M. Winiarczyk: The ‚Sacred History‘ of Euhemerus of Messene

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Titel
The ‚Sacred History‘ of Euhemerus of Messene.


Autor(en)
Winiarczyk, Marek
Erschienen
Berlin 2013: de Gruyter
Umfang
XVII, 276 S.
Preis
€ 109,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Jan Dreßler, Excellence Cluster Topoi, Berlin

Der polnische Altphilologe Marek Winiarczyk ist ohne Zweifel einer der besten zeitgenössischen Kenner des antiken utopischen Denkens. Dies beweist einmal mehr die soeben bei de Gruyter erschienene Monographie, die die Ergebnisse seiner langjährigen Beschäftigung mit dem Werk des Euhemeros von Messene vereint. Unter dessen Namen kannte die Antike einen utopischen Reiseroman, von dem jedoch nur einige Fragmente, das längste bei Diodor, erhalten sind.[1] Ennius hat das Werk in freier Übersetzung ins Lateinische übertragen, doch sind auch von diesem Text nur einige Fragmente erhalten (vgl. S. 109–122). Der Inhalt der Erzählung ist jedoch in grober Zügen rekonstruierbar: Euhemeros berichtete von einer Reise zu einer Inselgruppe im Indischen Ozean am Rande der (damals bekannten) Welt, wo er nicht nur auf eine ‚utopische‘ Gesellschaftsordnung gestoßen sei, sondern auch Einblick in die Entstehung der olympischen Religion erhalten habe. Euhemeros’ Glaubwürdigkeit war schon in der Antike umstritten und Diodor einer der wenigen, die den Bericht für vertrauenswürdig hielten (vgl. S. 8f.).

Während auf der Insel Hiera eine Monarchie herrscht, leben die Bewohner der Hauptinsel Panchaia in einer Art kommunistischer Hierokratie (anders als manche Forscher geht Winiarczyk davon aus, dass Euhemeros in seinem Bericht zwei verschiedene Gesellschaftsformen beschrieben hat, S. 79–81). Gegliedert ist die Gesellschaft auf Panchaia in drei Stände – Priester, Bauern und Soldaten –, wobei die Priester die Leitung des Gemeinwesens innehaben. Außer einem Haus und einem Garten gibt es keinen Privatbesitz; die Priester sind auch für die Distribution der produzierten Güter zuständig (S. 71–86). Ungewöhnlich ist auch der Kult, dem sie vorstehen: In dessen Zentrum steht die Kunde, dass Zeus ursprünglich unter den Menschen geweilt, die Welt bereist und an verschiedenen Orten seinen eigenen Kult etabliert habe, bevor er schließlich auf Kreta gestorben sei. Als Beweis für diese ‚Religionsentstehungslehre‘ verweisen die Priester auf Stelen, die Zeus persönlich in ihrem Heiligtum aufgestellt und auf denen er seine Taten aufgezeichnet habe (S. 87–97).

Winiarczyk konzentriert sich in seiner Untersuchung auf diesen ‚theologischen‘ Teil von Euhemeros’ Text. Die Beschreibung von Natur und Gesellschaft auf der Insel gilt ihm als bloße Rahmenerzählung für den Bericht über die Genese der Götter und des Götterglaubens (vgl. S. 20 u. 78).[2] Auch das Fehlen von Privateigentum sei keineswegs als Element einer Idealgesellschaft zu verstehen, sondern unterstreiche vielmehr den archaischen Charakter der panchaiischen Gesellschaft und damit die Glaubwürdigkeit der alten religiösen Überlieferung (vgl. S. 77f. u. 83–85). Zwar ist es durchaus bedenkenswert, dass die Schilderung einer ursprünglichen Gütergemeinschaft, wie wir sie bei Euhemeros finden, nicht notwendig auf ihren utopischen Aspekt zu reduzieren ist. Dennoch kann es seinen Lesern kaum entgangen sein, dass solche Vorstellungen in der antiken Überlieferung zumeist deutlich positiv utopisch konnotiert und regelmäßig mit der Idee eines ‚Goldenen Zeitalters‘ verbunden waren.[3]

In der Antike wurde Euhemeros durchaus auch wegen seiner Schilderung der geographischen und sozialen Verhältnisse auf Panchaia gelesen.[4] Dass es sich hierbei nur um schmückendes Beiwerk einer Theorie über die Entstehung des Götterglaubens handelt, ist meines Erachtens keineswegs so sicher anzunehmen, wie Winiarczyk dies tut. Wie man auch seinem 2011 erschienenen Buch über „Die hellenistischen Utopien“ entnehmen kann, hatte der Text einen festen Platz in der antiken Tradition utopischer Gesellschafsbeschreibungen[5], die insbesondere durch die Erweiterung des geographischen Horizonts infolge der Alexander-Feldzüge neues Material und Leben gewann. Winiarczyk weiß das natürlich; dennoch kommen die utopischen Züge des Euhemeros-Textes in der Monographie etwas zu kurz: Die Einflüsse der utopischen Tradition auf Euhemeros werden so nur auf S. 81–86 behandelt, während der theologischen Tradition über 40 Seiten gewidmet sind.

Nach Winiarczyk ging es Euhemeros in erster Linie darum, die Entstehung des Götterglaubens zu erklären – und dies vor allem vor dem Hintergrund der Diskussionen um den Herrscherkult im Frühhellenismus. Ob er diesen nur analysieren oder vielmehr durch sein Werk befördern wollte, sei dagegen nicht zu entscheiden (S. 99–108). Wie Winiarczyk zeigt, war das gedankliche Material zu Euhemeros’ Theorie keineswegs neu: Wer besondere Wohltaten für die Gemeinschaft vollbracht hatte, konnte schon seit Längerem wie ein Gott verehrt werden. Insofern basierte die Ideologie des hellenistischen Herrscherkultes (auf den Winiarczyk sein Hauptaugenmerk richtet) also zum Teil auf Vorstellungen, die sich bis zu Homer zurückverfolgen lassen. Daneben kannte Euhemeros sicher auch die verschiedenen Ansätze zu einer rationalisierenden Mytheninterpretation und die Religionsentstehungstheorien, die in der Zeit der Sophistik aufkamen. Winiarczyk stellt jedoch hier wie auch in anderen Fragen zu Recht fest, dass konkrete Einflüsse, nicht zuletzt aufgrund der Überlieferungssituation, kaum zu belegen sind. Vielmehr rekonstruiert er eine antike Motivtradition, auf die Euhemeros – unabhängig von einzelnen Texten und Autoren – zurückgreifen konnte (S. 27–69). Die weitere Rezeptionsgeschichte von Euhemeros’ Lehre über die olympischen Götter wird in einem eigenen Kapitel bis zu den christlichen und jüdischen Autoren der Spätantike verfolgt (S. 123–159).

Wie die meisten von Winiarczyks Arbeiten ist auch die vorliegende Darstellung vor allem eine beeindruckende Syntheseleistung, die die Ergebnisse der Euhemeros-Forschung (nicht zuletzt seiner eigenen) umfassend auswertet und handbuchartig zur Darstellung bringt. Winiarczyk neigt nie zu vorschnellen Urteilen, kann eine Frage auch einmal offenlassen und stellt Forschungspositionen, die seinen eigenen widersprechen, ausgewogen dar. Allein der Reichtum an behandelten Quellen und Forschungsliteratur sowie die umfangreiche Bibliographie (S. 183–245), drei Anhänge (S. 167–181) und ausführliche Indizes (S. 247–276) machen das Buch zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel für jeden, der sich mit Euhemeros beschäftigen möchte.

Nicht verschwiegen werden soll aber, dass der Leser dazu auch zu Winiarczyks im Jahr 2002 (in der gleichen Reihe) erschienenen Euhemeros-Monographie greifen kann. Bei der ‚Neuerscheinung‘ handelt es sich offenbar im Wesentlichen um eine Neuübersetzung des polnischen Manuskripts ins Englische, das 2002 die Grundlage für das deutsche Buch gewesen war.[6] Nicht nur die Kapitelstruktur, sondern auch der Text selbst sind nahezu identisch. Winiarczyk hat lediglich einige neue Literatur berücksichtigt (die aber am Gesamtbild wenig ändert) sowie einige hinzugekommene Absätze aus dem Euhemeros-Kapitel seiner 2011 erschienenen Monographie über „Die hellenistischen Utopien“ übernommen. Auch dieses Kapitel war in wesentlichen Teilen bereits eine textlich gekürzte ‚Zweitverwertung‘ der Monographie von 2002. Am wissenschaftlichen Wert der Bücher ändert das jedoch nichts. Vielleicht kann man es so sagen: Die wichtigen Ergebnisse von Winiarczyks Forschungen zu Euhemeros, mit denen das deutsche Publikum bereits vertraut ist, werden mit der Neuveröffentlichung nun auch der englischsprachigen Forschungsgemeinschaft zugänglich gemacht.

Anmerkungen:
[1] Zur Überlieferungssituation vgl. S. 13f. Vgl. auch Marek Winiarczyk (Hrsg.), Euhemeri Messinii reliquiae, Stuttgart 1991, S. 20–49.
[2] Vgl. S. 20: „The utopian themes […] are of secondary importance, while the description of Panchaea provides merely a background setting for the presentation of the origins of religion.“
[3] Vgl. die Zusammenstellung entsprechender Zeugnisse in: Marek Winiarczyk, Die hellenistischen Utopien, Berlin 2011, S. 250–252.
[4] Vgl. Winiarczyk, reliquiae, S. 20–32.
[5] Vgl. Winiarczyk, Utopien, zu Euhemeros: S. 117–180.
[6] Marek Winiarczyk, Euhemeros von Messene. Leben, Werk und Nachwirkung, Leipzig 2002. Vgl. dazu die Rezension von Charlotte Schubert in: H-Soz-u-Kult, 26.08.2002 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/AG-2002-028> (08.07.2013). Nach Winiarczyk ist das englische Buch „an extended version of my monograph, which was originally published in German“ (S. VIII). Aus der Verlagsankündigung geht dies jedoch nicht hervor (<http://www.degruyter.com/view/product/184974?rskey=5mO6go&result=1&q=1&q=>; 25.06.2013).

Zitation
Jan Dreßler: Rezension zu: Winiarczyk, Marek: The ‚Sacred History‘ of Euhemerus of Messene. Berlin 2013, in: H-Soz-Kult, 29.07.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20768>.
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29.07.2013
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