S. Tauer: Störfall für die gute Nachbarschaft?

Cover
Titel
Störfall für die gute Nachbarschaft?. Deutsche und Franzosen auf der Suche nach einer gemeinsamen Energiepolitik (1973–1980)


Autor(en)
Tauer, Sandra
Erschienen
Göttingen 2012: V&R unipress
Umfang
375 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Nikolas R. Dörr, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

„Contre le nucléaire, contre le surgénérateur Super Phenix, tous à Malville“ steht auf dem Plakat geschrieben, das auf dem Einband des Buches abgebildet ist. Der im Deutschen Superphönix genannte Schnelle Brüter Creys-Malville im südostfranzösischen Département Isère war während seiner gesamten Bauphase höchst umstritten. Explodierende Baukosten und Umweltbedenken schürten den Protest der Zivilgesellschaft und wirkten über die Landesgrenze hinaus. Das Plakat weist auf die größte Demonstration gegen den Bau des Schnellen Brüters im Juli 1977 hin. Knapp 60.000 Atomkraftgegner – neben Franzosen auch zahlreiche Deutsche und Italiener – marschierten gegen das im Bau befindliche Kernkraftwerk. 5.000 Polizisten der Compagnies Républicaines de Sécurité lösten die Demonstration gewaltsam auf, töteten einen Demonstranten und verletzten mehrere hundert (S. 224f). Auch in der Folgezeit rissen die Proteste nicht ab. Mit dem Raketenangriff durch Atomkraftgegner auf das im Bau befindliche Kernkraftwerk im Januar 1982 erreichte der Widerstand seinen gewaltsamen Höhepunkt.

Relativ wenig ist über die französische Umweltbewegung in Deutschland bekannt. Parteipolitisch konnte sie im Gegensatz zu der erfolgreichen Gründung der Grünen in der Bundesrepublik nie richtig Fuß fassen. Nur wenige Male erreichten Les Verts als größte Partei der französischen Ökologiebewegung mehr als fünf Prozent der Wählerstimmen bei nationalen Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen. Im Untersuchungszeitraum wurden in den Bundesregierungen der Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt zumindest vereinzelt Schlüsselfiguren wie Erhard Eppler zu Mahnern im Umgang mit den natürlichen Ressourcen. In den französischen Regierungen von Jacques Chaban-Delmas, Pierre Messmer, Jacques Chirac und Raymond Barre unter den Staatspräsidenten Georges Pompidou (1969–1974) und Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) blieb Umweltpolitik als Teil einer nachhaltigen Energiepolitik hingegen weitestgehend ein Randthema. Willy Brandt hatte das Ziel der Energiesicherheit bereits in seiner ersten Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 aufgegriffen. Breitenwirkung erreichte es in Westdeutschland nach dem Ausbruch der ersten Ölkrise im Zuge des Jom-Kippur-Krieges ab 1973. Von Energiepolitik als originärem und interdisziplinärem, Aspekte der Umwelt-, Sicherheits-, Wirtschafts-, Rechts-, Innen- und Außenpolitik berührenden, Politikfeld kann man erst seit jener Erfahrung der Begrenztheit der Ressourcen sprechen.

Vor allem in den letzten Jahren hat die Energie- und Umweltpolitik Deutschlands und Frankreichs in vergleichender Perspektive in der Politikwissenschaft verstärkte Aufmerksamkeit erfahren.[1] Die Geschichtswissenschaft hat dieses Themenfeld in der Erforschung der bilateralen Beziehungen zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland bislang jedoch kaum beachtet. An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeit von Sandra Tauer an. Die Autorin liefert mit ihrer an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angefertigten und 2012 erschienenen Dissertation eine neue Perspektive auf die deutsch-französischen Beziehungen in den 1970er-Jahren: Inwieweit haben beide Staaten in der Energie- und Umweltpolitik miteinander kooperiert? Mit welchen nationalstaatlichen, bi- und multilateralen Initiativen reagierten Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland auf die erste Ölkrise? Trug der Ausbau der Atomenergie zu einer engeren Partnerschaft bei oder wurde er gar, wie der Titel des Buches vermuten lässt, zu einem Störfall der nachbarschaftlichen Beziehungen? Welche grenzüberschreitende Zusammenarbeit gab es unterhalb der staatlichen Ebene, wenn es um zivilgesellschaftliche Proteste gegen die Energiepolitik der Regierungen ging?

Zur Beantwortung dieser Fragen verfolgt die Autorin methodisch weitestgehend einen diplomatiegeschichtlichen Ansatz und bleibt bis auf das vierte Kapitel größtenteils auf der Regierungsebene. Dementsprechend wurden vor allem Quellenbestände aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, dem Bundesarchiv, den Archives Nationales und dem Archive du Quai d’Orsay (dem Archiv des französischen Außenministeriums) ausgewertet. Damit wird das Themenfeld Energiepolitik im deutsch-französischen Kontext abseits einiger zeitgenössischer politikwissenschaftlicher Arbeiten erstmals in einer breiten Perspektive geschichtswissenschaftlich untersucht.[2]

Inhaltlich konzentriert sich die Arbeit auf zwei zentrale Energieträger: Atomkraft und Erdöl. Der Bereich der Kohlepolitik wird weitestgehend ausgeblendet, was mit dem stärkeren Zusammenhang von Kohle und Beschäftigungspolitik im nationalen Kontext („Zechensterben“ im Ruhrgebiet und im Saarland, Subventionspolitik) und der stärkeren Rolle der Europäischen Gemeinschaft als Austragungsort politischer Konflikte um die Kohle begründet wird (S. 17f).

Dass die Rolle der Kernkraft für Frankreich und die Bundesrepublik verschiedener Natur war und weitgehend noch ist, wird von Tauer schon zu Beginn des Buches grundsätzlich bestätigt (S. 10f). Als Atomwaffenmacht hatte Frankreich ein anderes Interesse an Kernkraftwerken als Westdeutschland, was sich an der Doppelnutzung der ersten französischen Gas-Graphit-Reaktoren zur Energiegewinnung auf der einen und zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium auf der anderen Seite zeigte. Dementsprechend war die Abstimmung der Energiepolitik zwischen beiden Staaten vor allem in Fragen der Atompolitik konfliktreich, was auch die Proteste gegen das Kernkraftwerk Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze belegen (S. 246–250). In diesem Zusammenhang legt Tauer überzeugend dar, dass spätestens seit den späten 1970er-Jahren den Grenzregionen, zu nennen sind hier insbesondere die Oberrhein- (Baden, Elsass, Schweiz) und Mosel-Region (Lothringen, Saarland, Luxemburg), eine besondere Rolle in der Energiepolitik zukam (S. 245–312).

Anders gestaltete sich der Fall der Ölpolitik beider Staaten. Der Schock der ersten Ölkrise bzw. des „premier choc pétrolier“ führte kurzfristig Mitte bis Ende der 1970er-Jahre zu einer fast panischen Suche nach multilateraler Absicherung, die unter anderem die Entstehung der Internationalen Energieagentur (S. 160–168) und den Vorschlag einer Europäischen Energieagentur (S. 148–154) zur Folge hatte. In dieser Phase kam es zu einer verstärkten Abstimmung zwischen der Bundesrepublik und Frankreich im Hinblick auf das Ziel einer europäischen Erdölpolitik. Tauer zeichnet die entsprechenden Ideen und Initiativen im dritten Kapitel minutiös nach. Dabei werden auch die exogenen Einflüsse von Seiten der USA und der arabischen Staaten beachtet (S. 141–160).

Im letzten inhaltlichen Kapitel geht Tauer auf die grenzüberschreitenden Aktionen der Umweltbewegungen in beiden Staaten ein. Die Bedeutung der nationalstaatlichen und bilateralen Energiepolitiken für die Gründungen der ökologischen Parteien Ende der 1970er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich hätte dabei noch stärker beachtet werden können. Besonders gelungen ist der Autorin der Exkurs über den Stereotyp des naturliebenden Deutschen im letzten Abschnitt, der wiederum mit dem des atomkraftliebenden Franzosen kontrastiert wird (S. 312–333). Hierbei konnte sie sogar noch erste Einflüsse des Atomunfalls im japanischen Fukushima im Jahre 2011 einarbeiten (S. 317f.). Dieser kulturhistorische Abschnitt bereichert die ersten drei politikhistorisch orientierten Kapitel enorm.

Zusammenfassend ist die Pionierleistung der Autorin zu würdigen. Das relativ junge Teilgebiet einer Zeitgeschichte von Energie und Umwelt wird mit der vorliegenden Arbeit über diesen speziellen Aspekt der deutsch-französischen Beziehungen während der 1970er-Jahre erweitert. Das Buch leistet darüber hinaus nicht nur einen Beitrag zur Geschichte der bilateralen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich, sondern legt einen Grundstein für das noch ausstehende Grundlagenwerk zur Zeitgeschichte der europäischen Energie- und Umweltpolitik.

Anmerkungen:
[1] Joachim Grawe / Jean-Paul Picaper (Hrsg.), Streit ums Atom. Deutsche, Franzosen und die Zukunft der Kernenergie, München 2000; Gisela Müller-Brandeck-Bocquet, Die institutionelle Dimension der Umweltpolitik. Eine vergleichende Untersuchung zu Frankreich, Deutschland und der Europäische Union, Baden Baden 1996; Christian Hillengass, Atomkraft und Protest. Die politische Wirkung der Anti-AKW-Bewegung in Deutschland, Frankreich und Schweden, München 2011.
[2] Erwin Häckel / Karl Kaiser / Pierre Lellouche, Nuclear policy in Europe. France, Germany and the international debate, Bonn 1980; Dorothy Nelkin / Michael Pollak, The Atom Besieged. Extraparliamentary Dissent in France and Germany, Cambridge 1981.

Zitation
Nikolas R. Dörr: Rezension zu: Tauer, Sandra: Störfall für die gute Nachbarschaft?. Deutsche und Franzosen auf der Suche nach einer gemeinsamen Energiepolitik (1973–1980). Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 31.01.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19710>.
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Veröffentlicht am
31.01.2013
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