E. Michels: Guillaume, der Spion

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Titel
Guillaume, der Spion. Eine deutsch-deutsche Karriere


Autor(en)
Michels, Eckard
Erschienen
Umfang
414 S., 32 schw.-w. Abb.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Edgar Wolfrum, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

Im Jahr 1956 inszenierte die Stasi die „Flucht“ des Ehepaars Guillaume aus der DDR nach Frankfurt am Main. Das Ziel: Die SPD ausspionieren. Günter Guillaume machte Karriere als Parteifunktionär und fand sich nach dem Wahlsieg Brandts 1969 unverhofft im Kanzleramt wieder. 1972 stieg er zu Brandts Parteireferenten auf. Nach der Enttarnung als „Kanzleramtsspion“ durch den Verfassungsschutz wurde er 1974 mit seiner Frau verhaftet, der Kanzler trat von seinem Amt zurück, die Ära Brandt war unrühmlich zu Ende gegangen.

Dass ein Staatsmann vom Format Brandts über eine mediokre Person wie Guillaume stürzt, ist halb tragisch, halb banal. Lohnt sich eine Lebensbeschreibung von Guillaume überhaupt? Michels jedenfalls recherchiert sie gründlich, doch ganz sicher scheint er sich auch nicht zu sein, denn die Geschichte einer „deutsch-deutschen Karriere“, so der Untertitel seines Buchs, wird ausführlich eingebettet in die Arbeit des DDR-Sicherheitsdienstes gegen die Bundesrepublik, die westdeutsche Spionageabwehr und die Betreuung ehemaliger „Kundschafter“ in der DDR. Überdies: Dreh- und Angelpunkt ist die Kanzlerschaft Brandts und hier besonders die Frage, ob Brandt zurücktreten musste. In diesen ausführlichen Passagen spielt Guillaume gar keine Rolle mehr, beleuchtet werden Brandts Depressionen und innenpolitischen Probleme, die ihm seit Längerem großes Missbehagen bereiteten. Willy Brandt hielt nicht viel von Guillaume, wusste aber ein halbes Jahr lang, dass er im Verdacht stand, Spion der DDR zu sein. Dieser wiederum hatte seine Identität als SED-Mitglied längst verdrängt – zugunsten einer bedingungslosen Loyalität und Fürsorglichkeit gegenüber Brandt. Peinliche Briefe an den Kanzler zeugen davon.

Michels will sein Buch eingereiht sehen in die angelsächsische „intelligence history“, welche in Deutschland auf einem Abstellgleis sei. Er kann auf exklusiven Quellenzugang verweisen: Als erster konnte er die bislang noch nicht an das Bundesarchiv abgegebenen Verschlussakten des Bundeskanzleramts zum Thema einsehen. So soll eine exemplarische Studie von DDR-Spionage und westdeutscher Abwehr herauskommen, zudem eine „deutsch-deutsche Migrations- und Mentalitätsgeschichte en miniature“ (S. 15f.). Das alles wirkt in der Summe überfrachtet, denn wie gesagt, sicher, ob sich eine Lebensbeschreibung Guillaumes lohnt, ist sich der Autor nicht. Umso frappierender erscheint, dass im Fazit auch die „Geheimdienst-Geschichte“ nicht die versprochenen Ergebnisse liefert. Denn es kommt heraus: Die vermeintlichen Erfolge östlicher Nachrichtendienste waren (nur) ein Phänomen der öffentlichen Wahrnehmung. Die individuelle Freiheit in der Bundesrepublik, die soziale Mobilität, vor allem der höhere Lebensstandard bewirkten, dass die Gefahr der „ideologischen Aufweichung“ der östlichen Agenten durch die Konfrontation mit dem angenehmeren Leben im Westen groß war. Mehr noch: Viele Informationen, die im Ostblock als geheim galten, waren im Westen frei zugänglich. „In Übertragung der eigenen politischen Prämissen auf den Westen glaubte man in Ost-Berlin, jenseits der öffentlich vorhandenen Politik in der Bundesrepublik stets nach einer geheimen Agenda suchen zu müssen.“ (S. 350) Im Klartext: Die meisten Agenten waren überflüssig; es handelte sich um pure Ressourcenverschwendung.

Was heißt das für Guillaume? Bei seiner Verhaftung stand für die bundesdeutsche Öffentlichkeit fest, dass es sich um einen Spion von erstklassiger Qualität gehandelt habe. Der Wahrheit entsprach dies nicht. Guillaume präsentierte sich nach seiner Rückkehr in die DDR zwar als Meisterspion, doch es war eine einzige Inszenierung, die hier ablief. „Mein Buch hat jedoch gezeigt“, so Michels, „dass Guillaumes Bedeutung als Kanzleramtsspion relativiert werden muss und zwar nicht nur wegen seiner inneren Wandlung seit 1956 und seines ‚Eigensinns‘, sondern auch wegen seiner Position im Palais Schaumburg und der Arbeitsweise dort“ (S. 354). Der DDR-Spion verfügte über keinen Zugriff auf Unterlagen zu den Kabinettssitzungen, über keine Informationen zu den großen oder kleinen „Lagebesprechungen“, er befand sich eigentlich auf einem Abstellgleis, in der Isolation. Der Rücktritt Brandts war unnötig, der Geheimnisverrat marginal, ebenso der Erkenntnisgewinn für die DDR.

Außer Spesen nichts gewesen? Ist dies die Erkenntnis des Buches?

Dies zu behaupten, wäre ungerecht. Wir erfahren viel über die Anwerbemethoden des MfS in den 1950er-Jahren, über den Weg Guillaumes vom DDR-Spion zum Bundesbürger und über seine Doppelexistenz, vulgo Schizophrenie. Als Guillaume im Machtzentrum der Bundesrepublik angekommen war und unter dem charismatischen Kanzler Willy Brandt für gutes Geld arbeitete, „gewann der Sozialdemokrat in Guillaume endgültig die Oberhand über den HVA-Agenten“ (S. 128). Er bildete eine zweite Loyalität aus, die vielleicht stärker war als die erste; so jedenfalls spekuliert Michels. Berichtet wird über Guillaumes Einschmeichelungen, seine Liebedienereien; er war ein treuer Diener, was bei Brandt Abneigung und Verachtung hervorrief. Seine Herumwieselei und sein unterwürfiges Gehabe gingen dem Kanzler auf die Nerven; mit Guillaume könne man kein intelligentes Gespräch führen, klagte er das eine um das andere Mal. Er wollte ihn loswerden. Guillaume jedoch sah im 13 Jahre älteren Brandt eine „Art Ersatzvater“ (S. 151). Ein Zufall führte den Verfassungsschutz auf Guillaumes Spur (es ging um seinen ungewöhnlichen französischen Namen). Was Michels über das Durcheinander und die Unfähigkeit des deutschen Verfassungsschutzes schreibt, lässt einen schaudern. Fatale Entscheidungen wurden getroffen, sowohl beim Verfassungsschutz als auch im Kanzleramt. Als Willy Brandt am 30. Juli 1973 erholt und gebräunt aus Norwegen ins Kanzleramt zurückkehrte, beschwerte er sich einmal mehr über seinen Referenten, den er vier Wochen lang in seiner unmittelbaren Umgebung hatte ertragen müssen. Nun jagte eine „Gefährdungsanalyse“ die nächste, und das Unglück für Brandt nahm seinen Lauf. Die Verhaftung erfolgte am 24. April 1974, Guillaume rief: „Ich bin Hauptmann der NVA!“

Brandt befand sich währenddessen auf dem Rückflug aus Kairo und hatte eine fünftägige Reise nach Algerien und Ägypten hinter sich; der Friedensnobelpreisträger war nach dem Jom-Kippur-Krieg als Vermittler umworben. Der Bundesregierung entglitt die Affäre schnell. Der Sensationsjournalismus und eine Opposition, die den Kanzler stürzen wollte, zogen am gleichen Strang, und 59 Prozent der Westdeutschen sprachen sich nach den Enthüllungen über Guillaume dafür aus, die Verträge mit der DDR zu überprüfen. Brandt war aber nicht wegen Guillaume, sondern wegen anderer innenpolitischer Probleme zermürbt. Nichts ging mehr voran, und Herbert Wehner tat ein Übriges, indem er von den angeblich amourösen Eskapaden des Kanzlers sprach, von den „Damenbekanntschaften“ und meinte: damit sei Brandt erpressbar. Walter Scheel versuchte, Brandt vom Rücktritt abzubringen, und dieser fragte sich später: „Musste ich zurücktreten?“ Seine Antwort lautete: Nein. Übrigens waren die deutsch-deutschen Verstimmungen von nur kurzer Dauer, Erich Honecker und Helmut Schmidt fanden bald zu einer auskömmlichen Arbeitsbeziehung. Die DDR-Sprachregelung zu dem Fall hieß: Innere Angelegenheit der BRD. Honecker konnte Brandt nicht leiden; die Sache mit Brandt sei schon in Ordnung gewesen, sagte er später. In Bonn schlugen die Wellen höher: Untersuchungsausschuss, Eschenburg-Kommission, aber das Ergebnis war eindeutig: Die Guillaume-Affäre sei auf ein Missmanagement der zweiten und dritten Ebene der administrativen Hierarchie zurückzuführen und könne nicht dem Bundeskanzler angelastet werden.

Im Grunde sind dies die spannendsten Passagen des Buches, weil es eine solch dichte Beschreibung des Ablaufes bisher nicht gab. Sie kommt fast ohne Guillaume aus. In den Schlusskapiteln erscheint dieser wieder: Es geht um seine Verurteilung und die „Freikämpfung“, um Haftalltag und das Bemühen Ost-Berlins, Einfluss zu nehmen, um den Prozess und das Urteil 1975: 13 Jahre Gefängnis für Guillaume, acht für seine Frau. 1981 war man war in Bonn bereit, über den Austausch von Christel Guillaume mit der DDR zu verhandeln, sie wurde am 19. März 1981 ausgetauscht, nachdem sie Bundespräsident Carstens am Tag zuvor begnadigt hatte. Günter Guillaume folgte später, es war eine diskrete Rückkehr in die DDR. Der Lohn des Einsatzes für sein „Vaterland“: ein Häuschen. Die Ehe jedoch war am Ende. Guillaume versuchte ein Prominentenleben, war aber enttäuscht, dass er keine verantwortungsvolle Position in der DDR erhielt. Die Ausreise des Sohnes der Guillaumes im Februar 1988 in die Bundesrepublik stellte die „größte moralische Niederlage des MfS in der gesamten Guillaume-Affäre dar“ (S. 328).

Günter Guillaume starb 1995, Christel Guillaume meinte, ihr Leben sei „verpfuscht“ (S. 345), sie starb 2004 in Berlin. Was bleibt? Erstens: Eine sehr geringe Bedeutung Guillaumes als Spion. Diese lag, wie Markus Wolf in seinen Memoiren schrieb, darin, dass er eine Art Feuermelder in der Bonner Regierungszentrale darstellte, sollte es zu einer ernsthaften Verschärfung der Ost-West-Beziehungen oder zu innenpolitischen Spannungen in der Bundesrepublik kommen. Zweitens: Ein katastrophales Krisenmanagement in der Bundesrepublik. Über die Ratschläge von Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau schrieb Brandt später: „Ich Rindvieh hätte mich auf diesen Rat eines anderen Rindviehs nie einlassen dürfen.“ (S. 168) Michels Buch wird man im Hinblick auf diese Verwicklungen mit Gewinn lesen. Die Lebensgeschichte Guillaumes an sich ist die eines kleinbürgerlichen Spießers.

Zitation
Edgar Wolfrum: Rezension zu: Michels, Eckard: Guillaume, der Spion. Eine deutsch-deutsche Karriere. Berlin 2013, in: H-Soz-Kult, 11.07.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20422>.
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11.07.2013
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