M. Otáhal: Opoziční proudy v české společnosti 1969–1989

Titel
Opoziční proudy v české společnosti 1969–1989 [Oppositionelle Strömungen in der tschechischen Gesellschaft 1969–1989].


Autor(en)
Otáhal, Milan
Umfang
646 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult
Christiane Brenner, Collegium Carolinum, München

Die Deutungshoheit für die „bleierne Zeit“, die auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ folgte, lag in den ersten Jahren nach dem November 1989 bei den einstigen Dissidenten. Schon kurz nach dem Zusammenbruch des „Normalisierungsregimes“ in der Tschechoslowakei legten sie erste Quellensammlungen und Dokumentationen vor zum Reformsozialismus und seiner gewaltsamen Beendigung, zur Durchsetzung der konservativ-kommunistischen Regierung unter Gustáv Husák sowie zur Tätigkeit all derer, die sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden wollten.[1] Milan Otáhal, der zu der Gruppe jener Historiker gehört, die zugleich auch immer Akteure waren, hat den Akzent schon früh anders gesetzt: Sein Buch „Opposition, Macht, Gesellschaft 1969/1989“[2], das 1994 erschien, bildete den ersten Versuch einer Gesamtdarstellung der „Normalisierung“. Hatte Otáhal damals einschränkend vorausgeschickt, dass wichtige Quellen nicht zugänglich waren, fußt sein neues Buch nun auf umfangreiche Archivmaterialien. Zu nennen sind an erster Stelle die Berichte der Staatssicherheit (StB), dazu kommen Regierungsakten und die Aufzeichnungen von Gesprächen mit Zeitzeugen, die am Prager Institut für Zeitgeschichte in den letzten 15 Jahren systematisch geführt und gesammelt wurden.

Im Großen und Ganzen bleibt Otáhal dem Bild treu, das er 1994 entworfen hatte, die breitere Quellenbasis erlaubt ihm aber eine stärkere Differenzierung: Bei allen drei Gruppen, der Opposition, die im Zentrum der Darstellung steht, dem Herrschaftsapparat und der Gesellschaft geht es ihm vor allem darum, innere Heterogenität aufzuzeigen und die Faktoren zu identifizieren, die den Ausschlag dafür gaben, dass sich eine bestimmte Richtung oder Verhaltensweise (zeitweilig) durchsetzte. In der Kommunistischen Partei (KSČ) bestand zumindest in einem Punkt Konsens, nämlich darin, reformsozialistische Strömungen in den eigenen Reihen auf keinen Fall wieder hochkommen zu lassen. Diese rigide Haltung zeigte nicht nur weitreichende Folgen für die Entstehung von Opposition und den Umgang mit dieser, sondern auch für die finale Krise des Regimes. Die Mehrheitsgesellschaft sieht Otáhal vor allem durch Angst in einem „tieferen Sinne“, das heißt einem allgegenwärtigen Bedrohungsgefühl verbunden (S. 115), aber auch durch Resignation und einen (bescheidenen) Hedonismus. Beides zu verstehen, kostete die zunächst von reformsozialistischen Kräften getragene Opposition viel Zeit: Anfangs setzten manche ihrer Vertreter noch auf den Dialog mit den Machthabenden (einzelne von ihnen sogar mit der sowjetischen Regierung!), und alle auf die Idee, die Bevölkerung zu aktivem Protest zu bewegen. Erst als sich diese Hoffnung als Illusion erwiesen hatte, begannen sie neue Strategien zu entwickeln, wobei einerseits der Helsinki-Prozess zur wichtigen Stütze wurde, andererseits die Entscheidung, politische und religiöse Differenzen hintan zu stellen. Dieser Klärungsprozess, der mit vielen Konflikten einherging, mündete in der Gründung der Charta 77.

Als kleinsten gemeinsamen Nenner der „oppositionellen Strömungen“ bezeichnet Otáhal also die ablehnende Haltung gegenüber den herrschenden Verhältnissen und er zeigt aus intimer Kenntnis des tschechischen dissidentischen Milieus, wie brüchig und angreifbar dieser Minimalkonsens war. Eine der Stärken des Buches liegt darin, die unterschiedlichen Motive zu verdeutlichen, aus denen sich Menschen der Charta anschlossen – oder aber ihre Unterschrift verweigerten. Diese individuellen Entscheidungen sagen weniger aus über Nähe und Distanz zum Inhalt dieses Dokuments als über die schwierigen Lebensverhältnisse nach 1968, persönliche Dramen und über Konkurrenzen in der Dissidentenszene.

Was die StB von all dem wusste und wie sie die Wirkung der Charta auf die Bevölkerung einschätzte, kann Otáhal auf der Basis der Akten aus dem Archiv der Sicherheitsorgane rekonstruieren. Er legt dar, dass das Regime einen Lernprozess durchmachte: Aufgrund der raschen „Konsolidierung“ der Verhältnisse zu Beginn der 1970er-Jahre griff es zunächst auf die gewohnte Praxis der Massenmobilisierung gegen die „Feinde“ zurück. Doch gerade nach der Gründung der Charta musste es erfahren, dass der Erfolg solcher Aktionen zweischneidig, wenn nicht sogar kontraproduktiv war, weil das Interesse der Menschen durch die Propaganda erst geweckt wurde. Folglich galt das Bemühen des Staates in den nächsten Jahren vor allem dem Ziel, der Opposition so wenig Öffentlichkeit wie möglich zu geben.

Otáhal argumentiert, dass sich die erste Generation der Opposition, aus der auch die Charta bis 1989 überwiegend bestand, niemals ganz aus der Isolation befreien konnte, in die sie in der Folge dieser Politik geriet. Ab Mitte der 1980er-Jahre kam vieles in Bewegung: Die Auswirkungen der Perestrojka machten vor der Tschechoslowakei nicht halt, was die Erwartungshaltung der Bevölkerung ebenso veränderte wie den Kreis der Themen, die öffentlich diskutiert wurden. Eine junge Generation, der die Vision von 1968 nichts mehr sagte, wurde politisch aktiv und zeigte deutlich, dass sie „ganz woanders war als ihre Väter“ (S. 441). Rollten die einen die offiziellen Strukturen wie den sozialistischen Jugendverband (SSM) von innen auf – was die Frage nahelegt, ob hier die Trias von Macht, Gesellschaft und Opposition noch sinnvoll ist –, standen andere bereit zur offenen Konfrontation mit dem System.

Passagenweise etwas langatmig zeichnet Otáhal die Auseinandersetzungen in Charta-Kreisen nach, die all diese Veränderungen begleiteten und zu inneren Zerwürfnissen und der Entstehung neuer, „politischerer“ Gruppen führten, und kommt zu dem Schluss, dass die Opposition nicht auf den Umbruch vorbereitet und auch nicht in der Lage war, adäquat auf ihn zu reagieren. Anstatt zu einem Sprachrohr der allgemeinen Unzufriedenheit zu werden und aktiv Führung zu übernehmen, sei sie, als die Macht in den Novembertagen auf der Straße lag, gewissermaßen von der Gesellschaft an die Spitze katapultiert worden. Die historische Bedeutung der Opposition veranschlagt Otáhal zwar keineswegs als gering – allein ihre Existenz habe stets bewiesen, dass sich in der Tschechoslowakei nicht alle Menschen mit dem Normalisierungsregime arrangiert hätten –, ihre Politikfähigkeit stuft er aber als schwach ein.

Die „Oppositionellen Strömungen“ wiederholen manches, was (nicht zuletzt dank der Arbeiten von Otáhal) bereits bekannt war. Gerade in ihrer Materialfülle machen sie aber auch die innere Pluralität und zahlreichen Entwicklungsalternativen sichtbar, vor denen die Oppositionsbewegung in der Tschechoslowakei stand und auf die sie auf ihre ganz eigene Art reagiert hat: Als Bewegung, die einer Philosophie des Wandels anhing, die beim Individuum und existenziellen moralischen Fragen ansetzte und den direkten politischen Kampf verweigerte, war die Charta 77 in Ostmitteleuropa einzigartig. Man mag die Diskussion über den „Beitrag der Opposition“ zum Fall des Kommunismus als Nachhall von Auseinandersetzungen innerhalb der Dissidentenszene selbst abtun. Die Nahperspektive auf die Opposition und vor allem auf die Charta, deren Richtungskämpfe minutiös nachvollzogen werden, ist aber ein wichtiges Korrektiv zu der populären, politisierten Deutung von 1989 und seiner Vorgeschichte. Schließlich können sich inzwischen viele Protagonisten von damals sich nicht mehr gegen ihre rückwirkende Vereinnahmung und ein viel zu linear angelegtes Narrativ vom Fall der „Normalisierung“ zur Wehr setzen.

Anmerkungen:
[1] Josef Macek u.a., Sedm prazských dnů: 21.–27. srpen 1968. Dokumentace [Sieben Prager Tage: 21.–27. August 1968], Praha 1990; Vladimír Horský, Die sanfte Revolution in der Tschechoslowakei 1989. Zur Frage der systemimmanenten Instabilität kommunistischen Herrschaft, Köln 1993; Vilém Prečan (Hrsg.), Charta 77, 1977–1989. Od morální k demokratické revoluci. Dokumentace [Die Charta 77, 1977–1989. Von der moralischen zur demokratischen Revolution. Eine Dokumentation], Scheinfeld-Schwarzenberg 1990; Jindřich Pecka, Proměny Prazského jara 1968–1969. Sborník studií a dokumentů o nekapitulantských postojích v československé společnosti [Wandlungen des Prager Frühlings 1968–1989. Sammelband mit Studien und Dokumenten über nichtkapitulantische Positionen in der tschechischen Gesellschaft], Brno 1993.
[2] Milan Otáhal, Opozice, moc, společnost 1969–1989. Příspěvek k dějinám „normalizace“ [Opposition, Macht, Gesellschaft 1969–1989. Ein Beitrag zur Geschichte der „Normalisierung“], Praha 1994.

Zitation
Christiane Brenner: Rezension zu: Otáhal, Milan: Opoziční proudy v české společnosti 1969–1989 [Oppositionelle Strömungen in der tschechischen Gesellschaft 1969–1989]. Praha 2011, in: H-Soz-Kult, 15.01.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20035>.
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15.01.2013
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