A. Rahten: Ivan Šusteršič – Der ungekrönte Herzog von Krain

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Titel
Ivan Šusteršič. Der ungekrönte Herzog von Krain. Die slowenische katholische Bewegung zwischen trialistischem Reformkonzept und jugoslawischer Staatsidee


Autor(en)
Rahten, Andrej
Umfang
438 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Monika Stromberger, Institut für Geschichte, Universität Graz

Die vorliegende Studie ist die politische Biographie eines lange Zeit weitgehend vergessenen, wenn nicht desavouierten slowenischen Politikers, der in der Zeit um 1900 eine zentrale Rolle in der konservativen Slowenischen Volkspartei (Slovenska ljudska stranka) innehatte: Ivan Šusteršič (1863–1925) war einer der prononciertesten Vertreter des nationalen, katholischen, habsburgerloyalen, strikt antiliberalen, antidualistischen Spektrums der südslawischen Parteienlandschaft, und als solcher wird er hier ausführlich präsentiert. Die Herausgeber der Reihe, die Kommission für die Geschichte der Habsburgermonarchie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, verfolgen damit die Intention, die „deutschsprachige Geschichtswissenschaft mit neueren historiographischen Tendenzen im neuen Ostmitteleuropa bekannt zu machen, soweit sie die österreichische Geschichte tangieren“ (S. 9).

Nun, neu ist an dieser Biographie vor allem die ausführliche Darstellung von divergierenden Alternativkonzepten zur historischen Entwicklung – also zum seit 1867 in der Monarchie existierenden Dualismus Österreich-Ungarn bzw. zu der Gründung des jugoslawischen Staates unter der Führung des Königreichs Serbien – und die sehr detaillierte Schilderung der Rolle Šusteršič‘ dabei. Eine erste umfassende Biographie des Politikers von Janko Pleterski erschien aber bereits 1998[1], und Andrej Rahten selbst beschäftigt sich nach eigenen Angaben bereits seit 1994 mit der Thematik. Methodische Innovation ist dabei nicht ersichtlich, der Ansatz ist quellennahe Textinterpretation.

Ivan Šusteršič’ Rolle und die ihn betreffenden politischen Prozesse werden in vier Kapitel aufgearbeitet – angefangen beim Forschungsproblem um seine Person, dem Aufbau der katholischen Bewegung und dem Kulturkampf in Krain („Krainer Kampf“) über Konzepte des Südslawischen Trialismus bis zu den Kriegsjahren und der Be- (und Ver-)urteilung des Politikers durch die Zeitgenossen im neuen jugoslawischen Staat (Königreich SHS). Dabei greift Rahten auf umfangreiches Quellenmaterial in slowenischen Archiven sowie in Wien, Zagreb, Rom und Split zurück, ebenso auf Zeitungsartikel, Privatarchive und zeitgenössische Schriften und Memoiren. Auf diese Weise wird der Rahmen einer Biographie (auf positive Weise) gesprengt, sehr viele Details zu den Diskussionen um staatspolitische Konzepte und Rechtsakte (wie die Wahlrechtsreform) werden geboten. Rahten geht grosso modo chronologisch vor, beginnend bei der Familie von Šusteršič (wohltuend gestrafft) bis zu der Reflexion seiner Position durch Politiker und Historiker in den seinem Tod folgenden Jahrzehnten; sehr hilfreich angesichts so mannigfaltiger Einzelheiten. Allerdings gibt es auch ausführliche Exkurse, die zu Redundanzen führen. Man wird bisweilen den Eindruck nicht los, dass Rahten, der unzweifelhaft ein profunder Kenner der Materie ist, alles einbringen möchte, was er weiß.

Und alles, was er bearbeitet hat – darum findet sich auch eine Vielzahl an langen Originalzitaten oder es werden Dialoge manchmal wörtlich wiedergegeben. Das lockert einerseits auf und vermittelt ein gutes Bild der Kommunikation der zeitgenössischen Akteure, driftet andererseits aber durchaus auch schon mal ab ins Reich des Anekdotischen. Etwa wenn Kaiser Franz Joseph sich „unwillig“ vom Politiker abwendet, seinen „Groll“ aber später wieder vergisst (S. 110 bzw. 166) oder ein Urlaub in Monte Carlo (S. 167) erwähnt wird. Die Zitate verweisen auch auf die Problematik rund um die Beurteilung einer Person: Nicht immer sind die Belegstellen aus Zeitungen oder Memoiren unproblematisch, wobei Rahten sich dessen aber (meist) auch bewusst ist. Der Untertitel des Buches – „Der ungekrönte Herzog von Krain“ – ist übrigens auch ein Zitat eines (gegnerischen) Zeitgenossen.

Rahten integriert in seiner Darstellung Pleterskis Ansatz und vertieft ihn dort, wo es um politische Prozesse geht, insbesondere in Hinblick auf den „erweiterten Trialismus“ – die Vereinigung der slawisch besiedelten Gebiete am Balkan als staatsrechtliche Einheit in der Monarchie mit Zentrum in Agram/Zagreb, ein Konzept, als dessen „geistiger Vater“ Šusteršič gilt (vgl. S. 142). Die lange nach seinem Tod noch umstrittene Person des katholischen Politikers wird dargestellt als taktisch kluger Machtmensch mit wirtschaftlichem Geschick, als Vertreter des bäuerlichen Slowenien, der seine Position auch gegen Widerstand durchsetzt. Zentral sind seine Meriten im Reichsrat, wo er eine Vereinigung mit den kroatischen Abgeordneten erreicht und führend tätig ist bei der Wahlrechtsreform und in der Abwicklung der Annexion Bosnien-Herzegowinas. Vielfach belegt sind Kaisertreue, die Ablehnung des dualistischen Systems, die Unterstützung des Militärs und der Glaube an die Monarchie – selbst noch am Vorabend ihres Untergangs 1918. Im Herzogtum Krain führte er die katholische Nationalpartei (später Volkspartei) an die Spitze des Landes und konnte sogar den Anspruch erheben, die Partei zum Kern einer Vereinigungsbewegung des gesamten slowenischen katholischen Lagers gemacht zu haben. Dann wird er Landeshauptmann – bei gleichzeitiger Ausübung des Reichsratsmandats – und seine zahlreichen (vor allem innerparteilichen) Gegner nehmen dies zum Anlass, den nicht unumstrittenen Parteiführer zu entmachten. Der bedeutende Christlichsoziale Janez Evangelist Krek und Anton Korošec verdrängen Šusteršič erfolgreich aus allen Positionen. Nach dem Ende der Monarchie verlässt er als „Austriakant“ zunächst fluchtartig den neuen Staat, kehrt aber später wieder zurück. Doch seine Demontierung wirkt nachhaltig: Mit einer neu gegründeten Partei scheitert er bei den Wahlen von 1923 und zieht sich in der Folge aus dem politischen Leben zurück.

Spannend skizziert ist, wie erwähnt, der politische Hintergrund, vor dem Ivan Šusteršič agiert. Die Wahrnehmung „der“ Slowenen als ein einheitliches Gebilde wird ebenso dekonstruiert wie die Homogenität „slawischer“ Interessen, die nur in der Propaganda der (nationalen) Gegner existierte. Der Kulturkampf in Slowenien, der dazu führt, dass sich slowenische Liberale im Landtag mit den deutschen Großgrundbesitzern verbünden, verweist darauf, dass das nationale Moment keineswegs der einzige Faktor der politischen Prozesse um 1900 war, sondern nur ein (wenn auch keineswegs unbedeutendes) Element. Selbst innerhalb der katholischen Volkspartei gab es unterschiedliche Strömungen, die durch die (zeitweiligen) Gegenspieler Krek und Šusteršič repräsentiert wurden.

Die Auseinandersetzung mit den slawischen Gruppierungen im Reichsrat ist differenziert dargestellt und zeigt die unterschiedlichen Interessenslagen der nicht-deutschsprachigen Clubs sehr gut auf. Exponiert wird dabei logischerweise die südslawische Problemlage, und die divergierenden Konzepte werden ausführlich erörtert: Erweiterter oder enger Trialismus (also slowenisch-kroatisch-serbische Vereinigung oder nur Vereinigung aller Kroaten), Subdualismus (Vereinigung aller Kroaten unter der Herrschaft Ungarns), unabhängige nationale Einheiten und schließlich die Vereinigung mit Serbien. Šusteršič vertritt hier eine klare Position – erweiterter Trialismus nur innerhalb der Habsburgermonarchie – und wird an ihr noch festhalten, als das Ende der Monarchie besiegelt und das Bündnis der Kroaten mit den Slowenen schon beinahe aufgelöst ist. Der Versuch, eine Donaukonföderation (aus den Nachfolgestaaten der Monarchie) anzudenken, erfolgt zu spät und wird nicht mehr ernst genommen.

Am Ende arrangiert sich auch Šusteršič mit den neuen Bedingungen, doch sein Ruf als „Austriakant“ wird zuletzt nur noch überboten durch die „Denunzierung“ als „serbischer Knecht“ (S. 396). In der Publizistik wird er im besten Fall abgedrängt hinter die alles überstrahlende Person Kreks: „Im slowenischen historischen Bewusstsein ist Ivan Šusteršič heute vergessen“ (S. 394) – was insofern nicht ganz stimmt, als der Politiker 2011 in die Liste der berühmtesten slowenischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden ist, wie Rahten selbst anmerkt (vgl. S. 22).

Insgesamt bietet das Buch neben der biographischen Darstellung einer zentralen Persönlichkeit der slowenischen Nationalbewegung einen vertiefenden Zugang zu der politischen Gemengelage der späten Habsburgermonarchie mit Schwerpunkt auf der südslawischen Frage. Es ist nicht geeignet für einen raschen Überblick über die Problemlage, dazu ist es zu detailreich und streckenweise auch zu abschweifend. Allerdings ist dies auch nicht die Aufgabe einer Biographie. Rahtens größtes Verdienst liegt zweifellos in der Analyse der Alternativkonzepte zur historischen Entwicklung und der Rolle eines Proponenten dieser Alternativen. Es hätte auch anders ausgehen können: Daran zu erinnern ist nie verkehrt, um deterministische Kurzschlüsse zu vermeiden.

Anmerkung:
[1] Janko Pleterski, Dr. Ivan Šušteršič 1863–1925. Pot prvaka slovenskega političnega katolicizma. Znanstvenoraziskovalni center SAZU, Založba ZRC, Ljubljana 1998; rezensiert von Andrej Rahten in: Časopis za zgodovina in narodopisje, 69/34. Jg. (1998) Nr. 2, 361–366.

Zitation
Monika Stromberger: Rezension zu: Rahten, Andrej: Ivan Šusteršič. Der ungekrönte Herzog von Krain. Die slowenische katholische Bewegung zwischen trialistischem Reformkonzept und jugoslawischer Staatsidee. Wien 2012, in: H-Soz-Kult, 04.10.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20269>.
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04.10.2013
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