B. Steger u.a. (Hrsg.): Manga Girl seeks Herbivore Boy

Titel
Manga Girl Seeks Herbivore Boy. Studying Japanese Gender at Cambridge


Hrsg. v.
Steger, Brigitte; Angelika Koch
Erschienen
Münster u.a. 2013: LIT Verlag
Umfang
240 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Nadine Heymann, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Gras essende junge Männer, Vaterfiguren, halbnackte Frauen mit übersinnlichen Kräften und Trans-Identitäten in Japan sind die Themen, die Brigitte Steger und Angelika Koch als Herausgeberinnen in diesem Sammelband zusammenbringen. Er enthält vier Texte von Nachwuchswissenschaftler/innen rund um die Japanese Studies der Universität Cambridge und ist damit vor allem in der Japanologie verankert. In dieser Disziplin waren Forschungen zu Alter, Geschlecht oder Klasse lange ausgeblendet und der „white-collar salaryman“ stand als alleiniges Sinnbild für die japanische Gesellschaft. Erst nach der Jahrtausendwende griffen einige Publikationen innerhalb der Japanologie Geschlecht als zentrale Kategorie auf, die soziale Ordnung strukturiert. So kommen die vier Autor/innen in ihren Texten immer wieder auf zentrale Forschungen der letzten zehn Jahre in der Japanologie zurück, in denen Geschlecht zum Forschungsgegenstand gemacht wird. Ein wichtiger Bezugspunkt sind zum Beispiel die Texte von Mark McLelland, der sich mit LGBTQ-Bewegungen in Japan auseinander setzt.[1] Gemeinsam ist allen vier Texten auch, dass die Autor/innen alle sozialwissenschaftlich und empirisch arbeiten. Sie beschreiben differenziert und detailliert, übersetzen aus dem Japanischen und arbeiten mit vielen Beispielen. Dies ist vor allem für Leser/innen gewinnbringend, denen ansonsten aufgrund der Sprachbarriere japanischsprachige Texte verschlossen sind.

Der Sammelband soll dazu beitragen, verschiedene geschlechtliche Identitäten innerhalb der japanischen Gesellschaft sichtbar zu machen und dabei eine Brücke zwischen Japanologie und Gender Studies zu schlagen. An welcher Stelle diese Brücke gebaut werden soll, bleibt allerdings unklar. So gibt es zwar mehrere Verweise auf Judith Butlers Konzept der Performativität, doch die Kontextualisierung in die empirischen Analysen greift zu kurz. Doch vielleicht streben die Autor/innen gar nicht den Brückenschlag in die angloamerikanische Geschlechterforschung an, sondern vielmehr zu bereits vorhandenen Ansätzen innerhalb Japans. Der Blick und der Bezug der Japanologie auf Japan wird zwar kaum kontextualisiert und reflektiert, doch sehe ich eine der großen Stärken des Bandes darin, dass es gelingt feministische Geschlechterforschungen aus Japan einem größeren Publikum zugänglich zu machen. So ist es zum Beispiel interessant zu erfahren, dass die gelebten Realitäten von Frauen erst in den 1990er-Jahren zum Gegenstand der japanischen Geschlechterforschung wurden.

Die Beiträge lassen sich grob in zwei Schwerpunkte einteilen, denn sie gehen einerseits der Stabilität traditioneller Geschlechterbilder und andererseits deren Verweigerung und Veränderung nach. Die Stabilität von Geschlechternormen zeigt sich vor allem in der Darstellung von Frauen in sogenannten Boys’ Manga, die Hattie Jones untersucht, oder auch in den Vaterfiguren, die in japanischen Schulbüchern repräsentiert und im Text von Zoya Street analysiert werden. Von besonderem Interesse – auch für die hiesige Geschlechterforschung – sind die beiden Texte, die sich mit der Destabilisierung oder Abweichung von Geschlechternormen befassen.

Der titelgebende Text „Herbivore Boys and the Performance of Masculinity“ von Chris Deacon beschäftigt sich mit dem Phänomen des soshokukei (wörtlich: Gras-Esser), das in den letzten Jahren zu einem medialen Schlagwort geworden ist. Der Begriff bezeichnet junge Männer, die den hegemonialen Vorstellungen von Männlichkeit nicht gerecht werden, weil sie beispielsweise weniger arbeiten, später oder gar nicht heiraten wollen und sich für Mode und Schönheitshandeln interessieren. In verschiedenen Umfragen verorteten sich 50 bis 70 Prozent der Befragten als soshokukei, als junge Männer, die sehr auf ihre äußere Erscheinung bedacht sind und ihr Glück nicht in früher Heirat und lebenslanger Festanstellung bei einem Unternehmen suchen.

Deacon fragt nun danach, ob der Diskurs um und die Praxis der soshokukei geeignet ist, Geschlechternormen zu irritieren und zu unterwandern. Dazu hat er 35 Interviews mit jungen Männern geführt, die sich größtenteils als soshokukei verorten und bezieht sich darüber hinaus auf Forschungen über hegemoniale Maskulinität in Japan. Er kommt zu dem Schluss, dass soshokukei stark von traditionellen Karriere- und Beziehungsvorstellungen in Japan abweichen, da Männlichkeit hier weniger an Arbeit und Heirat gebunden ist. Dies führt Deacon zu dem Schluss, dass soshokukei subversiv sind und hegemoniale Maskulinität in eine Krise versetzen. Während die Ausführungen zu Vorstellungen von Männlichkeit in Japan sehr informativ, ausführlich und rückgebunden an die japanische Geschlechterforschung sind, bleibt die Schlussfolgerung etwas idealistisch und romantisierend. Es wäre spannend gewesen, noch mehr über den gesellschaftlichen Wandel in Japan zu erfahren und auch der Frage nachzugehen, ob dadurch tatsächlich subversive Männlichkeiten hervorgebracht werden.

Der zweite Text, der sich mit der Destabilisierung von Geschlechternormen befasst, bietet einen guten Überblick über die gegenwärtigen Rechte von transgeschlechtlichen Personen und die Trans-Community in Japan. Nicola McDermott geht hier der Frage nach, wie Staat und medizinisches Establishment versuchen, eine homogene Trans-Identität zu formen. Die Vorstellung von Trans-Personen als ausschließlich transsexuell wird den gelebten Realitäten vieler Trans-Personen in Japan nicht gerecht. Und selbst der Begriff „Trans“ ist verkürzend, denn in Japan gibt es für Trans-Identitäten ganz eigene Begriffe, wie beispielsweise „okama“ (hyper-feminine Person) oder „nyuhafu“ (Mischung aus Mann und Frau), die darüber hinausgehen. Daher kritisiert McDermott vor allem die Dominanz angloamerikanischer Forschung und Gesetzgebung, die sich auf die Wahrnehmung von „Trans“ in Japan überträgt. Mit der aus dem Angloamerikanischen adaptierten Gesetzgebung zu „gender identity disorder“ würden zwar Rechte für eine Personenstandsänderung und eine Geschlechtsumwandlung eingerichtet, doch ist die neue Gesetzgebung pathologisierend und wird den meisten Trans-Personen nicht gerecht. Die rechtliche Situation in Japan ist in Bezug auf reproduktive Rechte, Heirat, Geschlechtsänderung oder Gleichstellung für Trans-Personen unzureichend und führt in der Regel dazu, dass diese sich weiterhin in einem binären Geschlechtermodell bewegen müssen. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich die Trans-Community gut vernetzt und hat es geschafft ihre Anliegen auch politisch zu vertreten.

So wurde zum Beispiel eine Trans-Person mit großer Mehrheit bis hinein ins Stadtparlament gewählt. An solchen Beispielen zeigt McDermott – nicht ohne dies kritisch zu hinterfragen –, dass es in Japan, im Vergleich zu den USA, deutlich weniger Intoleranz und Gewalt gegenüber LGBTQ-Personen gibt. Hegemoniale Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit bleiben zwar intakt und auch in der Gesetzgebung werden Trans-Identitäten in ihrer Vielfalt nicht anerkannt, doch die Medienberichterstattung und die gesellschaftliche Haltung gegenüber Trans-Personen sind meist wohlwollend. Dieser Einblick gehört zu den interessantesten Befunden des Sammelbandes, denn er zeigt, wie eng der Blick der etablierten englisch- und deutschsprachigen Geschlechterforschung sein kann. Solche transnationalen Forschungen können daher ein Impuls sein, auch über die eigenen Kategorien und Begriffe noch einmal gründlich nachzudenken.

Es braucht jedoch weniger ein Verständnis der Debatten in den Gender Studies, als vielmehr Kenntnisse und Interesse an japanischer Popkultur, um diesen Sammelband mit Gewinn zu lesen. So werden zum Beispiel Begriffe wie „kawaii“ (süß) oder „dōjinshi“ (fanart) nicht erklärt, sondern als bekannt vorausgesetzt. Die Stärke des Sammelbands liegt vor allem darin, dass eine Bandbreite an geschlechtlichen Identitäten im Japan der Gegenwart aufgezeigt wird. Dabei sind die geschlechtlichen Realitäten eingebettet in ein Spannungsfeld aus Stabilität und Veränderung. Es wird an mehreren Stellen des Bands deutlich, wie sehr die Veränderung von Geschlechterbildern mit der Wirtschaftskrise in Japan in den 1990er-Jahren zusammenhängt. Die Lektüre des Bandes weckt vor allem Neugier auf dieses Feld und vermag neue Fragen aufzuwerfen.

Anmerkung:
[1] Vgl. Mark McLelland, Male Homosexuality in Modern Japan: Cultural Myths and Social Practices. London 2000; ders., Queer Japan from the Pacific War to the Internet Age, Maryland 2005.

Zitation
Nadine Heymann: Rezension zu: Steger, Brigitte; Angelika Koch (Hrsg.): Manga Girl Seeks Herbivore Boy. Studying Japanese Gender at Cambridge. Münster u.a. 2013, in: H-Soz-Kult, 02.07.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20613>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2013
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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