R. Flower: Emperors and Bishops in Late Roman Invective

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Titel
Emperors and Bishops in Late Roman Invective.


Autor(en)
Flower, Richard
Erschienen
Umfang
XVI, 294 S.
Preis
£60.00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Richard Flower hat der Druckfassung seiner Dissertation einen auf den ersten Blick unverbindlich erscheinenden Titel gegeben, der nicht sofort erkennen lässt, worum im Einzelnen es in dieser Studie geht. Erst aus der Einleitung wird klar, dass ganz konkret die Invektiven der drei Bischöfe Athanasius von Alexandria, Hilarius von Poitiers und Lucifer von Cagliari gegen Kaiser Constantius II. (337–361 n.Chr.) untersucht werden, für die dessen vermeintliche Neigung zum Arianismus Anlass war. An einschlägigen Schriften der drei Bischöfe stellt Flower heraus, wie von katholischer Seite invektiv argumentiert wird, um gegenüber dem Kaiser die nizänische Orthodoxie als die dogmatisch einzig verbindliche Richtung des Christentums erscheinen zu lassen. Gegenstand dieser Studie ist nicht die historische Analyse bestimmter Ereignisse und ihre Auswertung für kirchenpolitische oder gar theologische Fragen, sondern die Darlegung spezieller Diskurse und deren Einsatz im Interesse des „richtig“ aufgefassten nizänischen Glaubens mit der Absicht gleichzeitiger Marginalisierung der von dieser Seite als „arianisch“ ausgegebenen Richtung.

Flower zielt damit auf die Darstellung bestimmter literarischer Strategien der Bischöfe Athanasius, Hilarius und Lucifer, mit denen diese ihren Anspruch und ihre Haltung in einer Zeit zu untermauern und mit Autorität auszustatten suchten, da das Christentum noch nicht in jeder Hinsicht auf eine allein verbindliche christologische Linie festgelegt zu sein schien, unterschiedliche Richtungen daher miteinander zu konkurrieren vermochten. Um sich in diesem Meinungsstreit oder vielmehr Machtkampf angesichts der ihnen gegenüber ausgesprochenen Verbannungsurteile zu positionieren, griffen die drei Bischöfe auf das traditionelle rhetorische Potential zurück, über das sie als gebildete Römer verfügten:[1] Sie stellten es in den Dienst der christlichen Auseinandersetzung, ohne davor zurückzuschrecken, in ihren Invektiven einen lebenden Kaiser anzugreifen, und stilisierten sich so „as brave opponents of tyranny and fearless possessors of parrhesia“ (S. 25). Dabei bezogen sie ihre exempla primär aus der Heiligen Schrift, weniger aus der klassischen Tradition, und fußten zugleich auch auf bestimmten christlichen Vorbildern aus der apologetischen Literatur der Verfolgungszeit und kurz nach deren Ende.

In der Einführung entfaltet Flower seine Fragestellung und Zielsetzung und positioniert sich gleichzeitig zu der einschlägigen Literatur. Anregungen zur Einschätzung der Situation des Christentums im 4. Jahrhundert zwischen Orthodoxie und Häresie gehen bis auf Walter Bauer[2] zurück und sind namentlich durch Arbeiten von Averil Cameron[3] sowie speziell von Mark Humphries[4] beeinflusst, um nur einige Forscher zu nennen. Insgesamt fügt sich Flowers Studie in das Bild der Spätantike als Transformationszeit, das Peter Brown entworfen hat[5], und in die Vorstellung zur Rolle der Bischöfe dieser Zeit ein, wie sie von Claudia Rapp entfaltet wurde.[6]

Das erste Kapitel, überschrieben mit: „Praise and blame in the Roman world“, klärt die Voraussetzungen für das Verständnis der gegen Constantius II. gerichteten bischöflichen Invektiven und deren Zusammenhang mit der Konstruktion eines bestimmten Bildes dieses Kaisers und eines wohlerwogenen Selbstbildes der Urheber dieser Schriften, das sich an die Märtyrer der Verfolgungszeit anlehnt. Das Ganze wird in die Theorie und Praxis der Rhetorik von Panegyrik und Invektive eingebettet, auf dieser Grundlage wird sodann deren christlich gewendete Bedeutung im zeremoniellen und ideologischen Kontext der Spätantike beleuchtet: als Urteile über den Kaiser vor dem Hintergrund der Tradition und jetzt zugleich auch des Christentums, dessen Integration Veränderungen in dem vom Kaiser erzeugten Bild zur Folge hatte, wie beispielsweise die Wahl der exempla zeigt.

Nach diesen Präliminarien verbindet Flower im zweiten Kapitel über das Thema „Constructing a Christian tyrant“ die Inhalte des ersten Abschnitts mit den Invektiven gegen Constantius II. Er stellt die Verfasser dieser in den späten 350er-Jahren einsetzenden Invektiven vor und hält es für möglich, dass diese Traktate für „a united campaign“ (S. 123) stehen, auch wenn „these works were not the product of a closely co-ordinated programme“ (S. 124). Alle drei Bischöfe beurteilten den Kaiser mehr nach christlichen als nach „klassischen“ Werten und initiierten auf diese Weise mittels veränderter Kriterien für virtutes und vitia „new models for the ideal emperor and the paradigmatic tyrant that suited their fluctuating political and ecclesiastical fortunes“ (S. 81). Passend dazu spielten nun exempla aus dem Alten und dem Neuen Testament und aus der Verfolgungszeit eine herausragende Rolle.

Im dritten Kapitel: „Writing auto-hagiography“ behandelt Flower eine weitere wichtige Seite dieser Invektiven gegen Kaiser Constantius II.: die durch sie evozierten Selbstbilder der drei Bischöfe. Indem sie die Maßnahmen des Kaisers als Verfolgung ausgaben, stilisierten sie sich selbst zu Opfern staatlicher Willkür: „Readers were therefore invited to view these authors not as representatives of an embattled theological faction, but as new martyrs for a new persecution“ (S. 128). Diese Art von Märtyrer-Image, so entwickelt es Flower, schien für die nizäatreuen Aktivisten der Invektive in dieser Zeit als alternative Option zur Askese in Frage zu kommen, die als Möglichkeit der Bewährung in der Nachfolge der Märtyrer nach dem Ende der Christenverfolgungen zur Diskussion stand. Um diesen Eindruck zu forcieren, nutzten die drei Bischöfe das hergebrachte römische Ideal der Gegnerschaft zum Tyrannenregime, wandelten es christlich um und passten es zeit- und situationsbezogen an. Dadurch kam eine dramatisierende und angesichts des Märtyrerkults zugleich propagandistisch wirksame Gleichsetzung mit kaiserlichen Verfolgungsmaßnahmen gegenüber Märtyrern der Zeit vor der Konstantinischen Wende zustande, die für die Haltung der drei Bischöfe als aktive Bekenner des allein als wahr anerkannten Glaubens und daraus folgende martyriumsgleiche Leiden als Exulanten sowohl Respekt erzeugen als auch Constantius ins Unrecht setzen sollte. Den Zusammenhang mit der römischen Tradition legt Flower dabei sukzessive ebenso überzeugend dar wie deren Transformation durch Rekurs auf die Bibel und die Verfolgungszeit.

Der Rückgriff auf die Bibel weniger im Hinblick auf Verfolgungsmaßnahmen als vielmehr in wesentlich erweitertem Sinne hinsichtlich der Brandmarkung von Häresie und der Herausstellung des wahren Glaubens steht im Mittelpunkt des vierten Kapitels: „Living up to the past“. So kann Flower aufzeigen, wie Athanasius, Hilarius und Lucifer unter Heranziehung der – für ihr Verständnis vom wahren Christentum in Anspruch genommenen – Tradition Argumentationsstrategien aufbauen, um den Kampf zwischen Orthodoxie und arianischer Häresie aus der für die Christen bedeutsamen Vergangenheit herzuleiten und mit der Autorität der Heiligen Schrift als Waffe die richtige und die falsche Glaubensrichtung, Freunde und Feinde des Glaubens herauszustellen: „the past and present were brought together into a continuous Christian narrative and […] these authors sought to create and define relationships between their own writings and the sacred text of Scripture“ (S. 183). Damit reklamierten sie die Deutungshoheit der Bibel für sich: „These authors not only made their texts biblical, but also made the Bible Nicene“ (S. 219).

In einem „Epilogue“ reflektiert Flower abschließend und zusammenfassend die rhetorischen Techniken der drei Bischöfe und deren Auswirkungen: Ihre Leistung bestand unter Rückgriff auf römische und nicht zuletzt christliche Tradition vor allem in der Anpassung vorhandener rhetorischer und literarischer Techniken an die Bedürfnisse neuer christlicher Diskursvarianten. Dabei hatte der Frontalangriff auf den lebenden Kaiser auf die Dauer keinen Bestand, sondern wurde nach dem Ende der konstantinischen Dynastie bei christologischen Differenzen durch einen flexibleren Umgang mit dem Herrscher abgelöst, dessen Irreführung durch Häretiker in den Mittelpunkt rückte. Im Anhang seiner Studie lässt Flower einige kommentierte Quellenauszüge folgen. Das Literaturverzeichnis berücksichtigt auch die wichtigste deutschsprachige Forschung.

Flower entfaltet seinen Gedankengang sachlogisch vom einen zum anderen Kapitel, bis die Konturen eines Gesamtbildes vervollständigt sind, in das er die Invektiven einordnen kann. Die angewandte Verfahrensweise, strikt auf der Ebene der Diskurse zu bleiben, ohne Schlussfolgerungen zu ziehen, die die Aussagen dieser Diskurse historisch bewerten, schafft Voraussetzungen, die gewissermaßen auf dem Wege der Werkimmanenz genaues Verständnis für die Vorgehensweise der Bischöfe bei ihren Invektiven fördern. Dies ist zunächst eine eher philologische Leistung, aber doch eine solche, die sich der besonderen Verantwortung bewusst ist, die mit historischer Wertung verknüpft ist. Das Motiv hierfür könnte in der Schwierigkeit begründet liegen, angesichts einseitiger Überlieferung und der Neigung, ex eventu zu urteilen, dem „verkannten Kaiser“[7] Constantius II. wirklich gerecht zu werden, auch wenn das in der Vergangenheit trotz dieser Probleme des Öfteren erprobt worden ist.[8] Mit Flowers Studie aber liegt nun ein Hilfsmittel vor, mit dem durch Darlegung der von den drei Bischöfen Athanasius, Hilarius und Lucifer angewandten rhetorischen Techniken das Verständnis für die Art und Weise der Behandlung einer als häretisch angesehenen Glaubensrichtung sowie für die Selbstrepräsentation dieses kirchlichen Führungspersonals geweckt werden soll. Es bleibt abzuwarten, ob auf dieser Grundlage neue historische Urteile über die Bischöfe und vor allem den betroffenen Kaiser gefördert werden.

Anmerkungen:
[1] Über diesen – von Flower vorausgesetzten, nicht eigens behandelten – Aspekt vgl. des Näheren Peter Gemeinhardt, Das lateinische Christentum und die antike pagane Bildung, Tübingen 2007.
[2] Vgl. Walter Bauer, Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten Christentum, 2. Aufl., Tübingen 1964.
[3] Vgl. zum Beispiel Averil Cameron, Christianity and the Rhetoric of Empire, Berkeley 1991.
[4] Vgl. etwa Mark Humphries, Savage Humour. Christian anti-panegyric in Hilary of Poitiers’ ‚Against Constantius‘, in: Mary Whitby (Hrsg.), The Propaganda of Power. The Role of Panegyric in Late Antiquity, Leiden 1998, S. 201–223.
[5] Vgl. beispielsweise Peter Brown, Power and Persuasion in Late Antiquity, Madison 1992; ders., Authority and the Sacred. Aspects of Christianisation of the Roman World, Cambridge 1995.
[6] Vgl. Claudia Rapp, Holy Bishops in Late Antiquity. The Nature of Christian Leadership in an Age of Transition, Berkeley 2005.
[7] Pedro Barceló, Constantius II. und seine Zeit, Stuttgart 2004, S. 11.
[8] Vgl. beispielsweise Richard Klein, Constantius II. und die christliche Kirche, Darmstadt 1977; Klaus M. Girardet, Kaiser Konstantius II. als „episcopus episcoporum“ und das Herrscherbild des kirchlichen Widerstandes (Ossius von Corduba und Lucifer von Calaris), in: Historia 26 (1977), S. 95–128; jüngst Steffen Diefenbach, Constantius II. und die „Reichskirche“. Ein Beitrag zum Verhältnis von kaiserlicher Kirchenpolitik und politischer Integration im 4. Jh., in: Millennium 9 (2012), S. 59–121.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Flower, Richard: Emperors and Bishops in Late Roman Invective. Cambridge 2013, in: H-Soz-Kult, 23.09.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20611>.
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23.09.2013
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