisch zu Krisenbeschreibungen: Thomas Mergel (Hrsg.), Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Annäherungen, Frankfurt am Main 2012.
[2] Anregend ist in diesem Zusammenhang das Buch des Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Zürich 2010.
[3] Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973.

Zitation
Felix Krämer: Rezension zu: Krippner, Greta R.: Capitalizing on Crisis. The Political Origins of the Rise of Finance. Cambridge, MA 2011, in: H-Soz-Kult, 27.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19598>.
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27.03.2013
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