N. Colin u.a. (Hrsg.): Deutsch-französische Kulturbeziehungen

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Titel
Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen nach 1945.


Hrsg. v.
Colin, Nicole; Defrance, Corine; Pfeil, Ulrich; Umlauf, Joachim
Erschienen
Umfang
512 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Sebastian Liebold, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz

Nicht jeder verbindet mit dem Begriff „Karambolage“ eine Fernsehsendung bei ARTE, deren 311. Folge am 6. Oktober 2013 zu sehen war. Das Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen spricht von einer „unterhaltsamen Ethnologie des Alltagslebens in Frankreich und Deutschland“ (S. 308) und ergänzt die Herkunft des Wortes aus der Sprache der Billardspieler – inzwischen werde der Terminus „eher“ bei Verkehrsunfällen benutzt. Bei allen Chancen der Verständigung, die aus dem bewusst herbeigeführten Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen im TV-Format erwachsen, zeigt dieser Lexikoneintrag wesentliche Problemfelder des zugrunde liegenden bilateralen Verhältnisses mit Ironie: 50 Jahre nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrages scheint das Tandem tatsächlich auf eine unübersichtliche Kreuzung geraten zu sein – immer weniger Menschen sprechen die Sprache des Nachbarn, die Dynamik des Jugendaustauschs ist ebenso verschwunden wie der politische Wille, bestimmte gesellschaftliche Bereiche gemeinsam zu organisieren (im Zweifel wird auf Europa verwiesen).

Das Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen entstand in enger deutsch-französischer Kooperation mit (knapper) finanzieller Hilfe des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg und des Auswärtigen Amts, 162 Wissenschaftler haben Beiträge geliefert. Vor dem eigentlichen lexikalischen Teil findet der Leser sieben programmatische Texte, die aus unterschiedlichen Perspektiven darlegen, wie Kulturbeziehungen am besten zu erforschen seien. Hervorzuheben ist an dieser Stelle der Beitrag von Nicole Colin und Joachim Umlauf mit ihren Überlegungen zu einem erweiterten Mittlerbegriff, der wohl die Grundlage für die Aufnahme bestimmter Artikel in das Lexikon darstellt: Neben Institutionen, Personen und Ereignissen aus den Bereichen Literatur, Kunst und Musik (also der „Hochkultur“) treten demnach Akteure und Fakten in den Medien, in Sport und Technik (also der „Massenkultur“) und der Wissenschaft. Anders als in der Einleitung, wo von einem „enggestrickten Netz zivilgesellschaftlicher Interaktionen“ die Rede ist, das noch dazu ein „Alleinstellungsmerkmal in den internationalen Beziehungen“ markiere, gehen Colin und Umlauf in der Folge aber nicht auf Erfolgsgeschichten der Soziokultur ein, sondern zitieren unter anderem Pierre Nora („man hat sich auseinandergelebt“, S. 78) und geben kritischen Stimmen besonderen Raum.

Es ist Anspruch – und eine Stärke – des Lexikons, neben den Erfolgen auch „Schattenseiten und Hindernisse“ (S. 19) zu beleuchten, die einer dauerhaften Tiefe der äußerlich eng wirkenden Beziehungen teils im Wege stehen. Wichtig für die unterschätzte Erfahrung praktizierter Kooperation seit etwa 60 Jahren sind die beiden Texte von Corine Defrance und von Joachim Schild, die sich mit den Kulturbeziehungen nach 1945 bzw. nach 1989 befassen: Defrance weist unter anderem auf die Kritik vieler zivilgesellschaftlicher Vereinigungen an der offiziellen Kulturpolitik (vor allem Frankreichs) hin, wodurch die zunächst auf „Kulturexport“ (S. 51) ausgerichtete Regierungslinie in Richtung „interkultureller Kommunikation“ veränderte wurde. Sie schreibt daher den „konzeptuellen Neubeginn“ der Kulturbeziehungen nach 1945 einer Initiative der Bürger zu, die sich die Politik anschließend zu eigen machte – mit anderen Worten: Wenn die Bevölkerung eine Stärkung der Beziehung unter anderem durch Städtepartnerschaften, Austauschreisen und private Projekte vorantreibt, muss die Regierung mitziehen. Es heißt aber umgekehrt wohl auch: Ohne das Engagement der Bürger nützt die schönste „von oben“ institutionalisierte Beziehung wenig.

Jener Eindruck verstärkt sich bei der Lektüre von Schilds Thesen, die für die Zeit nach 1989 eine neue Fremdheit konstatieren (obgleich ständig weitere Kulturkooperationen gegründet werden) – wohl deshalb, weil viele Menschen die Freundschaft als gegeben betrachten und keinen Grund sehen, weiter darin zu „investieren“. Zudem sind die politischen Prioritäten Deutschlands und Frankreichs seit 1990 sehr verschieden (in der EU steht Deutschland für „Austerität“, Frankreich für „Geld ausgeben“, nach außen versucht sich Deutschland als Mittler in Osteuropa, Frankreich als Hegemon über das Mittelmeer und Nordafrika). Schild macht sich für das deutsche Regierungshandeln während der „Eurokrise“ den Begriff des „Diktats“ (S. 88) mit der Begründung zu eigen, dass sich Angela Merkel innerhalb der Europäischen Union mit Kernanliegen bundesrepublikanischen Wirtschaftsverständnisses (vor allem im Ablehnen von Eurobonds) gegen „erhebliche“ Widerstände durchgesetzt habe – was aufhorchen lässt. Es bleibt der Eindruck, ein Land mit guten Ideen und ökonomischer Prosperität sei „unsolidarisch“ (ebd.). Der Rezensent erinnert hier an vielfältige und beharrliche Initiativen Deutschlands, die EU handlungsfähiger zu gestalten – dabei kam erheblicher Widerstand zumeist aus Frankreich. Berlin informiert Paris vor Richtungsänderungen – Paris zog (beispielsweise) aus der Deutsch-Französischen Brigade, dem militärischen „Vorzeigeprojekt“ beider Länder, jüngst Truppen ab, ohne den Bundesverteidigungsminister zu konsultieren. Schild bezieht seine politischen Einschätzungen nicht zurück auf das Thema des Lexikons: Ob sich das Erstarken bilateraler Kontroversen im Wandel der Kulturbeziehungen spiegelt, bleibt offen. Damit endet der Aufsatzteil.

Der handwerklich hervorragend gemachte Lexikonteil ist gut erschließbar: Themen, Ereignisse, Personen und Institutionen können leicht nachgeschlagen werden. Die einheitliche alphabetische Ordnung unterstreicht dabei die Absicht des Werkes – alle Konzepte und Akteure dienen Austausch, Verständigung und gemeinsamer Bildung, sie bereichern das kulturelle Leben beider Völker. Entgegen der politischen These „Berlin ist nicht Weimar“ versammelt das Stichwortverzeichnis eine Reihe von Akteuren, die in der Weimarer Zeit aktiv waren bzw. den größten Einfluss genossen. Im Fall von Ernst Robert Curtius (S. 159), der nach dem Zweiten Weltkrieg als Romanist zunächst so anerkannt wie später umstritten war, geben veraltete Literaturhinweise dem Rezensenten Anlass zur Kritik. Wichtig sind Beiträge dieser Art für Fragen kritischer Kontinuität – Curtius hat bereits 1932 mit „Deutscher Geist in Gefahr“ (im Lexikon unerwähnt) vor den Folgen nationalsozialistischer Ideen gewarnt. Edmond Vermeil (S. 449) hat noch 1950 Gründe für jene scheinbar besorgniserregende Entwicklung gesucht: „La haine à l’égard des occupants n’a fait que grandir […]“ Was im Beitrag als „Skepsis“ (S. 450) erscheint, war realiter Ausdruck des erwähnten Willens der Vierten Republik, durch „Kulturexport“ Demokratie nach Deutschland zu bringen. So erkennt der Leser: Die Kulturbeziehungen haben sich seither stark verändert.

Institutionelle Beispiele der verzweigten Kulturbeziehungen – in der Öffentlichkeit oft im Schatten hinter Personen – stellt das Lexikon prägnant vor; einbezogen wird auch der (kleinere oder größere) Wirkungskreis etwa des Frankreich-Programms der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), der Association pour le développement de l’enseignement de l’allemand en France, der Deutsch-Französischen Gesellschaft für Wissenschaft und Technologie, des Deutsch-Französischen Kulturrats oder des Deutsch-Französischen Historikerkomitees. Am Beispiel der Historikerkontroverse zwischen François Furet und Ernst Nolte (S. 285) – acht Briefe zu Grundfragen ideologischer Scheidelinien von 1996/1997 – lässt sich indes veranschaulichen: Die Lebenswirklichkeit spielt sich zuweilen außerhalb der Institutionen ab. Welche Pfade diese Organisationen eingeschlagen haben, wird dem Leser klar – wo daraus Monotonie wird, nur selten.

Indes gibt es Hoffnung, nachdem Kritik an den Kulturbeziehungen und Kritik an der Kritik ihren Platz hatten: Bei aller Gleichgültigkeit vieler Bürger beider Staaten funktionieren eingespielte Partnerschaften gut (die lebendigen Städtepartnerschaften sind auf S. 417 – gemessen an ihrer breiten Wirkung – eher kurz vorgestellt), sie finden immer wieder neue Formen der Begegnung. Neue „Dachverbände“ schaffen effektive Möglichkeiten der Vernetzung, wie sie die Gegenwart liebt – dafür steht etwa die Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa (S. 446). Ein gemeinsames deutsch-französisches Schulbuch von 2006 fand durchaus bemerkenswerte Verbreitung, ist durch Lehrplanänderungen aber inzwischen nur mehr schwer zu gebrauchen. Das Buch ist fraglos von Belang; feindliche Worte in den Schulbüchern vor und nach dem Ersten Weltkrieg mahnen nicht nur die Pädagogen zu steter Pflege des bilateralen und europäisch eingebetteten Verhältnisses. Eine Freundschaft, so eng wie zwischen Frankreich und Deutschland, sollte das Schulgeschichtsbuch nicht zum Altpapier legen, sondern beständig an dessen Aktualität arbeiten. Das Lexikon der Kulturbeziehungen bietet dem Leser insgesamt ein Dokument von Langlebigkeit – sie machte Mühe, sie bleibt es wert.

Zitation
Sebastian Liebold: Rezension zu: Colin, Nicole; Defrance, Corine; Pfeil, Ulrich; Umlauf, Joachim (Hrsg.): Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen nach 1945. Tübingen 2013, in: H-Soz-Kult, 12.12.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20841>.
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12.12.2013
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